In meinem ersten Beitrag „Chaos und Kosmos“ habe ich die Behauptung aufgestellt, man könne anhand von Gegensatzpaaren Unendlichkeiten beschreiben. Ich wollte Joelle van Dyne als das Zentrum des Romans verstehen. Nicht allein, weil sie die Hauptrolle in dem Film spielt, der dem Roman seinen Titel gibt, sondern vor allem weil sich am Thema Schönheit, an der Gegensätzlichkeit von Schönheit und Entstellung, der Begriff der Unendlichkeit fassen lässt. Dieser Begriff scheint mir für das Verständnis des Romans von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit.

Beim Stand meiner Lektüre, Seite 1100, gibt es neben einer Handvoll Anspielungen auf Joelle, lediglich drei größere Textstellen, in denen sie eine Rolle spielt. Die Party der Freundin Molly Notkin, auf der sie Crack raucht und eine Apnoe erleidet (S. 316 – 344), das Gespräch mit Gately im Ennet House (S. 766 – 776) und schließlich ihr Bericht über das Verhältnis zu Orin und seiner Familie (S. 1056 – 1073). Ich möchte lediglich das Gespräch zwischen Joelle und Gately näher anschauen. Das sieht vom Umfang her kaum aus wie das Zentrum eines 1500-Seiten Romans. Die beiden sitzen am frühen Morgen im Erdgeschoss der Entzugsanstalt und schauen aus dem Fenster. Gately fragt Joelle wie es unter ihrem Schleier aussieht. Er will sich ein Bild von ihr machen.

Um zu verstehen, was es heißt, sich ein Bild zu machen, untersuche ich einige Zeilen aus der „Penthesilea“ von Heinrich von Kleist. Die Figur der Penthesilea steht historisch betrachtet an einer Zäsur. Als Vertreterin eines primitiven Volkes, ja als seine höchste Repräsentantin, ist ihr die individuelle Partnerwahl nicht erlaubt. Eine Amazone muss einem Mann im Kampf begegnen. Geht sie als Siegerin aus der Konfrontation hervor, kann sie mit dem Besiegten nach Belieben verfahren. Was die Amazonen von den Besiegten wollen, ist eindeutig: sie wollen mit ihnen schlafen. Sie wollen lieben und geliebt werden. Aber Liebe ist nur unter dem Patronat der Gewalt denkbar. Die Gegner auf dem Schlachtfeld verstehen nicht, dass diese Frauen Gewalt anwenden, weil sie das Gegenteil wollen. Individualisierung – durch persönliche Interessen oder die selbständige Wahl eines Liebespartners – ist den Amazonen aus historischen Gründen nicht erlaubt. Penthesileas Mutter hatte ihr auf dem Totenbett jedoch prophezeit, dass sie sich in Achill verlieben werde. Mit der Liebe, und mit der Sehnsucht nach einem bestimmten Liebesobjekt – also nicht mehr einem Mann, den der Zufall ihr im Kampf zuführt – beginnt Penthesilea ihre Individualisierung. Schlafen kann man zur Not noch mit jedem, aber lieben kann man nicht jeden. Um dem überlieferten Selbstbild Genüge zu tun, muss sie den Held der Griechen, als sie vor den Toren Trojas aufeinandertreffen, im Kampf unterwerfen. Als Individuum aber ist sie ihren eigenen Empfindungen unterworfen. Es kommt im Verlauf der Tragödie zu einer Konfrontation verschiedener Ebenen der Persönlichkeit Penthesileas. In der 15. Szene, da sie, einem Irrtum unterliegend, sich als Siegerin des Zweikampfes wähnt, will Achill wissen, wer sie ist und was, sollte seine Seele ihn fragen, er ihr sagen könne. Darauf antwortet Penthesilea:

„Wenn sie dich fragt, so nenne diese Züge
Das sei der Nam‘ in welchem du mich denkst.-
Zwar diesen goldnen Ring hier schenk‘ ich dir,
Mit jedem Merkmal das dich sicher stellt;
Und zeigst du ihn, so weist man dich zu mir.
Jedoch ein Ring vermiß’t sich, Namen schwinden;
Wenn dir der Nam entschwänd, der Ring sich misste:
Fänd’st du mein Bild in dir wohl wieder aus?
Kannst du’s wohl mit geschloßnen Augen denken?“

Erst als Achill ihr das Bild zurückspiegelt, das sie von sich selbst hat, erst als er ihr dies Selbst bestätigt, nennt sie ihm ihren Namen. Der Name ist ihr ebenso unwichtig wie ihre Funktion als Königin. Sie fragt nach ihren Zügen, nach ihrer Eigenheit. Achill soll Penthesileas „Züge nennen“ und ihr Bild, ihr Gesicht, ihr Auftreten, ihr Sprechen, ihre Individualität – das was sie von den anderen Amazonen unterscheidet – ; dies sei „der Nam‘ in welchem du mich denkst“. Am Ende der Tragödie steht Penthesilea fassungslos vor der verstümmelten Leiche des Achill. Sie fordert Rechenschaft und will wissen, wer für diese unfassbare Tat verantwortlich ist. Der letzte, der 24. Auftritt, ist das Beste, was ich aus der deutschen Dramatik kenne. Penthesilea blickt, heißt es in den letzten Zeilen des vorhergehenden Auftritts „in das Unendliche hinaus“. Sie, die die Handlung immer weiter getrieben hat und die, von ihrer Begierde getrieben, kaum einen Moment der Ruhe erlebte, steht da, handlungsunfähig, ja geradezu gelähmt. Sie weiß nicht, dass sie selbst es war, die Achill zerfleischt hat, weil ihr dieses Selbst im Konflikt divergierender Ebenen ihrer Persönlichkeit abhanden gekommen ist. Diese konfligierenden Seiten sind Freiheit und Zwang, Selbstbestimmung und Unterwerfung, Matriarchat und Patriachat und vor allem Selbstbild und Fremdbild. Das Bild, das sie von sich hat, lässt sich nicht als ein einheitliches verstehen und erkennen. Die Einheitlichkeit muss Penthesilea erst wiederherstellen. Diese Wiederherstellung ist zu verstehen als ein Zurückgewinnen ihrer Handlungsfähigkeit. In vollkommener Übereinstimmung von Rede und Handlung, von Wort und Tat erschafft sie ihr Selbst, und zwar als ein einheitliches, indem sie sich, oder besser gesagt indem sie dieses Selbst vernichtet. Sie stellt das Bild von sich wieder her, indem sie sich tötet.

Der Schleier ist heute, soweit ich weiß, ausnahmslos in arabischen Gesellschaften akzeptiert und teilweise auch gefordert. Er ist ein Attribut der Frau. Das Weibliche ist das Verschleierte. Durch den Schleier soll der Blick unterbunden werden. Aber die verschleierte Frau sieht die Blicke der anderen ja dennoch. Sie kann sogar unbeobachtet zurückschauen. Und der Mann schaut ja trotz des Schleiers hin, er ist womöglich umso neugieriger. Verschleierung soll, so die gängige Interpretation, das Begehren des Mannes im Zaum halten. Es gibt allerdings auch eine Verschleierung, die gerade in westlichen Gesellschaften besonders stark ausgeprägt ist, die Kleidung. Kleidung dient kaum noch ihrer ursprünglichen Funktion, dann bräuchten wir nicht fünf Mäntel und zehn Paar Schuhe. Die Kleidung ist ein Spiel mit der Nacktheit. Auch hier geschieht die (Ver-) Kleidung vor allem auf dem Körper der Frau. Frauen müssen jederzeit sexy, erotisch und begehrenswert sein. Der weibliche Körper wird in taillierte Kleider gezwängt, Frauen stöckeln mit hohen Absätzen und Hotpants durch die Gegend und zeigen in manchmal geradezu grotesken Dekolletés ihre Brüste in der Öffentlichkeit herum. Auf ihren Körpern findet ein Spiel statt, das zwischen Enthüllung und Verbergen changiert, zwischen Verheimlichen und Veröffentlichen. Dieses Spiel ist ein Spiel mit dem Blick des anderen. Das Gesicht ist der Ort, an dem dieser Blick aufgenommen, erwidert oder abgewiesen wird. Wenn Blicke nicht zugelassen werden, dann wird das Begehren nicht zuglassen. Das Begehren zu sehen und zu erkennen. Zu sehen, wie der andere aussieht und zu erkennen, wer er ist. Während der Schleier arabischer Gesellschaften das Weibliche in den Hintergrund drängt, um das Begehren im Zaum zu halten, will die Verkleidung westlicher Gesellschaften das Weibliche in den Vordergrund rücken, um dieses Begehren gerade zu entfachen.

Und wie man der einen Gesellschaft vielleicht vorhalten könnte, sie habe keine Vorstellung von der Lust, so könnte man der anderen vorhalten, sie habe keine von der Scham. Aber womöglich zeigt sich in den Schlafzimmern beider Gesellschaftsmodelle, dass sie sehr wohl einen Begriff vom jeweils anderen haben. Die scheinbare Zügellosigkeit westlicher Lebensformen, die Ausrottung der Intimität durch Voyeurismus, zieht möglicherweise die Mauern der Schamhaftigkeit umso höher. Auch die Gegensätze Lust und Scham müssen in einem Verhältnis zueinander stehen, sonst sind sie keine Gegensätze und eröffnen keine Unendlichkeiten, sondern lediglich Abgründe.

Das Gespräch zwischen Joelle und Gately dreht sich um dieses Thema, um Sehen und Verbergen, um Begehren und Entbehren, um den Blick und die Lust, die den Schleier lüften, und um die Scham, die ihn aufrechterhalten will. Eingeleitet wird es mit dem scheinbar absurden Beispiel einer Frau, „bei der jedes Bein kürzer war als das andere“. Bei einem Vergleich dient in der Regel die eine Seite als absoluter Wert, an der die andere Seite gemessen wird. Diese Relation zwischen Maß und Gemessenem fällt hier aus: beide Beine sind kürzer! Wittgenstein sagte einmal, und es ist mit Sicherheit davon auszugehen, dass DFW diese Stelle kannte: „Man kann von einem Ding nicht aussagen, es sei 1 m lang, noch, es sei nicht 1 m lang, und das ist das Urmeter in Paris.“ Ein wenig verkürzt (!) ausgedrückt: Man kann das Maß an das zu Messende halten, aber danach das Gemessene an das Maß zu halten, ist sinnlos. Mehr noch, es ist absurd. Weil man dann überhaupt keine Aussage mehr treffen kann, weder über das Maß noch über das Gemessene. In der Behauptung jedes Bein sei kürzer als das andere fällt das Maß weg, und damit der absolute Wert, an dem der relative gemessen werden könnte. Ein wenig gestreckt (!) könnte man sagen: genau darum dreht sich auch das folgende Gespräch zwischen Gately und Joelle, um den Wegfall jeglichen Maßes, um Maßlosigkeit. Es geht um Schönheit und Entstellung. Und damit um ein Sujet, für das es kein Maß gibt.

Dieses Gespräch hat zwei Ebenen. Beide Ebenen sind gleichzeitig präsent. Auf der ersten Ebene will Gately von Joelle lediglich die Erlaubnis zu fragen, was sich hinter dem Schleier verbirgt. Sie soll mit Ja oder Nein antworten. Auf dieser Ebene erhält er eine indirekte, ablehnende Antwort. Trotz dieser Ablehnung fragt er, das ist die zweite Ebene, dennoch nach ihrer konkreten Entstellung. Und auf dieser Ebene erhält Gately, trotz der Ablehnung auf der ersten Ebene, auch eine Antwort. Weil er die Ablehnung auf der ersten Ebene erhalten hat, nimmt er die Antwort auf der zweiten Ebene auch nicht ernst. Obwohl er dort genau das zu hören bekommt, wonach er gefragt hatte. Die beiden Ebenen hemmen sich gegenseitig.

Gately will wissen was „fehlt“. Er wird mit seinen Fragen immer direkter „darf ich fragen, wie du entstellt bist?“, und dann fragt er ganz konkret, „was dahinter los ist, ob du schielst oder einen Bart hast“. Joelle antwortet auf seine Fragen nicht mit einer konkreten Auskunft zu ihrem Aussehen. Sie erklärt ihm stattdessen sehr genau die Gründe für das Tragen des Schleiers mit ihrer Mitgliedschaft in der L.A.R.V.E., der „Liga der Absolut Rüde Verunstalteten und Entstellten“. Deren Mitglieder erklären, indem sie den Schleier anlegen, „dass sie ihre Sichtbarkeit zu verstecken wünschen“. Hinter dem Schleier versteckten die Entstellten nicht nur ihr Gesicht, sondern ihre Scham darüber, sich verstecken zu wollen. Komprimiert heißt das: „Du versteckst dein Verstecken.“ Joelle zeigt Gately, dass bei ihm genau dieselbe Struktur vorliegt, wenn er glaube, er sei nicht plietsch genug, sich seiner Unplietischigkeit schäme und sie vor anderen zu verbergen suche. Danach geht das Gespräch wieder zu Joelle über und sie antwortet auf die konkreten Fragen schließlich mit einem Paradoxon. Wie immer ihre dann folgenden Formulierungen in der konkreten Situation und im Roman zu bewerten sind, da es diverse Anspielungen auf einen Säureangriff gibt, sie beantwortet die Frage sogar drei Mal direkt hintereinander: „Ich bin dermaßen schön, dass ich jeden fühlenden Menschen ganz einfach um den Verstand bringe. […] Ich bin so schön, dass ich entstellt bin. […] Ich bin vor Schönheit entstellt.“

Was ist denn Schönheit? Ist das Faszinierende an ihr das Enthüllende? Oder ist es vielmehr das Rätselhafte, das Verschleierte und Verkleidete? Schönheit bei Menschen ist keine abstrakte Schönheit. Der Betrachter fühlt sich hingezogen, oder sogar hineingezogen. Er taut auf und schmilzt dahin. Womöglich fühlt er sich auch abgestoßen von zu viel Schönheit und Oberfläche. Die Frage nach Schönheit wird die U.S.S.M.K., die die Wimpern Marios vor Verlangen die Wände hochgehen lässt, anders beantworten als Gately. Joelle war als junge Frau ungewöhnlich schön – es sind nicht viele Schönheiten, die dieses Buch bevölkern, spontan fällt mir nur noch Avril ein und die Schönheit dieser beiden Frauen wird wohl einer der Gründe sein, warum sie einander nicht mochten – inzwischen liegen aber Jahre des Crackrauchens hinter ihr. Aus dem schönen Gesicht ist wohl ein zumindest beanspruchtes Gesicht geworden. Sie hat vermutlich, wie die vielen Junkies in diesem Buch, wie Hal und sein Vater, miserable Zähne. Wenn sie noch welche hat.

Wie ist dieses Gespräch für die Figur der Joelle zu bewerten? Liegt ihr Reiz, nicht nur in dieser Situation, sondern auch in dem Film, womöglich gerade in dieser Ununterscheidbarkeit, in der Gleichzeitigkeit einander ausschließender Gegensätze? Ununterscheidbarkeit, die anhält, solange sie den Schleier trägt. Nach der Schlägerei und der Verletzung Gatelys sagt Joelle, dass sie sich nach langer Zeit zum ersten Mal vorstellen könne, den Schleier abzulegen. Das legt eher die Vermutung nahe, dass sie nicht etwa befürchtet ihr Gegenüber erstarre vor Schreck oder Anbetung. Das Anlegen des Schleiers hat wohl etwas mit dem Beziehungsende zu Orin zu tun, mit dem Ende einer Liebe und wenn sie jetzt an das Ablegen des Schleiers denkt, bedeutet das womöglich eine neue Liebe: Gately. Mit dem Ablegen des Schleiers käme nicht nur etwas ans Licht, die konkrete Entstellung, es verschwände auch etwas anderes, die Indifferenz, die Ununterscheidbarkeit. Vielleicht ist es gerade das, vor dem Joelle zurückschreckt. Als Madame Psychosis hatte sie in ihrer Radiosendung aus einer Schönheitsbroschüre folgenden Satz vorgelesen: „Die Wichtigkeit einer Maske liegt darin, den Kreislauf anzuregen.“ Also in übertragendem Sinne, Vorstellungen anzuregen und Phantasien zu beflügeln. Damit hätte es, wenn die Maske fällt, ein Ende.

Interessant in diesem Zusammenhang ist die Frage, was mit Joelle nach der Beziehung zu Orin geschehen ist. Denn zuvor war sie lediglich ungewöhnlich schön, aber noch nicht, was sie jetzt ist: lähmend schön oder lähmend abstoßend oder lähmend unentschieden. Ist die Faszination dieser Frau im Film vielleicht eher darin zu suchen, was Marathe vermutet, dass „Reiz plus Dichte“ zu viel für den Betrachter sei. Somit wäre die Wirkung der Joelle im Film eher in den Fähigkeiten des Regisseurs als in denen seiner Darstellerin zu suchen. Die Fläche für Projektionen – Kinoleinwand und Gesichtsschleier fallen hier zusammen – ist jedenfalls, solange man nichts sieht, außerordentlich groß. Vielleicht ist es gerade dies, was sich als das Lähmende erweist. Ähnlich wie in der Eifersucht, wo nicht der Betrug das Lähmende ist, die Tatsache, das Ja oder das Nein, sondern die Unsicherheit, ob er tatsächlich stattfindet. Die Unsicherheit über den anderen und die Unmöglichkeit Treue oder Untreue voneinander zu unterscheiden, da beides gleichermaßen möglich ist.

Welche Begriffe man auch nutzen mag – Unsicherheit oder Indifferenz oder Gegensätzlichkeit oder Dichotomie oder Gleichzeitigkeit – man könnte dies noch weiter treiben, bis hin zur modernen Physik und zur Unschärferelation. Ja sogar bis zu einer geschlechtlichen Unschärferelation: An einer Stelle wird Joelle einmal Jo Elle genannt. Ist sie vielleicht ein Mann (eine Frage, die letztlich wohl nur Jesus Jerkoff beantworten kann)? Orin, der Frauenheld, der gar nicht genug Sexualobjekte akquirieren kann und der ihnen nach dem Sex eine Acht auf die Flanken malt, das mathematische Zeichen für Unendlichkeit; Orin ist nicht einmal in der Lage die massive Erscheinung der Helen Steeply als einen transvestierten Mann, Hugh Steeply, zu identifizieren. Helen, der permanent die Brüste verrutschen, die offenbar nichts Feminines an sich hat und deren einziges weibliches Accessoire ihre Handtasche ist. Und zwar das Innere der Handtasche (!), welches von Spezialisten des Agentenwerkes „zur Herstellung des Weiblichkeitseffekts“ (S. 621) hergerichtet wurde. Weiblichkeit wäre dementsprechend nichts Äußerliches, sondern etwas Inneres, etwas Inwendiges und Verborgenes. Liegt der Reiz der Joelle vielleicht gerade darin, dass sie gar keine Frau ist?

Eine andere Möglichkeit zur Interpretation zeigt sich, als die angebliche Helen Steeply in der E.T.A. zu Besuch ist und für ein Interview recherchiert. Sie fragt nach dem Akademiegründer und seiner Tätigkeit als Filmemacher. Poutrincourt antwortet darauf, dass Incandenza die Arten des Sehens analysierte: „Die Analyse galt weniger der Frage, wie man etwas sieht, als der Beziehung zwischen Seher und Gesehenem. Das setzte er auf die vielfältige Weise auf den verschiedensten Gebieten um.“ (S. 979) Möglicherweise, damit sind dann auch die Grenzen der Interpretation erreicht und die Strapazierbarkeit des Motivs der Gegensätzlichkeit ebenso, hatte man als Betrachter dieses Films nicht nur das Gefühl etwas zu sehen, sondern auch das, gesehen zu werden.

Was sehen wir denn, wenn wir einander ansehen und wenn kein Schleier uns hindert? Unser Äußeres ist das Äußere unseres Inneren. Und nicht irgendein anderes Äußeres, ein arbiträres, willkürliches, zufälliges. Wir sind daran gewöhnt, als unser Ich oder unser Selbst zu empfinden, was wir sehen. Vielmehr, und das macht die Sache etwas kompliziert, das als unser Selbst zu empfinden, was wir nicht sehen; unser Selbst ist das, was die anderen sehen. Was wir sehen, ist das Selbst der anderen. Dieses Selbst ist keines, das von allen anderen separiert ist. Es ist keine solipsistische Konstruktion. Das eine Selbst entsteht vielmehr an den Grenzen zu den anderen: durch deren Zuschreibungen und Spiegelungen. Wir bekommen unser Selbst – vor dem Spiegel oder in irgendeiner anderen reflexiven Verfahrensweise – nicht so zu greifen, wie andere es uns begreifen lassen. Strenger formuliert könnte man sagen, dass ein Selbst nur dort das eigene Selbst ist, wo wir es durch einen anderen begreifen.

