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	<title>Unendlicher Spass &#187; Norbert Niemann</title>
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		<title>Das Ironie-Problem</title>
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		<pubDate>Tue, 13 Oct 2009 17:13:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Norbert Niemann</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Es hat ne Zeit gedauert, aber inzwischen mag ich „Unendlicher Spaß“. Ich finde den Roman angenehm ERNSTHAFT, auf eine in der Tat sehr uneuropäische Art. Die auf den ersten dreihundert Seiten und ein paar Zerquetschten drohende Monster-Supra-Komplexitätsanlage hat sich so ziemlich aufgelöst in drei Handlungsblöcke: die Tennis Academy, Ennet House und seine AA-Umgebung, die Felsnase, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es hat ne Zeit gedauert, aber inzwischen mag ich „Unendlicher Spaß“. Ich finde den Roman angenehm ERNSTHAFT, auf eine in der Tat sehr uneuropäische Art. Die auf den ersten dreihundert Seiten und ein paar Zerquetschten drohende Monster-Supra-Komplexitätsanlage hat sich so ziemlich aufgelöst in drei Handlungsblöcke: die Tennis Academy, Ennet House und seine AA-Umgebung, die Felsnase, wo Steeply und Marathe ihre grandiosen Freiheitsgespräche führen.<br />
Spannend ist das Ironie-Problem. Über eine totale Entertainmentwelt lässt sich, scheints, nur mit einer totalen Hypertrophierung der vorgegebenen, alles zudeckenden ästhetischen Klischees schreiben. Gleichzeitig das auf der Schattenseite produzierte Grauen.  In den Passagen über die Anonymen Alkoholiker immer wieder das Durchstoßen der Ironie-Betondecke, das Aufbrechen von Lächerlichkeit, indem gerade das Lächerliche so ernst wie möglich genommen wird. Und kurz darauf kippt es wieder. (Ähnliches macht Chuck Palahniuk in „Fight Club“) Die andere, die „Tarantino-Methode“ (wie in der martialischen Hinrichtung dieses Lucien Antitoi durch die Rollstuhlterroristen (704ff)): Ein Klischee (wie das dieses Durchbohrens mit angespitztem Besenstiel) wird so extrem auf die Spitze getrieben, bis die Ironie weh tut.<br />
Totale Unterhaltung deckt alles Leben mit Stories zu. Sie verwandelt jeden Schmerz, jede menschliche Katastrophe in ein lächerliches Abziehbild. Das Ironie-Problem lässt sich vielleicht so formulieren: Wie schaffe ich es, wieder ans Leben hinter den Stories ranzukommen, ohne so zu tun, als gäbe die Trivialästhetisierung des Lebens nicht.</p>
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		<title>&#8220;Die Unterhaltung existiert.&#8221;</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Oct 2009 21:36:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Norbert Niemann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[Vierter Bericht von irgendwo auf dem Fünfhunderter-Streckenabschnitt. Zwei Anmerkungen noch zur Etappe davor:
1.	Die Schilderung der Geburt und Kindheit von Hals schwerstbehindertem Bruder Mario scheint mir Topoi einer Messias-Legende zu enthalten (die „unbemerkte Schwangerschaft“, die heimliche Bewunderung Hals  für Marios menschliche Überlegenheit, den er „insgeheim vergöttert“, die Vermutung , die Mutter „Avril könne Mario für [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Vierter Bericht von irgendwo auf dem Fünfhunderter-Streckenabschnitt. Zwei Anmerkungen noch zur Etappe davor:<br />
