Um wenigstens einigermaßen hier mithalten zu können, habe ich kurzerhand mehrere Hundert Seiten übersprungen und bin bei den nächtlichen Spaziergängen von Randy Lenz wieder eingestiegen, die bekanntlich diverse tierische Opfer kosten. Der verblüffende Effekt: Ich hatte beim Lesen nicht den Eindruck, etwas versäumt zu haben, es hat tatsächlich den Anschein, als könnte man das Buch in beliebiger Reihenfolge lesen.
Zu dem Bild vom fallenden Glas könnte man daher vielleicht das des Buches als Hologramm stellen. Hologramme haben ja die Eigenschaft, dass in einem Bruchteil immer noch das gesamte Bild enthalten ist, nur die Auflösung immer gröber wird, je kleiner die Teilchen sind. Was umgekehrt bedeutet, dass das Bild nicht linear zusammengesetzt ist. Diese besondere Verteilung der Information entspricht vielleicht der Struktur des Buches.
Die nächste Frage wäre dann: Wenn das Hologramm die Technik der Darstellung ist, was wird dann dargestellt, und wieso erfordert das Dargestellte gerade diese Technik? Eine fundamentale Lesart könnte sein, dass es auf das Dargestellte in dem Maße gar nicht ankommt, sondern dass vielmehr die Form den Inhalt stellt, dass hier also eine holographische Sicht der Welt per se vorgeführt und propagiert wird (ein Weltbild, das ja auch in der neueren Physik diskutiert wird).
Oder aber: Die sich durch das Modell der Familie ergebenden Bindungen, Zwänge und Traumata liegen immer schon außerhalb, sie sind schon da, ehe der einzelne ihnen unterworfen wird. Die Symbolische Ordnung wird nicht in jeder Familie aufs Neue errichtet, sondern nur immer wieder neu entdeckt, von daher gibt es kein Entkommen aus ihr. (Daher vielleicht der merkwürdige Mangel an Empathie, zumindest bei mir, wenn die verschiedenen Kindheits- und sonstigen Traumata referiert werden: sie wirken nicht wirklich wie erlebt, sondern wie eine fast schon allegorische Verdeutlichung viel abstrakterer Zusammenhänge.)
Die „Unendlichkeit“ des Titels wäre in diesem Zusammenhang keine unbeschränkte Dauer, sondern vielmehr die Suspension der Zeit: Das Buch stellt einen Raum ohne Zeit vor und wählt eine Form, die ihrerseits an den landläufigen Dimensionen kratzt, indem sie einen Raum erzeugt, wo nur Fläche ist.

17 Kommentare zu Gerade eben, auf dem Holodeck

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Nicoletta Wojtera

30. Oktober, 2009 um 18:36

Lieber Thorsten Krämer,

danke für den Beitrag.

Darauf zielten meine „Struktur-Überlegungen“ der Nonchalance mit dem Analogon der Quanten als Netz-Teile; die Interferenz der (scheinbar) unabhängigen Teilchen, die eine mehrfache paradoxale Bild-/Romanstruktur konstruiert, sich dabei gleichzeitig als Integralfunktion geriert. Es ist eine, sagen wir literarpoetologische Hybridisierung, allerdings ambivalent konstruiert – in der Schriftsteller-/Leserposition.

Die Möglichkeit der übersprungenen Seiten ergibt sich sui generis, allerdings denke ich dabei noch in den Kategorien einer Art „chaotischer Hängung“, womit wir beim Sehen (oder Wahrnehmen) sind. Was erschwert oder erleichtert den Blick des Lesers? Die Semiologie des „großen Ganzen“ bleibt – denke ich – bestehen, denn DFW ist dem spatial turn (auch 1996) längst entwachsen. Die modifizierte Zeit-Raum-Struktur entbehrt das Sequenzielle, das die Literatur in der Regel bedingt. Das ist nicht neu. Dennoch funktioniert sie bei DFW in einer singulären Variante, wodurch die Form-Inhalt-Frage neu gestellt wird. Das Überspringen der Seiten funktioniert auf einer Ebene, auf einer zweiten wiederum nicht, auf einer dritten, … was die Frage von Form und Inhalt zurücktreibt bis zur aristotelischen Poetik und zu der Frage nach den Wesenheiten referenzieller Realitätskomplexe im Roman. Es ist die polare Kohärenz von Form und Inhalt oder, wenn man so will, die paradoxale „Umwertung der Werte“ (expressis verbis), die in diesem Roman – scheint mir – grundmotiviert und spannend für uns ist. Der Roman lenkt den Blick des (Seher-)Lesers zunächst auf den Inhalt: Destruktion, Provokation, Hohn und Widerspruch. Modernistische Struktur. Herausforderung an den Leser aber vielleicht auch sein (abseitiger) Irrgarten.