Gately fragt nach einer binären und abstrakten Opposition (Ja – Nein, Entweder – Oder) und kann die binäre konkrete Antwort (Sowohl – Als auch) erstaunlicherweise nicht deuten. Dass Gately ganz direkt fragt „darf ich fragen, wie du entstellt bist?“, ist, so empfinde ich das, keine unstatthafte Neugier. Er will sich ein Bild machen, nichts weiter. Ich lese dieses Gespräch der beiden als eine, allerdings ziemlich ungewöhnliche Liebesszene. Joelle reagiert darauf, indem sie sagt, dass sie sich vorstellen könne den Schleier abzulegen. Das verleitet mich zu der Annahme, dass sie zu derselben Interpretation dieses Gesprächs kommt wie ich auch. Wie Gately darauf reagiert, weiß ich noch nicht. Das ist der Preis des chaotischen, mobilierten Erzählens: die einzelnen Mobileteile und Bilder sind schnell mal wieder viele hundert Seiten lang weg; Gately ist, nachdem er angeschossen wurde, nicht wieder in den Vordergrund getreten. Möglicherweise wird er auf das von Joelle formulierte Paradoxon, den Zusammenfall der Gegensätze, reagieren. Diese Reaktion wäre möglicherweise die erste Wahl, wenn es um die weitere Einordnung des Begriffes Unendlichkeit im Zusammenhang mit der Schönheit Joelles geht. Schönheit ist – Urmeter hin oder her – immer auch eine Erfahrung der Maßlosigkeit. Und, mit meinem oben dargelegten Ansatz, auch eine Grenzerfahrung des Ich. Weil wir in der Schönheit, zumindest in der optizentristischen Variante, auf den Blick des anderen angewiesen sind. Um uns selbst und um den anderen zu erfahren. Selbst in der O.N.A.N.ie ist der andere absolut irreduzibel für die Selbst-Erfahrung.

Um mit den Worten DFWs zu enden, natürlich im Rahmen meines Themas, Gegensätzlichkeiten als Möglichkeit das Unendliche zu fassen: „Je näher die Konkretisierung rückt, desto abstrakter wird sie.“ (S. 344) Das ist mehr als bloß witzig. Kurz vor einer Prüfung oder einem wichtigen Termin kann man sich das Bevorstehende kaum noch vorstellen. Vielleicht, weil da keine Vorstellung mehr vonnöten ist? Ganz nah am Gesicht eines anderen, verschmilzt dieses andere mit dem eigenen Gesicht und das andere Selbst mit dem eigenen. Vielleicht, weil da keine Vorstellung mehr vonnöten ist? „Vielleicht“ ist eine komfortable Mitte zwischen Ja und Nein. Aber letztlich unbefriedigend.

85 Kommentare zu Verschleierung und Enthüllung

Avatar

JesusJerkoff

7. November, 2009 um 22:28

Liebe Frau Torik,

da haben Sie mich schon wieder mit Ihren Wellen und dem Brandungsanklang des Schönheitsmotives und Ihrer sokratischen Herangehensweise an die Dinge der Welt.

Mein Stand liegt bei Seite 1111, da mußte ich einfach den Absatz nutzen.

Kleist erkläre ich mir einfach mit Kleist, bin aber noch nicht dazu gekommen, ihn noch nebenher zu lesen. Daher danke für den Aufschluß (wie immer ironiefreí). Meine Schwester sagt dazu immer: “Man kann doch mit Mr. Wrong Spaß haben, während man auf Mr. Right wartet.”

Schleier, huch, da bin ich als Mann überfordert, die einzigen Reaktionen, die ich hervorrufen könnte, wären, Sie wissen schon. Für Sie aber mit Sicherheit interessant, wenn Sie den Ball richtig spielen.

Zu Gately kann ich leider nichts sagen, da Buch schon gelesen, außer faszinierend, was man fühlen kann, nur weil sich ein paar Buchstaben voreinander angereiht haben.

Was ist Schönheit? Warum filmt der verrückte Storch in einem Standbild, bei dem es dreißig Sekunden schon getan hätten, 240 Sekunden lang die heilige Theresa? Vielleicht, ups, sorry, vielleicht um Sie auf das Gesamtbild zu lenken. Das was Sie nicht als schön wahrnehmen. Aber da wiederhole ich mich schon wieder.

In Ermangelung von mehr als zwei drücke ich Ihnen diese zwei.

Avatar

alice

8. November, 2009 um 12:10

Marina Abramovic, 1975: “Ich bürste mir das Haar mit einer Metallbürste in der rechten Hand und kämme mir gleichzeitig das Haar mit einem Metallkamm in der linken Hand. Während ich das mache, wiederhole ich solange ‘Art must be beautiful’, Artist must be beautiful’, bis ich mein Haar und mein Gesicht zerstört habe.”

US macht uns zu Zeugen einer groß angelegten Performance und wir werden selbst ein Teil davon – setzen uns aus, lassen uns hypnotisieren, verletzen, beschädigen. Vielleicht werden auch in uns Räume aufgeschlossen, von deren Vorhandensein wir nichts ahnten. Und wir stehen fassungslos – wie Penthesilea – vor den Untiefen unserer Existenz.

(Seite 50 1. Hand; Seite 1100 2. Hand)

Avatar

achim szepanski

8. November, 2009 um 13:26

aphorismen zu dfw, syntax bitte ich zu entschuldigen
denn di großstatdt hat kein außen, noch jene landstriche, die ihr metastatisches wuchern nicht erreicht, sind in ihr spannungsfeld mit einbezogen, indem sie in jeder hinsicht von ihrer abwesenheit bestimmt sind.

die in ein wechselbad der gefühle getauchte einsame masse der szenegänger, die immer schon verschwunden und immer schon vergessen sind, driftet unaufhaltsam ab, wie ein in einem depressionistischen weltmeer
aus bildern und abstarktionen verlorenes floß voller selbstmörder. diese masse hat nichts weiter zu übermitteln als die überkommene formelhaftigkeit verfehlter begierden und ein gegenstandsloses leben in einem
möbilierten nichts.

je zurückgezogener die menschen leben, destomehr ähneln sie sich, je mehr sie sich ähneln, destomehr hassen sie sich, und je mehr sie sich hassen, desto mehr ziehen sie sich zurück.

in dem fall des modernen mensche hat die propaganda des marktes so entschieden den sieg davongetragen, dass er die welt so wahrnimmt wie der primitive den wald: als seine natürliche umgebung.

die gegenwärtige utopie des kapitals ist die einer gesellschaft, in der die gesamtheit des mehrwerts dem phänomen eines allgemeinen sich durchschlagens entspricht.

alles was ihr seid, seid ihr durch mich, alles was ich bin,bin ich nur durch euch (hitler)

es liegt eine zwangsläufigkeit in der in fiebriger erregtheit sich vollziehenden industriellen herstellung von einmalverpackten persönlichkeiten, wegwerfbaren identitäten und anderen hysterischen zeitgenossen.

denn in der welt des immergleichen vermodert man imgefängnis kaumnachhaltiger als im club mediterranee

es gibt etwas objektiv furchteinflössendes an diesem tristen vierzigjährigen, der bis zum augenblick des blutvergießens der allernormalste,gewöhnlichste undnichtssagendste durchschnittsmensch gewesen ist. nie hat man ihm
seinen hass auf die familie, die arbeit oder seinen spießigen vorort äußern hören, bis zu jenem frühen morgen, an dem er aufsteht, sich wäscht, sein frühstück zu sich nimmt, während seine frau, seine tochter und sein
sohn noch schlafen, sein jagdgewehr durchlädt und allen dreien diskret das hirn wegbläst.

in einer welt von herrenlosen sklaven,in einer welt von kollabarateuren macht nichts geringeres als die antike pflicht zum tyrannenmord di einfachste surrealistische handlung absolut notwendig

heilig ist derjenige, der ohne gemeinschaft ist

die tatsache, dass der heilige wie ein hund und ohne rechtfertigung von einem unbekannten abgeknallt werden kann, oder dass er andererseits fähig ist, ohne im geringsten ein schlechtes gewissen zu haben,, »unschuldige« zu
ermorden, ist keiner wirklichkeit zuzuordnen, auf die irgendeine rechtsprechung zuzugreifen in der lage wäre.

Avatar

achim szepanski

8. November, 2009 um 13:32

und noch eins,warum hat foucault so eine abneigung gegen hermeneutikß sie schreiben hier ihren eigenen roman, aber der text will in ruhe gelassen werden, oder ähnlich quer gelesen werden wie delueze/gurttari das mit kafka gemacht haben. also immer ruhig bleiben, bei all der interpretationswut, für hausfrauen ist bookrix eine gute alternative…

Avatar

Guido Graf

8. November, 2009 um 14:14

wenn es einen konkreten Grund für diese Überheblichkeiten gibt (also etwa: “mein Roman, den ich gerade schreibe/geschrieben habe, ist besser als deiner, weil…”), fände ich es angemessen, diesen wenigstens zu benennen (gerade bei Gilles Deleuze kann ich diesen hochfahrenden Ton am wenigsten entdecken und bei Wallace ohnehin nicht), ansonsten fände ich es sinnvoll, das zu unterlassen

Avatar

Stephan Bender

8. November, 2009 um 17:27

@ Alea Torik:

Ihre Einlassung ist wirklich grandios. Es kommt nicht oft vor, dass ich mir Texte ausdrucke…

#################

@ Achim Szepanski:

1. Ich habe Sie mal groß geschrieben, damit Ihre Selbstachtung steigt.

2. Wenn Sie die obigen Zeilen in Verse gießen würden, käme ein wunderbares, philosphisch-wütendes Gedicht über die Gegenwart heraus. Können Sie das?

3. Es ist niemand verboten, sich seine Interpretation oder seinen “eigenen Roman” zu schreiben, im Grunde genommen tun wir das alle auf die eine oder andere Art.

4. In den Achtzigern gab es mal den (damals coolen) Spruch: “Also wenn alle dagegen sind, bin ich auch dafür.” Man kann nicht einfach gegen alles sein, wenn man nicht auch sagen kann, wofür man ist.

Avatar

achim szepanski

8. November, 2009 um 19:33

lieber s.b.
so dumm können sie ja gar nicht sein. also lese ich ich ihr letzte frage als unmögliche.. so als ob wir die frage der affirmation/negation an einem anderen ort weiterdiskutieren müssten.fakt ist doch, dass kwi diesen blog zur verfügung stellt, um umsätze zu generieren, das ist okay. was nicht okay ist, dass wallace in die ecke eines zurückgezognen schriftstellers gezeichnet wird. es war sehr leicht david zu treffen und mit ihm zu diskutieren, wenn man denn wollte. aber mit kiwi leuten wollte er einfach nicht diskutieren..that`s fact

Avatar

Guido Graf

8. November, 2009 um 19:53

that`s fact

that’s fun, aber vielleicht erzählen Sie mal, Herr Szepanski, von Ihren Treffen und Diskussionen mit David Wallace? Das wäre doch interessant.
Nun kann ich nicht für KiWi sprechen, aber so weit ich weiß, dürfte Helge Malchow unter denen, die hier auftreten, der einzige sein, der tatsächlich persönlich mit Wallace gesprochen hat. Was auch immer das für eine Erkenntnis sein mag, die es mitzuteilen lohnt. Ich finde es durchaus wichtig, Beweihräucherungen und andere, den eigenen Interessen geschuldete Stilisierungen zu vermeiden. Nun wäre es aber interessant zu wissen, wo diese von Ihnen beschriebene Einsamkeitsecke im Blog aufgemacht worden wäre? Und das andere wäre natürlich dazu Ihr Bericht über die Treffen mit David…

Avatar

Lou

8. November, 2009 um 20:31

„Das Ende der Kritik“

„Die Intellektuellen haben nicht die Ideen verraten, schon gar nicht ¸dieʻ Idee. Sie haben nichts verraten, was man nicht im voraus hätte wissen können.

Dieses harmlose Wir der einander mit Achselzucken begegnenden Interpretengemeinde kultiviert unter allen schlagenden Techniken des Modernismus vor allem eine, die ihre Herkunft aus vormodernen Zeiten und Praktiken am wenigsten verleugnet – das Raunen. »Reden über die Texte« übersetzt das Raunen über das Schicksal der Welt und ihre wahren Bestimmungsmächte in ein Raunen über die Mehrstimmigkeit von Texten, an denen nichts mehr stimmt außer ihrer ¸Rhetorikʻ. Gerade daraus lässt sich lernen. Die immer vorausgesetzte Diaphanie der Texte, ihre geheiligte Durchlässigkeit für das Andere, auf dem ein schwer zu ertragendes Schweigegebot lastet, bezeugt die ungebrochene Wirksamkeit des schlechten Gewissens, wenn man es, Nietzsche folgend, als Instanz verstehen will, die einerseits die Enträtselung der Texte vorantreibt (die Enthüllungskampagne des Nichts-anderes-als) und andererseits auf ihrem fortgesetzten Rätselcharakter besteht, weil anders die abzutragende Daseinsschuld sich als endlich erwiese.“

(U. Schödlbauer/J. Vahland: Das Ende der Kritik. S. 216f.)

Es bleibt der polare Dualismus der „Interpretengemeinde“ und in eben dieser Polarität liegt Produktivität dieser einen affirmativen Negation, die wir im „Reden über die Texte“ kultivieren. Und Deleuze hat mit und durch Nietzsche genau diese Produktivität gemeint:

„Man ist eingeschifft: eine Art von Floß der Medusa, Geschosse, die um das Floß herum fallen, das Floß treibt in eisige Unterwasserströmungen oder auch in glühend heiße Flüsse, der Orinoko, der Amazonas – Leute rudern gemeinsam, die nicht als einander liebend angesehen werden können, die sich bekämpfen und gegenseitig auffressen wollen. Zusammen rudern bedeutet, miteinander teilen, sich in eine Sache teilen, außerhalb aller Gesetze, Verträge und Institutionen. … Ein neuer Typus von Buch.“ (Deleuze, Nomaden-Denken, In: Nietzsche. Ein Lesebuch).

Avatar

Hans Wedler

8. November, 2009 um 21:12

Verehrte Frau Torik, – Ihre Analyse hat mir außerordentlich gut gefallen. Vielen Dank! Erlauben Sie mir dennoch zwei kleine Anmerkungen?
1. Sie Zitieren Kleists “Penthesilea” – vermutlich nicht zufällig. Die Gegensätzlichkeiten, die sich im 24. Auftritt in Penthesileas Verhalten offenbaren, muss man m. E. nicht unbedingt als Ausdrucksmöglichkeiten des Unendlichen auffassen, sondern – sehr viel schlichter – als Ausdruck einer dissoziativen Störung, einer vorübergehenden Abspaltung von Fühlen, Denken, Erinnern, um Unerträgliches aushalten zu können. Zur Wiederhestellung eines einheitlichen Bildes bedarf es dann nicht unbedingt des Suizids, der im Kleistschen Drama – wie so oft auch im Alltag – viel mehr Folge der ambivalenten Haltung des sozialen Umfelds ist. Im US allerdings wird eine solche Dissoziation nach meiner Erinnerung nirgenwo direkt thematisiert.
2. Zu Ihren schönen Ausführungen über die Relativität des Maßes möchte ich Sie auf eine beinahe parallele Stelle in der Wallace-Erzählung “Good Old Neon” hinweisen. Es heißt dort, man könne zwar mit Hilfe der Zeit Bewegungen und Geschwindigkeiten messen, nicht aber die Geschwindigkeit, mit der sich die Zeit bewegt. “Was ist, wenn es in Wirklichkeit gar keine Bewegung gibt?” Oder, um es auf Ihren Gedankengang zu übertragen: Wenn sich auch das Unendliche als Fata Morgana erweist?

Avatar

Aléa Torik

8. November, 2009 um 21:54

Lieber Jesus Jerkoff!

Habe ich eine sokratische Herangehensweise? Als die – ja, wer war das denn?, die andere Seite jedenfalls, in der Diskussion meine ich, die Antisokratiker, irgendwelche Naturphilosophen, Ökos, würde man heutzutage sagen – die Bewegung geleugnet haben, da ist Sokrates wortlos aufgestanden und Hin und Her gegangen. Ist das meine Herangehensweise? Das freut mich! Ein bisschen Bewegung tut mir ganz gut. Ich habe heute mit zwei Freundinnen einen Spaziergang gemacht und dann haben wir im Café gesessen und ganz dekadent Kuchen gegessen, mit schirlingsbechermäßig dick viel Sahne obendrauf. Jetzt ist mir sterbenselend! Aber es war schönes Wetter. Und ich habe in den letzten Tagen zu viel auf der Stelle gehockt.

Was die Schwester betrifft, die mit Mr Wrong ins Bett geht und auf Mr Right wartet. Ich glaube nicht, dass Ihre Schwester damit sehr weit kommt, obwohl es eine weit verbreitete Strategie ist. Weil das kein Warten ist, was sie da macht. Und Right will genau das sehen, dass sie auf ihn gewartet hat. Weil wir in der Liebe (so viel Weisheit darf ich auch in meinem Alter haben) auf etwas Einzigartiges hoffen. Und weil, wenn die Schwester meint, dass Right mit dem von Wrong angewärmten Platz zufrieden ist, sie sich dann täuscht. Wer mit dem Platz zufrieden ist, ist nur ein anderer Wrong, der die Maske von Right trägt. Sagen Sie Ihr bitte, dass Sie jede Hoffnung fahren lassen soll. Sagen Sie es ihr nicht! Oder sagen Sie es ihr in kleinen Stückchen. In kleinen Hoffnungslosigkeiten!

Ziehen Sie sich da mit Ihrer Äußerung über den Schleier nicht ein bisschen zu einfach aus der Affäre? Ich schlage Ihnen hier eine schöne These mit sozialkritischem Hintergrund vor, über Sexualität und Scham, über Masken, über Gesichter und über das Begehren und Sie sagen: tut mir leid, ich bin ein Mann, dazu kann ich nichts sagen.

„Faszinierend, was man fühlen kann, nur weil sich ein paar Buchstaben voreinander angereiht haben“ Ich rätsele darüber, aber ich komme nicht drauf. Was bedeutet dieser Satz? Apropos Satz, ich habe gestern Nacht – statt Tanzen zu gehen und mich für die Arbeit an diesem Artikel zu belohnen – einen Satz gemacht, eine Grätsche: und bin jetzt auf Seite 1200. Aber den Satz verstehe ich nicht. Werde ich den verstehen, wenn ich das Buch zu Ende gelesen habe? Oder ist mein Gehirn wieder blockiert?

„In Ermangelung von mehr als zwei drücke ich Ihnen diese zwei“ Fehlt in diesem Satz nicht das Subjekt? Was drücken Sie? Drücken Sie mir die Daumen, dass ich unbeschadet an Leib und Seele durch diesen Eintrag komme? Drücken Sie beide Augen zu? Oder mir den Hals?

Avatar

Clemens Setz

8. November, 2009 um 21:54

Liebe Aléa Torik,
Lieber Herr Wedler,
das sind wirklich wunderschöne Überlegungen über Maß und Unendlichkeit. Nach der Lektüre von DFWs (gar nicht mal so einfachem) Buch über Georg Cantor, “Everything and more”, wird klar, dass er ein fein differenziertes Bewusstsein dafür hatte, was man sich unter ‘Unendlichkeit’ alles so vorstellen kann. Eine mögliche Charakterisierung (wenngleich nicht unbedingt eine brauchbare Definition) des Unendlichen ist: etwas, das mit einer Teilmenge von sich selbst isomorph sein kann. Ein bisschen so wie der menschliche Verstand. Das Mysterium, dass sich die Zeit mit genau einer Sekunde pro Sekunde fortbewegt, kann ihn (den Verstand) immer noch zutiefst erschüttern und vielleicht verfängt er sich in einer Schleife und bildet eine gerade-eben-noch-funktionale Untermenge seiner selbst und fängt irgendwann an, wehrlose Tiere auf der Straße anzuzünden. Oder er verliert sich in der Unendlichkeit seiner eigenen auf einen einzigen dimensionslosen Punkt zusammengeschrumpften Wunscherfüllung, vor dem Home-TP-Bildschirm, auf dem Tisch vor ihm die unbeschriftete Patrone mit dem Smileygesicht.
Zu dem 1-Meter-Stab gibt es ein hübsches Zitat von Bertrand Russell (aus seinem “ABC der Relativitätstheorie”):
“Wir sind geneigt zu denken, dass für wirklich sorgfältige Messungen die Verwendung eines Stahlmaßstabs besser ist als die eines lebenden Aals. Das ist ein Irrtum; nicht deshalb, weil der Aal uns eine Information liefern kann, die man vom Stahlstab erwartet hätte, sondern weil der Stahlstab in Wirklichkeit nicht mehr liefert, als es offensichtlich der Aal tut. Der springende Punkt ist nicht, dass Aale in Wirklichkeit starr sind, sondern dass Stahlstäbe in Wirklichkeit sich schlängeln wie ein Aal.”