1.	Die Schilderung der Geburt und Kindheit von Hals schwerstbehindertem Bruder Mario scheint mir Topoi einer Messias-Legende zu enthalten (die „unbemerkte Schwangerschaft“, die heimliche Bewunderung Hals  für Marios menschliche Überlegenheit, den er „insgeheim vergöttert“, die Vermutung , die Mutter „Avril könne Mario für das eigentliche Wunderkind halten“ (auch wenn (oder gerade weil!) der Erzähler abschwächt mit dem in Klammern stehenden Hinweis, Hal bekunde „damit verblüffend wenig Einsicht in die Psyche der Moms“). Messias- oder Jesus-Topoi gibt es in der jüngeren Literaturgeschichte etwa bei Camus in „Der erste Mensch“, auch die Figur des behinderten, zurückgebliebenen, beschädigten  als des besseren (menschlicheren) Menschen kommt recht häufig vor, aber ich glaube nirgends in dieser überzeichneten, halb ironischen, halb pathetischen Form (Ironie, die sich überschlägt, bis sie das Klischee zerreißt?). Wie viel Romantik (siehe unten in: „There’s no off-switch…“), wie viel „Endspiel“ und Poststrukturalismus wüten da noch? (Oder wüten sie nur scheinbar?) (Und was soll ich davon halten?: Die Frage bleibt bis auf weiteres offen … )<br />
2.	Zum ersten Mal bin ich bei der Lektüre in echte Begeisterung geraten. Und zwar auf den Seiten 458 bis 463. Marathe spricht über den Unterschied zwischen der amerikanischen Unterhaltungs-O.N.A.N.-Freiheit („Eure Freiheit ist die Freiheit VON“) und einer „Freiheit FÜR“, die ins Utopische verrückt ist. Das hat mich beschäftigt. Nicht nur, weil ich exakt dieselbe Unterscheidung vor zehn Jahren in einer schriftlichen Diskussion mit Georg M. Oswald (in „Akzente“ 2/1999) über die zunehmende Marktförmigkeit des Kulturbetriebs getroffen habe (Stichwort: Koinzidenzen). Sondern weil der Gedanke bei DFW ins Metaphysische weitergeführt wird: Die Lust/der Appetit als Glaubensinhalt, als einziger Sinn-Horizont, für den man zu sterben bereit ist. „Irgendwer hat eure Völker vergessen lassen, dass das das einzige wichtige Ding ist, Wählen.“ Nämlich die Freiheit zur Wahl eines anderen „Tempels“ als dem des Appetits, des unendlichen Spaßes. Der Terror der tödlichen Unterhaltungspatrone, „so schön, dass sie jeden Betrachter umbringt“, ist nach dieser Zustandsbeschreibung einer von Unterhaltung dominierten Gesellschaft nur eine Vorwegnahme. „Der genaue Zeitpunkt vom Tod und die Methode vom Tod, das spielt keine Rolle mehr. Nicht für eure Völker. Du willst sie beschützen? Aber du kannst es nur aufschieben. Nicht retten. Die Unterhaltung existiert.“ (Und auch die Frage nach der Wahl eines anderen „Tempels“, nach der Freiheit FÜR WAS bleibt bis auf weiteres offen, nicht nur im Buch …..) </p>
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		<title>&#8220;Unterhaltung ist blind&#8221;</title>
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		<pubDate>Mon, 21 Sep 2009 20:53:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Norbert Niemann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[Als hätte der Roman mein Bitten im letzten Beitrag erhört, er möge allmählich die Handlung starten, geschieht genau das ab Seite 316 und setzt mit Joelle van Dynes scheiterndem Selbstmordversuch gleich einen ersten Höhepunkt.