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achim szepanski

30. Oktober, 2009 um 21:03

Auf die Gefahr hin mich zu wiederholen: ich hatte an entfernter Stelle einige Gedanken zum Thema mit Michel Serres hergestellt und versucht mit seiner Philosophie Querverbindungen zu Wallace herzustellen, obwohl eine Annäherung mit Deleuze wegen der Nachbarschaften zu Wallace näherliegen würde ( auf S. 1156 von US hat dies Wallace mittels einer ironisierenden Anspielung auf Deleuze nuanciert). Ich glaube, es geht weniger um eine Suspension der Zeit als um eine Art Zerknittern, in der sich gleichzeitig archaische, gegenwärtige und futuristische Begenungen vollziehen, meinetwegen im Stillstand ( Virilios rasender Stillstand). Der Roman verweist durch seine Topologie auf Überholtes, Gegenwärtiges und Künftiges, obwohl das eigentlich nur im Film geht. Während sich die klassische Zeit auf die Geometrie und Metrik bezieht, keineswegs auf den Raum, ist die Theorie der Zeit von Serres, unsere Zeit, ein zerknitterte Zeit; zerknitterte Mannigfaltigkeiten, die sich unmittelbar durch die Topologie, die Wissenschaft der Risse und Nachbarschaften darstellen lassen. Alle Zeiten/Räume sind relativ zu einem System bzw. zu Systemen sehen, die offen oder geschlossen sein können; in ihnen verknoten und verteilen sich die Zeiten/Räume; es sind räumliche Komplexionen, ähnlich, wie entfernte Punkte in einem Taschenbuch, das gefaltet bzw. zerknittert wird, plötzlich sehr nahe sind oder zwei sehr nahe Punkte, wenn man das Taschentuch auseinanderreißt, sich sehr weit voneinander entfernen können. Der Text bringt die Pluralität der Räume zum Ausdruck.Eher Ausdrucks- und Inhaltslinien als Form und Inhalt. Form bzw. verformungen a posteriori. Darstellung als fluktuierende Karte der Relationen, Interferenzen (Zwischenräume) und der verteilungen der Figuren. Sicherlich fließt die Zeit (auch die des Romans) nicht entlang einer Linie, sondern eher nach komplexen Mannigfaltigkeiten, als zeigte sie Risse, Perlokationen, Durchbrüche, Beschleunigungen und Verlangsamungen, sie ist aleatorisch (sic) verstreut, sie versickert, sie verläuft und sie verläuft nicht. Serres vergleicht diese Mannigfaltigkeiten mit dem in einem Feuer tanzenden Flammen, Mannigfaltigkeiten, die auch die der reversiblen Zeit sind (Uhrzeit, Zeit der maximalen Nische, jenes Gleichgewichts, in dem Kultur, Geschichte und Arbeit erstarrt und in der die menschliche Ratte ihren Käfig in Drehung versetzt und an den Fortschritt glaubt, während sie sich in den Tertmühlen des Alltags im Kreis bewegt etc.). Nun ist dieses Gleichgewicht ein Interval, eine eher außergewöhnliche Zeit, eine Ordnung, die unausweichlich in Richtung Unordnung verläuft. Carnots Revolution, die industrielle Revolution bringt uns die irreversible Zeit; wir ähneln einer Maschine, bei der eine in regelmäßiger Umdrehung befindliche Trommel uns bis zu völliger Undifferenziertheit desorganisiert. Wir sind in zwei verschiedenen und sogar gegensätzlichen Zeiten und wir befinden uns in einer dritten Zeit, der Zeit der Negentropie, die dem entropischen Vektor entgegengerichtet ist. Unterschiede treten hervor, Erfindungen, Entdeckungen, das Neue etc. ,Ich denke, dass man diese Zeitproblematik bzw. Topologie bei US im Detail nachvollziehen kann, wenn man will. Auf formaler Ebene entwickelt Wallace eine Art Karte der Relationen und Verteilungen, ein Netz von Verzweigungen, indem er Wege erfindet, d.h., mittels der Anwendung einer Vielzahl von P.räpositionen werden Netze gebahnt. Die Sache wird immer paradox, siehe Eschaton Spiel, wenn es um die »Abbildung« eines fragmentierten Chaos ( Familie, AA, Weltpolitik etc) auf Karten geht. Und Wallace macht hier nichts anderes, was schon Zenon (mit Serres) gemacht hat: Er reist aus der Ein- bzw. als Dreidimensionalität in die Zweideimensionalität der ebenen Mannigfaltigkeit, deren Karten er erstellt, er beginnt zu schneiden und zu variieren, stellt Ordnungen her, wobei die Verteilung der Figuren auf der Karte eine gewisse Stabilität besitzt. Die Karten bilden jedoch nicht ab und sind zugleich instabil. Der Roman gibt uns eine Erfahrung/Ahnung davon, dass das Reale paradox, stochastisch regelmäßig ist. Damit lässt sich eine Literatur bzw. Theorie der Nuancen und Nuancierungen in Gang setzen. Nuancierungen sind diffuse Räume, die Serres mit Wolke bzw. Strom beschreibt.