Avatar

Aléa Torik

8. November, 2009 um 21:55

Liebe Alice,

ich habe vor nicht langer Zeit etwas von Jorge Luis Borges gelesen, „Das Handwerk des Dichters“. Das sind seine Poetik Vorlesungen. Ich war ein bisschen enttäuscht, ich hatte mir mehr vorgestellt. Allerdings muss man wissen, dass Borges da schon blind war und sich die Sachen aus dem Gedächtnis gerufen hat. Er bricht dort eine Lanze für die Poesie und lässt vor allem am Roman kein gutes Haar. Einmal sagt er, dass der Roman lediglich als eine „Verfallsform des Epos zu betrachten“ ist – er nimmt Melville und Conrad aus – und gibt als Grund an, dass der Kern der meisten Romane das „Zerfallen eines Menschen sei, die Degeneration eines Charakters“.

Ich empfinde das als ein grandioses Fehlurteil. Ich glaube erstens nicht, dass es so ist und ich glaube ebenfalls nicht, dass dies, wenn es so wäre, als schlecht bezeichnet werden muss. Wenn die Welt als eine zerfallende empfunden wird, dann muss sie so beschrieben werden. Und das hat Wallace zum Beispiel getan. Zu behaupten, dass der Roman eine zerfallende Struktur habe, weil er Zerfallendes thematisiert, halte ich für keine gute These.

Vielleicht hat Borges da einfach einen schlechten Tag gehabt. Wenn man nicht auf Notizen zurückgreifen kann, sondern alles mehr oder weniger aus dem Stehgreif formuliert, dann mag der mündliche Vortrag gewinnen, die Mitschrift, und das ist dieses Buch, leidet offenbar eher darunter.

Ich kenne die Arbeiten von Marina Abramovic leider nicht, aber das Wort Performance kenne ich. Und das empfinde ich, was diesen Text angeht, als eine überaus treffende Beschreibung.

Avatar

Aléa Torik

8. November, 2009 um 21:57

Hallo Herr Szepanski!

Ich hatte nachdem ich Ihre zweite Einlassung gelesen habe, auf die erste nicht mehr so viel Appetit. Hier der Lagebericht der Hausfrau aus der Küche: Der Verlag stellt das Restaurant (wahrscheinlich um Umsätze zu generieren, was nicht per se schlecht ist, weil Schriftsteller, Übersetzer, Lektoren, etc. pp., ganz gerne bezahlt werden wollen; ich gebe Ihnen gerne Privatunterricht in Sachen kapitalistisches Wirtschaftssystem). Guido Graf ist der Maître de Cuisine. Aber ich habe gekocht! Das Menue gestaltet sich wie folgt:

Geröstete Jacobsmuschel mit Kartoffel-Topinambur Mille Feuilles und schwarzem Trüffel
(Bedeutung von „Sich-ein-Bild-machen“ anhand der Penthesilea von Kleist)

***
Flüssig gefüllte Gänseleberfagottini mit Chanterelle und Spitzkohl
(Die Funktion der Verschleierung in arabischen und westlichen Gesellschaften)

***
In Balsamico geschmortes Rinderscherzel mit Thymianpolenta und Radicchio
(Schönheit und Maß: das Gespräch zwischen Gately und Joelle)

***
Ricotta mit gebackener Zucchiniblüte und Olio La Torre von Castel Gandolfo
(Bedeutung des Blicks)

***
Variation von Kürbiskernen mit Holunder
(Weiterreichende Überlegungen zum Thema Schönheit)

Wenn es Ihnen bei mir nicht mundet: es gibt noch andere Tische in diesem Restaurant. Wenn Ihre Geschmacksnerven das nicht vertragen und Sie eher zur Currywurst und Pommes tendieren: Das Internet ist groß, Sie werden kulinarisch Gleichgesinnte finden. Falls Ihnen aber doch was schmeckt, falls Sie neugierig sind: Sie sind nach wie vor herzlich eingeladen.

P.S. Das Menue stammt hierher http://www.vau-berlin.de/menues/abend.htm und schlägt mit 120,00 € ein schönes und konsistentes Loch ins Portemonnaie.

Avatar

Aléa Torik

8. November, 2009 um 22:45

Sehr geehrter Herr Wedler!

Es freut mich, wenn Ihnen der Text gefällt. Ich war kurz davor, und das wird vielleicht Ihnen gefallen, einen Nervenarzt zu rufen. Ich hatte noch in Erinnerung, dass Sie Arzt sind, aber nicht mehr, dass Sie sich mir Kleist beschäftigen. Vielleicht wäre ich dann ein bisschen vorsichtiger gewesen.

Ich wollte mit meinen Ausführungen zur Penthesilea, mit den konfligierenden Seiten in ihrer Persönlichkeit, die nach dem, wie nennt man das heute so schön: Verlust des Liebesobjektes, nicht mehr vermittelbar sind und den daraus folgenden Suizid nicht für die einzig angeratene Möglichkeit zur Wiederherstellung des Selbstbildes ausgeben. Was ich sagen wollte, ist lediglich dies: in dem konkreten Fall dient der Suizid dazu, die zuvor auseinandergefallenen Ebenen Wort und Handlung wieder zusammenzufügen. Diese Zusammenfügung beginnt mit den Zeilen: „Und jetzt steig ich in meinen Busen nieder …“ Das habe ich dann nicht mehr ausgeführt, weil es von meinem Thema zu weit weg geführt hätte.

Unter literaturwissenschaftlichen Kriterien ist das, was wir und was ich hier mache, über einen Text zu reden, den ich nicht einmal zur Gänze kenne, und ich kenne auch keinen einzigen anderen Text von Wallace, wirklich kriminell. Aber es ist ein Abenteuer!
Die Stelle aus „Good Old Neon“ klingt wirklich gut. Ich würde gerne auf die Frage, Was ist, wenn es keine Bewegung gibt? Sokrates zitieren, der, als die (jetzt hab ich’s, herr Jerkoff) Stoiker die Bewegung geleugnet haben, einfach aufgestanden und Hin und Her gelaufen ist. Aber leider habe ich das schon in meinem Kommentar zum Herrn Jerkoff gebracht. Und zweimal an einem Tag dasselbe zu zitieren, das geht nicht.

„Was ist, wenn sich das Unendliche als Fata Morgana erweist?“ dann, lieber Herr Wedler, bin ich viele Stunden lang in die falsche Richtung gerannt. Sollte Ihre Frage umfassender gemeint sein: Was ist, wenn das Unendliche schlechthin ein Konstrukt ist?, würde ich versuchen eine therapeutische Antwort zu finden, oder das, was ich dafür halte: mag schon sein, aber wenn‘s hilft … .

Ich werde mich sicher noch mit dem Gedanken zur Unendlichkeit bei Wallace beschäftigen.

Avatar

Aléa Torik

8. November, 2009 um 23:07

Lieber Clemens Setz!

„verliert sich in der Unendlichkeit seiner eigenen auf einen einzigen dimensionslosen Punkt zusammengeschrumpften Wunscherfüllung“

Der Unendlichkeiten sind sicher viele und ich wollte mit meiner anfänglichen Strukturierung, dass Unendlichkeiten greifbar werden, wenn sie durch Gegensätze oder Dichotomien dargestellt werden, keine anderen Unendlichkeiten ausschließen. Obwohl ich mich da gerade selbst ein bisschen fixiere; das ist eine Mischung aus Münchhausen, der sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zieht, und Hal Incandenza wie er in der Herrentoilette auf dem Boden fixiert wird. Die von Ihnen dargelegte Unendlichkeit ist natürlich auch eine: der Punkt, der keinerlei Ausdehnung mehr hat und keine Dimension. Aber wenn er keine Dimension mehr hat, könnte man dann nicht auch sagen, dass er alle Dimensionen hat? (Sie sehen was ich meine, wenn ich von einer Fixierung auf eine Idee spreche?!)

Schade, dass ich das Buch von Russel nicht kenne. Das Beispiel mit dem Aal und dem Metermaß, mit dem starren und dem sich schlängelnden, finde ich wirklich ganz ausgezeichnet.

Avatar

JesusJerkoff

9. November, 2009 um 00:18

Liebe Frau Torik,

jetzt war mir gerade noch ein Gedanke gekommen, als ich im Bett lag und über Ihren letzten Eintrag nachgedacht habe, also über Schönheiten und deren Vorkommen im Unendlichen Spaß und da ist dann kurz was eingerastet. Mildred Bonk! Die mit G. Day im Wohnwagen, wo es das Gras für Erdedy gab, von dem Typ der später bei dem AN-Treffen fast ausgerastet ist, weil ihn der eine, dessen Namen mir jetzt nicht einfällt, nicht umarmen wollte. Auf jeden Fall, die ist auch schön. (S. 58)

Für den Rest brauche ich ein bißchen mehr Zeit, dafür kommt dann auch mehr Dichte zurück ;-)

Avatar

JesusJerkoff

9. November, 2009 um 18:00

Liebe Frau Torik,

mit der sokratischen Herangehensweise wollte ich Ihre Form der Dialektik umschreiben, die bis jetzt immer eine Annährerung durch Defintion von zwei Gegensätzen ist (Chaos und Kosmos, Konzentration und Zerstreuung, Verschleierung und Enthüllung), die den Raum des Diskurses definieren und die Reflexion an eine Richtung bindet.

Drei Stunden und viel Kleist später (für Interessierte: http://gutenberg.spiegel.de/?id=5&xid=1478&kapitel=1#gb_found ) bin ich jetzt zu erschöpft, um auf das “Trauerspiel” näher einzugehen. Der Bezug zu US ist auch nicht so leicht zu fassen, außer daß Achilles gewisse Züge von Orin Incadenza trägt: “Im Leben keiner Schönen war ich spröd;
Seid mir der Bart gekeimt, ihr lieben Freunde,
Ihr wißt’s, zu Willen jeder war ich gern:
Und wenn ich dieser mich gesperrt bis heute,
Beim Zeus, des Donners Gott, geschah’s, weil ich
Das Plätzchen unter Büschen noch nicht fand,
Sie ungestört, ganz wie ihr Herz es wünscht,
Auf Küßen heiß von Erz im Arm zu nehmen. 4. Auftritt”

Sie können sich ja mal Gedanken machen, was der Schleierwurf auf Penthesilea bedeutet, der im 24. Auftritt erfolgt:

“Die Oberpriesterin.
Hinweg, du Scheußliche!
Du Hades-Bürgerinn! Hinweg, sag’ ich!
Nehmt diesen Schleier, nehmt, und deckt sie zu.
(sie reißt sich den Schleier ab, und wirft ihn der Königin ins Gesicht)”

Mir bleibt die grottige Überleitung zu anderen Schleiern im Universum von Mr. Wallace.

Joelle trägt ihren Schleier aus meiner Sicht, weil sie von ihrer urspünglichen Entstellung durch die eigene Schönheit, jetzt mit der Entstellung durch den Säureangriff leben muß und mit dieser Art der Entstellung nicht klarkommt. Überhaupt scheint sie Probleme zu haben, mit dem Leben klarzukommen und Orin ist nicht der Faktor (außer als “hervorragender Säureausweicher”), der hier Auslöser ist. Schon während der Beziehung mit Orin, wartet sie ständig auf das Ende und entwickelt dadurch ihren Putzwahn “eine Vorschau auf die Disziplin und die Ordnung, die sie nach einer Trennung, falls es dazu kommen sollte, zum Überleben brauchen würde. S. 1057″. Wie bei allen dysfunktionalen Familien, sollte man hier mehr bei den Eltern buddeln und daß die auch einen an der Klatsche haben, ist auch klar. (”Zitatellipse”)

Nach dem Auspacken von Werner Heisenberg bleiben bei mir als Betrachter immer noch die “Notenschlüsselhüften” und andere Schlagwörter hängen, die eine eindeutige Zuschreibung zum Weiblichen hin nahelegen, mein Verdacht ist eher, daß Sie mal wissen wollten, wie sich ein nasses Handtuch anhört, daß auf meinen Hintern klatsch.

Lassen Sie mich noch kurz auf Sexualität und Scham, Begehren und Gesichter eingehen (nein, nicht Kleist und das sich Küsse auf Bisse reimt), sondern mehr Richtung Schweizer Handmodell.
Das, was auf S. 817 passiert, ist die reinste Form der “Übersprungshandlung”, die ich bisher gelesen habe, so unzweideutig, da braucht selbst der Dümmste nicht mehr zum Küssen nach Allston zu fahren (vgl. S. 220).

Rätseln Sie nicht weiter über den Satz, er wird am Ende des Romans selbsterklärend (oder auch nicht). Meine Schwester hat mir noch immer nicht das Organigramm geschickt, um das ich sie gebeten hatte. Haben Sie keine Geschwister? Wenn ja, hören die auf Sie?

Wenn was in einem Satz oder gar ein ganzer Satz fehlt, kann man immer noch sagen, es war eine Ellipse (s.o.). Sollte ich aus den intellektuellen Daumenschrauben wieder rauskommen, die Sie hier anlegen, drücke ich Sie Ihnen auch wieder. Wofür, entscheiden Sie.

Avatar

Aléa Torik

10. November, 2009 um 22:59

Lieber Herr Jerkoff,

ich freue mich, dass Sie, kaum sage ich etwas zu Kleist, sofort die Tragödie (das „Trauerspiel“, wie Sie mich richtig darauf hingewiesen haben) lesen. Meinen nächsten Beitrag wollte ich mit einem Zitat aus Marcels Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit beginnen. Im Original, versteht sich. Dann möchte ich natürlich ein ähnliches Engagement sehen. Spaß beiseite!

Ich hatte bei Ihrem Zitat Achills eher an ihre Schwester gedacht, die sich so gut mit den Falschen amüsiert (ich habe keine Geschwister), dass sie ein Organigramm braucht, um durchzusehen. Vielleicht amüsiert sie sich mit den Falschen so dermaßen gut, dass sie Angst vor dem oder den Richtigen hat. Vielleicht sind die Richtigen ja, außer dass sie richtig sind, sonst gar nichts. Es sind eben nur die Richtigen. Während die Falschen vielleicht ausgesprochen aufregend sind. Und wenn es so viele Falsche gibt, warum soll es dann eigentlich nicht ähnlich viele Richtige geben? Warum sollte das einzige Kriterium des Richtigen die Häufigkeit seines Vorkommens sein? Das ist bei den Menschen nicht wie bei den Tierarten, die vom Aussterben bedroht sind: die wenigen Richtigen, um die sich die wildgewordenen Weiber prügeln. Ich meinte das nicht spaßig, sondern glaube wirklich, dass man auf den Richtigen warten muss, dass man ihn herbeisehnen muss. Das kann man nicht, während man mir dem Falschen im Bett liegt. Weil das Sehnen nicht authentisch ist. Sich sehnen kann man nur in der Abwesenheit dessen, wonach man sich sehnt.

Leider hat sich Mirko (in seinem Kommentar zu „Nur um der Hoffnungslosen willen ist uns die Hoffnung gegeben“) nicht mehr gemeldet, obwohl er sowohl von mir als auch von Clemens Setz eine Antwort auf seinen Einwurf erhalten hat (wobei die von Herrn Setz weit besser formuliert war). Dann könnten wir jetzt ganz wunderbar über Schicksal in unserer Zeit sprechen und uns fragen, ob wir nur die großen, tragischen Ereignisse im Leben Schicksal nennen können: beide Beine unter dem Zug verlieren und Ähnliches (hatte Wallace einen Begriff von Schicksal?). Oder ob Schicksal nicht viel allgemeiner zu verstehen ist, als das nicht mehr tragische Ausgeliefertsein an die jeweilige Situation. Wir könnten uns fragen, ob die moderne Auffassung von Handlung und Handlungsfähigkeit einen Begriff von Tragik und Schicksal obsolet macht. Können wir jetzt aber nicht, weil, wie gesagt, Mirco sich nicht mehr gemeldet hat.

Was halten Sie von folgendem Interpretationsansatz um Wallace und Kleist zueinander zu bringen? Die Griechen, die als das kulturell weiter entwickelte Volk dargestellt werden, kennen in der Natur „Kraft bloß und ihren Widerstand, nichts Drittes“ (Z.127). Sie sind, nicht nur aufgrund technischer Weiterentwicklungen höher entwickelt, sondern womöglich auch, weil sie klare Vorstellungen von den Rollen der Geschlechter hatten, nämlich einander entgegengesetzte, ausschließende (Achill hat übrigens versucht, sich dem Krieg gegen Troja zu entziehen. Oder seine Mutter hat das gemacht, sie hat ihn zu verstecken versucht, indem sie ihn, sieh einer an!, in Mädchenkleider gesteckt hat). Kraft und Widerstand: nichts Drittes: Wenn es nur die beiden Extreme gibt, dann gibt es keine Mitte, keinen Kompromiss, nichts wo die Kontrahenten, die Kombattanten sich treffen und sich einigen könnten. Es gibt keine Möglichkeit von Versöhnung, es gibt nur Sieg und Niederlage. Vielleicht hat diese, oft als ausgeprägt männlich empfundene Sichtweise in vielen Spielen, in vielen Ballspielen, im Tennis, diese komische Logik; vielleicht hat Wallace der mehr angehangen als ihm gut tat. Vielleicht ist das eine Erklärung für dieses Zuviel der aufgeschlitzten Körper. Daraufhin müsste man sich die Gegensätzlichkeit in diesem Buch noch einmal genauer anschauen.

Das könnten wir jetzt mit dem Begriff des Schicksals konfrontieren. Die Griechen hatten einen ausgeprägten Schicksalsbegriff und der ist in der Moderne womöglich von den Begriffen Determinismus und Zufall verschüttet worden. Wie lässt sich Schicksal in die Dichotomie von Kraft und Widerstand einordnen? Oder wie hängen Schicksal und Voraussicht zusammen? Penthesilea wurde von Ihrer Mutter auf dem Totenbett vorausgesagt, dass sie sich in Achill verlieben werde. Eine ähnliche Prophezeiung bringt auch Achill mit aufs Schlachtfeld: entweder würde er vor Troja fallen oder ein vollkommen unbedeutendes Leben führen.

Aber wie hängt die Dichotomie, wie hängen Schicksal und Prophezeiung nun mit dem Begriff der Unschärferelation zusammen, wo etwas sowohl als Welle wie auch als Teilchen erscheinen kann? Wir könnten sicher auch jetzt noch etwas konstruieren, etwas ziemlich wildes. Aber was ich in ihren Interpretationsansatz nicht hinein bekomme, ist ihr Hinterteil! Ich bin gerne bereit auch weit auseinander liegende Dinge zusammenzubringen, um sich anzuschauen wie die dann miteinander reagieren. Dazu gehört meinetwegen sogar die Feminisierung der Musik durch den Hüftschwung des Notenschlüssels. Aber wie Sie Ihren Hintern, ein nasses Handtuch und Herrn Heisenberg zusammen kriegen, außer als Alliteration, das verstehe ich nicht. Da sind, glaube ich, die Grenzen der Physik ebenso erreicht wie die Grenzen der Literaturwissenschaft. Von daher meinen herzlichen Glückwunsch zu dem Interpretationsansatz!

Avatar

Aléa Torik

10. November, 2009 um 23:28

Herr Jerkoff,

das hatte ich vergessen. Diskussionsvorschlag zum Thema Schönheit und Schicksal. Mit folgender, den Diskussionshorizont erweiternder Textstelle: „Die Griechen, sie fürchteten die Schönheit nicht. Sie fürchteten die Hässlichkeit. Daher glaube ich, Schönheit und Lust, das waren für die Griechen keine tödlichen Verlockungen.“ (Seite 764)
Aber der Ball liegt bei Ihnen!

