Nach einer längeren Wallace Abstinenz, hervorgerufen durch Wallace Ärger, (es ist ja ein wenig so wie mit Einar Schleef, es macht große Freude über ihn zu reden, nicht so große Freude macht es, sich von 14 Schauspielerinnen, die allesamt das Gretchen verkörpern, 20 Minuten lang anschreien zu lassen- on top of their loungs-), der in der Wallace Metamorphose im Traum mündete, heute also „das Subjekt“ nicht nur aus der Ferne angeschaut. (Ja, Subjekt! Neben dem Ärger verwandelt sich auch schon vieles „gewissermaßen in Wässriges, Fernes und seltsam Gegittertes“)

Aber ich hadere mit dem Zugangscode zu diesem faserigen, knorpeligen, hyperreal schönen Kollos von einem Buch.
Bei Einar Schleef ist es ja simpel: Wenn der Zuschauer ertragen muss, wie 40 Schauspieler in Sportdress fast eine Stunde lang fünf Zeilen wiederholt skandieren und dazu eine Sportchoreographie bis zum körperlichen Zusammenbruch durchziehen, dann geht es um die Versehrtheit des Körpers. Dann geht es darum, den Schauspieler hinter der Rolle durchbrechen zu sehen, die Illusion der Rolle als absurd zu entlarven. Und es geht darum, eine Unerträglichkeit aus der Rezeption herauszulösen. Sie tatsächlich herzustellen. Die Erschöpfung des Schauspielers wird zur Erschöpfung des Zuschauers. Nur haut das bei US irgendwie nicht hin.
Aber vielleicht hilft Schleef trotzdem weiter: Der pre-schleefsche Chor verleiht dem persönlichen Schicksal eine erweiterte Dimension. Der Chor nutzt seinen Verkündungscharakter und holt die Tragödie aus ihrer Privatheit. Verfremdung statt Identifikation. Schleef geht einen Schritt weiter: Bei Schleef ist der Chor Opfer seiner selbst und führt so in die Individualität zurück.
Ich bin geneigt, den Unendlichen Spass als chorisches Stück zu lesen. Vielleicht hilft das? (Hildesheim, give me a big bear hug!)

PS against confusion wegen des sehr berechtigten Kommentares: Das soll natürlich kein Vergleich Inszenierung/Buch sein, es geht mehr um diese seltsame Meta-Identifikation mit den Figuren. Die bei US wie bei Schleef über die Schleife der Verfremdung und Ablösung aus der Individualität wieder zurückfinden zu eben dieser Meta-Individualität. Als hätte US die Evolution des chorischen Prinzips von der Antike bis Schleef irgendwie in der DNS.

23 Kommentare zu Droge, Faust, Parsifal

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Daniela Sickert

24. September, 2009 um 16:40

Amüsanter Vergleich. Hinkt für mich jedoch in der Hinsicht, dass Infinite Jest ungemein vielschichtig und vielschichtig ist, TExtkonstruktionen und Stilmittel bis aufs äußerste und weiter ausreizen, Schleefsche Inszenierungen hingegen mit sehr reduzierten Mitteln arbeiten, diese aber ewig weiten. Kein Vergleich zu der Detailtiefe und Präzision bei David Foster Wallace.

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Svealena

24. September, 2009 um 17:25

Das stimmt natürlich. Mir geht es mehr um diese seltsame Meta-Identifikation mit den Figuren. Die bei US wie bei Schleef über die Schleife der Verfremdung und Ablösung aus der Individualität wieder zurückfinden zu eben dieser Meta-Individualität. Als hätte US die Evolution des chorischen Prinzips von der Antike bis Schleef irgendwie in der DNS.

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Daniela Sickert

24. September, 2009 um 18:08

Ja, das ist ein sehr guter Vergleich. Quasi ähnlich wie bei August Sander und Alfred Döblin auch.

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JesusJerkoff

24. September, 2009 um 22:51

Jetzt wird es wieder schwierig, weil ich die ganzen Zitate nicht kenne.

Wenn Sie aus den Niederungen der Meta-Ebene nicht in die Transzendenz vordringen können, hat das ganze eh keine Zopf. Aber Spaß macht es auch.

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Clemens Setz

25. September, 2009 um 10:15

Ich verstehe „Meta-Identifikation“ nicht. Was ist mit diesem Rätselwort gemeint?