Das Problem des Dargestellten: Interessant wird nun, dass die Strategien der Ironie bzw. des Humors auf der Konfusion bzw. Diffusion des Textes und seiner Elemente beruhen. Während der Humor eine Bewegung beschreibt, die etwas von ihr selbst Verschiedenes lächerlich macht, nämlich das System selbst, innerhalb dessen sich der Humor artikuliert, weil das System die Voraussetzung der Lächerlichkeit in sich enthält, operiert die Ironie durch Strategien der Überdrehung und der Übertreibung der gegnerischen Position, um implizit die eigene Position zu stützen. Während der Humor also mittendrin, pervers und immer auf dem Weg bzw. an der Oberfläche ist, bleibt die Ironie der Bedeutung und dem Sinnsytem verhaftet, allerdings kann die Ironie durch Konfusion, die Verschmelzung differenzieller Postionen, ähnliche Effekte wie der Humor erreichen. Wallace bedient sich ausgiebig der Stilmittel bzw. Strategeme von Konfusion und Diffusion, um die Ernsthaftigkeit des Megakapitalismus oder whatever und seiner Diskurse zu durchkreuzen. Es sind die einzigen effektiven Decodierungstechniken, nachdem die Arbeit der Kritik bzw. der Denunziation unmöglich geworden ist. Die Kritik glaubt bis heute an die Position Gottes bzw. einen Erzeuger des Bösen. Man kann die üblichen Verdächtigen durchdeklinieren: Vernunft, Staat, Kapitalisten,Väter, Wissenschaft, Banker etc. – tief in das System verstrickt. Eine Liste, die sich erschöpft hat und darin endet, dass jeder jeden anklagen, sich entlasten und reinwaschen kann und offensichtlich lahmt das Geschäft der Kritik, auch das der dialektischen. Immer schon genügte es, vom Widerspruch auszugehen, um immer recht zu haben oder um alles aus allem zu folgern. Die Dialektik rezitiert eine relativ erbärmliche Logik und der ausgrüstete Kritker nimmt die Rolle des polizeilichen Ermittlers oder des Detektives ein, wobei viererlei Angeklagte zur Debatte/Beobachtung stehen, aber niemals die Position des Angeklagten. Heute schließt sich der Kreis, den Serres den Übergang vom Gerichtlichen zum Objektiven nennt. Wir sind alle sowohl Ursache des US als auch sein Gegenstand, ein Spaß, der bei Wallace implizit Sache aller ist, wo Verantwortlichkeiten schwer zuzurechnen sind, die Tugend der Zurückhaltung gegenüber dem Anwachsen der Neurosen, Narzissmen, Spaßvöllereien, Geiz und Trägheiten jedoch eher bei den Kaputten und den Ein/Ausgeschlossenen nachzuspüren ist als sonstwo. Wer könnte Gately nicht als eine Art Begriffsperson begreifen, dem Wallace so etwas wie Scham zugesteht. Nun hat Wallace allerdings weder eine Satire noch eine Humoreske geschrieben, weil er weiß, dass sich die Ironie in Gestalt der Satire gerne institutionalisiert, der Humor sich in Gestalt der Institution karnevalisiert. Mit diesen Institutionalisierungen werden sowohl die Konfusions- als auch die Diffusionsenergien geblockt und den Kontexten der Ernsthaftigkeit angeflockt. Zugleich werden Ironie und Humor quasi isoliert bzw. in die Räume der Kunst, Literatur etc. verwiesen. Die Isolation des sog. Lächerlichen von der Welt der ernsthaften Sachlagen verdeckt, dass das Gesellschaftliche von ihrer Objektivität her längst ins Stadium des Lächerlichen übergegangen ist. Humor und Ironie können die ernsthaften Diskurse, Wissenschaft, Technologien etc. nur gefährden, weil die Konfusion der Debatten (es hängt nicht mehr von uns ab, dass alles von uns abhängt, aber keiner versteht dies) ihrer Differenz vorausgeht. Regierung und Opposition befinden sich in einem hoffnungslosen Zustand der Konfusion, den man nur anzuklicken braucht, um alle Seriösität at once wegzusprengen. Einzige Möglichkeiten dazu sind eben, wie schon Nietzsche wusste, Steigerungen oder Hemmungen (die Übetreibungsspiele der Ironie), man kann mit den Deterritorialisierungen nie weit genug gehen, sagt Deleuze, und meint damit natürlich das Strategem des Humors. Die Explikation des deleuzianischen Humors und der spezifischen Ironie von Wallace stilisiert mittels Diffusion und Konfusion die Modalitäten der Oberflächlichkeit, indem sie eine Darstellung der Systems der Oberflächen (des Oberflächlichen) durch Auflösungs- und Vermischungsprozesse hindurch betreibt, dem allerdings die Ensembles von produzierten Dingen und konditionalen Umständen, die parasitären Schieflagen vorauseilen. Überflüssig zu sagen, dass der unendliche Spaß längst vorbei ist, wenn die neuen Narzissmen sich um Steigerung der Modalitäten des »Selbst« drehen bzw. um die biochemische, schönheitschirugische und technologische Effektivierung individuellen Human Capitals, dass man durch den Kauf von Doping-, Wellness-, Fitness- und Psychoprodukten levelt. Das wiederum wusste Wallace ganz genau.