Avatar

achim szepanski

11. November, 2009 um 03:01

liebe frau torik
sie haben ja eine blühende fantasie. gerne komme ich auf das essen von ihnen zurück, ende februar bin ich in der volksbühne in berlin, und hoffentlich habe ich auch joseph vogl dazu angefixt, etwas über wallace zu erzählen. ansonsten gebe ich stets zu bedenken, weil ja gerade der blog so eine gewisse art der suche nach wiederholung der textmaske geradezu wuchern lässt, d. h. lesen als wiederlesen, die textmaske wallace zu seiner lesbarkeit zu entstellen, d.h. zu ziegen, wie sie defiguriert werden kann. da gab es hier einen ansatz eines deutschen schriftstellers, der behauptet hat, alle deutschen schriftsteller hätten sich mehr oder weniger vom blog entfernt, weil ihnen der text nichts bringe. da hat er natürlich irgendwie recht. außer dem emotionalen widerwillen, wallace zu lesen, entspringt diese enttäuschte sehnsucht, dass es nicht zu zu lesen, was man gerade lesen will, genau des nicht ertragen könnens, dass es auf dem grund jedes buches nichts zu lesen gibt. die frage jeder lektüre ist doch auch hier, welche wahlmöglichkeiten mir mit welcher selektivität der lektüre zur verfügung stehen. die interpretation des textes stellt im blog text gegen text oder quasi buch gegen buch und eben fast glauben gegen glauben, wo es doch so wenig um ein mysterium oder um eine verücktheit bei wallace geht, indeed will das buch nicht gedeutet, nacherzählt und vielleicht sogar der text nicht verschoben, sondern experimentell erprobt werden ( deleuze als antwort auf den deutschen schriftsteller). zugleich plädiere ich u.a. für eine »strukturale« analyse:
der immanenzgrad der zwei maschinen bei wallace b) die segmentarität der blöcke ( die raum und intensitätsmodelle von aa und eschaton (ja karte und real) , c) die deterriotorialisierungsfähigkeit eines agencements oder eben die todeslinie dieses agencements (fernsehen, patronen,etc ) bei wallace, zeitbedingt eine halbgare midennanalyse, medien, als das dazwischen irgendwo angedacht (die disponiblen mittel sind stets medial verwendbar, als machtwirksame und machtverteilende gebrauchsvorschriften, als pragmatische, künstlerische und kommunikative zugänge (siehe seine beschreibung des verhältnisses von telefon und videofon) d) die selbstorganisationsfähigkeit des textes, das spezifische eines wallace, e) das leere zentrum und die frage der peripherie…. die spinner am rand der wüste

Avatar

JesusJerkoff

11. November, 2009 um 22:44

Liebe Frau Torik (und kurz auch lieber Herr Setz),

zu versuchen, zu verstehen ist immer mit Aufwand verbunden, aber als Gerneleser macht mir das nichts aus. Und Sie lese ich eben gerne. Zitieren Sie am besten aus dem “Anhalter”, den kann ich auswendig.

Dann muß ich einen Lesefehler Ihrerseits korrigieren, um einer Bedeutungsverfremdung vorzubeugen, der Organigrammbenötiger bin ich. Da fühle ich mich so, wie Mario bei Hal, man liebt jemanden so, daß es fast wehtut, kann aber nichts tun, außer dasein und zuhören. Themawechsel.

Wenn “miko” (so hat er sich genannt, sorry) andeutet, hier könnten Leute schreiben, die kein Schicksal habe, liegt er natürlich falsch. Und Herr Setz hat dies wirklich sehr gut formuliert und kommentiert. Sollten Sie über ein überdurchschnittliches Englisch verfügen, können Sie über den folgenden Link das Schlußzitat (”less travelled by”) von Herr Setz besser verstehen. http://www.bartleby.com/119/1.html

Lieber Herr Setz,

eine Frage an Sie: Glauben Sie, daß die Ortauswahl der Haupthandlung im Unendlichen Spaß irgendwie von Robert Frost inspiriert sein könnte, wenn man “Mending Wall” als Ausgangsbasis für die Überlegung nimmt?

Mr. Wallace hat sich natürlich auch über das Schicksal ausgelassen:
“Es mag eine Banalität der AA von Metro-Boston sein, ist aber doch Tatsache, daß nämlich sowohl des Schicksals Küsse als auch seine Dopeknaller die grundsätzliche individuelle Machtlosigkeit des Einzelnen über die wirklich bedeutsamen Ereignisse seines Lebens illustrieren. (En. 100)”

En. 100: “(…) daß 99,9 % dessen, was einem im Leben widerfährt, einen eigentlich gar nichts angehen und das 0,1 %, das der eigenen Kontrolle untersteht, sich meist auf die Alternative beschränkt, die unabwendbare Machtlosigkeit über die anderen 99,9 % zu akzeptieren oder zu leugnen (…).

M. a. W., fast nichts Wichtiges, das einem je widerfährt, widerfährt einem, weil man es eingefädelt hat. Das Schicksal hat keinen Pager; das Schicksal schiebt sich immer im Trenchcoat aus einer Gasse und macht ‘psst’, was man gemeinhin gar nicht hört, weil man gerade von etwas Wichtigem zurück- oder zu etwas Wichtigem hinhetzt, das man selbst einzufädeln versucht hat.” (S. 419/420)

Erst mal verdauen.

Da der gute alte Heisenberg ja Wellen der Erregung ausgelöst hat, bin ich auf der Welle der Objektveränderung durch Betrachtung mitgesurft, die nicht einmal so unsinnig ist. Jedes Objekt verändert sich alleine dadurch, daß es betrachtet wird. Gehen sie von den Quanten weg in ein größeres Bild. Sehen Sie sich selbst und fragen sich, inwieweit Sie sich ändern, weil Sie betrachtet werden. Inwieweit sich andere Menschen ändern, weil Sie sie betrachten. Ob sich Abhängigkeiten zwischen Betrachter und Betrachtetem ergeben und wenn ja, aus welchen Gründen. Dabei werden sie auf viele Unleugbarkeiten stoßen, die nicht von der Hand zu weisen sind. Sie verändern sich mit jeder andern Person, der Sie begegnen, und Sie ändern jeder andere Person, der Sie begegnen, ohne daß Sie es wollen oder wissen.

Die Handtuchallegorie, da hatte ich – schon wieder – Ihr Geschlecht vergessen. Wenn in puerilen Entwicklungsstadien der männlichen Spezies einem anderen etwas sehr gut gelungen ist und man wollte seinem Gegenüber vermitteln, daß ihm etwas sehr gut gelungen ist, dann war die adäquate Handlungsweise, ihn mit einem nassen Handtuch eins über den Arsch zu kawuschen, wenn man mal im ausnahmsweise stattfindenden Sportunterricht die Möglichkeit dazu hatte. Ihre Jo Elle Andeutung hat sich für mich wie so ein Kawusch angefühlt.

Jetzt noch kurz zu den Griechen, wenn der Ball schon bei mir liegt ;-)

“Die Wesenheiten im griechischen Mythos konnten auch vom Regen geschwängert und vom Geflügel vergewaltigt werden.” (S. 764, 5,45 cm von Ihrem Ball entfernt.

respektvollst
JJ

Avatar

Clemens Setz

12. November, 2009 um 17:04

@ JesusJerkoff

Ortsauswahl… Sie meinen, wegen “North of Boston”? Kann sein, wer weiß. Aber was speziell “Mending Wall” mit US zu tun hat, sehe ich jetzt auf Anhieb nicht. Außer vielleicht die irgendwie auf die ganze Ich-bin-hier-drinnen/Autismus-Problematik passenden Zeilen:
“Before I built a wall I’d ask to know
What I was walling in or walling out”

Avatar

JesusJerkoff

12. November, 2009 um 20:20

@ Clemens Setz

Nachdem Präsident Gentle im US diese Mauer gebaut hat (auch große Konkavi- oder Konvexität genannt) fiel mir eher “good fences make good neighbours” in der Verbindung mit “North of Boston” ins Auge. Die ganze Wahrheit wäre, daß ich mich einfach gefreut habe, daß es noch andere Menschen gibt, die gerne Frost lesen.

Ihnen noch viel Spaß!

Avatar

Thorsten Krämer

13. November, 2009 um 08:00

Lieber Achim Szepanski,

da ich es war, der behauptet hat, “alle deutschen schriftsteller hätten sich mehr oder weniger vom blog entfernt, weil ihnen der text nichts bringe”, will ich noch einmal deutlich sagen: ich verspüre weder eine enttäuschte Sehnsucht noch emotionalen Widerwillen bei dem Buch. Es regt mich nicht auf, es ist wirklich nicht so, dass mich beim Lesen das Reale anspringt, der horror vacui oder was auch immer. Die einzige Emotion ist ein Bedauern darüber, dass sich viele mit der Lektüre mit dieses Buches beschäftigen, deren Zeit mit der Lektüre so mancher anderer Bücher besser investiert wäre. Das ist alles. Das Buch wühlt mich nicht auf, verunsichert mich nicht, schleudert mich nicht in gefährliche neue Zusammenhänge, und wenn ich das so ausdrücklich sage, ist das auch kein Abwehrreflex, kein Klammern an den Strohhalm des geschlossenen Kunstwerks, whatever.
Alles, was Sie hier bislang über den Roman gesagt haben, zeigt mir, dass Ihre eigene Textmaschine gut geölt ist, und dass Sie für Ihren neuen Roman unter Frankfurter Hooligans recherchieren, ist sicher verdienstvoll; aber ein neues Licht auf US wirft das für mich auch nicht. Vielleicht könnten Sie ja einmal ausführen, was genau es heißen soll, wenn Sie sagen, das Buch wolle “experimentell erprobt werden”. Ist das lebensweltlich gemeint, auf die Schreibpraxis bezogen, oder auf das Lektüreverfahren? Das leere Zentrum und die Peripherie? Das führt mir der Stadtplan von Tokyo sinnfälliger vor Augen. Mir leuchtet ja ein, dass eine gewisse Lust darin liegt, Ihre Theorie mit literarischen Texten zu füttern, und es gibt ja auch Fälle, wo Literatur und Theorie sich gegenseitig befruchten und erhellen, aber bislang scheint es mir, als käme bei diesem Buch nicht sehr viel dabei raus. Genau genommen schneiden Sie sich mit Ihrem Verfahren ins eigene Fleisch: Indem Sie diverse Versatzstücke des Poststrukturalismus an US herantragen, verringern Sie sogar noch das Interesse an der Lektüre des Buches, weil der Roman in diesem Licht einen rein illustrativen Charakter bekommt, als wäre er ein bloßes Supplement zu diesen Theorien. Vielleicht ist er das ja sogar, vielleicht ist er deshalb so uninteressant: weil er die Literatur nicht als eigenständiges Erkenntnismittel ernst nimmt, sondern als bloßes Instrument der Ausführung einer andernorts schon formulierten Idee. Und vielleicht, ich verfeinere meine anfängliche These, sind die Kollegen deshalb abgesprungen, weil sie gemerkt haben, dass hier jemand bloß einer Theorie hinterher schreibt, anstatt – und Literatur kann das in der Tat – Texte zu produzieren, deren Theorie erst noch geschrieben werden muss.

Avatar

Stephan Bender

13. November, 2009 um 17:06

“Es funktioniert besser, wenn man es einhämmert.” (SATTINGERs LAW)

Nochmal: “Infinite Jest” ist eine bereits 1996 erschienene, beißende Satire auf die Gegenwart. Es ist eine politische Reportage, wenn man so will, aber sie ist völlig ungeeignet für dumpfes, deutsches Brüten über die Abgründe der Literaturtheorie, Poststrukturalismus oder andere neurotische, in wissenschaftlichen Sprachgebrauch gegossene Selbstdarstellungsarien. Man kann sagen, ob einem das Buch gefallen hat oder man gar für das eigene Leben Erkenntnisse gewonnen hat oder anderen von den irrsinngen Plots erzählen, aber man kann bestimmt einen Geniestreich wie “Infinite Jest” nicht in die Seele der deutschen Volksgemeinschaft integrieren.

Niemand ist je auf die Idee gekommen, Huxleys “Schöne, neue Welt” nach deutschen Literaturkriterien zu untersuchen. Keine Frauenbewegung hat sich auf “Garp und wie er die Welt sah” berufen, obwohl in diesem Buch zum ersten Mal eine starke Übermutter auftritt, wie sie heute gang und gäbe ist. Und wenn ein deutscher Autor im Jahre 2009 nicht mindestens mit dem Titel “Sport ist Mord, Massensport ist Massenmord!” antritt, soll er bitte an ein Fließband gehen und sich irgendwie anders für die Gesellschaft, in der er lebt, nützlich machen.

Avatar

Aléa Torik

14. November, 2009 um 10:57

Lieber Herr Jerkoff, kein Säureausweicher, aber Organigrammbenötiger der Sonderklasse!

Ich bitte, die kleine Verspätung in der Beantwortung Ihres Kommentars zu entschuldigen. Ich musste Hausarbeiten machen und ich und Hausarbeiten, wir haben ein Kompatibilitätsproblem. Irgendwelche Aminosäuren haben sich da offenbar nicht in der nötigen Eindeutigkeit miteinander verbunden. Die Aminosäure beispielsweise, die für das Spülen zuständig ist, die habe ich gar nicht. An dieser Stelle in meinem Erbgut herrscht einfach nur Leere. Ich habe da auch nichts anderes. Ich stehe einfach nur mit einer gewissen Ratlosigkeit vor dem größer werdenden Berg und in dem Maße wie er größer wird, wird auch meine Ratlosigkeit größer wie nun damit zu verfahren ist. Es schlägt zum Glück nie in Panik um. Eher in Gleichgültigkeit.

Das Thema, das Sie da andeuten, man liebt jemanden so, dass es wehtut, kann aber nichts tun außer da sein und zuhören, dass kenne ich auch. Das ist ein wichtiges Thema, aber hier nicht der richtige Ort dafür.

Was DFW da zum Schicksal formuliert, das finde ich ausnahmsweise einmal nicht so überzeugend. Vielleicht hatte er doch keinen Begriff davon. Oder ich habe keinen. Oder womöglich ist die Auffassung von Schicksal bei ihm an anderen Orten zu finden, vielleicht dort, wo er sich über die Anhedonie ausläßt?

Sie sprechen da etwas sehr Wichtiges an, was ich auch bereits des Öfteren dachte, und was ja auch in meinem obigen Artikel zur Sprache kommt: dass Menschen sich durch die Blicke (und Erwartungen) anderer verändern. Diese Theorie, die so genannte Unschärferelation schient weniger eine Theorie der Physik ist als eine allgemeine Beobachtung, eine Theorie des Menschen. Wie Leute in die Kamera schauen, so würden sie unter anderen Umständen niemals schauen. Und wie wir uns verändern und damit meine ich nicht nur in der Körperhaltung, sondern sozusagen organisch, von Welle zu Teilchen (Sie sprechen von den Wellen der Erregung), weil wir Erwartungen entsprechen oder sie abweisen wollen.

Mit dem Handtuch in den Kabinen der Männer, das hatte ich nicht verstanden. Ich weiß nicht, was Männer miteinander machen, wenn sie untereinander sind (also, wenn keine Frauen dabei sind). Und dass Männer anders sind, wenn keine Frauen dabei sind, weiß sogar ich, die ich, das gar nicht wissen kann, weil ich ja nicht dabei bin. Wir müssen Heisenberg also an dieser Stelle erweitern: die Dinge verändern sich sogar, wenn man nicht zuschaut, sondern den Blick nur imaginiert. Und wir erwarten natürlich auch den Nobelpreis dafür. Heisenberg hat ihn für den ersten Teil der Theorie bekommen, wir bekommen ihn für die Erweiterung. Also: nächstes Jahr in Stockholm (ich bring das Bier mit).

Da haben Sie übrigens zu den Griechen noch eine sehr schöne Stelle ausgegraben!

Hochachtungsvölligst
A.T.

Avatar

Aléa Torik

14. November, 2009 um 10:58

Lieber Thorsten Krämer!

Sie haben hier in letzter Zeit einige Gedanken geäußert, die mir gefallen haben. Was die Einschätzung von US angeht, liegen wie allerdings weit auseinander. Aber mir können durchaus Meinungen gefallen, die nicht mit meiner eigenen identisch sind. Meistens gefallen mir die sogar besser, nicht weil ich meine eigenen für falsch halte, sondern weil ich mich dann an denen der anderen reiben kann.

Obwohl ich deutsch erzogen worden bin (wenn man das so sagen kann), weiß ich auch, dass das Wort Deutschland für viele in Osteuropa einen Hauch von Schlaraffenland hat, und etwas von diesem Klang und der damit verbundenen Erwartung hatte ich ebenfalls, als ich hierhergekommen bin. Nun zeigt sich aber, dass Deutschland möglicherweise das Land der Shoppingparadiese ist. Aber es ist nicht das Land, in dem sich die Büchertische der Buchhandlungen von guten Büchern biegen. Um ehrlich zu sein, war ich sogar ziemlich enttäuscht. Ich habe in meinen drei Jahren hier drei exzellente deutschsprachige Bücher gelesen (allerdings auch viele, die gute Ansätze hatten, gute Stellen, gute Worte, gute Sätze, gute Erzählgeschwindigkeiten und Verläufe, gute Anfänge und gute Enden, gute Mitten, gute Übergänge, gute Erwartungen und gute Enttäuschungen, guten Ideen, gutes Stocken, gutes Stolpern, gutes Stapeln (hoch und tief) gutes Verweilen etc.), aber auch tausend, die ich unerheblich fand. Tausend unerhebliche Bücher. Das ist eindeutig zu viel. Und auf den angesprochenen Büchertischen liegen zentausende davon (von denen die meisten, wie Sie wohl auch wissen, da nicht einmal liegen, die liegen bloß in irgendwelchen Verlagsarchiven). Von welchen guten Büchern sprechen Sie? Können Sie mir vielleicht weitere drei Titel nennen und drei Gründe?

„Das Buch wühlt mich nicht auf, verunsichert mich nicht, schleudert mich nicht in gefährliche neue Zusammenhänge“ Das sind ihre Worte. Und Sie formulieren damit einen Anspruch, den ich auch habe. Ich lese nicht aus Langeweile oder weil ich mit meiner Zeit nichts anderes anzufangen wüsste, sondern weil ich genau das erwarte, was Sie da formulieren. Sie sprechen von Texten, deren Theorie erst noch geschrieben werden muss: das ist eine hehre Forderung (nicht, dass wir uns hier falsch verstehen, wir sprechen dieselbe Sprache, wir sprechen von Texten, die irgendwie das, was sie machen, anders machen als bisher, die irgendwie neu sind, obwohl man ja auch nicht immer alles neu machen kann, von der Avantgarde). Welche Texte sind das?

Etwas anders prononciert: Muss man eigentlich alles neu machen? Muss es immer neue Erzählansätze geben? Ich kann auch ganz einfache Sachen lesen. Es muss nur gut geschrieben sein. Ich brauche nicht mit jedem neuen Buche eine neue Theorie, und auch keine Texte, die neue Theorien provozieren. Ich will bloß lesen. Aber wenn ein Text die erzählerische Kraft hat, eine Theorie nach sich zu ziehen, werde ich mich sicher nicht sträuben.

Avatar

achim szepanski

14. November, 2009 um 16:15

lieber herr krämer,
ich glaube nicht, dass wallace einer philosophie nachgeschrieben hat, aber die kastrationen dieser texte im betrieb sind doch nicht ganz andere als die an ihn herangetragenen ( was sich in zukunft als soll und debit eines schreibers/literaturwissenschtaftlers auszahlen wird) interpretationen, die im Moment diesen text anstatt zu öffnen eher schließen. wallace wie kafka durchzieht der kampf gegen interpretation und das urteil, wird hier immanent durchbrochen und was gezeigt wird, ist ein eigenständiger prozeß gegen und mit der verschleppung des endes, das immer pradoxerweise offen ist und nicht . man wird durch diesen stil provoziert und liefert dann seinerseits suplemente, das wäre dann ja erst in zukunft zu tun… wie bei c.s. hier werden fraktale zitiert, bei wallace selbst erwähnt, z.b. die korrespondenz zur nordwestküste bei serres deutlich werdn lässt, zu quebec. nein, die fluchtlinien in den texten, der praktik der texte und der des sichtbaren, was sie evozieren, zu zeigen, dass das sichtbare als sichtbares einem horizont nur entspringen kann, wenn sich nichtsichtbares zurückgezogen hat, damit sichtbares überhaupt gegeben werden kann. das versucht u.a. diese literatur zu zeigen. oder das nicht sagbare zu sagen…stileffekte, die erregungszustände provozieren, die in weiteren texten und real, immer der trennung gewiß, provoziert werden können oder auch nicht (mal ganz kryptisch)

Avatar

achim szepanski

14. November, 2009 um 16:33

ein text, der weiterhilft auf dem weg zwischen genesung und selbstmord: http://www.momo-berlin.de/Ott_Deleuze_Kritik.html

Avatar

achim szepanski

14. November, 2009 um 17:15

umd zum dritten ( diese typen von kiwi, die zeitgleich zum thema einen christlichen bittsteller wie wallraff veröffentlichen und vermarkten, der den staat von seinen letzten staatsbürgerlichen notwendiglkeiten entlasten will; den kiwi typen ist wallace so fern wie der mars);
aus welcher einbildung deutscher schritsteller kommt diese distanz zu wallace: aus den total absurden eros schriften eines herbst, aus den cut-copy-paste ideologien der deutschen popliteratur a la meinecke und seinen neo existenzialisten a la goetz, aus der gar nichts drastik dath, geschmückt mit lenin zitaten oder aus dem trend, an dem kiwi gut pratizipiert, zitiere jetzt einfach bittermann:
Frau Schmidt hatte ein Aneurysma, und das ist das, was in Deutschland immer mehr Konjunktur kriegt. Der Spiegel-Reporter hatte mit seinem Krebs schon einen Hit gelandet, und Sarah Kuttner ist mit ihren Depressionen schon seit Wochen auf der Bestsellerliste. Krankheiten, möglichst mit tödlichem Ausgang, das ist der Stoff, aus dem hierzulande die wie geschnitten Brot sich verkaufende Literatur gestrickt ist, und das ist nichts für harmlose und wehleidige Hypochonder, da geht es ganz existentiell zur Sache. Nachdem der Atomschlag, die H-Bombe und wie die Weltuntergangsszenarien alle hießen, ausgeblieben sind, konzentriert man sich in Deutschland auf den Feind im Innern, auf die tödliche Krankheit, auf die Seuche, und am besten ist es, wenn einer durchkommt. Diese Literatur kann seine thematische Nähe zum Arzt-Roman nicht leugnen, und damit haben sich U- und E-Literatur endlich wiedervereinigt. Und das ist doch schön. Und prompt ist Frau Müller krank geworden. Sie mußte eine Lesung in der europäischen Kulturhauptstadt Essen absagen, wahrscheinlich weil sie für ihren nächsten Roman recherchiert, in der ein tödlicher Virus die Hauptrolle spielen wird.

