19. November

26. November 2009 |

12.30. Sonne. Oben im bekifften Bus. Auf dem Weg zu Lew Tolstoi und seiner durchgeknallten Gattin Sofia ins Kino. Sind dem Storch und den Moms eigentlich nicht so unähnlich, die beiden, dysfunktional war diese Ehe nun auch. Nur dass der KriegundFriedensFürst in der wahren Wirklichkeit doch ein deutlicher alptraumhaftigerer Ehegatte war, als Jay Parini das in seinem Roman ausgepinselt hat, den Michael Hofman jetzt verfilmt hat. Angeblich die beste Literaturverfilmung des Jahres, was immer das wieder heißen mag. Der Spaß wird das nicht werden. Der ist unverfilmbar.
Molly gesteht weiter. Dass die Medusa eigentlich Lucille Duquette hieß, was fast so schlimm ist wie Jacqueline Schwotzow aus Marzahn. Dass sie entstellt ist, weil ihre später zerhäkselte Mutter mit einem Säurekolben nach ihrem Chemikergatten warf, aber leider ihre Tochter im allerschönsten Gesicht traf, woraufhin sich Mum den Kopf abhäkseln ließ.
Absatz. Pause. Fußnote. Und wieder werden wir zum Sprung dreihundert Seiten weiter nach hinten gezwungen. Soll das eigentlich lustig sein? Fußnote 332 ist die Fortsetzung von Fußnote 324 und wird nun der Welt bekannt geben, was der augenscheinlich unwillentlich unter Drogen gesetzte John Wayne von sich gegeben hat. D. h. erstmal geschieht nichts. Es wird herum schwadroniert. Dann werden die Beleidigungen vorgelesen. Pemulis kann sich als entlarvt betrachten. Wird zermanscht vom Scherbengericht. Und fliegt, was er nicht ganz begreift.
Wir hüpfen wieder zurück, fragen uns, was aus den eben noch sehr dringlichen Rollifahrer eigentlich geworden ist. Außer Atem kommen wir wieder an auf Seite 1142. Und DFW hat das Tempo rausgenommen. Hal ist unterwegs zu seinem ersten AA/NA-Treffen. Er fährt und fährt. Er hört Radio, was ein alter Trick ist, ein paar Informationen einzuschleusen. Er fährt und fährt. Und räsonniert über die ethymologische Geschichte des Wortes anonym. Und fährt und fährt. Und nennt sich Mike. Und fährt und fährt. Und kommt an und guckt sich um. Die langsamste Ortsbeschreibung im ganzen Spaß. Beschreibung von „optischer Fahrstuhlmusik“, ein Begriff, den man sich unbedingt merken sollte. Hal schleicht sich ins Treffen und findet sich unter lauter aus dem Ruder gelaufenen Mittelschichtsmännern wieder, die Bären umarmen und mit ihrem Inneren Säugling debattieren. Allein das muss einen dazu bringen, den Drogen fürderhin abzuschwören. „Ich fühle die Verlassenheit und den Liebesverlust meines inneren Säuglings.“ Mein Gott. Diese Szene lässt DFW geradezu genüsslich weiter eskalieren. Wobei sich der dicke, große äußere Säugling als Bruder von Orins ehemaligem Doppelpartner Marlon Bain entpuppt. Was es auch nicht interessanter macht. Hal schweift ab. Wir schweifen mit. Hal flaniert im Geist über die Via Appia (womit wir nach 1158 Seiten zum ersten Mal irgendwo außerhalb des nordamerikanischen Kontinents wären. Die Amerikazentriertheit kann einem schon gewaltig auf den Wecker gehen. Ist bei Haslett allerdings noch schlümmer). Hal ist wieder zurück. Und sieht einen dicken Ex-Säugling, der auf Knien über den Teppich krabbelt, behindert, Spuren in Teppich schleifend, kopfwackelnd, mit unbeschreiblichem Gesicht herumstarrend.
Wahrscheinlich fährt und fährt er jetzt zurück. Mein Bus fährt und fährt jetzt auch weiter. Ohne mich. Tolstoi’s calling.

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Über das Buch

1996 erschien »Infinite Jest« in den USA und machte David Foster Wallace über Nacht zum Superstar der Literaturszene. Vor einem Jahr nahm sich David Foster Wallace das Leben. Sechs Jahre lang hat Ulrich Blumenbach an der Übersetzung von Wallaces Opus magnum gearbeitet, dem größten Übersetzungsprojekt in der Geschichte des Verlags Kiepenheuer & Witsch.
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