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Stephan Bender

25. September, 2009 um 11:31

@ Clemens Setz:

Das kann man hier auch gar nicht verstehen, denn das Wort wird im Posting in einem falschen Zusammenhang verwendet.

Als Meta-Identifikation bezeichnet man die Teilnahme von Lesern oder Zuschauern an Schicksalen von Personen, die im engeren Sinne gar nichts mit einem zu tun haben, deren Verhaltensweise aber interessiert.

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Roadrunner

25. September, 2009 um 13:05

Verstehe weder Frau Kutschke noch Herrn Bender, da ‚Meta‘ ja wohl eine Identifikation höherer (bzw. zweiter Ordnung) bezeichnen müsste, was aber den Begriff der Identifikation ad absurdum führt und somit ein Schmarrn erster Ordnung sein dürfte. Auch ist es irrelevant, ob der Gegenstand oder die Person, mit der man sich identifiziert im engeren Sinne etwas mit einem zu tun hat. Dadurch, dass ich mich mit etwas identifiziere, setze ich mich ja mit etwas gleich, vermute (Wesens-)Verwandtschaft, Übereinstimmung, gleiche Wellenlänge usw.

Was Herrn Bender Eintrag aber interessant macht, ist vielleicht eine Nähe zu einem bemerkenswerten Satz aus US, der auf Marios ‚Beziehung‘ zu Madame Psychosis referiert:

„Schon komisch, wenn man das Gefühl hat, jemand fehlt einem, den man vielleicht gar nicht kannte.“ (S. 853)

Das Mario sich mit Mad. Psych. identifiziert steht außer Frage. Nur wozu braucht man dort ein ‚Meta‘? Er fühlt eben eine Verbindung. That’s it. Und er hat natürlich recht, denn beide sind entstellt; er durch körperliche Deformation und sie durch Schönheit. Es kommt eben darauf an, worin man die Verbindung sieht.

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Roadrunner

25. September, 2009 um 13:08

P.S.: Korrektur: Der Satz steht auf S. 849.

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Stephan Bender

25. September, 2009 um 13:59

@ roadrunner: Also dann muss ich noch mal nachlegen:

Ich gehe mal davon aus, dass mit dem Begriff Identifikation niemand Schwierigkeiten hat. Allerdings reicht auch dieser reicht natürlich vom Nachahmen kleiner Kinder von Erwachsenen, über das (psychologisch notwendige)Imponiergehabe Jugendlicher bis hin zu (angeblich) erwachsenen Menschen, die im Extremfall neurotisch andere Personen kopieren oder gar in deren Rolle schlüpfen. Identifikation ist also die Annahme eines idealisierten Rollenbildes.

Eine sogenannte Meta-Identifikation kann also alle diese Rollenspiele beinhalten; interessant ist hier nur, warum Leser und Zuschauer sich etwas zuführen sollten, wenn sie sich mit keiner der dargestellten Personen und Verhaltensweisen identifizieren können.

a) Dramaturgie: Als Meta-Identifikation bezeichnet man die Teilnahme von Lesern oder Zuschauern an Schicksalen von Personen, die im engeren Sinne gar nichts mit einem zu tun haben, deren Verhaltensweise aber interessiert.

c) Bereiche, z.B. Sport: Als Meta-Identifikation bezeichnet man die Teilnahme von Sportlern an Schicksalen von Personen, die im engeren Sinne gar nichts mit einem zu tun haben, deren sportliche Verhaltensweise aber interessiert. (z.B. nach Siegen, Niederlagen, Schicksalsschlägen ect.)

b) Politik: Als Meta-Identifikation bezeichnet man die Teilnahme von politisch interessierten Personen an Schicksalen von Personen, die im engeren Sinne gar nichts mit einem zu tun haben, deren politische Ansichten man aber teilt aber interessieren.

c) Völkerkunde: Als Meta-Identifikation bezeichnet man die Teilnahme Zugehörigen einer Volksgruppe an Schicksalen von Personen, die im engeren Sinne gar nichts mit einem zu tun haben, die aber der gleichen Volksgruppe angehören und auch damit deren Geschichte haben.

d) condition humaine: Als Meta-Identifikation bezeichnet man die Menschen an Schicksalen von Personen, die im engeren Sinne gar nichts mit einem zu tun haben, deren Verhaltensweise aber interessiert, weil sie auch Menschen sind und man von ihnen gern wüsste, wie sie sich in einer bestimmten, markanten Situation des Lebens (-was ja nun alle haben :-) ), verhalten.

