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	<title>Unendlicher Spass &#187; Nicoletta Wojtera</title>
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		<title>Die Poetik der Auslassung</title>
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		<pubDate>Tue, 17 Nov 2009 19:27:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nicoletta Wojtera</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[Seite 1410. Und es ist Ebbe. 
Das Buch schließt mit der Gezeiten-Metapher: die perspektivische, widerspiegelnde Verzerrung von Don Gately, alias Orin in der Position des Sartre´schen Für-sich-seins im Blick der Anderen, alias J.O.I. als eines isolierten „An-sich“, alias Hal in der Poetik der Diskordanz von drinnen und draußen …
Das (etwas andere) „Ende einer großen Erzählung“ [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Seite 1410. Und es ist Ebbe. </p>
<p>Das Buch schließt mit der Gezeiten-Metapher: die perspektivische, widerspiegelnde Verzerrung von Don Gately, alias Orin in der Position des Sartre´schen Für-sich-seins im Blick der Anderen, alias J.O.I. als eines isolierten „An-sich“, alias Hal in der Poetik der Diskordanz von drinnen und draußen …</p>
<p>Das (etwas andere) „Ende <em>einer</em> großen Erzählung“ hinterlässt vor allem eines – die Auslassung. Das, was nicht (mehr) gesagt wurde. Die auktoriale Ellipse. Und es ist eine singuläre, eine bedrängende Auslassung. Das nur relative Empfinden einer Erleichterung beim „Zuklappen“, wie es Aléa Torik beschrieben hat, steht dafür, es bricht sich Bahn in der Ambivalenz der Leser-Autor-Position.  Andererseits ist am Schluss nicht etwa Flut: the tide was way out.</p>
<p>Der Versuch zu verstehen. Wir waren im Blog oft im (post-)strukturalistischen Diskurs des »modernen« posthistoire und mir drängt sich gegen Ende die elliptische Erzählkonstruktion Genettes und die Frage nach der Bewusstheit einer singulären relationalen Diegese in US auf.</p>
<p>Mein Versuch zu verstehen ist der Versuch einer Komprimierung dessen, was auf diesem Spannungsbogen von 1410 Seiten liegt. Ich schließe mich Hans Wedler an. Das Offensichtliche liegt zutage als unbändige, machtvolle und aggressive Vorführung der gesellschaftspolitischen Zerstörungsimpulse, als akute Unzustände, die nur noch das destruktive Moment der Negation zu befördern wünschen. Hierin will DFW verstanden werden. Und dennoch bin ich versucht, in diesem Roman ein ganz leises Nietzscheanisches »Nicht-verstanden-werden-Wollen« zu lesen. Nicht von dieser Gesellschaft, die von der bewussten Konstruktion des Zerstörungspotenzials lebt, nicht von denen, die immer noch glauben, sich darin einrichten zu können oder gar zu müssen? Deshalb der abrupte Wechsel der »Gezeiten«, die Auslassung, die den Möglichkeits-Raum für das Ungesagte entstehen lässt und die den Roman vermeintlich (<em>sic</em>) angreifbar in Bezug auf seine Narrativität macht. DFW will keine Charaktere entwickeln, er zeichnet ihre Ohnmacht gegenüber einer ihnen von außen (die andere, nie ausgesprochene, Seite von „da draußen“) aufgezwungenen Un-Entwicklung. Und auf dieser Ebene wiederum entwickelt er sie minutiös. Als einer, der das ganze Ausmaß des Instrumentariums der postmodernen Erzählstruktur beherrscht, nur, um es punktgenau zu brechen.<br />
Christine Ax hat den Aspekt in anderem Zusammenhang in einem Interview auf den Punkt gebracht: „Wir produzieren auf diese Weise immer besser qualifizierte Verlierer.“ (taz, 14./15.11.09, S. 25). Sie nimmt in gewisser Weise die Gedanken von Hans Wedler auf: die Unfähigkeit des Hochbegabten. Aber sie wechselt die Perspektive, denn es ist die herrschende soziopolitische Außenperspektive, die das kreative Potenzial, den Möglichkeits-Raum, des Ungesagten, der Auslassung zwischen drinnen und draußen erstickt. Hal wechselt die Perspektive in die Linearität der Horizontalen; er kann nicht mehr anders.</p>