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Thorsten Krämer

31. Oktober, 2009 um 11:54

(Vorab: Ich habe mittlerweile leider nicht mehr alle Kommentare und Beiträge auf der Seite hier lesen können, bitte hiermit daher um Entschuldigung, wenn ich Sachen schreibe, die anderswo schon jemand thematisiert hat.)

Ich bin mir nicht sicher, ob Deleuze in diesem Fall wirklich weiterhilft. Ich sehe in US keine Mannigfaltigkeiten oder Vielheiten, auf mich macht das Buch einen monolithischen Eindruck, seine Wiederholungen stellen keine Differenz her, sondern sind vielmehr bloße Instanzen derselben Identität, seine Zahl ist die Eins, es ist viel eher autistisch als schizophren.
Ein Beispiel: Die Episode, in der Hal den Schimmel isst, wird einmal ganz zu Anfang erzählt und später noch einmal in der Fußnote mit dem Transkript eines Interviews mit Orin. Diese Wiederholung liefert aber keine neue Perspektive, sie hat nicht die Wirkung, dass plötzlich eine andere Wahrheit aufscheint und also das Konzept der Wahrheit insgesamt infrage gestellt wird (was das Verfahren der Moderne wäre). Vielmehr entsteht, zumindest bei mir, durch diese Art der Wiederholung der Eindruck, dass diese Anekdote immer schon eine Anekdote war. Jede neue Wiederholung bestätigt nur wieder das Fehlen eines Grundes, insofern könnte man vielleicht sagen, dass der Roman sich fast schon an ein mythisches Denken anlehnt.
Der Autismus äußert sich z.B. in dem zwanghaft exakten Beschreiben der dinglichen Welt, während alles, was mit Gefühlen verbunden ist, eine sekundäre Rolle spielt. Dass sich das „Ich bin hier drin“ Hals auch als Ausdruck eines Locked-In-Syndroms lesen lässt, wurde hier ja schon gesagt, soweit ich das überblicke.
Eine zerknitterte, verformte Zeit stelle ich mir als Folge einer Kraftwirkung vor, eine solche Dynamik oder Fluktuation finde ich aber nicht in dem Buch. Die Zeit hier ist nicht manipulierbar, weder reversibel noch irreversibel, sie findet gewissermaßen gar nicht statt. Stattdessen: Nonlokalität, identische Information ohne Informationsübertragung.
Es ist doch nicht so, dass sich die Zeit plötzlich öffnen würde, dass Blicke oder gar Passagen frei würden auf andere Zeiten, all diese Begrifflichkeiten implizieren ja immer Bewegungen, aber gerade die sind im Roman ja verstellt.
Kurz gesagt: Deleuze stellt ja immer auch die Frage nach dem Möglichen, aber in US ist nichts möglich.