(Mit Handlung hatte ich letzte Woche etwas ganz Romantechnisches gemeint, lieber Herr „Sinedi“ [herzlichen Dank an dieser Stelle für Ihren ausführlichen Kommentar], [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Als hätte der Roman mein Bitten im letzten Beitrag erhört, er möge allmählich die Handlung starten, geschieht genau das ab Seite 316 und setzt mit Joelle van Dynes scheiterndem Selbstmordversuch gleich einen ersten Höhepunkt.<br />
(Mit Handlung hatte ich letzte Woche etwas ganz Romantechnisches gemeint, lieber Herr „Sinedi“ [herzlichen Dank an dieser Stelle für Ihren ausführlichen Kommentar], nämlich das Verlassen der Exposition, den Übergang zur Durchführung. Ich vergleiche das Romanschreiben manchmal mit der Entwicklung einer komplexen Spielanlage, auf der dann ein einziges Spiel gespielt wird: der Roman. 315 Seiten lang hat „Unaufhörlicher Spaß“ das Spielfeld, die Figuren mit ihren Zugmöglichkeiten und die Spielregeln vorgestellt. Das ist, gemessen am Gesamtvolumen proportional absolut vertretbar. Doch von jetzt an werden Figuren gezogen, die Spielebenen miteinander in Verbindung gesetzt: Die Radiokultmoderatorin Madame Psychosis ist Joelle von Dyne, Ex-Geliebte von Hals Bruder Orin, Akteurin in den Filmen des Vaters Jim, eventuell Anlass für seinen Selbstmord und sw. (!); es ist in erster Linie ein Was-Bisher-Geschah-Plot (sehr schön gelöst vor allem in dem von magischem Nagelknipsen begleiteten Telefongespräch zwischen Hal und Orin, geschrieben in William Gaddis – Manier), flankiert vom Alltag in den beiden komplementären Gegenwelten der Tennisakademie und der Entzugsanstalt Ennet House, und allmählich beginne ich zu begreifen, wie was zusammenhängt, sich aneinander reibt, weiterwälzen wird &#8230;)<br />
Ich möchte aber diesmal nur über eine Stelle nachdenken, die mir sehr charakteristisch für DFW zu sein scheint (es gibt Vergleichbares auch in den Erzählungen, vor allem im großartigen letzten der „Interviews mit fiesen Männern“), nämlich die, wo Joelle, nichts als ihr Vorhaben „sich die Karte umzudekorieren“ im Kopf, diese schöne junge Frau auf der Party tanzen sieht:<br />
„Ich hab bloß meine Titten angesehen, sagte sie und sah an sich hinab, sind sie nicht schön, und das ist so bewegend, in ihren Worten liegt eine so herzzerreißende Ehrlichkeit, dass Joelle am liebsten zu ihr gehen und ihr sagen würde, es ist und wird alles, alles gut.“<br />
Was ist das? Es ist jedenfalls vom Autor offenbar als Auslöser angelegt dafür, dass es bei Joelle letztlich nicht klappt mit dem Umbringen. Aber warum? Die Stelle haut richtig rein in diesem dauerironischen Albtraumpanoptikum. Das ist vollkommen unironisches, existenzielles Pathos. Für Joelle scheint es sich ja, wie die kindlich gebetsartige Schlussformel nahelegt, um einen absoluten Erlösungsmoment zu handeln, in dem sich alles für einen Moment auflöst, nichtig wird, was sie in den Selbstmord treibt, nämlich diese ganze soziale Horrorshow, die DFW entwirft, mit den „chemisch rosa“ Morgendämmerungen, der Inklusion in den alltäglichen Wettkampfzyklus, wo nichts als „gespielt, gegessen, geschlafen und ausgeschieden“ wird auf der einen Seite, der Exklusion in den Dauerentzug, wo Dankbarkeit, die Bitte um Hilfe, ein Leben unter der „Obhut von Klischees“ eingeübt wird auf der anderen Seite. Das sind Stellen, wo der von Thomas Meinecke [schade, dass Du nicht mehr dabei bist!] ins Spiel gebrachte „suizidale“  Wesenszug dieser Prosa eben durchbrochen wird. (Oder nicht?) Natürlich geistern da sofort Vorstellungen von Authentizität, Unschuld und – nicht zu vergessen! &#8211; : Schönheit. (Wir Leser werden etwas später dann aufgeklärt über die vergangene große Schönheit von Joelle selber, die (sic!:) „jeden Interessenten abgeschreckt“ hat; es gibt demnach auch eine figurenmotivierte Perspektive – und eine problematische Kehrseite der Medaille.) Aber ist das wirklich alles?<br />