Es gibt also vielfältige Identifikationen und vielfältige Ebenen von Identifikationen, und es gibt eine abstrakte Ebene, bei der wir eine wie auch immer geartete Identifikation ausmachen können. In einer solchen Abstraktionsebene spricht man von einer Meta-Ebene, (mathematisch von einer willkürlich im Lebensraum konstruierten Ebene), und eine solche Ebene im Zusammenhang mit der Identifikation bezeichnet man dann als Meta-Identifikation.

Frau Kutschke hat nur den kleinen Fehler begangen, ihre Identifikation als Leser des Buches mit der gesellschaftlichen Identifikation der Handlung zu verwechseln – eine kleine semantische Unschärfe, die der geneigte Leser zu verzeihen bereit ist.

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Clemens Setz

25. September, 2009 um 15:28

@ Stephen Bender

Also ich hätte eigentlich gedacht, dass „Meta-Identifikation“ ganz einfach bedeutet, dass man sich mit einer Identifikation identifiziert. Im Sinne von: „Ja, in der Art, wie diese Figur sich mit jener Figur identifiziert, finde ich mich selbst wieder“.
So würde ich das Wort deuten.
Das Verhältnis zwischen Identifizierendem und Identifiziertem kann gar nicht so abstrakt sein, dass es die Einführung einer eigenen Meta-Ebene nötig machen würde.

@ Roadrunner

Sie haben ja einen sehr guten Überblick über den Roman. Vielleicht können Sie mir ein wenig helfen in Bezug auf die Frage von Joelle v.D.s Schönheit/Entstellung. Ich kann mich nämlich nicht ganz entscheiden welches der drei Szenarios das wahrscheinlichste ist:

a) Joelle war früher von großer Schönheit (Orins Besessenheit ist dafür ein Beweis) bis zu ihrer Entstellung. Die Entstellung machte sie hässlich, ihre Mitgliedschaft bei der L.A.R.V.E. gerechtfertigt, und die Wirkung des Films ‚Unendlicher Spaß‘, in dem sie die Hauptrolle spielt, hat mit ganz anderen Faktoren zu tun.
b) Die Geschichte ihrer Entstellung ist erfunden und sie ist in Wirklichkeit wunderschön, so schön, dass ihre Wirkung auch Teil der Wirkung des Films werden konnte.
c) Durch den (im Buch ja durchaus als fragwürdig dargestellten) Säureangriff wurde ihr Gesicht zwar verändert, aber zum Positiven, Schönen hin. Soll heißen, dass die Säure irgendwie die Oberflächenstruktur ihres Gesichts verändert hat, sodass es kein normales, hübsches weibliches Gesicht mehr ist, sondern etwas, das als Struktur direkt ins Gehirn des Betrachters schießt, ein bisschen so wie ein hypnotisches Flimmerbild, das Epilepsie erzeugt.

Viel spricht für Fall b), aber in der Fußnote 134 steht beispielsweise: „… nachdem der Arzt in der Notaufnahme (…) einen Blick auf ihr unverschleiertes Gesicht geworfen hatte, tief berührt berührt gewesen war und ein besonderes Interesse für sie entwickelt hatte…“
Das klingt nicht gerade nach einem faszinierend schönen Gesicht, eher nach einem wirklich entstellten. Allerdings muss man dazu anmerken, dass der Haupttext des Romans an mehreren Stellen von den Fußnoten, den „Anmerkungen und Errata“, in Frage gestellt oder zumindest von einer haarscharf an der Original-Bedeutung vorbei zielenden Nebenbedeutung ersetzt wird.

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Svealena

25. September, 2009 um 18:00

Ich verlier den Überblick! Geständnis: habe den Begriff nicht nachgeschlagen, bevor ich ihn benutzt habe. Was ich meine: Das chorische Prinzip in der Antike hat einen Verfremdungseffekt, der das Private zum Gesellschaftlichen macht. Der Chor bei Schleef knüpft da an. Geht aber über die Überbetonung des Körpers wieder zum einzelnen zurück. Der Zuschauer identifiziert sich nicht mit der Rolle, sondern mit dem Schauspieler. Das habe ich jetzt ganz frei Meta-Identifikation genannt. Dieser doppelte Bruch, den Schleefs chorisches Theater auslöst, wenn man Rollentheater gewöhnt ist, ähnliches löst auch US bei mir aus.

