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	<title>Unendlicher Spass &#187; Clemens Setz</title>
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		<title>Bilder</title>
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		<pubDate>Sun, 08 Nov 2009 20:18:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Clemens Setz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[Nach längerer Blog-Abstinenz, die sich aus meinem Versuch, Gödels Beweis des Unvollständigkeitssatzes zu verstehen (und dazu gleich noch Douglas Hofstadters existenzielle Deutung desselben in seinem schnuckeligen Büchlein &#8220;Gödel Escher Bach&#8221;), ergeben hat, trage ich wieder mal ein bisschen was bei &#8211; allerdings nur etwas Kleines, Nebensächliches: Ein paar Bilder, auf die ich im Internet gestoßen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Nach längerer Blog-Abstinenz, die sich aus meinem Versuch, Gödels Beweis des Unvollständigkeitssatzes zu verstehen (und dazu gleich noch Douglas Hofstadters existenzielle Deutung desselben in seinem schnuckeligen Büchlein &#8220;Gödel Escher Bach&#8221;), ergeben hat, trage ich wieder mal ein bisschen was bei &#8211; allerdings nur etwas Kleines, Nebensächliches: Ein paar Bilder, auf die ich im Internet gestoßen bin. </p>
<p>Das erste ist auch gleich das Unangenehmste. Es zeigt eine meiner schlimmsten Befürchtungen (hinsichtlich der Rezeption von US allgemein): </p>
<div id="attachment_966" class="wp-caption alignnone" style="width: 510px"><img src="http://www.unendlicherspass.de/wp-content/uploads/2009/11/MlgRLzY1yqslep5fNSr7rivto1_500.jpg" alt=" " width="500" height="331" class="size-full wp-image-966" /><p class="wp-caption-text">.</p></div>
<p>Mario Incandenza, gesehen durch das intrepretatorische Temperament eines Zeichners: Ein leicht debil dreinblickendes, gutmütig sabberndes Wesen. Mich hat dieses Bild richtig wütend gemacht, auch wenn es vielleicht dem äußeren Erscheinungsbild Marios, für dessen Beschreibung DFW sich nun wirklich viel Zeit lässt, ganz angemessen ist. Aber trotzdem finde ich: So sollte man ihn sich wirklich nicht vorstellen. Ich habe Mario als die mit Abstand würdevollste Figur des Romans in Erinnerung. Die für mich rührendste Szene des ganzen Buches ist die Beschreibung, wie Mario &#8211; scheinbar ohne vom sonst alles wissenden Erzähler vorformulierten Grund &#8211; das Blut in Eric Clippertons Sterbezimmer aufwischt: &#8220;Der bradykinetische Mario brauchte die ganze Nacht und zwei Flaschen Ajax Plus, um mit seinen kontrahierten Armen und den Quadratfüßen das Zimmer zu putzen; die U18-Mädchen in den beiden Nachbarzimmern konnten kören, wie er immer wieder hinfiel und sich wieder aufrappelte.&#8221; Nicht zu vergessen, dass Mario der einzige ist, der dem armen, an der Kälte der gleichgültig an ihm vorbeifließenden Menschheit verzweifelnden Barry Loach gegen Ende des Romans die Hand gibt. Er hat keinen Grund, ihm nicht die Hand zu geben, also gibt er ihm die Hand. So einfach ist das. So ist Mario, er umgeht einfach die Endlosschleifen, in denen sich die Figuren des Romans ständig verfangen (und auch gelegentlich die Menschen der Wirklichkeit, so wie ich in den letzten Tagen, brütend über die Frage, ob der Satz &#8220;Dieser Satz ist aus dem formalen System, in dem er existiert, nicht ableitbar&#8221; ableitbar ist&#8230;) und tut einfach irgendetwas. Sein Glück ist es, dass er &#8220;nicht so gut mit Worten&#8221; ist, wie er einmal zu Hal sagt. Weniger Worte, weniger Loops. </p>
<p>Das zweite Bild zeigt die Enfield Tennis Academy: </p>
<div id="attachment_965" class="wp-caption alignnone" style="width: 726px"><img src="http://www.unendlicherspass.de/wp-content/uploads/2009/11/enfieldten.jpeg" alt=" " width="716" height="531" class="size-full wp-image-965" /><p class="wp-caption-text">.</p></div>