Avatar

Guido Graf

14. November, 2009 um 17:45

was ich mir immer noch nicht so recht erklären, lieber Herr Szepanski – bislang haben Sie es ja auch vermieden, darauf einzugehen -, woher Sie diese – nennen wir es mal – “Gewißheit” nehmen, über den exklusiven Zugang zu Wallace (via Ihres exklusiven Zugangs zu Deleuze, vermute ich) zu verfügen. Was sagt Ihr Argument, das auf den Gemischtwarenladen Verlag zielt, aus? Es gibt die wahre und die falsche Lektüre? Wenn jemand über solch oberflächliche Enge hinausweist, doch vermutlich Wallace, oder?

Avatar

Aléa Torik

14. November, 2009 um 18:22

Lieber Herr Szepanski!

Dieser exklusive Zugang zu Wallace, oder zu wem auch immer, würde mich auch interessieren. Sie sagten einmal „der Text will nicht ausgelegt werden“. Woher wollen Sie das wissen? Und legen Sie den Text nicht ebenfalls aus, wenn Sie dies behaupten? Wenn der Text, diese toten Buchstaben, irgendetwas würde wollen können, dann würde er die Auslegung wollen. So interpretiere ich die Sache. Mit demselben Recht, mit dem Sie dieses Tabu formulieren. Nur, dass ich einen offenen Zugang formuliere und Sie einen hermetischen. Ich empfinde das Anbeten von Götzen, Wallace oder Deleuze, als eine Frage des Glaubens. Und das ist nicht meine Sache.

Avatar

platero y yo

14. November, 2009 um 18:32

Liebe Frau Torik,

die drei erwähnten excellenten deutschsprachigen Bücher würden mich namentlich wirklich sehr interessieren. Wollen Sie uns vielleicht teilhaben lassen?
Danke!

Avatar

Aléa Torik

14. November, 2009 um 18:56

Sehr geehrter Herr NO!

Wo stecken Sie eigentlich? Ich hatte einen Kommentar Ihrerseits erwartet. Sie werden doch nicht etwa aus der Lektüre herausgefallen sein. Sie hatten, wenn ich mich recht erinnere, den Aufstieg geplant, nicht den Niedergang.

Avatar

Thorsten Krämer

14. November, 2009 um 19:18

Lieber Achim Szepanski,

vielen Dank für den Link. Einige Stellen darin entsprechen genau dem Problem, das ich in Ihren Einlassungen sehe:
“Ein Denken, das sich freiwillig unter eine übergeordnete Instanz, und sei es die Teleologie zunehmender Vervollkommnung seiner selbst stellt, hat in Deleuzes Augen bereits kapituliert.”
Ist das nicht genau das, was Sie hier anhand von DFW mit der Philosophie von Deleuze unternehmen? Es ist für mich kein Zeichen von Entunterwerfung, bei Deleuze vorgefundene Interpretationsansätze und –techniken in einer Art Endlosschleife auf immer neue Gegenstände zu applizieren. Dass es all diese Zusammenhänge gibt, von denen Sie sprechen – das Sichtbare und das Unsichtbare, die Verschleppung des Endes, etc. – stelle ich doch nicht in Frage; gerade ein Öffnen des Textes aber von US aber ermöglichen sie meiner Meinung nach nicht.
Zur Ihrer Methode noch ein Satz aus dem Ott-Text:
“Mit dem Denken dem Leben gerecht werden, ein »lebensmächtiges« Denken entwickeln – dieser antikantianische »Imperativ« verlangt nicht nur, Ungedachtes und Undenkerisches zum Denkanlass zu erheben und dessen Vielfalt anzuerkennen, sondern im Denken selbst Vielfalt zu produzieren.”
Vieles von diesem einstmals Ungedachten ist inzwischen allerdings gedacht, und Sie verkennen das Prozesshafte dieses Denkens, wenn Sie unter der Hand an der Produktion einer neuen Reinen Lehre mitwirken, die dieses Ungedachte nur inhaltlich fasst und sogar bis in die Begrifflichkeiten hinein sklavisch genau der Instanz folgt, die eigentlich Schluss machen wollte mit den Instanzen – auch so ein Ende, das immer weiter verschleppt wird. Oder ist das angewandter Masochismus im Denken, der erst zur inneren Freiheit führt? “Seid Vielheiten” meint aber doch sicher mehr als “seid Deleuze”, oder?

Gerade Kafka stößt den Leser doch deshalb auf das Unsichtbare, weil seine Texte und seine Sprache so unglaublich luzide sind. Er erzählt alles, was es zu erzählen gibt, es gibt entgegen der landläufigen Meinung ja überhaupt nichts Verrätseltes an Kafka, die Dinge sind so, wie sie sind, alles liegt offen vor dem Leser. Und doch –
Genau dieses ‘Und doch’ kann Wallace nicht evozieren, da er statt dessen auf Verrätselung setzt, Idiosynkrasien und Manierismen einführt, durch schiere Masse zu überwältigen sucht. Nun gut, aber ist vielleicht gerade das der Weg, um das inzwischen kanonisierte Verfahren Kafkas zu aktualisieren, eine Art Anti-Kafka, der allein die Potenz hat, heute noch ähnliche Wirkungen wie Kafka herbeizuführen? Schön wär’s. Ich befürchte aber, dass diese Herangehensweise eher als literarisches Phänomen denn als Lektüreerlebnis interessant ist, ganz einfach, weil sie beim Lesen eine andere Art der Friktion bewirkt. Bei Kafka entsteht diese auf einer ganz anderen Evidenzebene; bei Wallace braucht es schon viel guten Willen auf Seiten des Lesenden.

Avatar

Thorsten Krämer

14. November, 2009 um 19:42

Liebe Aléa Torik,

vielen Dank für Ihre freundlichen Worte. Natürlich ist das mit den Texten, deren Theorie erst noch geschrieben werden muss, eine Maximalforderung; aber ohne diesen Anspruch wird es andererseits ja auch schnell fad.

Eigentlich soll es hier ja um Wallace gehen, aber da Sie mich so direkt danach fragen, von welchen guten Autoren ich spreche, möchte ich Ihrer Bitte gerne nachkommen:

Lesen Sie Roberto Bolano, weil Sie dort auf eine Lebendigkeit und Vielfalt stoßen, die Ihre eigene Lust am Schreiben beflügeln wird;
lesen Sie Oe Kenzaburo, weil dort in völliger Gelassenheit die schwierigsten erzählerischen Probleme gelöst werden;
lesen Sie Gabriel Josipovici, weil er einer der wenigen Autoren ist, die einen Weg gefunden haben, die literarische Moderne auf Augenhöhe mit der Dekonstruktion fortzuführen;
lesen Sie Donald Barthelme, weil er so überbordend witzig ist und obendrein noch brillant.

Ich kann Ihnen auch gerne noch ausführlichere Gründe als diese Klappentexte nennen, aber ich fürchte, das sprengt dann hier doch den Rahmen.

Avatar

Aléa Torik

14. November, 2009 um 20:16

Liebe/r platero y yo!

Ja, das mache ich, aber nicht ohne Bauchschmerzen. Buchempfehlungen sind schwierig. Ich habe gerade ein Buch rezensiert. Drei Mal habe ich es gelesen, drei Tage an dem Text geschrieben und dann hat es drei Wochen herumgelegen, weil ich mit Skrupeln zu kämpfen hatte. Letztlich ist eine Rezension eine Leseempfehlung und man trifft mit seinem eigenen Geschmack, und nicht nur mit seinem wohl erwägten und begründeten Urteil, auf den eines anderen. Ich bringe meine eigene Lesehistorie mit und ein andrer die seine oder die ihre. Ich kann nicht mit jedem Urteil, das eben immer auch ein Geschmackurteil ist, gleich eine Beschreibung dessen mitliefern, wie dieser Geschmack zustande gekommen ist, in meinem Fall eben durch ein Studium der Literatur. Darum mit ein bisschen Bauchschmerzen.

- Barbara Bongartz, „Örtliche Leidenschaften“

- Rolf-Dieter Brinkmann, „Rom, Blicke“

- Albert Vigoleis Thelen, „Die Insel des zweiten Gesichts“

Das sind drei Bücher, die in dieselbe Gewichtsklasse fallen wie das vorliegende. Ich lese auch gerne einfachere Sachen, dies sind nun einmal drei komplexe. Es sind Bücher, aus denen man reicher herauskommt als man in sie hineingegangen ist. Das ist wohl ungefähr das, was „Klausi“ meinte, als er über US sagte, dass man danach ein anderer sei. Bücher, die den eigenen Geschmack verändern. Und das ist für mich das größte Kompliment, das ich einem Buch machen kann.

Avatar

Aléa Torik

14. November, 2009 um 20:17

Lieber Thorsten Krämer!

Vielen Dank auch für Ihre freundlichen Worte. Sie haben Recht, es soll um Wallace gehen und wir halten die anderen Dinge hier an kurzer Leine. Das ist eine sehr internationale Liste. Roberto Bolano ist sowieso der Nächste auf meiner eigenen Liste. Kenzaburo Oe habe ich gelesen, die Trilogie um Bruder Gii. Ich sehe auch die schwierigsten erzählerischen Probleme, ich schätze nur die Lösungen nicht so ein wie Sie das tun. Die anderen Empfehlungen kenne ich überhaupt nicht. Dafür danke ich herzlich! Meine deutschen Favoriten können Sie in meiner vorhergehenden Antwort auf platero y yo einsehen.

Avatar

thorstenkraemer.de » Blog Archive » Neue Texte online

14. November, 2009 um 20:52

[...] im Goldenen FischBeiträge zum 2666-Blog zu BolanoAktuelle Diskussionen bei unendlicherspass.de: hier und [...]

Avatar

achim szepanski

14. November, 2009 um 22:39

Hallo Herr Krämer,
ich habe bei den ersten Einlassungen hier auf Michel Serres verwiesen, und wenn ich nun bei Clemens Setz den Hinweis lese, dass Wallace selbst US in der Form eines Fraktals denkt, dann klingeln doch sozusagen alle Glocken. Was passiert da z.B. im Eschaton Spiel, an der Grenze zwischen Kartographie und den subjektiven Erfahrungswelten der Datierungen? Und was passiert, wenn man immer wieder festsitzt? Serres bschreibt das in Bezug auf die Nordwestpassage, wenn man plötzlich dort gefangen sein kann. »Sie sitzen fest, zehn Minuten, zehn Stunden, vier Tage oder neun Monate. Die Zeit beginnt den Raum nachzuahmen, wie das Eis eben noch die Karte nachahmte. Karten übereinander getürmter, der Größenordnung verlustig gegangener Räume, auf denen die Komplikation als Zufallsvariation festgehalten ist.« Merkwürdig gefangen in etwas, was vom Verlauf her doch dem (fraktalen) Flug der Fliege ähnelt. Wo die Fachsprache der Philosophie an ihre Grenzen gerät, die Philosophie unter ihrer eigenen Überwachung nur noch weiß, dass die Literatur imer schon weiter ist, gilt es in der Tat eine Literatur zu schreiben, die unter einem anderen Typus von Überwachung bzw. der Entunterwerfung steht, und zugleich die Rolle der Übersetzungen und Transporte zwischen Philosophie und Literatur neu zu denken, die von seiten der Philosophie zweifelsohne dort liegen, wo sie Begriffspersonen schöpft. Auf Wallace bezogen heißt m.E. die Form des Fraktalen, wobei wie in den Kafka Schriften von Deleuze/Guattari die Unterscheidung von Form und Materie an die Stelle von Struktur und Sinn tritt, dass er ähnlich wie in der Mathematik der Fraktalen unendlich lange Wege erfindet, die allerdings hier zu keinem Ziel führen, Koch Kurven, Welten aus Lücken, voll von Leere und erfüllt von Lücken als den Bildern der reinen Differenzen, die seltsame Netze bahnen, in denen man festsitzt, Verzweigungen, die immer wieder gefrieren. Die Trassen, die Wallace schlägt, sind Präpositionen, die jeder Position, also auch der philosophischen vorgängig sind. Sie sind aleatorisch, unendlich in ihren Variationen, und Wallace versucht jenseits von Verrätselungen und Manierismen vielleicht so etwas zu erschaffen, was der noveau roman in Ansätzen geschaffen hat, nämlich, eine Art kristalline Beschreibung, die den paradoxen Effekt zeitigt, die Kluft zwischen Sprachlichem und Nichtsprachlichem immer neu auszuloten, indem eine Sache möglichst detailliert, in all ihren Aspekten beschrieben wird, womit sowohl die Konturen des sprachlichen Verweisungszusammenhangs als auch die gegenständlichen Konturen ins Schlingern geraten. Wallace schreibt eben z.B. nicht Dreieck, sondern Sierpinski Dreieck, Schminkspiegel anstatt Spiegel etc. Er präzisiert ständig, in Anlehnung an Serres könnte man sagen, dass der durchschnittliche Leser sich darüber beklagt, dass er im Wörterbuch nachschlagen muss, doch der Psychologe oder der Marketingexperte freuen sich, dass man sie respektiert (und nicht respektiert, da beginnt eben der Einsatz des Humors oder der Ironie). Wallace huldigt hier einer Vorliebe, die schon eine von Victor Hugo war: dem alten Wörterbuch eine Jakobinermütze aufsetzen. Das sind eben gerade kein Verrätselung-, sonder Enträtselungverfahren, hier wird der Notwendigkeit Rechnung getragen, ein lokales Vokabular zu entwickeln, um »möglichst nahe an das Biest heranzukommen.« Das mag beim Lesen wehtun, aber gleichzeitig entbergen sich hier doch Lernprozesse, wenn man sie denn beim Lesen mitmachen will, und ganz große Aha-Effekte. Der paradoxe Effekt einer solchen Beschreibung mag darin bestehen, den Gegenstand als dinglichen und sprachlichen zu erschaffen wie zu tilgen, heißt, die unendliche Singularität der Dinge kann durch ein endliches sprachliches System, hier der Roman, nie materialiter abgebildet oder verdoppelt werden, ohne dass die gesamte Sprache als Bezugssystem herangezogen werden müßte und als Differenzsystem seine Funktion verlieren würde. In diesem Paradox hängt der unendliche Spass, und was hier wie bei Kafka zählt, ist, dass der Roman der Wiederkehr des Realen und der Materie Rechnung trägt, indem er maschinelle Agencements fabriziert. Bei Wallace wie bei Kafka gibt es keine bloße Evidenz, sondern a)die Verfremdung ( nicht Verrätselung) der Verkehrs- und Staatssprachen (Wallace muss im Zuge der Komplexität der gegenwärtigen Diskurs- und Blickregime und der Figuren des leeren Sprechens einen entscheidenden Schritt weitergehen), b) die Konnektion und Übertragungen individueller mit politischen Ereignissen, c) die Integration der individuellen Äußerungen in kollektive, d.h. z.B. technische Strategeme, psychatrische, athletische sowie Diskurse jeder Art. Das Ereignis in der Literatur hat immer im Zwischenraum von Transkription und den verschiedensten Verfahren der Demontage ( das Groteske, Ironische, Humoreske etc) statt. Die Diagnostik all der diabolischen Mächte, die uns erwarten, die Deleuze/Guatarri Kafka zuschreiben, wäre an einer Wallace-Analyse neu zu explizieren. Auf eine reine Lehre kann dabei ohne weiteres verzichtet werden.

Avatar

Aléa Torik

15. November, 2009 um 10:57

An alle, einzelne, einen oder eine!

Ich muss um Hilfe bitten: Was ist zwischen Hal und Mike Pemulis geschehen, dass die beiden nicht mehr miteinander reden? Oder Hal jedenfalls dem Gespräch ausweicht, das Pemulis mit ihm führen möchte (S. 1302 f.). Vielleicht mit Seitenangabe? Danke!

Ich bin in einer katastrophalen Stimmung. Es liegen keine zehn Seiten mehr vor mir und ich fürchte, es endet nicht so wie ich mir das ausgerechnet habe. Das macht mich nicht froh. Das macht mich krank. Das Buch ist allerdings auch nicht mehr in einem Zustand, in dem ich es umtauschen könnte.

Avatar

platero y yo

15. November, 2009 um 12:08

Liebe Frau Torik,

bitte keine Bauchschmerzen, das wollte ich auf keinen Fall, das ist es nicht wert, nicht mal die beste Literatur, kein Wallace, kein Kafka! Aber herzlichen Dank für Ihre Antwort. 66,6% Ihrer Liste sind mir zumindest halbwegs geläufig, und die Barbara Bongartz werde ich mir auf jeden Fall demnächst bei Gelegenheit mal genauer anschauen, da ich Ihre Einlasssungen zur Literatur hier sehr schätzen gelernt habe. Vielleicht treffen wir uns ja bald wieder im virtuellen Raum anlässlich von 2666, dazu gibt es ja auch einen Blog und ich finde es ein bischen schade, dass das so parallel stattfindet. Ich denke in anderen Bereichen hätte die Wirtschaft den Synergieeffekt ganz anders ausgeschlachtet; dafür können Sie Montag in einer Woche im LCB teilhaben, wenn die beiden Übersetzer Herr Blumenbach & Herr Hansen quasi in einer Art Matchrace aufeinander losgelassen werden. Viel Vergnügen wünscht Ihnen dabei platero (aka Jens-ich oute mich hier mit einem Teil meines bürgerlichen Namens, damit Sie nicht mehr so gender-betreffende Trennzeichenverrenkungen veranstalten müssen)

Avatar

Clemens Setz

15. November, 2009 um 12:33

Liebe Aléa Torik!

Ich glaube nicht, dass irgendetwas zwischen Pemulis und Hal vorgefallen ist. Hal zieht sich zu diesem Zeitpunkt der Geschichte immer weiter in sich selbst zurück. Der Marihuana-Entzug macht seinen Verstand gleichgültig, desorientiert, detailversessen, labyrinthisch. Er nimmt seine Umwelt in erster Linie auf eine geometrische Weise wahr, verwendet sehr viel Beschreibungsraum für Muster, vertikal-vs.-horizontal, Farben (”Folgende Dinge im Raum waren blau”) etc.
Pemulis geht zu Hal um mit ihm über seinen bevorstehenden Rausschmiss (den Pemulis durch Erpressung von Avril Incandenza, siehe die Szene auf S. 797, versucht hat zu umgehen, erfolglos, wie man in Fußnote 332 erfährt) und, vielleicht, auch über das DMZ zu reden, das Pemulis in einem alten Turnschuh hinter einem Deckenpaneel versteckt hat. Vielleicht will er von Hal erfahren, ob er sich für ihn bei seiner Mutter einsetzen kann. Und in diesem Zusammenhang möchte er ihm wohl vom Verhältnis zwischen Avril und John Wayne erzählen, als er beginnt: “Die (dreißig Tage Aufschub) haben wir nicht durch Geplauder bekommen, Inc, darum geht’s ja gerade.”
Aber Hal ist im Augenblick einfach nicht aufnahmebereit. Nicht einmal Ortho Stices Verlust seines halben Gesichts an eine gefrorene Fensterscheibe kann ihn irgendwie berühren. An einer Stelle des Dialogs heißt es: “Ich langweilte mich. Ich wusste nicht, wann Pemulis mich je gelangweilt hatte.” Eine universelle Indifferenz ergreift langsam von ihm Besitz. Sie wird ihn bis ins Jahr des Glad-Müllsacks begleiten (siehe die ersten Kapitel des Buches, die chronologisch nach den letzten Kapiteln stehen), wenn auch vielleicht in etwas abgewandelter Form.