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Stephan Bender

25. September, 2009 um 20:32

@ Svealena: Das ist ja nun auch völlig korrekt, was die Beobachtung des Körperlichen angeht. Der Witz ist nur, dass dass man sich da mit einem professionellen Schauspieler identifiziert, der „in eine Rolle schlüpft“ und „die Rolle verkörpert“.

Wir haben also zwei völlig unterschiedliche Identifikationen: Die des Zuschauers mit dem Schauspieler, und die des Schauspielers mit der Rolle. Beide finden auf unterschiedlichen Ebenen statt und deshalb ist der Begriff Meta-Identifikation irreführend. Tatsächlich handelt sich um eine mehrstufige Identifikation durch Abstraktion, aber das ist nichts Schlechtes: Der Zuschauer kann durch Ausblenden des Aktors sich auf das Gezeigte besser konzentrieren, wie ja auch abstrakte Malerei oft besser die Meinung des Malers zum Ausdruck bringt.

Und tatsächlich: So funktioniert auch DFW’s „Infinite Jest“. Er erzählt eine abstrakte Geschichte, die auch nicht wahr ist, doch die Bindung des Lesers an das Geschehen erfolgt über die unglaublich präzise Schilderung des Menschlichen seiner Protagonisten. So lange die Figuren real wirken, kann er mit ihnen machen, was er will

Oder anders gesagt: „In der Wirklichkeit ist die Realität ganz anders!“ (Amerikanisches Sprichwort)

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Roadrunner

25. September, 2009 um 21:22

@Clemens Setz: Soweit sich nach meiner Kenntnis (bis S. 859) sagen lässt, ist die wahrscheinlichste Variante, dass Joelle unglaublich schön ist. (Die Stelle mit dem angeblichen Säureangriff habe ich auf Anhieb nicht mehr gefunden. Können Sie mir da auf die Sprünge helfen?)
Viele Stellen bieten natürlich Hinweise, die man, wie Fn. 134, so oder so interpretieren kann. Vielleicht wir das ja noch geklärt, aber wenn ich die ‚Logik‘ des Romans richtig einschätze, dann wohl nicht.
Wie der Film, über den man auch nichts Genaues weiß, ist Joelles Gesicht ja auch eine Projektionsfläche für den Leser. Und das wird auch so gesagt bzw. Joelle sagt es zu Gately: „‚Glaub doch, was du willst. Ich weiß, dass ich das, was du glaubst, nicht beeinflussen kann.'“ (776)
Entscheidend ist zunächst mal, ob man ihrer Selbstaussage im Gespräch mit Gately glaubt (775f.). Gately glaubt ihr nicht oder will ihr nicht glauben, denn er ahnt ja sehr wohl, dass er in Gefahr gerät, wenn er sich mit Joelle einlässt, vgl. den großartig-unheimlichen Augenblick, wo ihn „sein Herz packt […], wie ein Kleinkind an den Gitterstäben seines Laufstalls rüttelt“ (530).
In besagtem Gespräch mit Gately und Joelle werden dazu die ‚Philosphien‘ der AA (vertreten durch Gately) und der L.A.R.V.E. (vertreten durch Joelle) gegenübergestellt. Die AA bringt einen dazu, das ‚Versteckspielen‘ (770) aufzugeben, weil man sich selbst annimmt ohne sich um sein Außenwirkung zu kümmern. Die L.A.R.V.E. hingegen behauptet es sei unmöglich keinen Anschein/keine Außenwirkung zu erwecken und führt das Versteckspielen per Schleier ein. Systematisch wird man also derart verwirrt, dass man als Leser genauso in der Luft hängt wie z.B. bei der Frage, ob Marathe jetzt Doppel-, Triple- oder sonst was -Agent ist (oder irgendeiner anderen ‚Frage’ des Romans). Intuitiv würde ich darauf gehen, dass Joelle nichts vorspielt und dass sie gerade dann von Gately missverstanden wird. Es nie so recht zu erfahren wäre im Rahmen dieses Romans der Verstellungen, Entstellungen und Disproportionen aber nicht verwunderlich. Die Wahrheit wird ja auch mal als geradezu anti-interessant beschrieben (517). Oder aus der Perspektive Marios: „Es wird immer schwerer, wahre Kunst über Sachen zu finden, die auf diese Weise echt sind.“ (853)

Variante c) wäre auch reizvoll, allerdings ist es ja scheinbar (wie sonst?) eher so, dass hier irgendwelche Spiegel-, Holographie oder Drehtüreffekte von Ihm Selbst (vgl. 792, wo der ungefähre Anfang des Films beschrieben wird) für die Wirkung verantwortlich sind.