<p>Die Kardioide (mein Gott, wie oft kann man sich bei einem einzigen Wort vertippen? ioioioi&#8230;) oder Herzform (manchmal auch: Nierenform) hat mich sofort an den Hauptteil der Mandelbrotmenge erinnert, das berühmteste Fraktal der Welt, auch bekannt unter dem merkwürdigen Namen &#8220;Apfelmännchen&#8221;, hier: </p>
<p><img src="http://www.unendlicherspass.de/wp-content/uploads/2009/11/apfelmaennchen.jpg" alt="apfelmaennchen" width="449" height="337" class="alignnone size-full wp-image-991" /></p>
<p>DFW hielt Infinite Jest für einen Roman in der Form eines Fraktals (&#8221;a lopsided Sierpinski-Gasket&#8221;), obwohl dieser Gedanke für mich nicht wirklich leicht nachzuvollziehen ist. Steht der oft erwähnte Hügel hinter der Tennis Academy vielleicht dort, wo in der Mandelbrotmenge der zweitgrößte Kreis (links von der Haupt-Kardioide) steht? Ich habe keine besonders gute Raumvorstellung und die Geografie von Romanhandlungen ist fast immer das erste, was sich aus meinem Gedächtnis verabschiedet. Ich weiß, dass das wahrscheinlich überinterpretiert erscheint, aber wäre es nicht lustig, wenn DFW tatsächlich eine Mandelbrotmenge in seinem Roman versteckt hätte? Zuzutrauen wäre es ihm jedenfalls. </p>
<p>Und zum Schluss noch ein Fanartikel. David Foster Wallace hätte sich vermutlich geärgert, wenn er ihn gesehen hätte. Und vielleicht hat er ihn ja auch gesehen, wer weiß:</p>
<p><img src="http://www.unendlicherspass.de/wp-content/uploads/2009/11/23951729v1_350x350_Front_Color-AshGrey.jpg" alt="23951729v1_350x350_Front_Color-AshGrey" width="350" height="350" class="alignnone size-full wp-image-967" /></p>
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		<title>Eine erstaunliche Erkenntnis</title>
		<link>http://www.unendlicherspass.de/2009/10/16/eine-erstaunliche-erkenntnis/</link>
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		<pubDate>Fri, 16 Oct 2009 16:37:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Clemens Setz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[Auf S. 1052:
&#8220;Marathe war bereit, jederzeit eines gewaltsamen Todes zu sterben, wodurch er seine Emotionen frei wählen konnte. M Steeply vom US-amerikanischen B.S.S. hatte verifiziert, dass die USA das weder verstanden noch zu schätzen wussten; es war ihnen fremd.&#8221;
Ehrlich gesagt, ich verstehe das auch nicht ganz. Der Zusammenhang zwischen der Wählbarkeit seiner Empfindungen und der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Auf S. 1052:<br />
&#8220;Marathe war bereit, jederzeit eines gewaltsamen Todes zu sterben, wodurch er seine Emotionen frei wählen konnte. M Steeply vom US-amerikanischen B.S.S. hatte verifiziert, dass die USA das weder verstanden noch zu schätzen wussten; es war ihnen fremd.&#8221;</p>
<p>Ehrlich gesagt, ich verstehe das auch nicht ganz. Der Zusammenhang zwischen der Wählbarkeit seiner Empfindungen und der Bereitschaft zu sterben scheint mir auf eine geheimnisvolle Weise richtig und bedeutsam. Aber ein genaues Gefühl für den Inhalt des Satzes kann ich trotzdem nicht entwickeln.<br />
Ich habe dem I-Ching die Frage gestellt: &#8220;Werde ich je Gelegenheit haben, diesen Satz zu verstehen?&#8221; Den Orakelspruch habe ich mithilfe dreier Münzen hergestellt. Es war das Hexagramm Nr. 10, <em>Lü</em>:<br />
&#8220;Auftreten auf des Tigers Schwanz. Er beißt den Menschen nicht. Gelingen.&#8221;</p>
<p>Verwirrend. </p>
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		<title>Drei Versionen derselben Geschichte</title>
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		<pubDate>Thu, 08 Oct 2009 19:05:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Clemens Setz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Weltliteratur ist voll von Figuren, die irgendwelchen Dingen verfallen. Der eine jagt einem Wal nach, der ihn verstümmelt hat, der andere heiratet die unattraktive Mutter eines zwölfjährigen Nymphchens, von dem er besessen ist. Meistens sind es zumindest auf einer existenziellen Ebene verständliche oder nachvollziehbare Obsessionen.