Avatar

Guido Graf

15. November, 2009 um 13:21

hierzu empfehle ich mal die Seiten 981 ff. und dann die merkwürdige Endnote 278.

Avatar

platero y yo

15. November, 2009 um 13:33

Lieber Herr Setz,
und da heißt es immer Hasch macht gleichgültig(Sie kennen bestimmt den Witz, in dem der Kiffer mit dieser Aussage konfrontiert mit einem “ist mir doch egal” anwortet-steht das auch irgendwo im Buch oder wurde es im Blog schon mal erwähnt, oder wie komme ich jetzt darauf?), und jetzt interpretieren Sie das im Gegensatz dazu, dass es eben der Entzug der Substanz ist, der die Gleichgültigkeit verursacht. Und widersprechen sich nicht Gleichgültigkeit und Liebe(oder Versessenheit) zum Detail?

Avatar

Clemens Setz

15. November, 2009 um 14:23

@ platero y yo

Ja, stimmt, Gleichgültigkeit war vielleicht der falsche Ausdruck. Eher eine Art totaler Abstraktion, wo alle Menschen sich in Köpfe und Körper verwandeln, in einzelne Formen, die sich berühren oder miteinander verschmelzen.
Ich kenne mich mit Marihuana-Entzugserscheinungen nicht aus und auch im Roman wird klar gemacht, dass das mit dem Marihuana-Entzug ja nur Hals Interpretation seines Zustands ist. Aber es könnte natürlich auch sein, dass er vielleicht gar nicht weiß, was wirklich mit ihm los ist und was der wahre Grund für diesen Verlust von Mitgefühl und Miterleben hervorruft. Es könnte auch an dem DMZ (und dem DMZ-verwandten Schimmelpilz liegen, den er als Kind gegessen hat) liegen. Ein paar Seiten nach dem Dialog mit Hal sieht Pemulis in seinem DMZ-Versteck nach und es ist nicht mehr da. Wer hat es genommen?

@ Guido Graf
Sie machen mich neugierig, wo könnte denn die Verbindung zwischen der Geschichte von Matty Pemulis und Hals abweisendem Verhalten geg. Michael Pemulis liegen?
Und wer spricht die Endnote 278? Mike? Oder sein Bruder? Oder ein über seine eigene Nebenfigur (Mrs. Pemulis) wütend gewordener Erzähler?

Inzest und Missbrauch ist ein Subtext des Romans, der zwar nicht durchgehend präsent ist, aber immer wieder durchblitzt. Ein klares Bild ist für mich allerdings nicht entstanden. Eine Zeitlang habe ich vermutet, dass der Name, den Avril Incandenza in die beschlagene Fensterscheibe ihres Wagens malt, Orin ist, dann habe ich gedacht, vielleich C.T., aber dann habe ich auf den “islamischen Dr. med” (im kurzen Avril’s-Liebhaber-Katalog auf S. 1375, der erklärt, dass Hal sogar von John Wayne gewusst hat) getippt, der möglicherweise vom ödipal inspirierten Orin die US-Patrone zugeschickt bekommt.
Jetzt bin ich ein wenig abgeschweift, aber mir fällt dazu eine Frage ein, die ich bisher nicht gestellt habe. Sie kennen den Roman ja sehr gut – Haben Sie vielleicht eine Idee, was es, in Zusammenhang mit der beschlagenen Fensterscheibe und Avrils Untreue, mit den Bemerkungen Hals auf sich hat, er habe einmal ein Messer und einmal das Wort “Messer” auf einem beschlagenen Spiegel gesehen? Vielleicht irgendein Verdrängungsmechanismus, ein vergessenes Wort, das sich auf “Knife” reimt oder so…?

Avatar

Aléa Torik

15. November, 2009 um 14:59

Lieber Guido Graf, lieber Clemens Setz!

vielen Dank für die Anregungen. Meine Irritation betrifft offenbar nicht nur das Verhältnis der beiden Freunde, sondern die gesamte Gestaltung des Endes, sagen wir der letzten dreihundert Seiten. Die Gegenüberstellung / Konfrontation / Parallelisierung von Gately und Hal empfinde ich noch als gelungen, aber die Fixierung auf Gately und Fackelmann empfinde ich als ausgesprochen misslungen. Ich würde doch gerne noch etwas mehr zu dem Tennismatch zwischen den Rollstuhlspielern aus Kanada und den E.T.A. Spielern erfahren und der Jagd auf die Unterhaltungspatrone. Das sehr moderate, verglichen mit dem Amputation der Zehen des Technikers vom M.I.T., Interview mit JvD gefällt mir auch nicht. Es sind so viele Erzählstränge offen. Das ist natürlich auch ein Kniff von DFW. Das zwingt Leser und Leserin zum Anfang zurück. Eigentlich brauche ich jetzt das Teppichmesser und dann schneide ich mir das mal chronologisch zurecht. Weil sie, die fehlenden Informationen, dann vermutlich zutage treten. Oder doch einige zumindest. Ich war nach den letzten Seiten, diese erneute Andeutung orgiastischer Gewalt, ich war froh das Ding zuklappen zu können. Das war das erste Mal, dass ich froh war mit der Lektüre aufhören zu können. Das eigentliche Gefühl ist ein anderes: mir fehlt gerade etwas. Ich weiß allerdings nicht genau was das ist. Es ist nicht das Buch! Mein nächster Beitrag ist jedenfalls im Eimer!

Avatar

Guido Graf

15. November, 2009 um 15:27

ursprünglich war die Endnote 278 der letzte Absatz der Geschichte von Matty Pemulis; Matty ist der ältere Bruder von Mike Pemulis und diese Geschichte wird von jemandem erzählt, der mehr von der Familie Pemulis weiß als die über sich selbst; und ja, Wut ist hier wohl auch im Spiel; schließlich gibt es ja auch eine Auseinandersetzung, die in Endnote 321 ausführlich erzählt wird; und da geht es u.a. um Väter und die Wahrheit, für die ein Teil des Selbst sterben muss; und in diesem “nichtöffentlichen” Raum, in dem Hal das Wort Messer auf einem beschlagenen Spiegel liest, ist auch Mike Pemulis anwesend; außerdem kann die Passage am Anfang, als das Wort “Messer” erstmals erwähnt wird, mit den anderen aneinander gereihten Details auch als eine Art geraffte Zusammenfassung gelesen werden von dem, was dann kommt -

Avatar

wolf schwarzkopf

15. November, 2009 um 17:55

und er hat “ich werde infantofil” gesagt, vor dem beschlagenen spiegel mit dem wort “knife”, also hal jetzt.
- korrespondenzszene, in der pemulis hal die mathe-mittelwert-integral-geschichte erklärt,
es ist die buchseite mit den zeichnungen. hat er nicht hals schwanz berechnet?
und der verweis beschlagener spiegel+wort referiert mit dem spiegel als quadr. format und nicht mit dem was man unmittelbar sieht? (wenn der spiegel klar ist oder die fensterfront vom wagen, sieht man nur sich selbst im quadrat.
- pemulis fliegt später von der schule, hal nicht
-ich seh das auch so, mit der absorbierenden abstraktion, die das empathische ausschließt und vielleicht das ende eines im anflug homoerotischen echos hal/pemulis beschreibt.
-hal hat keine liebesbeziehungen sonst.

Avatar

wolf schwarzkopf

15. November, 2009 um 18:49

ja, vergessen,
in @aleas “ungelungener” szene – fackelmann/gateley – kommen in gatelys schlußbild
zimmervierecke auf ihn zu. woher kommen die komischen zimmervierecke, fraktalisierter art, die sich zudem als spiegel erweisen? gedachte kubrickreferenz?

Avatar

Guido Graf

15. November, 2009 um 20:07

Auf Seite 1110 bezeichnet Hal Pemulis gegenüber Mario als Lügner:

»Ich habe jetzt also eine Untergruppe des Über-Ausklüglers eingeführt, den Lügner nämlich, der mal ein Über-Ausklügler war und irgendwann geschnallt hat, dass ihn die Rokoko-Verzierungen jedes Mal verraten haben, und jetzt hat er seine Taktik geändert und lügt kurz und knapp, fast schon gelangweilt, als wäre das, was er sagt, zu offenkundig wahr, um Zeit damit zu verschwenden.«

»Pemulis hätte dem Urologen da auf dem Klo Land verkaufen können, Troll. Es war ein unglaublich explosiver Augenblick. Ich hätte ihm das nie im Leben zugetraut, so ohne Nerven und magenlos. Er strahlte eine Art lustlosen Pragmatismus aus, den der Urologe schlechterdings zur Kenntnis nehmen musste. Sein Gesicht war eine heroische Maske.«

»Ich glaube, Troll, ich glaube nicht mehr an Monster als Gesichter im Fußboden, Wildkinder, Vampire oder so was. Mit siebzehn glaube ich heute, die wahren Monster könnten die Lügner sein, deren Lügen absolut nicht zu durchschauen sind. Die, die sich absolut nie verraten.«

So gesehen wird eigentlich klar, dass der Erzähler der Matty-Pemulis-Geschichte inkl. der empörten Endnote nur Hal sein kann.

Avatar

JesusJerkoff

15. November, 2009 um 20:42

Liebe Frau Torik,

das schäumt ja richtig über hier, ich faß’ mich kurz. Hat Lyle nicht gesagt, es ist nicht ratsam, mehr Hausarbeiten anzuhäufen, als solche, die das eigene Körpergewicht nicht übersteigen?

Bis überblicklich

Avatar

JesusJerkoff

15. November, 2009 um 21:59

Liebe Frau Torik,

Was mache ich mit meinem binären Begehren?

die neunzehn nulleins
und nullvier
traf einst im Walla’schen
Revier
ein zweiundzwanzig
achtundsechzig
fünfundsiebzig

in einem Tal

das war fatal.

genial, ein Gral,
der selten Licht erblickt.

Hätt’ je ein Immerauch gesagt,
so wurd’s mir zugetragen,
so hätt’ ich nur gelacht um dann zu sagen:
“Du träumst dir deine Träume nur.”

und wer von Morgenstern geklaut,
der wird verhaut!

ab da klemmt der Rückwärtsgang.

Schlafen Sie gut.

Avatar

Clemens Setz

15. November, 2009 um 22:39

@ wolf schwarzkopf

Die Zimmervierecke sind Spiegel, die später rund um Fackelmanns Kopf befestigt werden, sodass er von dem, was man ihm auf dem TP-Bildschirm vorspielt, nicht wegsehen kann. Es ist eine ziemlich brutale Hinrichtung, aber Gately kann ihm nicht helfen. Sein letzter Blick ist einer in den zufällig vorbeiwandernden Spiegel, aber anstatt sich selbst und seine Situation irgendwie zu erkennen, verliert er das Bewusstsein und erwacht wenig später am Strand.

Avatar

wolf schwarzkopf

16. November, 2009 um 11:47

@ clemens setz
danke, das ist mir entfallen, also doch clowork orange.
denken sie an gründe, wie
a) weil man sich eben nicht erkennt so dicht vorm spiegel, nicht erkennen kann?
(denken sie an die hier besprochene spiegelozillation, das messer und/oder das ich, hase/ente bei wittgenstein?)
b) als menschliche schwäche/angst gatelys?
c) das paradox, durch erkennen handlungsunfähig/gelähmt zu sein?

Avatar

NO

16. November, 2009 um 13:34

Liebe Alea Torik,

ich vermisse Sie (auch). Ich „stecke“ in Konferenzräumen und Besprechungszimmern, Büros und Kanzleien, bei Kollegen, Gegnern, Banken und Kaufleuten und verkaufe Unternehmen und backe also meine Brötchen, danke für die Nachfrage, ich war, als ich heute erstmals wieder einen kleinen Blick riskieren konnte, ein bisschen, darf ich das so sagen (?), gerührt und will Sie nicht ohne Zwischennachricht lassen: Nein, nein, nicht herausgefallen, nur abgelenkt.

Zwischendurch nur soviel, ich habe auch Verständnisprobleme: Ihr Thema (bzw. Ihr Ausgangspunkt schon in Chaos und Kosmos) ist Unendlichkeit. Ich aber tue mich schwer mit deren Bedeutung hier im Roman nicht und in dem Gegensatzpaar Enthüllung/Verschleierung bzw. Schönheit/Entstellung. Ja: Unendlichkeit und Schönheit haben beide Elemente der Maß-Losigkeit; ja: Die Gately/Joelle-Szenen bilden eine Liebesgeschichte (und die ist wunderschön erzählt, auch und gerade bei der Verwundung des Dons, der ihren Geruch wahrnimmt); ja: Schön ist man immer nur in den Augen der Betrachter. Aber erklärt das etwas?

Vielleicht ist deswegen nach wie vor mein Thema ist Erlösung. Wenn Joelle den Schleier ablegt, liebt sie, da wäre ich bei Ihnen, aber für mich geht es genau darum, nicht um Undendlichkeit. Ich verstehe das unendliche Spaßhaben als andauernde Belärmung mit Seichtig- und Nichtigkeiten, was letztlich in Abhängigkeiten, Leere und Einsamkeit führt. Es geht nicht um Unendlichkeit, sondern um die Abwesenheit von Ernsthaftigkeit. Um das Fehlen von Gewicht. In diesem Buch wird auffällig wenig davon erzählt – das Buch verhüllt und verschleiert also -, was das Leben ernsthaft ausmacht. „Ich bin durch Schönheit entstellt“ und trage deswegen eine Maske hat für mich mehr mit den Schwierigkeiten von Sinnfindung zu tun als mit Penthesilea.

Mithin, liebe Joelle, habe ich folgende Gedankensplitter, die ich (für mich) in Ihrem Beitrag vermisse:

- Was ist mit der Braut? Der Schleier ist auch der (westliche) Brautschleier (nicht nur das Brauchtum der Muslima), welcher sogar textlich erwähnt ist;
- der Schleier ist auch Synonym für die Larve ganz allgemein, also nicht (nur) weiblich, und wir alle begegnen uns in der Regel nur maskiert;
- und insofern hätte ich es schon toll gefunden, wenn Stefan Bender sich intensiver zu Robert Enke geäußert hätte;
- da Schönheit nicht messbar ist, geht es vielleicht gar nicht um äußere Schönheit, also Äußerlichkeiten, sondern im Gegenteil um …?;
- Warum werden denn eigentlich Liebe, Sex, Kinder, Freundschaft, Anwesenheit von Eltern überhaupt nicht beschrieben?

Beste Grüße

NO

Avatar

Stephan Bender

16. November, 2009 um 18:52

@ NO:
“- und insofern hätte ich es schon toll gefunden, wenn Stefan Bender sich
intensiver zu Robert Enke geäußert hätte…”
Lieber NO, das hätten Sie bestimmt nicht toll gefunden. Das kann ich Ihnen
versichern, weil ich recherchiert habe. Es war primär keine Depression,
sondern eine beginnende Schizophrenie, die schubweise auftritt. Robert Enke
hatte am Vorabend in Hannover mit Frau und Kind auf dem Arm eine Schau mit
plastinierten Leichen besucht; das hat ihn letztlich umgebracht. (Weitere
Einzelheiten erspare ich mir hier mal…)
Auf der anderen Seite: Seine Frau Teresa, die Menschen um ihn herum und in
ganz Deutschland haben sich wirklich toll verhalten, die Trauer auf den
Rängen des Stadions war echt. Man muss den Menschen ihre Gefühle lassen und
daher sagt man auch über einen Toten nachträglich nichts Nachteiliges.
War das intensiv genug?

Avatar

Aléa Torik

16. November, 2009 um 22:13

Lieber Clemens Setz!

Als Sie die Hinrichtung Fackelmanns beschreiben, sagen Sie über Gately vor dem Spiegel “anstatt sich selbst … zu erkennen, verliert er das Bewusstsein”.

In diesem Blog sind einige Formulierungen gemacht worden, die mir gefallen haben. Es sind ja auch sprachbegabte Leute unterwegs. Was Sie da sagen, gehört mit zum Besten. Bedauerlicherweise betrifft das, was Sie beschreiben, nicht nur Gately, nicht nur die am Boden Liegenden, sondern sehr viele Menschen, auch die so genannten Aufrechten. So dass man beinahe von einem allgemeingültigen Verhalten sprechen könnte. Sie bringen das auf den Punkt: der moderne Mensch verliert vor dem Spiegel, statt sich selbst zu erkennen, das Bewusstsein.

Avatar

Aléa Torik

16. November, 2009 um 22:14

Lieber Herr Schwarzkopf!

Wenn der Spiegel quadratisch ist, dann sieht man das, was man sieht im Quadrat. Also zum Quadrat, nämlich potenziert. Sehr interessante Überlegungen zu Perspektive und Mathematik, die Sie da anstoßen. Man müsste sich einmal die Spiegelszenen daraufhin anschauen, was da genau gespiegelt wird. Und die quadratischen Szenen, was da quadriert wird.

Perspektivische Probleme hat auch Hal, als er auf dem Boden liegt und nach Worten sucht. Als der hyperbegabte Hal Incandenza regredierend auf dem Boden liegt und sich an Mama und Papa erinnert.

Avatar

Aléa Torik

16. November, 2009 um 22:16

Lieber Herr Jerkoff!

Vielen Dank für das schöne Gedicht!

„und wer von Morgenstern geklaut / der wird verhaut!“ Hätte es grammatisch korrekt nicht heißen müssen: wer vom Morgenstern geklauen / der wird verhauen?

Aber das müssen Sie sich jetzt wirklich nicht von einer Ausländerin bieten lassen. Bei den Gedichten hat‘s letztens schon schwere Missverständnisse gegeben, als ich mit Celan geprahlt und dann eine Zeile von Herrn Wiegold, der mir eben diesen Celan unter die Nase gerieben hat, falsch interpretiert habe.

Avatar

Aléa Torik

16. November, 2009 um 23:19

Lieber Herr NO!

Eine ausführliche Antwort bekomme ich heute Abend nicht mehr hin. Aber wenn Sie morgen in der Mittagspause mal einen kleinen Blick werfen, dann finden Sie wenigstens ein paar Worte von mir. Jetzt hätte ich irrtümlicherweise beinahe das Adjektiv freundlich benutzt. Aber das müssen Sie vergessen.

Sie bringen Argumente. Argumente gegen meine und für Ihre eigene These. Kennen Sie diese Formulierung „Argumente überzeugen niemanden“? Ich weiß nicht mehr wer das gesagt hat. Aber er hatte recht. Argumente sind gewalttätig. Sie zwingen dem Gegenüber den eigenen Willen und die eigene Meinung auf. Sie zwingen ihn dazu mit ebensolchen gewalttätigen Gegenreaktionen aufzuwarten. Aus dem einfachen Gegenüber wird ein Gegner. Aus Frieden wird Krieg.

Die Literaturwissenschaft ist ein ganz friedliebendes Fach. Sie müssen jetzt mal kurz vergessen, was ich über das Lacan-Seminar in Bukarest gesagt habe: dass da keiner der damaligen Teilnehmer heute noch mit irgendeinem anderen redet. Manchmal, wenn ich abends im Bett liege und an die Decke schaue und mich frage wie ich eigentlich hierhergekommen bin, dann denke ich vielleicht war das ausschlaggebende dieses Seminar. Ich weiß es noch nicht wie ich auf ich Ihren Kommentar reagiere. Entweder auf die allerfriedlichste Weise, indem ich Ihnen Blumen entgegen streue und Sie ij meine Gebete einschließe. Oder ich werde richtig schweres Geschütz auffahren und die aggressiv überzeugende, rechthaberische Kanzleien und Anwaltstrategie, .. jetzt weiß ich gerade nicht wie ich den Satz beenden soll.

Was sind das für Unternehmen die sie da verhökern. Sind das vielleicht große Publikumsverlage? Ich könnte mich da sehr gut als Geschäftsführerin erkennen, mit einer recht genauen Vorstellung von meinem Büro und einer noch genaueren von der Literatur ich die machen würde. Gnade Gott den anderen Verlagen wenn ich mal einen in die Hand bekomme. Dann wird in diesem Land gute Literatur gemacht. Und wenn ich die alle selber schreiben muss!

Das sind nur so kleine Fingerübungen die ich mache. Für meine morgige Antwort auf ihren Kommentar. Nein, nicht Morgen, da bin ich verabredet. Übermorgen. Bis dahin werden sie sich ja wohl einen Verlag unter den Nagel gerissen haben den Sie mich dann leiten lassen können (ich kann nur leider eben nicht rechnen. Also so gar nicht, meine ich. Ich kann nicht einmal richtig bis drei zählen.