 Wäre es einfach die übliche romantische Ganzheits- und Identitätsnummer, dann wäre es Kitsch. Aber das ist es durchaus nicht. Es ist eher so ein Ding wie beim frühen Rainald Goetz, wo den Figuren die Sprache ausgeht in ein „Ich auch, ich auch“-Gestammel. Es zerreißt für eine Sekunde diesen neverending Film, der nirgends, nirgends zu durchbrechen ist. Allerdings, und das ist das Besondere, hat es überhaupt keinen „Ich auch“-Charakter, da ist keine Verschwisterung ist im Gang, die „Geste“ der Frau ist im Gegenteil vordergründig fast solipsistisch. Durch eine Art öffentliche Eigenliebe stellt die Verbindung zu Joelle her, durch die Schönheit der eigenen Titten, durch die Tatsache, dass sie sie schön findet und es sagt. Sie sagt „Ich“, hingegeben an diese Schönheit, und indem sie es SAGT, geht für einen Augenblick auf der anderen Seite ein Fenster auf. Es scheint also trotz allem ein kommunikativer Akt stattzufinden, der nur über die Brücke Eigenliebe – Hingabe – Schönheit – Sprechen zustande kommt und die Horrorshow durchbricht. Und das ist – in meinen Augen – die andere Perspektive in der „Zuviel Spaß“-Welt dieses Romans.</p>
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		<title>&#8220;Alles dient der Bewusstseinsbildung&#8221;</title>
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		<pubDate>Mon, 14 Sep 2009 20:11:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Norbert Niemann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[Ich bin gestern auf  Seite 315 angekommen, also gerade noch so im Soll, und der Haupteindruck/die Hauptfrage ist: Ich befinde ich immer noch in der Exposition des Romans (1). / Befinde ich mich immer noch in der Exposition des Romans?
Es gibt bisher keinerlei  Handlung (2), null Plot, nicht die geringste Spur (vielleicht deutet [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ich bin gestern auf  Seite 315 angekommen, also gerade noch so im Soll, und der Haupteindruck/die Hauptfrage ist: Ich befinde ich immer noch in der Exposition des Romans (1). / Befinde ich mich immer noch in der Exposition des Romans?<br />
Es gibt bisher keinerlei  Handlung (2), null Plot, nicht die geringste Spur (vielleicht deutet sich ab Seite 311 ja einer an, wo es um die Planungen von Pemulis, Hal etc. zum Einschmeißen dieses historischen Super-Halluzinogens geht? Oder wird es nie einen Plot geben? (3))</p>
<p>Aber das Umfeld bekommt allmählich Konturen (Phylogenese/Ontogenese):<br />
Zum Gebäude der E.T.A.  (in der architektonischen Form eines Valentinsherzens) gesellt sich die Ruine der ehemaligen Reha der US Marines mit ihren sieben Nebengebäuden (Monden), darunter das Ennet House als Entzugs-WG. Hier kriegt Pemulis die Drogen für die E.T.A.Studenten, als eine Art Kurier/Hermes zwischen den zwei geschlossenen Welten.<br />
Außerdem bekommen wir die Familiengeschichte der Incandenzas (männliche Linie) bis zum Urgroßvater hinunter geliefert: die Koppelung von Geschäfts- und Sportwelt  (Körper als Maschine) in der Großvatergeneration (Kapitel über 1960 v.SZ, S.224)<br />
Das Ganze wird flankiert von Medienrealitäten (Teleputer versus die subversive Camp-Radiosendung von Madame Psychosis mit der Aufzählung all der Kranken/Exkludierten)) und Mediengeschichte (Hal Incandenzas Aufsatz über Polizeifilm-Geschichte, vom reagierenden ( 60er) über den reagierenden (80er, postmodern) zum nicht-agierenden Kommissar der Zukunft.<br />