<p>Ich denke, dass die postulierte Unfähigkeit zum Mittelmaß nicht die einzige Füllung der Diskordanz zwischen drinnen und draußen ist. Dies zielte nur auf die Ebene des Verstanden-werden-Wollens.<br />
Zwischen »hier drinnen« und »da draußen« liegt die Ambivalenz des Käfigs als spezifische polare Dialogizität einer Subjekt-Objekt-Relation, die in der Romanstruktur, so scheint mir, bewusst (gegen-)gesetzt ist. Gegen das vordergründige Verstanden werden qua Narrativität, für das Aufzeigen der Ambivalenz einer hiesigen Selbstverortung.</p>
<p>Die Dialogizität ist in US immer körperlich, kreatürlich und unmittelbar präsent. In der detaillierten Schilderung körperlich-seelischer Grausamkeiten, in der Ohnmacht des Ichs vor dem »Großen Ganzen«, in den sinnlich eingesetzten Licht-Schatten-Spielen zwischen dem Natur-Sein der Wüste und dem Mensch-Sein eines Ortho Stice und in der Setzung von Gegenwärtigem und Erinnertem. Das Erinnerte bestimmt die Schlussphase des Buches und weist damit auf (irgend-)einen Anfang. Diese Dialogizität braucht die sinnlich ambivalente Ästhetik des Hässlichen und die Beschreibung der Auslassung als Potenzial des Schreibens: Die Dialogizität der Ellipse oder die elliptische Wi(e)derkehr der Gezeiten. Und insofern müsste das Buch vielleicht ein zweites Mal gelesen werden, denn – wir sind „hier drin“.</p>
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		<title>Die »Nonchalance« der Struktur</title>
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		<pubDate>Thu, 29 Oct 2009 23:21:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nicoletta Wojtera</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[»Augenfaktor«
 –
Die Gesichter sind »wie in einer Art Mitte gefangen. Zwischen zwei Dingen. In verschiedene Richtungen gezogen«
–
»Verlegt. Verloren.«
»Verlegt.«
»Verloren.«
»Verlegt.«
»Meinetwegen.«
…
…
…
(S. 932f.)
Zurück von einer Reise (und erst einmal in der spannenden Verstrickung unserer Blog-Beiträge-Kommentare haltlos – … was mich freut). Eine Reise mit US im Gepäck. Weniger Absicht, mehr eine subtile, sich quasi von selbst ergebende Notwendigkeit. Seltsamkeiten, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>»Augenfaktor«<br />
 –<br />
Die Gesichter sind »wie in einer Art Mitte gefangen. Zwischen zwei Dingen. In verschiedene Richtungen gezogen«<br />
–<br />
»Verlegt. Verloren.«<br />
»Verlegt.«<br />
»Verloren.«<br />
»Verlegt.«<br />
»Meinetwegen.«<br />
…<br />
…<br />
…<br />
<em>(S. 932f.)</em></p>
<p>Zurück von einer Reise (und erst einmal in der spannenden Verstrickung unserer Blog-Beiträge-Kommentare haltlos – … was mich freut). Eine Reise mit US im Gepäck. Weniger Absicht, mehr eine subtile, sich quasi von selbst ergebende Notwendigkeit. Seltsamkeiten, die vielleicht nur (manche) Bücher vermögen. Vielleicht auch ein Versuch, die Lese-Perspektive zu wechseln oder – Experiment – zu ergründen, was passiert, wenn … – ich den Standort wechsele? Was auch immer diesen Stand-Ort als Lese-Verortung prägt. Auch darüber wäre gelegentlich zu reden.</p>
<p>Meine Seitenposition: 1084. Und während meiner Reise der Versuch, dieses „Dings, dieses Etwas“ (Zitat Aléa Torik, von mir sehr gerne aufgenommen) aus der in-finiten, für mich noch in-differenten Position des Unendlichen zu holen und zu systematisieren, (katalogisieren, poetologisieren, …) was mir im multilateralen ∞ Halt gewährt. Die »Nonchalance« des Netzes, das DFW spannt. Letzte Eindrücke davon: Die rückblendende „Bett(gestell)szene“ <em>(S. 709ff.) </em>, Randy Lenz´ „Katharsis der Lösung“ <em>(S. 785)</em>, das „Opti-Spek“ <em>(S. 893ff.)</em>, 133 Kinder und Jugendliche beim Abendessen <em>(S. 903ff.). </em><br />