Avatar

NO

17. November, 2009 um 14:53

Liebe Alea T.!

wenn ich denn wählen dürfte, wollte ich bitte die Blumen; immer die Blumen! Und nun warte ich auf sie. Ein Vergnügen zu erwarten ist auch ein Vergnügen.

Liebe Grüße

Ihr

NO

Avatar

NO

17. November, 2009 um 15:25

Lieber Stephan Bender,

I misspelled your name. Sorry!

Danke für die Info, das wusste ich natürlich nicht, und in der Tat, d i e Einzelheiten ersparen wir uns lieber.

Zeitgleich mit den Nachrichten über Enkes „Depressionen“ las ich zufällig gerade die entsprechenden Seiten bei Wallace über Leere in der Seele und über den „weißen Hai“, die „Fäulnis der Seele“ (was für eine grandiose Formulierung!). Das war „die Wirklichkeit schlägt zurück II“. Und zeigt nebenbei (für mich) die Aktualität dieses Buches – und insofern bin ich nicht ganz so bei Hans Wedler und seinem großartigen Kommentar „Rückspiegel“.

Robert Enke und der Verlauf seiner „Depressionen“ hätten hier (bei Penthesialea) für mich gepasst. Er hat nichts gesagt, er hat es verschleiert. Er hat sich nicht in die Seele blicken lassen. Er hat sich nicht geöffnet. Das sind wir alle. Denn zum lebenden Öffnen gehört wohl, den Schleier abzulegen. Aber sich öffnen und Blicke auf die eigenen Entstellungen und Unschönheiten zuzulassen („zeig‘ mir Deine Wunde“) ist ohnehin schon schwer, erst recht, wenn dies nicht aus einer Position der Stärke heraus geschieht.

Beste Grüße

NO

Avatar

Stephan Bender

17. November, 2009 um 18:52

@ NO:

Danke. Was die die Lüftung des Schleiers angeht…

“Wenn Sie äußerlich attraktiv genug sind, werden die Leute Ihnen dafür den irritierenden Kern ihrer Persönlichkeit vergeben.”

(Amerikanisches Sprichtwort)

Avatar

JesusJerkoff

17. November, 2009 um 20:45

Liebe Frau Torik,

woher wollen Sie wissen, daß Sie für mich eine Ausländerin sind, wenn Sie noch nicht einmal wissen, woher ich komme? Vielleicht bin ich ja auch von dieser Erde ;-)

Und danke, für das Lächeln, also jenes, welches Sie mir machen, jetzt grammatisch so.

Was mir noch nicht ganz klar ist, ist Ihr Spiegelproblem. Wenn es denn Eines ist. Das ist aber viel einfacher, als mit den Hausarbeiten. Stellen Sie zwei Spiegel parallel zueinander vor, die spiegelnde Fläche einander zugewand. Wenn sie sich zwischen diesen Spiegeln bewegen, sehen sie je nach Standpunkt sehr viele Frau Toriks und wenn sie genau die Mitte betrachten, werden Sie unendlich. Dummerweise ist da immer Ihr Kopf dazwischen, also müssen Sie sich vorstellen, sie hätten einen Kopf aus Glas. Immer schön transzendieren. Aber dann geht es.

Dann hauen Sie mal weiter Ihre Bälle, wenn es Ihnen hilft, Herr Wiegold hat meinen Celan auch nicht erkannt. (sh. K & Z von Aléa T., Komm. 36, 37, 40, Oktober 2009, KiWi-Verlag)

Paul Celan, Titel/Datum unbekannt:

„In den Flüssen nördlich der Zukunft
werf ich das Netz aus, das du
zögernd beschwerst
mit von Steinen geschriebenen Schatten.“

Mein Dartpartner ist da und zerrt an mir

Avatar

Stephan Bender

17. November, 2009 um 23:53

@ Alea Torik: Reprise…

Manchmal, wenn der Wagen eine ansteigende Straße zwischen bestellten Feldern erklomm, sah man am Wege hier und da ein paar zögernde Kornblumen auftauchen, die ganz denen in Combray glichen und die den Äckern eine Art erhöhter Wirklichkeit gaben, gleichsam eine Echtheitsgarantie wie jene kleinen Blüten, mit denen gewisse alte Meister ihre Bilder signierten. Bald trugen uns unsere Pferde von ihnen fort, aber ein paar Schritte weiter trafen wir andere an, die in Erwartung unseres Kommens ihren blauen Stern in das Gras gestickt hatten; manche stellten sich keck an den Straßenrand, und ein Sternennebel bildete sich in mir aus fernen Erinnerungen und diesen so zutraulich nahen Blumen. Wir fuhren wieder den Hügel hinab; da trafen wir dann – zu Fuß, auf dem Fahrrad, auf einem Karren, im Wagen – immer wieder eines jener Geschöpfe an, die wie natürliche Blüten eines so schönen Tags und doch nicht wie Blumen der Felder sind, denn jede birgt in sich etwas, was in der anderen nicht ist und uns daran hindert, mit nur ihresgleichen jenes Verlangen zu stillen, das sie selbst in uns erstehen lässt: irgendein Landmädchen, das seine Kuh vor sich hertreibt oder auf einem Bauernwagen halbsitzend gelagert ist, die Tochter eines Ladenbesitzers, die einen Spaziergang macht, die elegante junge Dame im Landauer auf dem Rücksitz den Eltern gegenüber. [...]

Der Wagen der Marquise fuhr schnell. Ich hatte kaum Zeit, das Mädchen zu sehen, das uns entgegenkam; und doch – denn die Schönheit der menschlichen Wesen ist nicht wie die der Dinge, wir spüren vielmehr genau, dass sie der Zauber einzigartiger, bewusster und eigenwilliger Geschöpfe ist – sobald ihr individuelles Sein, eine nur geahnte Seele, ein mir unbekannter Wille, in einem auf wunderbare Weise verkleinerten und doch vollständigen Abbild auf dem Grunde ihres zerstreuten Blicks erschien, fühlte ich in mir – eine geheimnisvolle Entsprechung des für den Blütenstempel bereits vorgerichteten Pollens – in embryohafter, ebenso winziger Form den Wunsch entstehen, dies Mädchen nicht vorübergehen zu lassen, ohne dass ihr Bewusstsein meine Person in sich aufnähme, ohne dass ich ihre Wünsche hinderte, einem andern zuzustreben, oder mich in ihren Träumen ein genistet und an ihr Herz gerührt hätte. Unser Wagen entfernte sich inzwischen wieder, das schöne Mädchen blieb hinter uns zurück, und da sie von mir keine der Vorstellungen besaß, aus denen eine Person sich zusammensetzt, hatten ihre Augen, die mich noch kaum erblickt, mich auch schon wieder vergessen. Lag es an dieser nur so flüchtigen Vision, dass sie mir so schön erschienen war? Vielleicht. Schon die Unmöglichkeit, bei einer Frau zu verweilen, die drohende Gefahr, ihr nie wieder zu begegnen, verleihen ihr plötzlich den Reiz, den ein Land in unseren Augen durch Krankheit oder Armut bekommt, die uns unmöglich machen, es aufzusuchen, oder die letzten überschatteten Tage, die uns zu leben bleiben, durch den Kampf, in dem wir zweifellos unterliegen werden. So müsste, wäre nicht die Gewohnheit dafür ein Hindernis, das Leben denen köstlich erscheinen, die täglich vom Tode bedroht sind – allen Menschen demnach. Auch ist der Schwung der Phantasie, vom Verlangen nach dem beflügelt, was wir nicht haben können, noch nicht durch ein vollkommenes Erfassen der Wirklichkeit eingeengt, wenn es sich um solche Begegnungen handelt, bei denen denn auch die Reize der Vorübergehenden im allgemeinen im direkten Verhältnis zu der Schnelligkeit ihres Entschwindens stehen. Wenn es dunkelt und der Wagen fährt rasch, gibt es in Land und Stadt keinen weiblichen Torso, verstümmelt wie ein antikes Marmorbild durch unser rasches Vor überfahren und die ihn im Nu verschlingende Dämmerung, der nicht an jedem Kreuzweg im Feld oder aus der Tiefe eines kleinen Ladens Pfeile der Schönheit in unser Herz entsendet, jener Schönheit, um derentwillen man manchmal versucht ist, sich zu fragen, ob sie in dieser Welt überhaupt etwas anderes ist als das Komplement, das einer fragmentarisch geschauten flüchtig Vorübereilenden durch unsere von unerfüllter Sehnsucht überreizte Phantasie jeweils hinzugesetzt wird.

(Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit II, Im Schatten junger Mädchenblüte, Suhrkamp 1960)

Avatar

platero y yo

18. November, 2009 um 02:32

Lieber Herr Jerkoff,

das von Ihnen zitierte Gedicht von Paul Celan heißt “IN DEN FLÜSSEN”, stammt aus dem 1967 erschienenen Band “Atemwende”, dort ist es im ersten Zyklus dieses Bandes zu finden, der 1965 bibliophil unter dem Namen “Atemkristall” ediert wurde; es entstand am 16.10.1963. In Ihrer Version unterschlagen Sie übrigens quasi einen Vers durch einen fehlenden Zeilenumbruch vor dem “emphatisch akzentuierten Schlußwort”(W. Menninghaus, Paul Celan-Magie der Form, Frankfurt 1980)”Schatten”.
“Man muß das Gedicht in seinem Zeilenbruch nicht nur genau lesen, man muß es so auch hören. Celans meist sehr kurzzeilige Gedichte nehmen es damit sehr genau” schreibt Gadamer zu dem Gedicht in seinem “Wer bin Ich und wer bist Du? Kommentar zu Celans “.
Da wir gerade bei Celan sind, da relativiert sich dann, denke ich, auch schnell Alea Toriks Aussage über die Literaturwissenschaft als “friedliebendes Fach”: erinnert sei an die sogenannte “Goll-Affäre”, den “Züricher Literaturstreit”, etc.
Enden möchte ich allerdings einerseits mit einer Entschuldigung an alle, die eher einen Kommentar zu Wallace erwartet haben, und andererseits mit einem meiner Lieblingsgedichte aus der “Atemwende”:

(ICH KENNE DICH, du bist die tief Gebeugte,
ich, der Durchbohrte, bin Dir untertan.
Wo flammt ein Wort, das für uns beide zeugte?
Du – ganz, ganz wirklich. Ich – ganz Wahn.)

Avatar

wolf schwarzkopf

18. November, 2009 um 14:47

@ alea torik
kadrage
sehr geehrte frau torik,
da haben sie mir einen prächtigen ausblick auf erweiterung aufgezeigt.
und um den rahmen zu sprengen, habe ich sofort damit begonnen, einen quadratischen spiegel auf die straße zu stellen, im rechten winkel versteht sich und nun sind mir ganz andere einsichten der rückkoppelung im hereinkommen und herausgehen, bzw. zwischen buch und straße und spiegel möglich, was wiederum auf herrn jerkoffs anregung der spiegeltricks zurückzuführen ist. mal sehen, es ist ja erst mittwoch.

Rotieren
Der Himmel ist ein Auge.
Morgenrot und Abendrot sind das Blut, das das Auge speist.
Die Nacht ist das geschlossene Augenlid.
Jeden Tag öffnet sich das Lid, um Blut zum Vorschein zu bringen und die blaue Iris eines sich neigenden Riesen.

David Foster Wallace/KURZE INTERVIEWS MIT FIESEN MÄNNERN/S. 244

Avatar

JesusJerkoff

18. November, 2009 um 16:40

Sehr geehrter Herr platero y yo (aka Jens)

vielen Dank, daß Sie mir da weitergeholfen haben. Das ist eines der wenigen Gedichte, die ich von Paul Celan kenne (abgesehen von dem Sie wissen schon), allerdings hatte ich es nicht in Schriftform parat, sondern nur als “Zerebraldampf” (<– ein Wallace-Bezug). Der Titel des Bandes erinnert irgendwie an Stockholm 2009.

Und das von Ihnen, das muß ich erst mal sacken lassen. Aber schön.

Avatar

Aléa Torik

18. November, 2009 um 21:16

Lieber Herr Bender!

Da haben Sie eine bezaubernde Stelle aus der “Recherche” gefunden. Bei diesem Autor ergeht es mir so, dass ich bereits nach weniger Worten erkenne, dass es Marcel Proust ist.

“durch unsere von unerfüllter Sehnsucht überreizte Phantasie”: das ist so eine Formulierung, von der ich eine Gänsehaut bekommen kann. Ich freue mich, dass Sie das hierher gestellt haben.

Avatar

Aléa Torik

18. November, 2009 um 21:17

Lieber Herr Jerkoff!

Sagen wir statt „mein Spiegelproblem“ lieber „zur Spiegelproblematik“. Und meinen Sie damit meine Äußerung gegenüber Herr Setz oder Herr Schwarzkopf?

Dieses Spiel, sich selbst zwischen zwei Spiegeln gefangen nehmen, sich unendlich potenzieren und steigern in immer kleineren Ausschnitten und sein Gesicht dabei gar nicht mehr zu fassen zu bekommen, dieses Spiel habe ich als Kind auch gespielt. Aber das ist vorbei. Ich bin jetzt erwachsen. Ich bin jedenfalls dabei, es zu werden. Oder zumindest dabei, zu glauben es zu werden und es eines Tages auch zu sein. Ich habe mit einer Aléa Torik, glauben Sie’s mir bitte, bereits genug zu tun, 24 Stunden am Tag und das jeden Tag. Mehr geht nicht. Weniger auch nicht. An einer potenzierten und gespiegelten Variante habe ich heute keinerlei Interesse mehr.

Sie haben übrigen vollkommen Recht, mir die flapsige Bemerkung, ich sei Ausländerin, anzukreiden. Die Unzulänglichkeit dieser Formulierung ist mir gar nicht aufgefallen. Aber als Sie mich darauf hingewiesen haben, fiel es umso deutlicher auf.

Avatar

Aléa Torik

18. November, 2009 um 21:18

Lieber Herr Schwarzkopf!

Man muss alles nur im rechten Winkel betrachten, dann sieht man genau das, was man sehen will.

Avatar

platero y yo

18. November, 2009 um 23:30

Lieber Herr Jerkoff,
gern geschehen, das war ja eine der leichteren literaturwissenschaftlichen Rechercheübungen, quasi propädeutische Erbsenzählerei, “Denkprophylaxe” verglichen mit den großen Theorien und relevanten Diskursen, die hier sonst so manchmal auf der Tagesordnung stehen und mir den Kopf verdrehen. Beunruhigende Stille hier mittlerweile, liegt wohl hoffentlich am Whataburger Fußballturnier oder was war da heute nochmal los?

Lieber Herr NO,
sind Sie eigentlich der dem US entstiegene leibhaftige Achtziger-Bill? Dann passen Sie bitte beim Wetten auf!
Falls das mit dem Verlag noch klappen sollte, dürfte ich mich für Faktura bewerben, Debitoren- und Kreditorenmanagement, etc. oder soll ich das lieber mit Ihrer GF aushandeln? Bevorzugter Verlagsstandort wäre natürlich Frankfurt am Main, da wird sich doch ab Januar eine größere Lücke in der Verlagslandschaft auftun und ich spar mir die Zügelei. Vielleicht als Kiwiimprint?
Die üblichen Officeprogramme, SAP und so meinerseits sind größtenteils gebongt(der Rest wird in der Pfeife geraucht). Aber ich würde dann noch bitten den Herrn Blumenbach schon mal zu “aquirühren”, dann verlegen wir die preisgekrönte und noch nicht ins deutsche übersetzte Jenny Boully, da warte ich schließlich jetzt auch schon so lange auf die Übersetzung, wie ich auf den US warten musste. Ihr erstes Buch “The body” ein Gedichtband über “Abwesenheit, Liebe, Ontologie und Identität – minus Text” fast nur weiße Seiten, außer den Fußnoten! Für Herrn Blumenbach wäre diese Übersetzungsaufgabe wahrscheinlich fast wie eine Kur. Dann Ihr zweites Buch “(eine liebe affäre)” eine Mischung aus Fiction, Essay, Memoiren in lyrischer Prosa über gescheiterte Beziehungen u.v.m. bis hin zum Crack-Rauchen, kennt er ja auch schon fast alles der geschätzte Ulrich Blumenbach, zumindest vom grobthematischen her.

Lieber Herr Graf,
was passiert hier eigentlich , wenn die 100 Tage vorbei sind? Geht dann das Licht hier aus? In der Politik geht es ja dann auch erst richtig los…
Ich plädiere für Relektüre als Zwangsmaßnahme(für die die ohnehin noch hier sind)!

Avatar

Aléa Torik

18. November, 2009 um 23:42

Lieber Herr NO!

Wir haben da eine richtig schöne Konfrontation und ich freue mich darüber. Das zwingt einen, sich anhand der anderen Meinung mit der eigenen auseinanderzusetzen.

Sie beklagen (bitte verstehen Sie dieses Wort umgangssprachlich) das Fehlen mehrere Punkte in meinem Interpretationsansatz.

Das Fehlen von „Liebe, Sex, Kinder, Freundschaft, Anwesenheit von Eltern“. Ich gebe ihnen drei Antworten.
1) Ich habe das Buch nicht geschrieben, da müssen Sie den Autor fragen.
2) Wenn Sie schon fragen, dann fragen Sie doch auch gleich noch, warum eigentlich Cezanne angefangen hat, so komische Bilder zu malen. Warum dann auch noch van Gogh solche Bilder gemalt hat, warum Picasso so seltsame Perspektiven, warum Dali so seltsame Objekte gemalt haben und warum Malevitch und Rothko ….. Dies ist die Frage, warum diese Leute nicht einfach das getan haben, was alle vor Ihnen auch getan haben, nämlich die Wirklichkeit zu malen (ich bin keine Kunsthistorikerin, aber wenn Sie schon mal dabei sind zu fragen, dann fragen Sie doch bitte auch noch, ob Realismus, Naturalismus, ja, ob nicht sogar die Zentralperspektive bereits künstliche Methoden gewesen sind, diese angebliche Wirklichkeit darzustellen) und ob diese Wirklichkeit keine jenseits unserer apperzeptiven Fähigkeiten ist, das “Ding an sich”, sondern sich vielmehr dem Blick anpasst oder ihm widerstrebt und dass es also keine Wirklichkeit gibt, sondern lediglich die Wahrnehmung dieser Wirklichkeit. Darauf gibt es, glaube ich, zwei Antworten. Erstens: die Wirklichkeit hat sich verändert. Zweitens: die Art die Wirklichkeit zu sehen, sie zu beschreiben, zu formen und zu figurieren, sich ihr zu bemächtigen, sich vor ihr zu wehren, sich zu schützen, sie zu bewahren, sie zu zerstören, sie zu erschaffen … eine andere geworden ist. Anders ausgedrückt: das Verhalten, das ich gegenüber der Wirklichkeit einnehmen kann, ist weitaus differenzierter geworden und erfordert dementsprechend eine differenziertere Heransgehensweise. Fragen Sie ruhig und vergessen Sie darüber bitte nicht, mir die Antwort mitzuteilen. Wenn wir diese Antwort haben, dann reden wir darüber, warum die Literatur etwas Ähnliches macht wie die Malerei.
3) Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie treten an einem schönen Dienstag oder Donnerstag aus ihrem Büro einer großen internationalen Anwaltsozietät, einer Wirtschaftskanzlei, Sie treten nach einem raubtierkapitalistischen Tag auf den Bürgersteig und gehen nach Hause, nein, Sie fahren mit einem Porsche (die Farbe können Sie sich aussuchen). Ihnen tropft noch das Blut der zerfleischten Gegner und zerfledderten Opfer von den Lippen und jetzt, nach dem alltäglichen Gemetzel, wollen Sie sich ein bisschen ausruhen, Sie wollen entspannen, Sie brauchen Abstand von Ihrem grausigen Tagwerk. Sie wollen es sich gutgehen lassen. Zu Hause angekommen, betten Sie Ihren Rücken auf eine schöne Liege von Le Corbusier, dekantieren einen schönen Saint-Émilion aus dem letzten Jahrtausend und greifen zu einem schönen Buch und Sie wollen jetzt verdammt noch mal was mit „Liebe Sex und Eltern“ lesen. Sie wollen über Nächstenliebe und Freundschaft und gute, anständige Menschen lesen, die sich nicht betrügen, die sich nicht wehtun, die keine Geldprobleme haben und deswegen vielleicht auf dumme Gedanken kommen könnten, die aber auch nicht zu viel Geld haben und deswegen vielleicht auf ganz dumme Gedanken kommen könnten, und die vor allem nicht so dermaßen reich sind, dass man selbst auf den Gedanken kommen könnte, sie arbeiten in einer Bank oder internationalen Wirtschaftskanzlei: habe ich Ihre Erwartungen an die Kunst und die Literatur richtig verstanden, ja?