Einerseits totalitäre Bewusstseinskontrolle/Bewusstseinserziehung, andererseits Ausbrüche (Drogen, Betrug bei den Urinproben).<br />
Ich bin gespannt, ob bald mal irgendwas passiert.  </p>
<p>(1)  Vielleicht ist das ein Grund für das Ermüdende, warum die Prosa nicht packt, nicht mitnimmt, Alban Nikolai Herbst? (Ich gestehe (ein einziges Mal, hier unten, in einer Fußnote), daß ich mich aus demselben Grund auch oft zwingen muß weiterzulesen. Aber ich will mich dazu eigentlich nicht äußern, zumindest nicht, solange ich das Buch nicht zu Ende gelesen habe, und auch danach vermutlich nicht. (Erstens will ich nicht die Kritikerposition einnehmen, zweitens schätze ich DFW viel zu sehr aus vielen anderen Texten, um schon beim Lesen den Geschmack in den Vordergrund zu rücken. Für mich ist Literatur außer Unterhaltung auch ein Erkenntnismedium. Beides. Mir geht es hier vor allem um letzteres.)<br />
(2)  Es gibt so ein statisches Element, das mich in den Erzählbänden von DFW immer begeistert, z.B. in der Geschichte von dem Jungen, der zum ersten Mal vom Sprungbrett springt, Stillstand der Zeit, Aufhebung der Handlung. Ein Innehalten, Innewerden in dieser allgemeinen Plotmaschine. Ein Grund, warum ich hier mitmachen wollte (um an einen frühen Beitrag von Thomas von Steinäcker anzuknüpfen), war, daß dieser Autor, in meinen Augen und in dem, was ich bisher alles von ihm gelesen habe) einige sehr eigene neue Formen entwickelt hat, um der Gegenwart literarisch beizukommen. Das ist selten genug geworden. Auch wenn immer wieder die unüberschaubare Vielfalt (also Beliebigkeit) in der Literatur beschworen wird, die sich nicht ordnen und bewerten lasse, glaube ich nach wie vor, daß unter dieser Oberfläche eine literaturhistorische Entwicklung stattfindet. Und sie wäre auch zu erkennen. Der sich ändernden Welt/Gesellschaft entsprechen sich ändernde Ästhetiken. Das vor allem interessiert mich (im Gegensatz zum „Zeitgeist“) an der Gegenwartsliteratur. Deshalb DFW (und ich hoffe, es gelingt mir, auf diese ästhetischen Grundfragen hier gelegentlich zurückkommen zu können).<br />
(3)  Gut möglich, daß bestimmte Plot-Elemente tatsächlich sehr amerikanisch sind, daß ich sie deshalb nicht sehe/verstehe. Z.B. der Anfang, das Vorstellungsgespräch an der University. Vorgestern hat mir jemand erzählt, daß es an US-Unis tatsächlich so sei, daß Supersportler von Universitäten eingekauft und – wie dumm sie auch immer sein mögen – durchs Studium geschleust werden, damit die Unis auf ihre Promi-Studententafeln ein neuen Namen prägen lassen können.  Genauer gesagt, soll es das Normale sein, daß diese Supersportler dumm wie Stroh sind. Erst da ging mir auf, warum diese Uni-Leute auf den gleichzeitig superintelligenten Hal so reagieren wie sie reagieren. Warum sie nur Geräusche hören. Warum Intelligenz hier ein Skandal ist.</p>
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		<title>There is no off-switch on the genius-button</title>
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		<pubDate>Sun, 06 Sep 2009 17:33:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Norbert Niemann</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[Um als etwas Zu-Spät-an-den-Start-Gekommener zum Hauptfeld aufzuschließen, habe ich die194 Seiten in einem Zug gelesen. Im Kopf schwirrt es von der Lektüre, ich bin am Ordnen, noch ist alles reichlich wirr, was auf der Strecke manchmal ermüdete (vielleicht ist es richtiger, das Buch in kleineren Portionen aufzunehmen statt in einem Durchzieher).