Was aber passiert mit Leuten, die ihre gesamte Aufmerksamkeit an [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Weltliteratur ist voll von Figuren, die irgendwelchen Dingen verfallen. Der eine jagt einem Wal nach, der ihn verstümmelt hat, der andere heiratet die unattraktive Mutter eines zwölfjährigen Nymphchens, von dem er besessen ist. Meistens sind es zumindest auf einer existenziellen Ebene verständliche oder nachvollziehbare Obsessionen.<br />
Was aber passiert mit Leuten, die ihre gesamte Aufmerksamkeit an ein Ding hängen, das diese Aufmerksamkeit gar nicht aufnehmen kann? An ein inhaltsarmes, langweiliges Ding, aus dem man nicht einmal ein paar Tropfen Lebensphilosophie pressen kann? </p>
<p>1.) DFW erzählt von S. 920-933 in US eine Version dieser uralten und immer wieder durch die Literatur geisternden Geschichte, vielleicht eine der düstersten Versionen: Der Vater von Hugh Steeply verfällt der Fernsehserie M*A*S*H. Anfangs schaut er sie einfach gern an, dann findet er „auch die Wiederholungen der Syndizierung extrem wichtig. Die durfte er auf keinen Fall verpassen.“ Er stellt bei der Arbeit einen kleinen Fernseher auf, er geht nicht mehr zu seinen Bowlingabenden, die ganze Familie muss ihr Leben nun nach dem neuen Zentrum ausrichten. Der Vater schreibt bei jeder Folge alles in einem Notizbuch mit, zitiert im Alltag ausschließlich Szenen und Formulierungen aus der Serie und schreibt sogar Briefe an die fiktiven Charaktere. „Irgendwann konnte er dann über gar kein Thema mehr sprechen oder sich unterhalten, ohne es auf die Serie zurückzubeziehen. Das Thema. Ohne die Serie zum Referenzsystem zu machen.“ Irgendwann verlässt der Vater nicht einmal mehr sein Zimmer, sieht rund um die Uhr M*A*S*H-Folgen und unterzieht sie einer strengen Exegese: „Irgendwann im Spätstadium des Fortschreitens ließ der Alte Herr verlauten, er arbeite an einem geheimen Buch, das einen Gutteil der Militär-, Medizin-, Philosophie- und Religionsgeschichte der Welt revidiere und durch das Aufzeigen subtiler und komplexer Themencodes in M*A*S*H erkläre.“ Nur der Tod erlöst ihn, ein einfacher Herzinfarkt. Wie gesagt, es ist eine besonders finstere Version der Geschichte. </p>
<p>2.) Etwas weniger finster kommt die Version derselben Geschichte aus der Feder von J. L. Borges daher. Bei ihm heißt sie „Der Zahir“ und handelt von einem Mann namens Borges, der nach dem tragischen Tod einer Frau, in die er verliebt war, in einer Ladenschänke etwas zu trinken kauft und unter dem Wechselgeld, das ihm ausgehändigt wird, eine Münze findet, deren Bild ihn nicht mehr loslässt. „Ich überlegte, dass jede Münze dieser Welt sinnbildlich für die berühmten Münzen steht, die ohne Ende in Geschichte und Sage aufblinken. Ich dachte an Charons Obolus; den Obolus, um den Belisar bat; an die dreißig Silberlinge des Judas; an die Drachmen der Kurtisane Lais [...]“. Genauso wie der Vater von Hugh Steeply sieht er die ganze Welt in dem unwürdigen, sinnlosen Gegenstand gespiegelt. Alles lässt sich aus ihm erklären – irgendwie. Der Mann namens Borges versucht daraufhin die Münze loszuwerden, aber es ist bereits zu spät: ihr Bild sucht ihn nachts heim, begleitet ihn überallhin, verdrängt schließlich alle Gedanken, verzerrt sogar, wie etwas extrem Massereiches, deren Raumzeit: „Früher stellte ich mir zuerst die Vorder-, dann die Kehrseite vor; heute sehe ich beide gleichzeitig.“ Er weiß, wie sein Schicksal aussieht: „Man wird mich füttern und ankleiden müssen; ich werde nicht wissen, ob es nachmittags oder vormittags ist; ich werde nicht wissen, wer Borges war.“ Aber sein Ende hat trotz allem eine etwas leichtere Dimension, das heitere Zuendeglühen eines sabbernden Idioten, dessen Hoffnung, hinter der Münze befinde sich möglicherweise Gott, nicht einmal von humorlosen Theologen widerlegt werden kann. </p>