Ich komme – bedingt durch meinen veränderten Lese-Stand-Ort? – zu einer ähnlichen Lesart wie Aléa Torik: eine polare Dichotomie als Movens der Literatur.</p>
<p>Verborgenes und Offensichtliches, organisiert als polare Impulse, scheinen die Parameter der Romanstruktur zu sein, oft sogar eher beiläufig:<br />
„In der US-amerikanischen Wüste erwachte ein Leben, das größtenteils verborgen blieb“. <em>(S. 763)</em>. – „Ein verborgener Vogel zwitscherte.“ <em>(S. 764)</em>. – Die „L.A.R.V.E.“, bei Nietzsche bereits die Maskenfrage. – Die Maske als soziokultureller Offenbarungseid: Der Horror der Einsamkeit und dessentwillen wir „jede Maske anlegen, um zu passen“ <em>(S. 997)</em>. – Physischer, die überirdischen und unterirdischen Gebäudeteile der E.T.A. – Die Schatten sind allseits gegenwärtig, kreatürlich beschreiben sie Ortho Stice, atmosphärisch die Situation in der Wüste, subtiler angelegt sind sie in der Feststellung „Falls die Schreie in Wahrheit nicht Gelächter sind.“ <em>(S. 803)</em>.<br />
Die Polarität setzt sich fort, wenn Mario sich „in Ennet House wohlfühlt, weil es ganz echt ist.“</p>
<p>Andere Quanten des »großen Ganzen« fallen mir auf, Orin bringt es auf den Punkt – „Letztlich geht es immer ums Funktionieren“, und Marlon Bain feilt es haarfein zu, auf das Spiel im Spiel des Überfunktionierens und die Frage des Missbrauchs. Orin ahmt die Moms nach: „ein Mensch, der immer näher kommt, die Arme weit geöffnet, lächelnd.“ <em>(Anm. 269)</em>. Das Untergründige weist weit voraus (und gleichzeitig zurück) auf die Joelles Schauder bei der Beschreibung des Thanksgiving-Abendessens mit der Familie Incandenza.</p>
<p>Die Frage nach dem Durchhalten im Unaushaltbaren der eigenen Mittelmäßigkeit, folgenschwer ausgetragen. Das Funktionieren – die Familie Incandenza, Avril vs. James Incandenza, gesteigert in der „Über-Familie“ der E.T.A., Drogensucht und Alkoholismus als (Wahl-)Perspektive auf die Fragwürdigkeit einer äußeren Realität, in sich gesteigert in der »Funktions-Struktur« von Ennet-House, kulminiert in der Frage nach der Definition von Missbrauch, bei Orin, Mario und Hal nicht anders als bei Bruce Green und dem inzestuösen „Es“.</p>
<p>Dazwischen, zwischen Funktionieren und Nicht-Funktionieren, zwischen der Ambivalenz sozialer, psycho-physischer Motivationen, liegt immer wieder die Suizid-Frage: Er-Selbst, Kate Gompert, Joelle; gespeist aus der „Ein-Mann-Hölle“ <em>(S. 999)</em> diesseitiger Existenz.</p>
<p>Die Frage bleibt, was trägt diese polare Dichotomie? Paulhan scheidet die Schriftsteller (und Kritiker) in Rhetoriker und Terroristen. Und es fallen mir die eher abseitigen Bezüge auf. Da wird das »objet trouvé« als Idee der klassischen Moderne-Ästhetik unversehens zum »Drame-trouvé« in der Fußnote 234. Die Ambiguität der Ästhetik von Lautréamonts Maldoror schließt sich an &#8211; »Schön, wie …«. Und es geht um einen schönen Jüngling (die Nähmaschine, den Regenschirm und den Operationstisch …).</p>
<p>Woran ich mit all dem arbeite: Die letzte, (sui generis) unbeantwortete Frage der Schriftstellerposition. Erliegt der Autor (wie vielleicht jeder Autor; und der Leser) dem nietzeanisch illusionären Nichts des Balzac´schen Meisterwerkes? Unbekannt weil unmöglich? Und das Bekannte nur als sichtbar gemachte – zurück zum Seher Rimbauds – „Absenz“ (S. 1066). Was mich umtreibt, ist die Frage: Erliegen oder inneliegen wir der paradoxalen Ambivalenz des »Ceci n´est pas une pipe« Magrittes, die Foucault´sche „Auflösung der Affirmation“? Welchen DFW lesen wir? Welches Buch? Terroristen und Rhetoriker? DFW? Die beliebige Volatilität der Schnittmenge bildet er ganz sicher nicht. Die Komplexität der (einer) »Nonchalance«.</p>
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		<title>Fragen und Folgen einer »Unbehaustheit«</title>