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achim szepanski

31. Oktober, 2009 um 13:45

Genauer: Deleuze stellt eher die Frage nach Virtualisierungen, und bei Wallace/Hal ist zumindest vielerlei Nasebohren möglich. erste Differenz. deleuze war ja nicht dumm, nicht so wie es es seine kommentaren wollten. ständig spricht er von der fluchtlinie als todeslinie, davon, dass der aussage blanchots, der selbstmord sei nicht der akt, der den tod empfängt, sondern der akt, der ihn als zukünftigen unterbindet, weil er ihm die zukunft versagt, eine weitere hinzuzufügen ist: man erfasst das ereignis nur , wenn man es ins fleisch einträgt. das geschieht bei wallace über die umwege oder durch die halluzinationen, traumatisierungen und räusche. allerdings hat deleuze im gegensatz zu den kommentaren, die jetzt auf den plan treten, um die siebenstufige rakete(de lillo) wallace zu entschärfen, wie sie dies bei deleuze versucht ( und sich die finger verbrannt haben) und bei foucault mit ihrer unsäglichen archivierungswut leider zum ziel gekommen sind, genau die gefahr erkannt, die in diesem schreiben besteht: über den alkoholismus von fitzgerald, über den wahnsinn von nietzsche zu sprechen und selbst am sicheren ufer zu bleiben. der gefahr, zum fachmann für endloses, unendliches geplauder zu werden. ein bisschen verrückt, ein bisschen autistisch oder schizoid zu werden und ein bisschen selbstmörderisch zu werden. mit dieser lösung konnten ja nun weder wallace, noch deleuze oder foucault etwas anfangen.wallace saß ja ein halbes jahr bei der aa in bosston, und wer als deutscher schriftsteller mal recherche machen will, den lade ich gerne ein. zwei punkte , die zu diskutieren wären, worauf ich aber im moment keine lust habe: a) wallace hat eine ganzes buch über das cantorianische kontinuum der unendlichkeiten möglicher bewegungen geschrieben ( taucht im roman an mehreren stellen auf) b) der autist, z.B. manche eidetiker, verfügen durchaus im gehirn über einen pool der filterung, d.h. ihr temporallappen ist mehr als nur ein speicher. hals filterungen sind großartig.
nein, man wird aus wallace keinen adorno zum sonderpreis machen können

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achim szepanski

31. Oktober, 2009 um 13:57

um noch etwas zur denkökonomie von wallace hinzuzufügen: er ist mathematiker und auch nicht. die literaten, und gerade er, mögen das maximalistische, die vermittlungen und zerstreuungen, und die mathematiker eliminieren das gerne. und nur die mathematik funktioniert eben ohne zeit, allerdings mit einer ihr eigenen schnelligkeit, die sagenhafte abkürzungen kennt, abkürzungen, die in der minimalistischen ( deutschen ) literatur usus geworden sind, allerdings im gegensatz zur mathematik leider nicht nachvollziehbar.

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achim szepanski

31. Oktober, 2009 um 14:24

um es noch einmal zu verdeutlichen: was ist denn gatelys krankenhausdelirium anderes als ein masochismus im reinzustand, wie wohl die zeit da zwar suspendiert, aber gänzlich jenseits einer form der wiederholung ist, die das gleiche wiederholt. es ist ein zustand des wartens, das, worauf man wartet, was aber auf sich warten lässt ( die magische schönheit, joelle?), immer aufgeschoben, und dann das andere, was man erwartet, das die ankunft, worauf man warten könnte, beschleunigt. warten auf madame psychosis, warten auf godot etc., auf jeden fall ist dieses schmerzvolle warten die zeitlichkeit des phantasmas. auch das hat wallace ganz in anlehnung zu deleuze` studie zu sacher-masoch in kurze interviews mit fiesen männern en detail durchexerziert. so. nun ist genug.