Soweit ich bisher sehe (sehen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Um als etwas Zu-Spät-an-den-Start-Gekommener zum Hauptfeld aufzuschließen, habe ich die194 Seiten in einem Zug gelesen. Im Kopf schwirrt es von der Lektüre, ich bin am Ordnen, noch ist alles reichlich wirr, was auf der Strecke manchmal ermüdete (vielleicht ist es richtiger, das Buch in kleineren Portionen aufzunehmen statt in einem Durchzieher).<br />
Soweit ich bisher sehe (sehen kann), handelt es sich bei „Infinite Jest“ für mich um folgendes:<br />
Wir befinden uns in einer totalitären Unterhaltungsdiktatur. Der gegenwärtige Stand der Entwicklung  ist um nur eine halbe Schraubendrehung weitergedreht. Die Ichs sind alle völlig autistisch, komplett kommunikationsunfähig. Lauter Monaden, in sich geschlossene Systeme, Torsi, Krüppel, Frankensteine, Körper, „hastig zusammengestoppelt“ (144) von den Institutionen im Entertainment-Staat. Die einen Platz im System haben, leben in geschlossenen Expertenuniversen (Sport (Tennis), Medizin, Unterhaltungspolitik etc.). Die anderen sind drogenabhängig und suizidal. Alle zusammen kommunizieren generell aneinander vorbei (oder ihre Kommunikation ist restlos instrumentalisiert – wie die „Großer-Kumpel-Systeme“, die Betreuung der jungen Tennisschüler durch ältere Tutoren). Und alle sind süchtig.<br />
Wie ist das gebaut? Wie hängt das zusammen? Als Roman? Da ist dieses E.T.A.-Gebäude mit seinem unterirdischen Röhrensystem, in denen sich die Tennismonster bewegen, auf der einen Seite, auf der anderen Seite das Draußen der Sucht- und Selbstmordhölle. Alles zusammengenommen ist wieder eine einzige Systemhölle („Ich bin hier drin“ – denkt Hal Incandenza auf der ersten Seite und meint die University. „Ich bin da drin“, sagt Kate Gompert (113) und meint die Hölle ihres Depressionshorrors).<br />
Für den Plot scheinen Hal und die Tennis-Academy einerseits, andererseits die Pynchon-mäßige Agentennummer  um Marathe und Steeply, die „Attentäter auf Rollstühlen“, das Einschleusen von ‚Anti‘-Unterhaltungs-Samisdats „zur Bekämpfung der Tödlichkeit“ zentral zu sein. Dazwischen stehen zahllose Geschichten über Beschaffungskriminelle mit ihren Drogensuchtkarussellen in den Köpfen, über die Selbstmörderin Kate, über das mißbrauchte Mädchen Wardine und so weiter.<br />
Das Ganze ist ein Comic-Albtraum, der nie aufhört, wahrscheinlich auch für den Autor nicht. Das hier ist kein Spaß, genauer gesagt, es ist Anti-Spaß. „Ich bin da drin“ gilt auch für die Erzählhaltung. Und ihre einzige Rettung besteht offenbar darin, selber Aktivist in der Anti-Unterhaltung-Terrorgruppe zu sein, die den arabischen Gesundheitsattaché mit einer subversiven Unterhaltungs-Patrone(sic!) zur Strecke bringt (oder vielleicht Mit-Aktivisten rekrutiert?).<br />
Der Traum vom überkomplexen Tennis-Court auf Seite 98 könnte vielleicht für so etwas wie den Bauplan des Romans stehen: „Die Linien, die das Spielfeld begrenzen und definieren, sind so komplex und verschlungen wie eine Drahtskulptur (…) bilden Kästchen, Flüsse, Nebenflüsse sowie Systeme in Systemen (…) zu kompliziert, um sie auf einen Blick zu erfassen.“ Entsprechend wäre die Schreibhaltung der Versuch „herauszubekommen, wo in diesem Liniengewirr ich den Aufschlag bloß platzieren soll.“<br />