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		<pubDate>Sun, 04 Oct 2009 19:07:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nicoletta Wojtera</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[   Bei Valéry lesen wir:
Wenn ich ein Buch aufschlage, bietet das Buch meinen Augen zwei recht unterschiedliche Arten an, Anteil an ihm zu nehmen. […]. Es kann ihnen eingeben, sich auf eine regelmäßige Bewegung einzulassen, die sich entlang einer Zeile von einem Wort dem anderen Worte mitteilt, nach einem Sprung, der nichts zu [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>   Bei Valéry lesen wir:<br />
Wenn ich ein Buch aufschlage, bietet das Buch meinen Augen zwei recht unterschiedliche Arten an, Anteil an ihm zu nehmen. […]. Es kann ihnen eingeben, sich auf eine regelmäßige Bewegung einzulassen, die sich entlang einer Zeile von einem Wort dem anderen Worte mitteilt, nach einem Sprung, der nichts zu bedeuten hat, auf der nächsten Zeile wieder auflebt und in ihrem Fortschreiten eine Menge aufeinander folgender Reaktionen des Geistes hervorruft, deren gemeinsame Wirkung ist, jeden Augenblick die augenhafte Inbesitznahme der Zeichen aufzuheben, um an ihre Stelle Erinnerungen und Verknüpfungen von Erinnerungen zu setzen. Jede dieser Wirkungen ist der erste Markstein einer beliebig möglichen unendlichen Entwicklung. […]. Das Buch ist aber andererseits ein <em>Gegenstand</em>, eine Summierung <em>vorhaltender</em> Eindrücke, der unvermittelt eingehende, <em>nicht auf Konvention beruhende </em>Eigenschaften zugeordnet sind.</p>
<p>   Und an anderer Stelle:<br />
Man kann einen Text auf sehr viele unabhängige Arten ansehen, denn er lässt sich abwechselnd von der Phonetik, von der Semantik, von der Syntax, von der Logik, von der Rhetorik her beurteilen, nicht zu vergessen die Metrik und die Etymologie.</p>
<p>Im Sinne dieser Lese- und Texteigenschaften geht mir, das Stichwort fiel schon einmal, die »Kafkaeske Frage« bei US noch einmal durch den Kopf, die ebenso eng der bereits geführten Diskussion zur Frage der Moderne – Postmoderne korrespondiert.</p>
<p>Eine Valérysche Verknüpfung, die aus meinem Anteilnehmen am Buch entsteht, ist die zu Hans Egon Holthusens Feststellung des „unbehausten Menschen“, aus der Perspektive unserer heutigen Lesesituation, knapp 60 Jahre später, sinnreich unterschrieben mit „Motive und Probleme der modernen Literatur“. Holthusen lässt die (vermeintliche) Moderne mit Rilkes „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ einsetzen und exemplifiziert die, wie er formuliert, „merkwürdige Radikalisierung der Frage- und Themenstellung“ an Franz Kafka, an der Frage nach der Gültigkeit von Wirklichkeiten und der euklidischen Konstante:</p>
<p>„Bei Kafka hingegen funktioniert die Wirklichkeit grundsätzlich <em>nicht</em>, die Sinnfiguren schließen sich <em>nicht</em>, jedenfalls nicht auf vernünftige Weise: alles bleibt offen. Der Stil des Dichters ist durchaus »realistisch«, er ist konkret, sachlich, schlicht und genau, (…). Und trotzdem tritt überall der Hintersinn und Unsinn des Daseins im unsicher gewordenen Gefüge der Wirklichkeit zutage, das Hinterwirkliche bricht in Form des Absurden, Ironischen und Paradoxen in den Bereich des Greifbaren und Sichtbaren ein.“</p>
<p>Und Holthusen schließt den Kreis zu Rilke mit:<br />
„Das Erlebnis einer fundamentalen Unsicherheit im Wirklichen, das Kafka beherrscht, ist in anderer Form auch für Rilke zum Thema geworden. Der moderne Mensch, der […] »eine dumpfe Umkehr der Welt« an sich erfährt, er ist durchaus heimatlos, ein verlorener Sohn, der die Liebe des Vaters nicht will, ein Mensch ohne Haus, der nicht in das alte Haus zurückkehren will.“ – Jim, doch nicht so, Jim &#8230;</p>