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Thorsten Krämer

31. Oktober, 2009 um 15:44

Lieber Achim Szepanski,

woher dieser Furor? Wenn Sie die Kämpfe, die Sie offenbar anderswo austragen und hierher importiert haben, einmal kurz beiseite lassen, werden Sie feststellen, dass ich überhaupt keine Kritik an Deleuze geübt habe, Sie ihn also auch nicht in Schutz nehmen müssen.
Im Gegenteil, wenn überhaupt, dann kann man meinen letzten Beitrag so verstehen, dass ich Deleuze vor Wallace in Schutz genommen habe, in dem folgenden Sinn: Ich denke, dass es der Rezeption des Deleuze’schen Denkens nicht sonderlich dient, wenn man gerade US als ein Buch hinstellt, das dieses Denken in besonderer Weise in Literatur umsetzt. Auch wenn Wallace das vielleicht so intendiert hat.
Um Ihre Begrifflichkeit aufzugreifen: Ich möchte US nicht entschärfen, da ich das Buch ja ohnehin für einen Blindgänger halte. Einen interessanten Blindgänger, ohne Zweifel, aber die Gefährlichkeit, die sie dem Buch offenbar beimessen, kann ich nicht sehen. Weil ich am sicheren Ufer stehe, mögen Sie einwenden, aber diesen tautologischen Schuh zieh ich mir nicht an.

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Thorsten Krämer

31. Oktober, 2009 um 18:23

Ich präzisiere noch einmal, was meiner Meinung nach hier unterschieden werden muss: Das Krankenhausdelirium und das Warten sind zwar Phänomene, die sehr treffend auch mit der Deleuze’schen Begrifflichkeit beschrieben werden können, aber das ist etwas anderes, als den Roman als solchen durch diese Brille zu lesen.
Was bei alldem nämlich noch gar nicht zur Sprache gekommen ist, ist die Frage nach der Ästhetik. Wenn die Motive des Romans auf Probleme verweisen, mit denen Deleuze sich beschäftigt hat, ist das eine feine Sache für einen Philosophen, weil sich eine bestimmte Art zu denken hier leichter andocken lässt. Die Arbeit des Schriftstellers, und als solcher lese ich Bücher, ist eine andere. Wenn ich also sage, dass ich US für einen Blindgänger halte, beklage ich damit den Mangel an Perspektive für ein noch ausstehendes Schreiben, der dem Buch innewohnt.
Als Schriftsteller interessiert mich am bereits Geschriebenen in erster Linie sein Verhältnis zum Noch-nicht-Geschriebenen. Und in dieser Hinsicht ist die Lektüre von US leider sehr unfruchtbar. Das mag auch der Grund sein, weswegen eine ganze Reihe von Kollegen hier mittlerweile verstummt ist. Nicht, weil sie nichts zu dem Buch zu sagen hätten, sondern weil das Buch ihnen nichts sagt – im Hinblick auf ihre eigene Arbeit nämlich.

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achim szepanski

31. Oktober, 2009 um 19:26

man exportiert/importiert weder den furor noch die depression, man ist immer mittendrin, auch, wenn man es sich nicht zugestehen mag. oder
man betreibt eine art wellnessphilosophie, die weder gut- noch wehtut, und die keine konzeptionen mehr kennt als die ironie, von der wallace einmal gesagt hat, dass sie
das lied eines vogels sei, der seinen käfig liebt. an wallace zeigt sich, dass ein schöpferischer prozess an einem bestimmten punkt abbrechen, dass man von einer fluchtlinie ins abseits abdriften kann. Niemand hat das exakter beschrieben als deleuze, dessen studien zur melancholischen Kunst/literatur eines beckett, kafka, artaud, bacon eine genaue kenntnis ihrer psychomotorischen bzw. psychosomatischen entstehungsbedingungen zeigen. bei wallace
ist das phänomen des autismus als mediales in diesen kontext eingebunden. wenn alles mit allem kommuniziert, entsteht ein rauschen (als dessen ausschluß sich jede gelungene kommunikation konstituiert), das die kommunikationen überschwenmmt und zu jenen verkapselungen führt ( jedem seine kapsel, baudrillard), die die figuren in prothesen von bildschirmen und spielen verwandeln. im gegensatz zur bloßen unfähigkeit zu fühlen, wird das gefühl bei bestimmten protagonisten in us nicht sekundär, sondern hyperpräsent; für kate gompert ist die klinische depression selbst ein gefühl, das sie als »es« kennt, das es ihr »erlaubt«, eine mythische einheit mit der welt einzugehen.»es« ist die ein-mann-hölle. nicht unwesentlich an solchen fällen ist, dass das »es« mit dem »über-ich» durch einen geheimen kanal verbunden ist, wobei in exzesstoleranten gesellschaften das »über-ich« dem einzelnen die pflicht auferlegt, als ein am genuß partizipierendes individuum, das zu sein, das man ist. die aufforderung »sei, der du bist«, erzeugt letztlich einsamkeit in einem ausmaß, das sich nicht vermitteln lässt (us s.999). ultimative selbstransparenz kann nur die genforschung herstellen. aber wie lacan sagt, klebt das reale immer an unserem fuß, allerdings besitzt die welthaftigkeit des daseins für kate gompert eine ganze andere als die unserer lifestyle-enjoyer. für sie heißt das, nicht unähnlich der hysterie, bei der der eigene körper mit bildern überflutet wird, dass jedes weltelement einem zahn gleichkommt, der permanent zubeißt. kate gompert ist tatsächlich zum realen durchgestoßen, und das ist die hölle. dagegen klingen heute die aufforderungen zu transgressiven erfahrungen wie die allerlächerlichsten, naivsten appelle zum realen, zur wirklichkeit, durchzustoßen. das ontologische blindgängertum eines projektils, das im flug seine position einschätzen muß, ist z.b. im bungee jumping zur anderen hölle verkehrt. davon hat wallace u.a. in »mister squishy« erzählt.