„Wir beginnen ein Spiel. Aber irgendwie bleibt alles spekulativ. Selbst das ‚wir‘ bleibt Theorie.“  Demnach wäre auch der Roman in seiner Grundstruktur autistisch-monadisch-albtraumhaft. Vorübergehende Ausbrüche sin nur durch Grenzüberschreitungen möglich (als Ersatz für Kommunikation). Großartig verdichtet in der Szene mit dem Schimmelklumpen gleich am Anfang: Das Kind Hal, das davon gegessen hat, streckt es seiner Mutter („die Moms“!) hin, worauf diese hysterisch im Kreis herumläuft, draußen im Garten, Hilfe! Hilfe! schreiend. Für mich das absolute Glanzstück bisher. Das ist die Geste, um die es mir bisher zu gehen scheint in „Infinite Jest“.<br />
P.S.:  Ich hatte noch keine Zeit, die Beiträge hier auf der Seite genauer zu lesen, ich hab sie nur überflogen. Doch hat mich die Frage von Georg M. Oswald nach dem ästhetischen Veraltetsein beschäftigt. Es gibt Sachen, die mich nerven in diesem Roman, wie die Stelle mit dem Herzen, das „wie ein Wäschetrockner mit Schuhen drin“ schlägt.  Klischees aus dem Creative-Writing-Mainstream. Oder die Herrentoiletten-Szene relativ zu Beginn, die ich beim Lesen als „South Park“ – Szene vor mir sah (ich mag „South Park“! Aber al „South Park“). Es stimmt schon, es gibt etwas, das schwer an die Atmosphäre in den Neunzigern erinnert, an die halbherzige Revolte damals gegen die feindliche Übernahme der Kultur durch den „heroischen Stillstand der Rundfunk- und Fernsehunterhaltung“. Die Revolte ist niedergeschlagen, der Kampf verloren. Heute also die Bedingungen der Nuller Jahre. Aber große Bücher stehen immer mit einem Pfeiler in ihrer Entstehungszeit …<br />
P.P.S.:  Das „Deutsche“ scheint ja ein Steckenpferd von DFW in „Infinite Jest“ zu sein. Kleine Hinweise: die dealende Bühnenbildnerin, die nur für deutsche Stücke „dunkle und verschmierte“ Bühnenbilder produziert (S.30); die Tätigkeit beim „Wedekind-Festival“ (31), der deutsche Cheftrainer Schtitt und seine Philosophie des Tennis (115ff). Die Abkürzung E.T.A. für Hoffmann? Deutscher, romantischer Idealismus? Erweitert um Niklas Luhmanss Systemtheorie? Friedrich Schlegels Identitäten, die „von der Welt  ganz abgesondert und in sich selbst vollendet wie ein Igel“ sind? Der Roman als Spiegel einer nur in Fragmenten von fragmentierten Subjekten wahrgenommenen Wirklichkeit? Ironisch-chaotisch? Antiepisch? Die Traditionslinie „Tristram Shandy“?</p>
<blockquote><p><strong>Norbert Niemann</strong>, 1961 in Niederbayern geboren, studierte Literatur, Musikwissenschaft und Geschichte. Seit 1997 lebt er als freier Schriftsteller in Chieming am Chiemsee. Für seinen ersten Roman Wie man’s nimmt (Hanser, 1998) erhielt er den Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preis. 2001 erschien sein zweiter Roman Schule der Gewalt, 2003 Inventur (Deutsches Lesebuch 1945–2003, mit Eberhard Rathgeb) und zuletzt Willkommen neue Träume (2008).</p></blockquote>
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