13.30. Teetütenkaffee mit Mülch. Vivaldis Vier Jahreszeiten. Das kann man tatsächlich so spielen, dass es sich nicht so anhört, wie eine gewöhnliche Tiefkühlquattrostaggioni schmeckt. Außerdem wird einem dabei etwas warm. Was nicht schadet in Trübzonesien. Und bei so gar nicht lustiger Lektüre wie Adam Haslett (ein von der Zukunft überholter Zukunftsroman) und Katharina Hacker (ein verspaltener Roman in zwei Spalten). Dabei hatte ich eigentlich nicht vor, mich in diesem Jahr noch zu ärgern. Aber wird man gefragt?
Werde ich gefragt, ob ich die Fußnoten lesen will? Nee. Muss aber, weil ich sonst nie fertig werde, bevor ich das erste Türchen am noch nicht bestückten Adventskalender aufkartätsche.
Madam/Mr. Steeply interviewt immer noch Orin. Und der berichtet Neues aus dem versponnenen Nervenbündel, das die Moms heißt. „Sie ist eine solche Zwangsneurotikerin, dass sie auch die Zwänge selbst so effizient arrangiert hat, dass sie alle auslebn kann und trotzdem noch jede Menge Zeit für ihre Kinder hat.“ Der Versöhnungskurs geht weiter? Es taucht eine Verschwörungstheorie auf, dass der große Storch vor seiner großen KopfindiekaputteMikrowelleLege reingelegt worden sein könnte. Und es wird das Geheimnis der wahren Genialität verraten, das jeder Zeitungsredakteur kennt (oder kennen sollte): Die wahre Genialität bösartig durchgeknallter Menschen „besteht darin, den Leuten, mit denen sie zu tun haben, das Gefühl zu geben, sie wären durchgenknallt“. Und dann erzählt er die wahrscheinlich wahre und unendlich traurige Geschichte von Hal, der in Glückpuschen in den Garten läuft und seiner verrückten Mutter, bei der man ständig das Gefühl hatte, sagt Hal, „der ganze Kosmos stünde kurz davor, zu siedenden Gaswolken zu explodieren, und würde nur durch schier übermenschliche Willens- und Genialitätsanstrengungen seitens der Moms zusammengehalten, einen angeknabberten Schimmelpilz aus dem dunklen Keller hinhält. Schauerliche Geschichte. Aber immerhin hierfür haben sich die Fußnotenärgereien doch gelohnt. DFW treibt Geometrie und erfindet „Das Frösteln der Inspiration“ von Prof. Dr. Günther Sperber, in dem es um „Spontane Erinnerungen von siebzehn Pionieren der DT-zyklischen lithiumisierten Annularfusion“ geht. Saprogene Hallöchen erzählt von seiner Beziehung zu Orin. Hallöchen hat todernste Halluzinogene eingeworfen und Behinderungen davon getragen, deswegen musste er weg von der E.T.A., jetzt führt er die Verschwörungstheorie um den Seppukku des großen Storchs aus: Auf den beschlagenen Scheiben des Volvos der Moms soll vorher ein Wort aufgetaucht sein. Man weiß aber nicht welches. Es soll sich aber „in alle Richtungen der Windrose ein eheliches Leichentuch ausgebreitet“ haben. Eheliches Leichentuch. Toll.
Es kommt zu Fußnoten in Fußnoten, die aber immerhin das Marihuana-Denken erklären, das wir von Herrn Erdedy ganz zu Anfang mitbekommen haben. S. Johnson kommt mittels der Moms Volvo zu Tode. Und Hallöchen stellt eine Kardinalfrage: „Warum bringen so viele Eltern, die unnachgiebig darauf erpicht scheinen, Kinder hervorzubringen, die sich für gute Menschen halten, die Liebe verdient haben, Kinder hervor, die sich für scheußliche Menschen halten, die keinerlei Liebe verdienen.“
Kann man also nur immer alles falsch machen in der Kindererziehung? Sollte man das mit den Kindern nicht gleich lassen? Zu spät.
11.30. Großraum über Trübzonesien. Graugesichtiger Kaffee. Händels Wassermusik. Wetthusten von Arbeitswabe zu Arbeitswabe. Hab Sehnsucht nach der Matratzengruft. Traurigtraurig.
Dissoziation? Da ist man nicht ganz man selbst, sagt die Moms. Das sind Menschen, die eine tief sitzende Angst vor ihren eigenen Gefühlen haben. Hab ich nicht. Die Moms erzählt von Grandpa der Geld genug hatte zu investieren, in einen Punsch aus Delaware oder einen obskuren süßen Kaffeeersatz mit Kohlensäure. Grandpa entschied sich… Genau. Dumm jeloofen. Und wenn dann der Vater sich nicht totgesoffen hätte, wäre sie nie zur Uni gekommen. Und nie Mutter des totalvertrollten Mario, der die Mittfünfzigerin anhimmelt als wäre sie Angelina Jolie. Die redet von Suppression, von Menschen, die eingesperrt auf die Welt kommen. Wir streifen weiter durchs Minenfeld zwischen Mutter und Sohn. Großartig verschlingendes, leicht angekrängtes Gespräch. Dass die Moms es mit dem Windeln einfach nicht hingekriegt hat. Und verzweifelt darob. Im Innern der metallischen Moms schlägt ein Herz. Ist das hier jetzt eine Familienzusammenführung?