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Stephan Bender

31. Oktober, 2009 um 19:35

Man darf zwar schreiben, was man will, aber nicht behaupten, was man nicht belegen kann – sonst ist es Geschwafel. (Halloween lässt grüßen!)

Alles, was wir Wallace und Deleuze nicht mehr persönlich fragen können, ist Interpretetion. Es ist anmaßend und arrogant, eine persönliche Interpretetion als Behauptung daherkommen zu lassen. Das wäre keine Literatur, sondern Interpretation. DFW zum Philosphen hochzustilisieren ist in etwa so originell, wie ‚Mutter Theresa‘ einen Helferkomplex anzudichten.

Vor ein paar Jahren mokierte sich Harald Schmidt darüber, dass man ihn als „Fernsehintellektuellen“ auf Platz vier der wichtigsten deutschen Denker gewählt hatte. Sein wirklich trockener Kommentar dazu: „Fernseh- ist ja ok, aber als Intellektuellen würde ich mich nicht bezeichnen. Aber mir ist diese Produktoffensive nur recht: Ein ‚Branding‘ ist heuer enorm wichtig!“

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Clemens Setz

31. Oktober, 2009 um 23:06

Wenn sich hier schon die Deleuze-Kenner streiten, kann ich ja fragen. Auf S. 1136 von US, im Verhör von Molly Notkin durch Rodney Tine, steht folgender Absatz:

„Dass es für die lediglich der Dissertation noch entbehrende Dr. Notkin ergo – ziehe man den Aspekt der prometheischen Schuldgefühle ob des Suizids des Auteurs ernsthaft in Zweifel – kaum noch eine Frage sein könne, dass der gesamte Vollkommene-Unterhaltung-Liebestod-Mythos, der die vorgeblich tödliche Patrone umwittere, lediglich eine klassische Illustration der antinomisch schizoiden Funktion jenes Mechanismus des postindustriellen Kapitalismus sei, dessen Logik die Ware als sterblichkeitsangstverdrängende Flucht präsentiere, die ihrerseits psychologisch fatal sei, wie Monsieur Gilles Deleuze in ‚Inzest und die Vitalität des Todes in der kapitalistischen Unterhaltung‘ in leicht verständlichem Detailreichtum nachgewiesen habe…“

Hier meine Frage: Dieses angebliche postume Werk von Deleuze (‚Inzest und…‘) gibt’s gar nicht, oder? Ich hab’s jedenfalls nirgends gefunden. (Molly Notkin labert in diesem Kapitel sowieso sehr viel Mist, wie der Erzähler/Kommentator in den in Klammern stehenden Endnoten uns versichert.)