<p>Ist es das? Die Wirklichkeit von US funktioniert nicht. Aber in welchem Sinne? Und welche (moderne) Wirklichkeit funktioniert hier nicht? Dieses Nichtfunktionieren okkupiert alle Ebenen der Lese- und Wahrnehmungsarten: es ist das „Es“ der Adoptivfamilie, in der eine perverse Gottesfürchtigkeit neben einer potenziert pervertierten Form von Inzest gelebt wird; die daraus erst resultierende Ambivalenz der AA zwischen „da draußen“ und „hier drinnen“ – „Die Wahrheit macht dich frei. Aber vorher macht sie dich fertig“, die, übersteigert in der Vorführung von Incandenzas „Der Witz“, die Zuschauer ihrer Selbstbespiegelung aussetzt und in den Chaplinesk gestalteten Lautäußerungen von Gentle, „Hhhaaahh Hhhuuuhh Hhhaaahh Hhhuuuhhh“, kulminiert, auf deren Basis dieser „die Geschichte neu zu erfinden“ gedenkt. Eine Basis, die Steeply, der nicht mehr genau weiß, „wo oben und unten ist“, nur noch in der „Unterjochung seiner Würde und Selbstachtung“ empfindet – Kafkas brachial erfahrene Paradoxale der „Hinterwirklichkeit“.</p>
<p>Holthusens Mensch, „der zu unaufhebbarer Gefangenschaft verdammt“ ist, steigert US von Hals Empfinden des „Ich bin hier drin“ zu einem „ich bin da gefangen drin“ und wechselt den Modus zu – „Wenn da eigentlich gar keiner drin ist“?! Dann?! Dann ist der als postmodern apostrophierte David Foster Wallace bei dem »Modernen«, bei Rainer Maria Rilke, angekommen, für den der Halt des euklidischen Standpunktes bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts keiner mehr sein konnte.</p>
<p>Sollten die Engel Rilkes in der »Unbehaustheit« von US zugegen sein …? </p>
<p>Denn – </p>
<p>   „Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn …?</p>
<p>   „Jeder Engel ist schrecklich. Und dennoch, weh mir,<br />
   ansing ich euch, fast tödliche Vögel der Seele,<br />
   wissend um euch.“</p>
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		<title>Der Tanz mit dem Text</title>
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		<pubDate>Tue, 29 Sep 2009 21:41:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Nicoletta Wojtera</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[„Der Tanz mit dem Text“ ist als Metapher, als Sprach-Bild, ein Zitat, das mir in dem (im Oktober erscheinenden) Buch von Maryanne Wolf, »Das lesende Gehirn«, aufgefallen ist und – das als Bild in mir präsent geblieben ist.
Denn damit kommt etwas auf den Punkt, worüber ich seit den ersten Seiten des Lesens, der Lektüre, des [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>„Der Tanz mit dem Text“ ist als Metapher, als Sprach-Bild, ein Zitat, das mir in dem (im Oktober erscheinenden) Buch von Maryanne Wolf, »Das lesende Gehirn«, aufgefallen ist und – das als Bild in mir präsent geblieben ist.<br />
Denn damit kommt etwas auf den Punkt, worüber ich seit den ersten Seiten des Lesens, der Lektüre, des (Nach-)Denkens beim Lesen, des (Nach-)Fühlens beim Lesen, … von US sinne. Das Buch bewegt sich von Beginn an – und gerade von Beginn an, mit Hals Feststellung „Ich bin hier drin“ – in der dialektischen Ambivalenz eines komplexen Zusammen-<em>Spiels</em> von Körper, Körperlichkeit und Geist. Es ist ein »Tanz«. Fraglos. Ein Tanz mit einer subtilen Choreographie, die sich nicht erschließt, solange man die Handlungsebenen voneinander trennt, trennen muss, um sie überhaupt wahrnehmen zu können. An diesem Punkt macht der Tanz uns atemlos, erfordert ein (Ausdauer-)Training; er provoziert und schockiert uns und manches Mal stellen wir fest, dass wir aus der Choreographie gefallen sind und – wir hoffen vielleicht auf Erlösung. Wie Hamlet. Dennoch lassen wir uns darauf ein. Aus unterschiedlichen Gründen und mit unterschiedlichen Motivationen.<br />
Noch etwa scheint mir wesentlich. Der Tanz ist nicht codierbar, seine »condition humaine« ist immer individuell und subjektzentriert in diesem Zusammen-<em>Spiel</em> von Körperlichkeit und geist-seelischer Verfassung. Und er ist angewiesen auf das Mit- oder Gegeneinander von Tänzer/Handlungsfigur/(Autor?) und Zuschauer/Leser.<br />