<p>3.) Die leichteste und hellste Version dieser Geschichte stammt von Peter Bichsel. Sie heißt „Jodok lässt grüßen“. Da sie vollkommen ist und auch ziemlich kurz, verweise ich auf den Link, <a href="http://www.univie.ac.at/ims/koeppl_lv/Mth_0304/Jodok.htm">hier</a>.<br />
Vielleicht ist diese Geschichte deswegen am erträglichsten, weil am Ende die romantische Ironie eingreift und alles nur Erfindung war. Der Großvater war gar nie von der geheimnisvollen Silbenfolge JODOK besessen. Aber für den Enkel, der die Geschichte erzählt, besteht noch Hoffnung: &#8220;Wenn ich einen Onkel Jodok hätte, ich würde von nichts anderem mehr sprechen!” Immerhin hat er gerade eine Geschichte erzählt, in der diese Silbenfolge äußert oft vorkam. Wer weiß, wie seine zukünftigen Äußerungen aussehen. Aber trotzdem wird er alles auf JODOK sagen können, was ihm zu sagen ein Bedürfnis ist. Wie das Notizbuch von Hugh Steeplys Vater ist der Name Jodok eine Basis, aus der man mühelos den Vektorraum, der die Welt ist, aufspannen kann.</p>
<p>„Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen / die sich über die Dinge ziehen“, heißt es bei Rilke. In der Tat scheint der menschliche Verstand in erster Linie dazu erdacht worden zu sein. Und darum berühren uns diese Geschichten von vollkommener Unfreiheit aufgrund irgendeiner Bagatelle wahrscheinlich auch so: Sie zeigen uns, dass ein winziger perlmuttkleiner Splitter an Unfreiheit genügt und schon beginnt der Verstand seine Jahresringe um dieses Zentrum zu errichten.<br />
Was das Zentrum ist, scheint dabei keine Rolle zu spielen, so lange sich nur die ganze Welt aus ihm erklären lässt.<br />
Die wirklich interessante Frage wäre wahrscheinlich: Welches Ding auf der Welt wäre <em>nicht</em> geeignet, ein Zahir, ein Jodok oder eine Notizbücher füllende M*A*S*H-Serie zu werden? </p>
<p>Jacques Derrida plädiert bekanntlich in seinem Aufsatz „Die Struktur, das Spiel und das Zeichen im Diskurs der Wissenschaften vom Menschen“ (in: „Die Schrift und die Differenz“) dafür, dass das &#8220;Zentrum&#8221; unser Denken längst still und heimlich verlassen hat. Aber seine Geschichte ist vielleicht eine ganz andere, eine tröstlichere und weniger unheimliche, eine, die man bei Nacht in einem leeren Zimmer lesen kann, ohne sich ertappt zu fühlen&#8230;</p>
<p>(PS: Gehört vielleicht nicht hierher, aber trotzdem: Hurra für Herta Müller, die heute mit schwedischem Lorbeer bekränzt wurde!)</p>
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		<title>Smileys und Zähne</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Oct 2009 04:31:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Clemens Setz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[Ein Kollege, der diesen Blog hier gelesen hat, hat mich neulich gefragt: Warum nimmst du diesen Roman so ernst? Ich habe ein wenig über diese Frage nachdenken müssen. Aber die Antwort ist ganz einfach: Weil man ihn ernst nehmen kann. Man kann sich tatsächlich jedes einzelne Detail ansehen und wird entdecken, dass es nicht grundlos [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ein Kollege, der diesen Blog hier gelesen hat, hat mich neulich gefragt: Warum nimmst du diesen Roman so ernst? Ich habe ein wenig über diese Frage nachdenken müssen. Aber die Antwort ist ganz einfach: Weil man ihn ernst nehmen <em>kann</em>. Man kann sich tatsächlich jedes einzelne Detail ansehen und wird entdecken, dass es nicht grundlos drinsteckt. Man kann mindestens drei- bis vierdimensionale Querverbindungen anstellen und Geheimnissen auf den Grund gehen. An wie vielen zeitgenössischen Romanen kann man sich schon derart die Zähne ausbeißen?</p>