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Guido Graf

25. September, 2009 um 22:58

Die Stelle mit dem angeblichen Säureangriff

meinen Sie vielleicht das hier?

Nach der Säure, als erst Orin sie verlassen hatte und dann Jim gekommen war, sie dazu gebracht hatte, während der gefilmten Entschuldigungsszene dazusitzen, dann verschwunden und nur zurückgekehrt war, um – vor nur vier Jahren, sieben Monaten und sechs Tagen – dahinzugehen, und nachdem sie den Schleier genommen hatte, mochte sie es eine Weile, sich zuzudröhnen und zu putze

(324)

oder das hier?

– Dass sie gesagt habe, vielleicht sei sie, die Mutter, ja das eigentliche Monster, aber wenn, dann habe sie es satt, das zu verbergen und vor Gott und den Menschen falsch zu erscheinen.
– Dass sie daraufhin von ihrem Platz fortgeschwankt sei, drei Vorstehhunde überwunden habe und ins Säurelabor des Daddys unten im Keller hinabgestürzt sei, um sich mit Säure zu entstellen.

(1140)

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Stephan Bender

26. September, 2009 um 00:04

Ich lese die „Die Stelle mit dem angeblichen Säureangriff“ immer als Metapher dafür, dass sie ihr Gesicht verloren hat. Dann ist es unerheblich, wann und wie es geschah.

Ob eine Frau erkennt, dass sie als Mutter ein Monster war, dass sie anstelle von etwas Schlimmeren sich im Keller entstellt oder sie einfach das Verlassenwerden oder Tod eines Geliebten nicht verkraftet hat, ist dann gleich in seiner Bedeutung.

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Adam Siegel

6. Oktober, 2009 um 06:29

so einen vergleich kann ich nicht sehen: mit wallace ist die sache immer satirisch oder selbstbewusst. es gibt nichts besonderes „chorisch“ in wallace oder in anderen pruefsteine der amerikanischen literatur der postmoderne — man beschreibt, analysiert, imitiert, parodiert. mit schleef ist die sache immer obsessiv: er schlaegt und schlaegt und schalegt, und man hoert immer dieselbe stimme.

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Christian Wiegold

6. Oktober, 2009 um 11:03

Ein kleiner Hinweis zum Begriff der Meta-Identifikation: Nietzsche verwendet diesen Begriff zwar nicht explizit, weil bei ihm eben noch nicht von „Meta-“ die Rede ist. Aber passend schreibt er in der Fröhlichen Wissenschaft: „Was wir wollen, ist niemals identisch mit demjenigen, was ein Hund seinem Herren erzählt. Der Herr ist als solcher ein Hund. Und so nenne ich auch den Christen“.
@SvealenaKutschke: ich bin mir nicht sicher, ob Sie die Rolle der Drogen bei Einar Schleef richtig darstellen, das klingt mir zu sehr nach Wuttke, aber Schleef wollte immer auch „hinaus“. Im einen Interview hat er einmal gesagt, daß ihm das Wichtigste nicht der Exzeß, sondern die Ordnung darin ist. Eine merkwürdige Bemerkung, aber mir scheint sie gleichsam eliptisch in diesen Zusammenhang zu passen. Einar Schleef war ja wohl doch eher den Pro-teinen, als den Anäs-thetika zugeneigt, was nicht unbedingt etwas hinsichtlich seiner konstruiert-intentionalen Ästhetik heißen muß. Schleef ist demnach kein Drogen-Parsifal, sondern einer, der erst zur Droge greifen muß, weil er als Parsifal nicht existieren kann. Aber das ist dann vielleicht eher eine neurologische Frage.