&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<br />
Exkurs …:<br />
Hanno Millesi hat es gerade nachdrücklich formuliert in der scheinbaren Korrelation von Texterfahrung und eigener Körperlichkeit. Und an dieser Stelle bleibt vielleicht sogar offen, was Krankheit, was krank ist und was, mit Nietzsche, eine „Große Gesundheit“ auslöst. In den Lesebeschreibungen von Elmar Krekeler ist es ein ganz selbstverständliches, wie es scheint, beinahe unbewusstes Element: „Gehtsokaffeemitmilch“, „Vitalgetränk“, „Tee mit Milch“ und erwähnenswert „Kein Getränk“.<br />
&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<br />
»Der Tanz mit dem Text« entfaltet für mich das Portfolio von Referenzen, die das subtile Netz des Textes bilden und gleichzeitig deutlich machen, dass DFW mit US die Negation des euklidischen Standpunktes für die (Post-)Moderne produktiv gemacht hat. Viele Elemente spielen hier hinein. Da ist die Frage des <em>Spiels</em>, des Sprachspiels und mit Wittgenstein die Idee des Sprachspiels als Sprach-<em>Manipulation</em>. Die (moderne) Manipulation am »Ende der großen Erzählungen« Lyotards argumentiert DFW konsequent zu einem neuen Beginn  in der parallelen Paradoxale, die Joelle van Dyne in den „Käfig“ führt, an dessen Eingang Ausgang steht, in dem sie „schleierlos und garnhaarig geweint [hatte], wie ein grotesker Clown, in allen vier Spiegeln an den Wänden ihres Zimmers“, und die gleichzeitig das Eschaton-Spiel inszeniert, bei dem die „Rolle Gottes nie sonderlich beliebt“ ist und bei dem die Frage nach der gültigen (manipulierten) Realität des Subjekts aufgelöst wird in der Feststellung – „Spieler sind nicht innerhalb des Scheißspiels. Spieler sind Teil des Spiel<em>apparats</em>. Sie sind Teil der Karte.“ Wer sind die Spieler? Wir? Die Leser? Wessen Realität ist hier aufgelöst worden?<br />
Die Frage nach der schon mehrfach postulierten Hyperrealität schließt sich an, die nah an Baudrillards Simulakren operiert. Weit vor Baudrillard – aber vielleicht für die Frage des Post-/Moderne-Diskurses fruchtbarer – liegt das Postulat einer »Tradition des Irregulären« von Gustav René Hocke. Der Sprache eignet in diesem ästhetisch-lebensweltlichen Konzept eine komplexe Dynamik. Die Formstruktur des Sprachlabyrinths, die Kombinatorik und eine an Paralogismen ausgerichtete Metaphorik bedingen eine spezifische Beweglichkeit und eine Eigendynamik der Sprache, die nicht mehr als homogen gefügtes Ganzes wahrgenommen wird, sondern die sich über die Mehrschichtigkeit des einzelnen sprachlichen Elements – Satz, Wort, Buchstabe – definiert. Und, um den Bogen zurück zur Frage des Hyperrealismus zu schlagen, nicht weit davon entfernt liegt der „S<strong>ü</strong>r-Realismus“ Walter Benjamins, der mit dieser sehr bewusst gesetzten Akzentuierung des Umlautes nicht auf den Surrealismus als ästhetische Epochenbezeichnung abhebt, sondern damit ein Sprach-<em>Spiel</em> bezeichnet,  mit dem der „Bereich der Dichtung von innen gesprengt“ wird. Und damit sind wir sehr nah am „Tanz“ von DFW.<br />
&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<br />
P.S. Ich bin nachträglich in die Runde eingestiegen. Einen herzlichen Gruß an dieser Stelle an alle Mitstreiter, -leser, …</p>
<blockquote><p><strong>Nicoletta Wojtera</strong>, Jahrgang 1971, lebt und arbeitet in Köln, Studium der Germanistik/Literaturwissenschaft und Geschichte, tätig als Studien- und Bildungsberaterin und freie Autorin. Veröffentlichung u. a. Friedrich Nietzsche und der Surrealismus, Paul Mersmann – Einführung in die A.B.C.-Bücher (IABLIS 2007).</p></blockquote>
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