<p>Vielleicht mag sich ja der eine oder andere gemeinsam mit mir an einem der folgenden Probleme die Zähne beschädigen. </p>
<p>1.) Der Weg des Samizdat/US(V)<br />
Hier ist zuerst mal meine Theorie. In der Mitte des Buches fällt die Unterhaltung, die Master-Patrone von Unendlicher Spaß (V), in die Hände der A.F.R. Sie brechen bei den Brüdern Antitoi ein, bringen beide um und suchen nach der Patrone. Wie sind sie darauf gekommen? Don Gately (siehe S. 80ff) bestiehlt und tötet Guillaume DuPlessis, den Chef der A.F.R., anschließend gelangen die gestohlenen Patronen über Gatelys unfähigen Kumpel Trent Kite an 60er-Bob (S. 1331), den auf S. 696 beschriebenen &#8220;Langhaarigen in einer türkisch gemusterten Mütze mit einem auf den Schirm gestickten geigespielenden Skelett, der zudem ein hyperdämliches Drahtbrillchen mit kreisrunden lachsfarbenen Gläsern trug, mit den Fingern ständig den Buchstaben V bildete (&#8230;)&#8221;, der sie den Brüdern Antitoi bringt.<br />
Meine Frage: Wie kam M. Guillaume DuPlessis überhaupt an die Master-Patrone heran, wenn sie doch, wie schon an einer anderen Stelle des Buches (und dieses Blogs) erwähnt wurde, mit dem Kopf ihres Schöpfers begraben wurde? Hat Don Gately sie zusammen mit Hal ausgebuddelt, so wie er es in seinem Traum vorhersieht? </p>
<p>2.) DMZ vs. US(V).<br />
Auf den Zusammenhang zwischen DMZ und dem Film US(V) ist ja schon mehrmals hingewiesen worden. Es ist vielleicht eine etwas merkwürdige Theorie, aber ich denke, dass die Wirkung dieser beiden Dinge genau entgegengesetzt ist. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass Michael Pemulis’ DMZ-Kauf ebenfalls bei den Brüder Antitoi erfolgt. Warum bekommt er es ausgerechnet von ihnen? Ist doch ein merkwürdiger Zufall, dass beides, die Master-Patrone der Unterhaltung und auch das DMZ, dessen Wirkung Hal gegen Ende des Buches (bzw. gegen Ende seiner Zeit auf der E.T.A.) noch zum Verhängnis werden wird, bei den Brüdern Antitoi zu holen ist/war. Falls Hal den Film US (V) tatsächlich irgendwann gesehen hat, hat er ihn nach seinem DMZ-Erlebnis gesehen. Auf. S. 309, im Gespräch zw. Michael Pemulis, Hal und Axford, wird ein Soldat erwähnt, dessen Verstand nach Einnahme von DMZ &#8220;fahnenflüchtig&#8221; geworden sei: &#8220;Im <em>Moment</em> wird behauptet, der Typ wäre später in einem unmöglichen Lotussitz in seiner Army-Zelle gefunden worden, wo er mit schaurig originaltreuer Ethel-Merman-Stimme Musicalsongs gesungen hat.&#8221; (ganz nebenbei, könnte das nicht Lyle sein?) In Fußnote 301 erwähnt Hal einen DMZ-Albtraum, in dem er Ethel-Merman-Songs singt, innerlich aber schreit: &#8220;Hilfe! Ich schreie um Hilfe, und alle tun so, als würe ich Ethel-Merman-Songs covern! Ich bin&#8217;s, und ich schreie um Hilfe!&#8221; Vielleicht ist das die Wirkung von DMZ: äußerliche Eleganz, Ruhe, Normalität, (Kleist&#8217;sche) Unschuld, verbunden mit inneren Höllenqualen. Im ersten Kapitel des Romans, das nach Hals Aufenthalt in der E.T.A. spielt, hat er möglicherweise schon den Film gesehen. Und sein Verhalten ist ganz anders: Er ist äußerlich wie ein wildes Tier, aber innerlich ruhig, eloquent, entspannt. &#8220;Ich bin hier drin.&#8221; Meine Theorie wäre, dass der Film US(V) ihn gerettet, also quasi sein Bewusstsein wie einen Handschuh umgestülpt hat. </p>