Das müssen Sie mir verzeihen! Mein bester Freund arbeitet bei MäcKinsey: solche Litaneien bete ich dem dauernd vor.

Aus den drei Antworten können Sie sich gerne ein einzige zusammen mixen.

Und jetzt zu Ihren erst gemeinten Anmerkungen.

- „Der Schleier ist auch Synonym für die Larve ganz allgemein, also nicht (nur) weiblich, und wir alle begegnen uns in der Regel nur maskiert“.
Ich kann nicht erkennen, dass der Schleier von Männern getragen wird. Die Äußerung, dass wir alle Masken tragen, hat nur eine relativ geringe Bedeutung, da wir ALLE Masken tragen. Wenn alle gedopt sind oder alle ungedopt sind, ist es einerlei, ob sie gedopt oder ungedopt sind. Das Problem beim dopen ist, dass man nicht weiß, wer dopt und wer nicht. Wenn alle maskiert sind, dann ist die Maske, das was wir sehen und was wir sind. Wer sagt, dass, wenn wir die Masken abnähmen: das Unverstellte, Echte dahinter wartet? Das was wir wirklich sind. Das ist doch das großartige an der Liebe: dass wir uns im anderen täuschen. Und das Furchtbare ist, wenn wir uns nicht mehr täuschen können. Und uns auch nicht mehr täuschen lassen wollen.

- „Was ist mit der Braut? Der Schleier ist auch der (westliche) Brautschleier (nicht nur das Brauchtum der Muslima), welcher sogar textlich erwähnt ist“.
Ich kann nicht erkennen, dass der Brautschleier hier eine Rolle spielt. Und ich kann nicht erkennen, dass der westliche (durchweg weibliche) Brautschleier heute noch eine Funktion hat.

-„Da Schönheit nicht messbar ist, geht es vielleicht gar nicht um äußere Schönheit, also Äußerlichkeiten, sondern im Gegenteil um …?“
Dazu hatte ich in meinem Text etwas gesagt: unser Äußeres ist das Äußere unseres Inneren. Wir sind gewöhnt, das als den andern zu erkennen, was wir sehen, wir wollen an seinem Äußeren, sein Inneres erkennen. An dem Bild, das wir sehen, sein Wesen oder seine Seele oder einfach nur seine Absichten, Wünsche und Sehnsüchte und Ängste.

Ich gehe hier übrigens nicht auf etwas ein, das mir nach wie vor durch den Kopf geht: Ihre Frage nach Aufstieg oder Erlösung. Ich mache das nicht, weil ich dazu in meinem nächsten Beitrag etwas sagen will. Aber vielleicht bekomme ich es nicht hin. Das weiß man ja vorher nicht.

Bitte glauben Sie nicht, dass ich Langeweile habe. Aber glauben Sie ruhig, dass ich beim Schreiben meiner Replik viel Spaß hatte.

Avatar

Guido Graf

19. November, 2009 um 08:17

Die Seite wird voraussichtlich auch über die 100 Tage hinaus online bleiben.

Avatar

NO

19. November, 2009 um 12:46

Meine liebe Penthesialea,

es ist schön im Gewitter der Rosen, aber Sie überschätzen mich bei Weitem. Was auch immer ich wohlmöglich für Sie sein könnte, eines ganz sicher nicht, ein würdiger Disputpartner in einer literarischen Konfrontation. Mir fehlt da wirklich einfach die Kompetenz. Ich lese viele Beiträge der Profis hier im Blog 167 Mal, bis ich eine Ahnung bekomme, was gemeint sein könnte, und bei achim szepanski hilft mir nicht einmal das.

Missverstehen Sie mich nicht: Was ich hier im Blog über dieses Buch und über Literatur allgemein gelernt habe, ist für mich „unendlich“ bereichernd, ich bin begeistert über die Belesenheit und den Kenntnisreichtum der anderen, z.B. bei achim szepanski, aber auch und gerade bei Ihnen (ich kannte keines Ihrer als herausragend gekennzeichneten 3 deutschen Bücher). Fragen und Anmerkungen sind eben oft lediglich Ausdruck von Unvermögen, Unverständnis, Hilflosigkeit – gepaart mit Begeisterung natürlich, sonst schwiege man.

Aber a l l e s ist ernst gemeint! Die Abwesenheit von Wesentlichem, das Fehlen von Liebe etc. hatte für mich nichts mit enttäuschter Leser- oder Kunsterwartung zu tun (im Gegenteil: Ich bin auch auf S. 1056 restlos begeistert), sondern dass ich deren Fehlen so auffällig finde, dass ich mir gewünscht hätte, einer der Profis sagt etwas dazu. Weil ich mich nämlich frage, ob das etwas mit Aufstieg und Erlösung zu tun haben könnte, und ob das alles eine Rolle spielt hier. Ich frage mich, ob ich hier in der Nähe des letzten Punktes (keine Lösung, keine Befreiung) bin in Hans Wedelers Liste von den Dingen, die ihm gefallen haben am US (Im Rückspiegel vom 15. 11.). Ich frage mich, ob ich mich in der Nähe von Stephan Bender befinde, der in seinem Kommentar zu Hans Wedler gesagt hat, die eigentliche Botschaft des Buches sei der Mangel an erlöserischen Motiven (und ob das eigentlich richtig ist).

Na ja, es wird dauern, das zu ordnen…

Ich freue mich sehr, dass Sie Spaß hatten. Übrigens: Ihre „MäcKinsey“, wie Sie die nennen, könnten die mit dem G-Punkt gewesen sein, oder?

Liebe Grüße

NO

Avatar

Aléa Torik

19. November, 2009 um 13:46

Lieber Herr NO!

Ich sitze in der Bibliothek und musste nach einem Buch recherchieren. Also habe ich gleich mal bei mir zu Hause und hier nachgeschaut, was sich so tut.

Meine Metamorphosen in diesem Blog sind erstaunlich: vom (einfachen) Mann über Joelle, zur schlichten Hausfrau und Köchin bis hin zur Penthesilea. Ich bin gleich in der Mensa zum Mittagessen verabredet. Ich werd mal schauen, ob sich ein geeigneter Achill findet, der mich in den Suizid treiben könnte. Obwohl ich für Selbstmord heute eigentlich keine Zeit habe.

Penthesilea aus der Bibliothek

Avatar

NO

19. November, 2009 um 14:04

You noticed the additional “a”, of course?

Avatar

Aléa Torik

19. November, 2009 um 15:03

I did but I didn’t catch the meaning.

Avatar

NO

20. November, 2009 um 19:32

Erlösung und so…

Liebe Alea P.!

Verschleierung hin, Enthüllung her, Unendlichkeit am Ende, alles schön und gut. Ich versuche es noch einmal anders herum:

Findet GOTT denn nun statt in diesem Roman?

Das frage ich anhand von zwei (für mich) tief intensiven Szenen: Zum einen Joelle und Gately, die Liebenden, zum anderen Don Gately, der Gläubige.

Ich lese (wie Sie) auf S. 766 ff. den Beginn einer der schönsten Liebesgeschichten. Denn die allererste Antwort, die Joelle dem Don Gately auf seine Frage nach ihrem Schleier gibt, ist: „Brautsache“.

Die Annäherung der beiden erfolgt auf S. 882 – 1040, das Ende ist (wohl) offen. Die Annäherung ist so zart und vorsichtig, so verwundert und tastend, so unauffällig und also so schön wie sie zärtlich zurückhaltend beschrieben (und übersetzt!) ist. Man bekommt das gar nicht so recht mit beim ersten oder zweiten Lesen: Gately befindet sich in einem monströsem Kampf, schweigend und mit aller Konsequenz geführt, äußerst brutal, es fließt Blut, Augen werden ausgestochen, Menschen sterben wohl, und dann wird er angeschossen auch noch und blutet stark, – atemlos verfolgt man das, ganz aufgeregt, und in einer wiederholenden Lesung fällt einem dann plötzlich die Parallelität zu der Schlägerei beim Eschaton-Spiel auf und man ist davon ganz begeistert und abgelenkt, – und dann beim dritten Mal sieht man plötzlich, was schon immer zu sehen war: Sie ruft seinen Vornamen, „was er mag“ (S. 886); er findet „sie riecht seltsam, aber gut“ (S. 889); und dann noch einmal, er ist halbtod, aber er bemerkt, „sie riecht gut“ (S. 891). Und dann streichelt sie ihn, nimmt sie sein Handgelenk: „ und sehet, sagte sie leise“. Und später im Krankenhaus an Gatelys Bett kann sie sich vorstellen, den Schleier abzunehmen und ihm „ihr Gesicht zu zeigen“ (S. 1020). Sie träumt von ihm, ist nun ohne Schleier und kann ihm ohne Scham ihre Wunde (die Crack-Zähne) zeigen.

Wie ist das beeindruckend Liebe-voll, wie kann der Wallace schreiben (und der Blumenbach übersetzen)!!

Sie träumt von ihm. Sie riecht gut. Sie berührt ihn. Sie sagt leise „und sehet“. — Und s e h e t? Moment mal, was ist das denn? Wie spricht die denn auf einmal? Und „sehet“? Ey, Leute, seht mal, der blutet! Würde sie doch eigentlich schreien, oder? Du, Don, sieh‘ mal, Du blutest! Würde sie doch eigentlich dem Wegdämmernden zurufen, oder? Aber: Und sehet? Ist das die Sprache der Bibel? Wen ruft sie denn hier an? Gott…….?

Und am Ende tritt zur Liebe sogar Hoffnung hinzu, so assoziiere ich das jedenfalls. Denn als sie über das Abnehmen des Schleiers sinniert, sitzt Joelle in ihrer CA-Gruppe und der vortragende Ex-Junkie träumt vor den Zuhörern von einer (fernen) Zukunft mit seiner Frau und seinem Kind. Und nun kann sich Joelle sich ein Leben ohne Crack sogar vorstellen, wenn Gately nicht mehr sein sollte.

Zum anderen Don Gately, der Glaubende:

Der kniet da jeden Abend vor seinem Bett, bei aller Verlegenheit, und betet. Betet um Erlösung. Vom großen Zuchtmeister mit dem Schleier der Smiley-Maske. Und es hilft!! „Drauf geschissen“ (oder so ähnlich drückt sich Gately manchmal aus): So ist das eben bei den AA und der Wallace hat nur beschrieben, was er erlebt hat. Okay. Aber dann kommt der AA-Abend, wo ihm der Motorradfreak den Fische-Witz erzählt („Wie ist das Wasser heute? Was ist Wasser?“). Der Freak weiß Gately so selbstverständlich gläubig, weil dem Don vor lauter Wasseratmen der Inhalt seiner Haltung noch gar nicht aufgegangen ist.

Der Ablauf der Szene ist (für mich) ein erzählerisches Meisterstück, weil der Fische-Witz mit einem platten Blödwitz vermengt wird, den ein von dem Umstehenden, ein vorlauter und geschmackloser Dritter erzählt. Und der Fisch, das christliche Symbol, ist das ein Zufall hier? Das alles, finde ich, betont den Freak und damit das Offenkundige, das er ausspricht, so sehr, dass ich mir einfach nicht vorstellen kann, dass das nicht ernst gemeint ist – von DFW. DWF hält, so lese ich das, Erlösung für möglich.

Und ich glaube das auch: Der Don wird nicht wieder schwach, er praktiziert Nächstenliebe; er arbeitet im Shattuck und versucht, das angerichtete Unheil wieder gut zu machen; und vor allem: Er übernimmt die Verantwortung, als es drauf ankommt, und tritt selbst für den Hundekiller ein („ich bin für diese Leute verantwortlich“, S. 882).

Okay, „die Rolle Gottes ist nie sonderlich beliebt“ (Otis P. LORD im Eschaton-Spiel auf S. 478), aber das heißt nicht, dass es ihn nicht gibt, oder?

So.

Und nun sagen Sie, liebe Alea Torik, ist das denn alles wirklich nur Kleist und Unendlichkeit, und nicht auch, wenigstens ein kleines bisschen, die faustische Erlösungsgeschichte? Oder wird da sogar jemand von guten Mächten wunderbar geborgen? Und was ist, ich wage es, mit „Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei…“ ernst genommen?

Und sind all das nicht die Dinge, von den man hoffen könnte, dass sie dem Leben Gewicht geben, also Inhalt, Sinn und Richtung? Und betont die grundsätzliche Abwesenheit all dieser Dinge im Roman nicht die ganz zarten Pflänzchen, wenn sie, wie oben beschrieben, dann eben doch mal auftauchen. Und hat Stephan Bender dann recht, wenn er sagt, die wesentliche Aussage von US ist die Abwesenheit von erlöserischen Motiven?

Beste Grüße

NO

Avatar

Aléa Torik

20. November, 2009 um 23:32

God kNOws that‘s good news!

Ich sehe, Sie haben Ihr Thema gefunden. Ich fand‘s allerdings ein bisschen schade, dass Sie nicht auf meinen schönen Abriss der Kunstgeschichte eingegangen sind, und auch die leichte Kritik am Wirtschaftsystem hat offenbar nicht Ihr Gefallen gefunden. Nicht einmal, worauf ich besonders stolz war, der Porsche, bei freier Farbwahl!, ist bei Ihnen angekommen. Sei’s drum. Ich antworte dennoch auf alle Ihre Anregungen, die ja im Grunde eine einzige ist in diversen Kostümen, die Frage nach der Erlösung. Ich finde das durchaus interessant. Aber ich bitte dennoch um etwas Geduld. Ich muss zuerst meinen nächsten Artikel beenden, und da ich beim Schreiben noch langsamer bin als beim Denken, kann das noch ein paar Tage dauern.

Weil wir gerade dabei sind den Herrn Wallace mittels der Kollegen zu verorten, Deleuze und Lacan, Proust und Celan, steuere ich hier auch noch etwas dazu bei, zum Thema Geduld.

„Wenn aus dem schrecklichen Gewühle
Ein süß bekannter Ton mich zog,
Den Rest von kindlichem Gefühle
Mit Anklang froher Zeit betrog,
So fluch‘ ich allem, was die Seele
Mit Lock- und Gaukelwerk umspannt,
Und sie in diese Trauerhöhle
Mit Blend- und Schmeichelkräften bannt!
Verflucht voraus die hohe Meinung,
Womit der Geist sich selbst umfängt!
Verflucht das Blenden der Erscheinung,
Die sich an unsre Sinne drängt!
Verflucht, was uns in Träumen heuchelt,
Des Ruhms, der Namensdauer Trug!
Verflucht, was als Besitz uns schmeichelt,
Als Weib und Kind, als Knecht und Pflug!
Verflucht sei Mammon, wenn mit Schätzen
Er uns zu kühnen Taten regt,
Wenn er zu müßigem Ergetzen
Die Polster uns zurechtelegt!
Fluch sei dem Balsamsaft der Trauben!
Fluch jener höchsten Liebeshuld!
Fluch sei der Hoffnung! Fluch dem Glauben,
Und Fluch vor allem der Geduld!“

Johann Wolfgang von Goethe, Faust I, Z 1583 ff

(Pflug können Sie verlustfrei mit Porsche übersetzen)

A. P. T

Avatar

JesusJerkoff

22. November, 2009 um 22:55

Liebe Frau Torik,

RL got me.

Ihr naht euch wieder,
schwankende Gestalten,
die früh sich einst,
dem trüben Blick gezeigt,
ihr drängt euch zu,
nun gut, so mögt ihr walten,
wie ihr aus Dunst und Nebel um mich steigt,
mein Busen fühlt sich jugendlich erschüttert,
vom Zauberhauch, der euren Zug umwittert.

Sie wissen schon. Faust, ganz vorne ;-)

Avatar

NO

24. November, 2009 um 22:15

Porsche und so…

Dear Fantasylea!

achim szepanski hatte recht, Sie können sich was ausdenken…..Ich verzeihe Ihnen natürlich alles, also auch, dass Sie mich (am 18. 11.) als Repräsentanten missbrauchten.

Davon, also von dem von Ihnen betriebenen Missbrauch, abgesehen, war Ihr kunsthistorischer Abriss brillant und richtig (und ein Klischee??). Ihren Missbrauch abgezogen, bliebe als Antwortsubstrat, die für ein differenziertes Bild vermissten Lebens- bzw. Erlösungsmomente (Liebe etc.) hat DWF weggelassen, weil deren Abbildung die von ihm beabsichtigte Wirklichkeitsdarstellung nur verwässert hätte. Okay, akzeptiert. Es kommt mir gleichwohl ein bisschen zu einfach vor. Aber gut, wohlmöglich kann ich mich mittlerweile hinter Hans Wedlers Rückspiegel verstecken und zu Protokoll geben, was mir nicht so gefällt am US ist, dass andere gesellschaftliche Strömungen und Kräfte außerhalb von DFW’s pars pro toto, dass die Vielfalt individueller Erscheinungen von DFW ignoriert werden.

Davon, also von dem von Ihnen betriebenen Missbrauch, abgesehen, war Ihre Kapitalismus- und Kulturkonsumkritik auch brillant und richtig (und ein Klischee??). Ihren Missbrauch abgezogen, bliebe als Antwortsubstrat, große Kunst (Literatur) und Establishment ist wie Perlen und Säue (womit wir wieder bei der Bibel wären). Das kommt mir indes auch ein bisschen zu einfach vor. Aber gut, wohlmöglich kann ich mich nicht hinter Hans Wedlers Rückspiegel verstecken, denn dem hat ja die Gesellschaftskritik im US gefallen, wonach Profit und Erfolgsgier die Götter ersetzt haben.

Aber unendlich grandios, liebe Alea (t). , sind Ihre Ausführungen über das Großartige und das Furchtbare in der Liebe. Stephan Bender hat recht.

Und zu Ihren Anmerkungen über das Produkt eines schwäbischen Automobilherstellers und anderer angenehmer Dinge will ich Ihnen mal eine kleine Geschichte erzählen:

Mein Bruder, er ist nicht mit McKinsey, aber ähnlich, war eingeladen mit seiner amerikanischen Frau und Schwiegereltern in das Apartment eines Anwalts im Trump Tower in New York, weil sich die Schwiegereltern während eines Studienjahres um die Tochter des Anwalts, einer Bekannten von mir, gekümmert hatten. Das war schon etwas her gewesen, aber in seiner kurzen Begrüßungsrede wischte der Gastgeber das beiseite: „We don’t forget you little people“.

Es ist eben alles sehr relativ. Das darf man nie vergessen, ich nicht, Sie aber auch nicht! Es sind die wichtigen Dinge, die im Leben zählen, z.B. Ihr rumänisches Abendessen, wie ich Ihnen schon sagte. Wie wäre es also, wenn wir beide mit the queen’s jester, Jesus Jerkoff, in die Kneipe eine Partie Darts spielen gingen?

Best wishes

NO

Und danke fürs Gedicht!

Avatar

Aléa Torik

26. November, 2009 um 08:17

Lieber Herr Jerkoff!

Inspiriert von David “Faustus” Wallace, nehme ich an.

Während Sie hier stehen und Gedichte rezitieren, sich dann umblicken und womöglich den Applaus vermissen: wir haben erneut den Court gewechselt!

Jetzt kommentieren

Über das Buch

1996 erschien »Infinite Jest« in den USA und machte David Foster Wallace über Nacht zum Superstar der Literaturszene. Vor einem Jahr nahm sich David Foster Wallace das Leben. Sechs Jahre lang hat Ulrich Blumenbach an der Übersetzung von Wallaces Opus magnum gearbeitet, dem größten Übersetzungsprojekt in der Geschichte des Verlags Kiepenheuer & Witsch.
Mehr zum Buch »
Termine zum Buch »

November 2009
M D M D F S S
« Okt   Dez »
 1
2345678
9101112131415
16171819202122
23242526272829
30  
  • Christian: Gibt es auch günstiger: http://www.amazon.de/gp/offer-listing/B005NE5TA4/ref=dp_olp_used?ie=UTF8 [...]
  • Steffen: Ja tatsächlich tolle Idee und schön umgesetzt. Das ist ein ziemlich vertrackte Stelle im Buch der [...]
  • (ohne Titel) « VOCES INTIMAE: [...] aus Berlin zu sein, ist wohl nur für Berliner eine relevante Information. Like this:LikeS [...]
  • VOCES INTIMAE: [...] aus Berlin zu sein, ist wohl nur für Berliner eine relevante Information. Like this:LikeS [...]
  • Iffland: Vielen Dank, schöner Song, schöne Umsetzung! [...]

Kategorien