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achim szepanski

31. Oktober, 2009 um 23:09

a) ich würde umgekehrt sagen, dass ich für die arbeit als literat in den letzten 15 jahren nichts fruchtbareres neben pynchon und gaddis gelesen habe als wallace
b) ich stelle nachbarschaften zwischen wallace, serres und deleuze her, mehr nicht.
c) wallace und die philosophie: da kennen sie vielleicht einige shriften von wallace nicht.
d) zwischen h. schmidt und wallace lassen sich diese nachbarschaften leider nicht unbedingt herstellen, es sein denn schmidt würde sich in die person lettermanns hineinversetzen, die wallace nun mal beschrieben hat

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Thorsten Krämer

31. Oktober, 2009 um 23:39

Nur kurz zu a)
Schön, dass wir da so konsequent anderer Meinung sind: denn auch Pynchon gegenüber habe ich ganz ähnliche Vorbehalte. Damit Sie meine Position besser verorten können und nicht nur ex negativo, will ich Ihnen einige (Prosa-)Autoren nennen, deren Lektüre für mich besonders fruchtbar war: Gabriel Josipovici, Oe Kenzaburo, Don DeLillo und, noch ganz frisch, Roberto Bolano. Außerdem bedaure ich es immer wieder, gerade auch im Kontext der Wallace-Rezeption, dass Donald Barthelme hierzulande allzu oft übersehen wird, wenn es um die US-Amerikaner der Postmoderne geht.

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Iffland

1. November, 2009 um 10:48

@Clemens Setz:

Gestern stolperte ich über eine Passage (S. 1063/1064), in der Joelle über Vater und Sohn Incandenza nachdenkt, putzend (ohne die stimulierende Wirkung des Kokain) und den Schlüssel (einen Schlüssel) in J. I.´s Frühwerk findet: Wallace beschreibt hier etwas, was, wie ich finde, auch manchmal für seine Prosa gilt und was eben jene Molly Notkin als “ als unterhalte man sich mit einem Gefangenen per Telefon durch die Plastikscheibe..“, bezeichnet.
Es steht da viel, was für mich wie eine Reflexion des eigenen Schreibens klingt.
Ob sich das dann auch nur auf das eigene, Wallacesche Frühwerk bezieht, kann ich natürlich nicht sagen, aber ich fand einige Aussagen durchaus übereinstimmend mit meinen Eindrücken beim Lesen des Textes.

Und zum Schluß noch dies und für uns alle hier (Endnote 306):

„Einige ihrer besten Kontroversen hatten Jim und sie über die Konnotationen des Satzes >Jeder ist ein Kritiker< ausgefochten, den Jim gern in allen möglichen Schattierungen und Tonlagen ironischer Doppeldeutigkeit wiederholte."

beste Grüße

Iffland

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Alfred Vail

1. November, 2009 um 14:40

Take Twelve…

Beim Lesen der Kommentare zu „Gerade eben, auf dem Holodeck“ fiel mir folgendes ein:
Nach einem Konzert in einer Musikschule kam ein Musiklehrer zu Dave Brubeck (Jazzpianist) und erklärte ihm begeistert wie toll er es findet, dass Brubeck in den ersten 8 Takten von „The Duke“ die komplette 12-Tonfolge eingearbeitet hat.

Das entsprach tatsächlich der Wahrheit, allerdings traute sich Brubeck kaum dem Musiklehrer zu beichten dass das alles andere als beabsichtigt war, sondern einfach nur ein Zufall.

P.S.: Brubeck witzelte später er wolle den Titel des Stückes erweitern: „… and Arnold Schoenberg in the Bass Line.“

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achim szepanski

1. November, 2009 um 16:08

lieber clemens setz,
natürlich gibt es diesen essay nicht, vermute es ist eine anspielung auf den masochismus aufsatz zu saxcher masoch von deleuze,zu dem lacan damals, vor anti ödipus, gesagt hat,dass wäre das intelligenteste zum thema sadismus/masochismus, was bisher geschrieben wurde. spuren finden sich davon in kurze in interviews mit fiesen männern. morgen werde ich versuchen licht in diesen dunklen satz zu bringen,jetzt mache ich recherchen für meinen nächsten roman im vereinslokal der frankfurter adlerfront, das kostet sehr viel konzentration und stehvermögen , ist eben nicht ungefährlich.

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thorstenkraemer.de » Blog Archive » Neue Texte online

14. November, 2009 um 20:54

[…] Aktuelle Diskussionen bei unendlicherspass.de: hier und hier […]

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Über das Buch

1996 erschien »Infinite Jest« in den USA und machte David Foster Wallace über Nacht zum Superstar der Literaturszene. Vor einem Jahr nahm sich David Foster Wallace das Leben. Sechs Jahre lang hat Ulrich Blumenbach an der Übersetzung von Wallaces Opus magnum gearbeitet, dem größten Übersetzungsprojekt in der Geschichte des Verlags Kiepenheuer & Witsch.
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