<p>3.) Das Smiley-Gesicht<br />
Wer hat die Patrone an den medizinischen Attaché geschickt? Die A.F.R. können es nicht gewesen sein, da in einem der erste Gespräche zwischen Steeply und Marathe ja genau diese Frage von Marathe gestellt wird. Besonders merkwürdig daran: die Aufschrift &#8220;Happy Anniversary&#8221; (vielleicht ist ja &#8220;Happy Birthday&#8221; gemeint, aber der Absender war Québecer und dachte an &#8220;Bon Anniversaire&#8221;&#8230;) und das Smiley-Gesicht auf dem Umschlag, in dem ihm die Unterhaltungspatrone zugestellt wird. Was bedeutet das Smiley? Der Anführer der A.F.R., die bei den Brüdern Antitoi einbrechen und beide umbringen (besonders grausam: der cartoon-artige Tod von Lucien Antitoi), trägt ebenfalls eine Smiley-Maske. Ein weiteres Smiley-Gesicht begegnet uns bei der Allegorie der <em>Krankheit</em>, die Don Gately im Traum sieht. Gatelys Träume haben für die ganze Struktur des Buches, wie man gerade gegen Ende in den Krankenzimmerszenen sieht, eine wichtige Leitfunktion. Aber auch er selbst trägt einmal eine lächelnde Clownsmaske, und zwar bei seinem Einbruch bei Guillaume DuPlessis. Ein merkwürdig im Kreis herumgereichtes Symbol, dieses Smiley&#8230; </p>
<p>4.) Gott und der Stein<br />
Hals Vater JOI erzählt im höchst merkwürdigen Matratzen-Kapitel (S. 709-726), dass er beim Anblick seines Blut erbrechenden und schließlich auf einem nackten Matratzengestell das Bewusstsein verlierenden Vaters kaum etwas empfunden hätte, dann in sein Zimmer gegangen und vom Anblick eines auf dem Boden herumkullernden Schranktürknaufs zur Annularfusion inspiriert worden sei. Nicht gerade die nachvollziehbarste Reaktion eines Sohnes auf einen medizinischen Notfall seines Vaters. JOI und Hal leiden beide an einem Indifferenz-Problem, das sie aber &#8211; möglicherweise &#8211; beide irgendwie gegen US (V) immun macht. Denn es stellt sich doch die Frage: Warum sollte JOI seinen eigenen Film unbeschadet überstanden haben? Er muss ihn auf jeden Fall gesehen haben. Wenn seine Wirkung durch – wie es im Gespräch zwischen Steeply und Marathe auf S. 709 heißt – &#8220;Reiz und Dichte&#8221; entsteht, müsste sein Gehirn doch ebenfalls empfänglich dafür gewesen sein. Kann ein Filmemacher überhaupt eine Szenenfolge denken, die eine derartige Wirkung auf ihn selbst hätte. Würde er nicht in einer Endlosschleife in seinem eigenen Gehirn feststecken? Diese Frage erinnert ein wenig an die berühmte Frage: Kann Gott, der allmächtig ist, einen Stein erschaffen, der so schwer ist, dass er ihn selbst nicht heben kann&#8230;</p>
<p>Meine Zähne waren diesen Problemen/Fragestellungen bisher nicht ganz gewachsen. </p>
<p>&#8220;Hal Incandenza hatte diesen furchtbaren, neuerdings öfter auftretenden Traum, wo er die Zähne verlor, wo seine Zähne aus Schiefer waren und splitterten, wenn er kauen wollte, sich auflösten und im Mund zu Grus verwitterten.&#8221; (S. 649)</p>
<blockquote><p><strong>Clemens Setz</strong>, geb. 1982, lebt in Graz. Schriftsteller, Übersetzer, Obertonsänger. Romane: &#8220;Söhne und Planeten&#8221; (2007), &#8220;Die Frequenzen&#8221; (2009). Übersetzungen: John Leake, &#8220;Der Mann aus dem Fegefeuer. Das Doppelleben des Jack Unterweger&#8221; (2008).</p></blockquote>
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