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Stephan Bender

6. Oktober, 2009 um 14:37

@ Christian Wiegold:
Zitat: Aber passend schreibt er (Nietzsche) in der Fröhlichen Wissenschaft: „Was wir wollen, ist niemals identisch mit demjenigen, was ein Hund seinem Herren erzählt. Der Herr ist als solcher ein Hund. Und so nenne ich auch den Christen“.
————————-
Und ich krame jetzt mal den Karl Marx hervor, (der ja als Philosoph nicht in Frage steht), und der da sprach: „Religion ist Opium für’ das Volk.“ Wohlgemerkt, niemanden ist es verboten, sich mit Hilfe von Spiritualität, Drogen aller Art oder sonstigen Ablenkungen „sein Bild von der Welt“ zu machen. Man kann sogar – wie kürzlich geschehen – den Kapitalismus zur Religion erheben und die Börse zu einer Kirche. Oder in irgendeinem einsamen Kloster seine Seele wieder auf normal dimmen…

Und jetzt kommt David Foster Wallace und fügt den Grundeinheiten eine weitere hinzu: Unterhaltung. Ob der Staat nun verschiedene Einrichtungen (wie Drogenentzugseinrichtungen oder Tennisschulen) für seine Bürger „unterhält“ oder das Fernsehen seine Zuschauer (mit drittklassigen Darstellungen, Patronen) „unterhält“, ist relativ belanglos: Die Konsumenten sind passiv, auf den „Unterhalt“ angewiesen und damit depressiv gefährdet. Das ist die erste Metapher, die in „Infinite Jest“ zu finden ist.

Die zweite Metapher betrifft den Konflikt zwischen gesamtstaatlichen Einrichtungen und kleinen autonomen Gruppen, in denen sich im Kleinen allerdings gleiche Wahnsinn menschlicher Katastrophen abspielt wie im großen Ganzen: Eine Abgrenzung nach innen kann es nicht geben, nur eine neue gesellschaftliche Idee würde Sinn machen, die aber keiner wirklich hat. Also kommt es zu Widerstand innerhalb der Staatsorganisation O.N.A.N., die aufgrund der äußeren Durchorganisiertheit von Staaten als „Terrorismus“ bezeichnet wird.

Die kleinen Menschen, durch Drogen und Unterhaltung manipuliert, führen in ihren kleinen autonomen Einheiten nun als eine Art Krieg gegen das „große Ganze“. Sie verwenden dafür nicht etwa Waffen oder Gewalt, sondern „Unterhaltungspatronen“, die in ihrer einlullenden Perfektheit die Menschen zum Siechtum und damit zum Tod befördert. Das ist eine wirklich brillante Idee, das ist Satire pur und es ist neu: Man kann das Buch also im Sinne der Botschaft nicht lesen, um unterhalten zu werden; man muss es wie ein Sachbuch studieren. Man kann „Infinite Jest“ auch nicht verfilmen, weil sonst eine „Unterhaltungspatrone“ herauskommen würde. Man kann es Sinne der Botschaft noch nicht mal vernünftig darüber reden, da man gleichzeitig betroffen ist und jedes „darüber-reden“ eigentlich schon wieder… täterätää!… eine Unterhaltung ist.
„Infinite Jest“ ist sowohl von seiner mathematischen Konstruktion, seiner logischen Konsequenz als auch von seiner Gesamtaussage her wirklich genial, es gibt nichts Vergleichbares. Wallace zwingt uns mit seinem Buch dazu, uns nicht unterhalten zu lassen, sondern liefert eine sachliche Bestandsaufnahme, wer wir sind.

Es ist wirklich ein Jammer, dass er sich das Leben genommen hat.

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rod's wife

7. Oktober, 2009 um 02:47

@ Stephan Bender
Ja, ein Jammer.

„Man kann es Sinne der Botschaft noch nicht mal vernünftig darüber reden, da man gleichzeitig betroffen ist und jedes „darüber-reden“ eigentlich schon wieder… täterätää!… eine Unterhaltung ist.“

Doch doch, man kann, Herr Bender. Wir dürfen uns ruhig und einfach unterhalten, gerade weil es, wie DFW uns zeigt, so schwer ist, einander zu verstehen. Wir dürfen, vor allem, wenn wir bewusst aussuchen, worüber/womit. (Damit wir nicht enden wie das Aschehäuflein in Endnote 70.) Wir dürfen, behaupte ich mal, das Buch US auch geniessen, wenn uns danach ist. Dieses beklemmende Gefühl lässt nie ganz nach, soll ja auch nicht, aber bei der zweiten Lektüre wissen Sie dann schon ungefähr, wo’s langgeht in der (spärlichen) Handlung und können die Charaktere deutlicher sprechen hören. (Und dann möchten Sie sich vielleicht mit ihrem Nebenmann über etwas unterhalten, das Sie bewegt. Na Sie sind ja schon dabei.) Goo! Schmalzig, aber wahr.
Ihnen und allen noch ein anregendes Leseerlebnis!

