29./30. August 2009
Der Laptop fliegt wieder aus der Tasche, stattdessen darf der weiße Klotz mit, laut Küchenwaage 1501 Gramm, die nicht in eine Damenhandtasche passen. Das weiße Hardcover (wer diese Unfarbe ausgewählt hat, reist nicht mit Büchern) weist inzwischen einige Flecken auf, irgendwas in Rot, das nicht Blut ist, leicht grünliche Schlieren, anderes, das wie getrockneter Popel aussieht, es gibt auch einen Bleistiftstrich quer über die Spiegelschrift, ganz abgesehen von den unsichtbaren Hautpartikeln, Fingerabdrücken und Bazillen, die das Buch inzwischen bevölkern müssen. Ich hätte mir den Fleckentfernerstift, der an einen dicken Edding erinnerte, borgen sollen, mit dem die beiden Grazien, von Beruf Hotelfachangestellte, die mir auf dem Hinweg im Oberstock des RE 1 gegenübersaßen, gegenseitig die Flecken aus ihren weißen, knackeengen Oberteilen rieben, bevor sie in Potsdam ausstiegen, um zu einem Empfang einer Hotelvereinigung zu gehen. Sie hatten beide völlig starre Wimpern, die auf den exzessiven Gebrauch von Mascara schließen ließen und tauschten sich gegenseitig neuerworbene Teebeutel aus, die einen zum Einschlafen, die anderen zum Aufwachen, wobei der Einschlaftee grässlich nach Baldrian roch. Das war aber nichts gegen die Gerüche des Regionalzuges, der nach exzessivem Gebrauch, es war Samstagabend, nach altem Schweiß, Stinkerkäse, Alkohol und Pisse roch, denn das Klo war ausgelaufen. Während ich die Anmerkung 304 las, die vom mörderischen Gleisspiel handelt, gegen das das inzwischen aus der Mode gekommene S-Bahn-Surfen nur ein Freizeitspaß war, stritten sich die vier besoffenen Sachsen hinter mir, ob die Eisenbahnstrecke von Oberweißbach nach Unterweißbach noch in Betrieb war, nur stillgelegt oder gar schon entwidmet, aber sie konnten sich nicht einigen. Es waren etwas wunderliche Gesellen, die um 5 Uhr in der tiefsten Provinz und drei Stunden nach Ende eines Erntedankfestes aufgestanden waren, um mit Wochenendticket nach Berlin zu reisen, weil sie Berliner Kindl trinken wollten. Ausgerechnet Berliner Kindl! Als der eine laut rülpste, las ich gerade die Stelle mit dem am Faden baumelnden Auge, das dem mit von Drogen und Gewalt Geschädigten „so an der Seite vom Gesicht herumeierte“.
Was die mobile Kommunikation angeht, war Wallace, im Gegensatz zur Einschätzung der Video-Telefonie, wenig vorausschauend. Der Handyterror in Regionalexpresszügen war vielleicht auch 1996 nicht vorhersehbar. Das Handy der blonden Grazie z.B. hatte einen Gummientchen-Ton, der mit jedem als Quietschen getarnten Klingeln lauter wurde. Sie starrte erst eine Weile auf das Display, das Handy machte schon Geräusche wie eine lebendig gebratene Ente, bis sie entschied, den Anrufer wegzudrücken.

Dank des mitgeschleppten Gepäcks weiß ich nun, dass die über fünfzehnjährigen Tenniswunder der E.T.A. ihren Urin für die Dopingkontrollen so Katrin-Krabbe-mäßig reinigen und es überhaupt dort zugeht, wie unter den 16-jährigen Olympiakadern meiner Jugend, die, bevor sie überhaupt bei der Olympiade starten konnten (die dann sowieso wegen Boykotts ausfiel), körperliche Wracks waren, die vom Konkurrenzkampf, chemischen Wundermitteln und vom vielen Training abgenutzten Gelenken zermürbt waren und sie anfingen, Drogen zu nehmen, was damals hieß, bis zur Besinnungslosigkeit zu trinken.

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Über das Buch

1996 erschien »Infinite Jest« in den USA und machte David Foster Wallace über Nacht zum Superstar der Literaturszene. Vor einem Jahr nahm sich David Foster Wallace das Leben. Sechs Jahre lang hat Ulrich Blumenbach an der Übersetzung von Wallaces Opus magnum gearbeitet, dem größten Übersetzungsprojekt in der Geschichte des Verlags Kiepenheuer & Witsch.
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