Kopfklinikum

26. August 2009 |

25. August, zweiter Tag am See
1943 ist auf dem See die Titanic gegen einen vom örtlichen Tischlermeister gezimmerten Eisberg gestoßen und gesunken. Goebbels hat den Film dann aber noch vor der Uraufführung verschwinden lassen, kollidierendes Schiff und Eisberg erinnerten zu sehr an die Niederlage von Stalingrad. Ich habe nicht herausbekommen, ob die Titanic immer noch auf dem Grund des Sees liegt. Ich weiß noch nicht einmal, wie tief er ist.
Ich liege auf dem Rücken im Wasser und am Himmel fliegt mir der Rettungshubschrauber des Klinikums entgegen. Er hat wahrscheinlich einen Halbtoten von der Autobahn gekratzt, der an seiner Trage fixiert ist wie Hal, aber da oben wegen der Flugsicherheit und nicht, weil er grunzende Geräusche von sich gegeben hat. Heute morgen lief im Deutschlandfunk eine Livesendung aus dem Heidelberger Kopfklinikum, gerade als ich das mit dem widerlichen Schimmelklumpen las, den der kleine Hal anknabberte. Seitdem weiß ich, dass das Gehirn schmerzunempfindlich ist. Der Arzt kann mit dem Skalpell daran herumschneiden, ohne dass der Patient etwas spürt. Seltsam war auch, dass kurz vorher und als hätte er gerade das erste Haschkapitel gelesen, der Vertreter des Vereins katholischer Männer mit trauriger Stimme erzählte, dass die Drogenberatung nicht alle Süchtigen erreiche.
Der Hubschrauber hat die Aufschrift ARZT an der Unterseite, die wie die Oberfläche eines Bauches aussieht. Man kann das Wort nur lesen, wenn man im See auf dem Rücken liegt und über die Hauptfigur nachdenkt, die heute morgen nach meinem Frühstück auf die Drogenkurierin wartete. Hal ist so schlau wie der gleichnamige Computer in „2001: Odyssee im Weltraum“ von Stanley Kubrick, allerdings ein größeres emotionales Wrack, ähnlich Hamlet, nur dass ihm Buchstaben abhandengekommen sind. Vielleicht hat er m, e und t für einen verhassten Rausch verkauft.
Ich bin eine halbe Stunde über den See bis zum verlassenen Haus geschwommen. Es ist das einzige weit und breit, das nicht von zuviel Geld und zuwenig Geschmack verschandelt ist. Seit einigen Jahren steht es leer. Eine schnurgerade Apfelbaumallee, deren Früchte in diesem Jahr wieder niemand ernten wird, führt zum Haus. Auf dem Steg haben sich Enten angesiedelt. Ich habe mir gedacht, Hal und all die anderen aus dem „Unendlichen Spaß“ in diesem Geisterhaus zu verorten, wie jedes mir wichtige Buch in meinem Kopf einen Ort hat, den ich oft auch nicht erklären kann, denn was haben z.B. Hereros aus Pynchons „V“ im Park des Schlosses Reinhardsbrunn zu suchen? Die Figuren von Pynchons „Enden der Parabel“ sind in einem Schacht in Nordhausen-Dora geblieben, wo wir, A. und ich, 1993 hinfuhren, da schrieb Wallace schon an „Infinite Jest“. Ausgerechnet in der Gedenkstätte Mittelbau-Dora, wo die V2 hergestellt worden war, fand eine Pynchon–Konferenz statt. Wir waren eher durch Zufall da reingeraten. Am letzten Tag krabbelten wir mit Bergarbeiterausrüstung durch halbeingestürzte Schächte, immer vorneweg der Professor, dem während des Vortrags die Schuppen aus den Haaren gefallen waren, ein echter Nerd, auch wenn das Wort, glaube ich, damals noch gar nicht existierte. A. hatte gemeint, weil der Professor zuviel vor dem Computer säße, wäre die Kopfhaut so trocken. Ich hatte damals gerade meinen ersten Laptop – ohne Festplatte, das Betriebssystem war auf einer Diskette – abgeschafft, weil zuviel Text verlorenging. Ich habe die „Enden der Parabel“ erst danach gelesen, ich hatte ihn mit „V“ verwechselt, weil ich dachte, ein Roman, der mit der V2 spielt, muss V heißen.
Wie würde eine deutsche David-Foster-Wallace-Konferenz aussehen, wer würde kommen und vor allem, wo würde sie stattfinden?
Auf dem See ist ein Drachenboot mit Galeerensklaven zugange. Ich habe den Krach, den sie machen, für eine von Muskelkraft getriebene Ramme auf dem Grundstück von Genosse Mauser gehalten (wenn es hier eine Fußnotenfunktion á là Wallace gäbe, würde ich diesen Namen erklären, gibt’s aber nicht), aber dann kommen sie um die Landzunge mit ihrem roten Boot und dem Feldwebel mit Trommel als Kühlerpuppe. Ihnen folgt ein Gewitter. Als es vorbeizieht, ist der erste Protagonist dem Unendlichen Spaß vor dem Teleputer mit eingelegter Filmpatrone erlegen. Ich bewege mich immer noch im Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche. Was für ein herrlicher Einfall und dank der kaufkräftigen alten Leute des zweiten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts und dem Bedürfnis des Staates, alles zu verkaufen, was sich zu Geld machen lässt, nicht so weit hergeholt. Morgen ist der Ackermann-Tag. Er hat als Dank dafür, dass er so eine schöne Geburtstagsfeier von der Kanzlerin geschenkt bekommen hat und um die Opposition ruhigzustellen, der Regierung einen ganzen Tag abgekauft.
G. beendet sein Telefonat und referiert drei Minuten über die Mandysierung der Welt. Mandy könnte unter anderen Umständen auch Wardine heißen, was ihr wahrscheinlich im Deutschen den Spitznamen Gardine einbringen würde.

1 Kommentar zu Kopfklinikum

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Lou

26. August, 2009 um 21:37

Die deutsche (deutsch-amerikanische, internationale,…) David-Foster-Wallace-Konferenz: »um zu konversieren«, denn – »ein professioneller Konversationalist erforscht exhaustiv und weidlich.«

Ernsthaft… und ernst gemeint.

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Über das Buch

1996 erschien »Infinite Jest« in den USA und machte David Foster Wallace über Nacht zum Superstar der Literaturszene. Vor einem Jahr nahm sich David Foster Wallace das Leben. Sechs Jahre lang hat Ulrich Blumenbach an der Übersetzung von Wallaces Opus magnum gearbeitet, dem größten Übersetzungsprojekt in der Geschichte des Verlags Kiepenheuer & Witsch.
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