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Stephan Bender

7. Oktober, 2009 um 11:59

@ rod’s wife:

Das war jetzt so ein professioneller, psychologischer Einwurf, oder? Ich kann Sie beruhigen: Ich bin nicht depressiv. Im Gegenteil: Der „Jammer“ sollte insistieren, dass ich DFW gern einmal gefragt hätte, ob er das auch so sieht und ob er das Buch wirklich so konzipert hat. Ich hätte ihn wirklich gern einmal unter Pfarrerstöchtern gefragt, was er wirklich erzählen wollte. (Man könnte natürlich auch Peter Sloterdijk oder Harald Schmidt fragen, die ja auch eine Gehirnwindung mehr haben, aber solche Typen erreicht man nicht, weil sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind. Wallace dagegen war wirklich intelligent und überhaupt nicht narrzistisch, wahrscheinlich hätte gerade ihm ein wenig mehr Selbstliebe sein Leben gerettet. Wir wollen nicht vergessen, dass Wallace zwanzig Jahre Antidepressiva schlucken musste, um überhaupt zu funktionieren.)

Natürlich „dürfen wir uns einfach und ruhig einfach unterhalten“, aber versuchen Sie mal „mit ihrem Nebenmann“ im Bus oder im Seminar über existentielle Sätze wie „Du bist zwölf, liegst auf dem Boden und glaubst mit aller Kraft.“ ein Pausengespräch zu führen: Die gucken dich an, als ob du nicht ganz dicht bist. Das ist leider überhaupt nicht schmalzig, sondern die kleinen Karriere-Ratten starren dich ganz unverblümt als Futter für ihren vermeintlichen Aufstieg an…

Mich interessieren bei solchen Analysen wie oben zwei Dinge:

1. Wie sähe ein solcher Roman wie „Infinite Jest“ in Deutschland oder Europa aus? (Keine Angst, ich schreibe ihn nicht! – Wie alle Genies bin ich eine faule Sau, mich interessiert nur, wie er aussehen und funktionieren könnte. Und ich weiß es auch schon: Im Gegensatz zum amerikanischen „You can do it, if you really want“ funktioniert er in Europa nur über die Komik beschämter Antihelden.)

2. Welche existentiellen Erkenntnisse kann aus einer Botschaft wie „Unterhaltung = Droge = Depression“ für sein eigenes Leben ableiten? Ich meine damit nicht Zweifel an “
Wähntest du etwa, / Ich sollte das Leben hassen, / In Wüsten fliehn, Weil nicht alle / Knabenmorgen Blütenträume reiften?“
Als Existentialist hat man keine Angst davor, was einem passiert, sondern davor, es nicht zu verstehen. Wallace muss das offenbar gewusst haben und zwingt uns nun in sein Sachbuch „Infinite Jest“.

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rod's wife

7. Oktober, 2009 um 18:19

@ Stephan Bender

„Im Gegensatz zum amerikanischen “You can do it, if you really want”… “

Ist das nicht etwas zu einfach, zumindest was US betrifft? Wallace hat sich doch viel Mühe gegeben, diese Botschaft (mit Betonung auf dem can do-Aspekt und unter Vorenthaltung des wie auch immer gearteten Ergebnisses) in ein Werk zu packen, dass nicht passiv konsumiert werden kann, wie sonst üblich bei kommerzieller Kunst, sondern das den Leser verstört und gleichzeitig engagiert.

Aus: A Coversation with David Foster Wallace
By Larry McCaffery

“ But if you’re going to try not just to depict the way a culture’s bound and defined by meditated gratification and image, but somehow to redeem it, or at least fight a rearguard against it, then what you’re going to be doing is paradoxical. You’re at once allowing the reader to sort of escape self by achieving some sort of identification with another human psyche—the writer’s, or some character’s, etc.—and you’re „also“ trying to antagonize the reader’s intuition that she is a self, that she is alone and going to die alone. You’re trying somehow both to deny and affirm that the writer is over here with his agenda while the reader’s over there with her agenda, distinct. This paradox is what makes good fiction sort of magical, I think. The paradox can’t be resolved, but it can somehow be mediated—“re-mediated,“ since this is probably where post-structuralism rears its head for me—by the fact that language and linguistic intercourse is, in and of itself, redeeming, remedy-ing.“
Dabei bezieht er sich zwar auf „The Broom of the System“, aber es trifft auch auf US zu.

und weiter:

„This makes serious fiction a rough and bumpy affair for everyone involved. Commercial entertainment, on the other hand, smooths everything over. Even the „Terminator“ movies (which I revere), or something really nasty and sicko like the film version of „A Clockwork Orange,“ is basically an anesthetic (and think for a second about the etymology of „anesthetic“; break up the word and think about it). Sure „A Clockwork Orange“ is a self-consciously sick, nasty film about the sickness and nastiness of the post-industrial condition, but if you look at it structurally, slo-mo and fast-mo and arty cinematography aside, it does what all commercial entertainment does: it proceeds more or less chronologically, and if its transitions are less cause-and-effect-based than most movies’, it still kind of eases you from scene to scene in a way that drops you into certain kinds of easy cerebral rhythms. It admits passive spectation. Encourages it. TV-type art’s biggest hook is that it’s figured out ways to „reward“ passive spectation. A certain amount of the form-conscious stuff I write is trying—with whatever success—to do the opposite. It’s supposed to be uneasy. For instance, using a lot of flash-cuts between scenes so that some of the narrative arrangement has got to be done by the reader, or interrupting flow with digressions and interpolations that the reader has to do the work of connecting to each other and to the narrative. It’s nothing terribly sophisticated, and there has to be an accessible payoff for the reader if I don’t want the reader to throw the book at the wall. But if it works right, the reader has to fight „through“ the mediated voice presenting the material to you. “
(Zitate aus dalkeyarchive.com)

Warum meinen Sie, dass das nicht auch in Europa funktionieren könnte?
(Ja, ja, die zynischen anthropophagen Mitstudenten…)

„… keine Angst davor, was einem passiert, sondern davor, es nicht zu verstehen. Wallace muss das offenbar gewusst haben und zwingt uns nun in sein Sachbuch “Infinite Jest”. “

Analyse-Paralyse? Hoch mit dem Hintern!

„Das war jetzt so ein professioneller, psychologischer Einwurf, oder? “

Das war ein unironischer Kommentar einer Langzeitdepressiven.
Ahoi!

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Stephan Bender

7. Oktober, 2009 um 21:36

@ the unironische Kommentatorin als Langzeitdepressive:

Ich sitze jetzt in der Falle: Antworte ich etwas Ernsthaftes, habe ich die Ironie Ihrer Zeilen nicht verstanden. Mache ich mich darüber lustig, bin ich ein Zyniker. Ich könnte jetzt behaupten, ich wäre der Sohn eines Agnostikers und einer Zeugin Jehovas und meine Hauptbeschäftigung bestünde darin, völlig sinnlos an irgendwelche Türen zu klopfen… – aber es entspricht nicht der Wahrheit. Aber es wäre ein toller Romananfang, oder? Wenn ich an genügend Türen geklopft hätte, hätte ein ein tolles Romanpersonal zur Hand, sich teilend in Gleichgültige, religiöse Helfer und Freiheitsliebende, die mich auf meiner Suche nach der Wahrheit unterstützen.

Warum das in Europa nicht funktioniert? Nun, es ist die Alte Welt mit ihrer fast tausendjährigen Geschichte, die einem ja auch alle naselang vorgehalten wird, als wären Geschichtstrümmer die erotischste Sache der Welt.
Die Neue Welt ist erst zweihundert Jahre alt, die Neugier nach intellektuellem oder technischem Fortschritt ist einfach größer, und so ist die Sache ja auch gekommen: Europa betreibt Grundlagenforschung, Amerika liefert die Anwendungen.

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Alfred Vail

8. Oktober, 2009 um 10:41

…wenn in der neuen Welt „die Neugier nach intellektuellem oder technischem Fortschritt“ größer ist als in Europa. Müßte dann nicht die neue Welt Grundlagenforschung betreiben?
Und wieso funktioniert ein Roman wie US da nicht wo die Neugier nach intellektuellem oder technischem Fortschritt nicht nicht besonders ausgeprägt ist?

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Über das Buch

1996 erschien »Infinite Jest« in den USA und machte David Foster Wallace über Nacht zum Superstar der Literaturszene. Vor einem Jahr nahm sich David Foster Wallace das Leben. Sechs Jahre lang hat Ulrich Blumenbach an der Übersetzung von Wallaces Opus magnum gearbeitet, dem größten Übersetzungsprojekt in der Geschichte des Verlags Kiepenheuer & Witsch.
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