Ab in die Nacht. Hal und Trollo. „Die Dunkelheit hatte Form ohne Weite.“ Großartiger Satz. Noch so ein Gespräch. Umschlingender Dialog. Aneinandervorbeizueinanderhinreden. Hal träumt von Zahnbehandlung. Das ist jetzt auch schon mindestens der zweite. Über Zähne im Spaß könnte man auch dissertieren, wenn man wollte. Die beiden tauschen Dönekes aus über die Moms und ihren Hund S. Johnson (Samuel?) aus. Den sie überall hin mitnimmt. Notfalls als Blindenhund getarnt. Mit dem sie telefoniert. Dem sie esoterisches Futter kauft (makrobiotischer Pansen?). Das Gespräch kreiselt weiter, um Pemulis, um das schöne Geräusch des Gebläses. Und dann Trollo: „Hal, so ziemlich das Wichtigste für mich ist, dass ich dich lieb habe und froh bin, einen in jeder Beziehung so wunderbaren Bruder zu haben, Hal.“ Wen hat der denn als Drehbuchautor? Das ist ja furchtbar.
Weiter krängen zum nächsten Dialog. Kate Gompert und Marathe. Der entdeckt eine Ähnlichkeit Kates mit seiner komatösen Gattin und lässt folgenden Satz aus Blumenbachs Schrägstilmanufaktur aufblühen: „Ich verbringe einen Tag, um zu finden jemanden, der, ich glaube, meine Freunde werden ihn töten, die ganze Zeit erwarte ich die Gelegenheit, meine Freunde zu verraten, und ich komme hier und telefoniere, um sie zu verraten, und ich sehe diese verbeulte Frau, die stark meiner Frau ähnelt.“ Sehr hübsch. Eine Seelenverwandtschaft bauscht sich auf. Beide mit Schmerz im Selbst, „unfähig, etwas zu engagieren oder zu wählen von draußen“. Und Marathe erzählt die vollkommen beknallte Geschichte, wie er sich in seine Gattin verliebte: Er rettet ihr, klein, buckelig, Metallhut aufm Kopp, das Leben, er kehrt sie mit dem Rollstuhl gerade noch rechtzeitig vor einem Laster von der Straße. Und ein Blick von ihr – schon sind die Depressionen wech. Sie hatte nur leider keinen Schädel wg. Intoxikation der gesamten Südwestschweiz. Sie heiraten geradezu zwangsläufig, von der klinischen Depression als Schrotflinte zum Traualtar gestoßen. Kate reichts: „Sie spionieren und verraten die Schweiz, um jemanden vielleicht am Leben zu erhalten, der einen Haken, Spinalflüssigkeit und keinen Schädel hat und in einem irreversiblen Koma liegt? Und ich dachte, ich wäre gestört. Ich glaube, ich muss meinen Begriff von gestört ganz neu überdenken, Mister.“
Meine Begriffe von gestört hatte ich nach 25 Berufsjahren auch für ziemlich gefestigt gehalten. Und dann kam dieses Buch.
Es gibt zu viele potentielle Antworten, sowohl witzige als auch ernste. (S. 1304)
14.30. Resthusten. Und jetzt hör ich auf, bevor noch ich den Hypochonderpreis des Jahres kriege. Marquis Poser trotzt dem Terror, sagt DIE Zeitung. Immerhin hat er sich schneller aus der Deckung gewagt als manch einer vom Rest der Truppe. Was macht eigentlich der Arbeitsminister Wiehießerdochgleich? Der Ablehnungstsunami ist wie erwartet tatsächlich über den Trauertsunami hergefallen. Was vielleicht nicht unbedingt zur Annäherung der Intellektuellen ans Volk führt, aber vielleicht immerhin dazu, dass man überhaupt Tsunami auf die Liste der mit publizistischer Todesstrafe belegten Sündenfälle aufnimmt. DFW ist fein raus. Sein Tsunami (der Haartsunami der Moms) steht auf Seite 1093.
Gott bin ich schon weit. Noch 300 Seiten. Was mach ich bloß danach. Länger schlafen. Wenn der Gnom es zulässt.
Dass die alle genauso verrückt sind, wie sie scheinen, sagt Orin „der Punter“ Incandenza über die Seinen. Joelle „die Kiffmedusa“ van Dyne findet das gar nicht. Und behauptet: „Die Familien unserer Geliebten verstehen wir alle intuitiv besser als unsere eigenen.“ Hm? Gloob ick nich.
Marathe geht in Gedanken fremd. Und scheint, wie das in Querdeutsch abgefasste Teil äußert, nicht mehr „abgegart“ genug. So sitzt er in Ennet House. Und bewundert die Geister, die da herum wuseln. Immer neue Körper krängen mit Plötzlichkeit ins Büro. Marathe wird ganz wuschig. Es knotet sich aber auch das Geschichtennetz enger, die Patronenspendis (vulgo von heute aus: DVDspenden) der E. T. A. kommen an, was Marathe doch sehr interessiert.
Wir rollen weiter mit Mario, der mit seiner Dogma-Kamera durch die E.T.A. fährt. Und keiner weiß, warum eigentlich jetzt. Überwiegend pudelnasse Tennisspieler. Fliegen drüber. Bleiben hängen an einem Wort. Kaopectate. Was immer das sein mag, es hat die Farbe von Hals Gesicht. Respektive umgekehrt (die Auskunft von Wiki, dass es sich bei Kaopectate um ein Bismutsubsalicylat, das gegen Diarrhö verabreicht wird, handelt, bringt meine Farbvorstellung auch nicht weiter, bei Diarrhö weiß ich ja näherungsweise, wie die… ). Jedenfalls ist Hal wohl mit einem falschen Urinbeutel, möglicherweise. Interessant wird als Mario jetzt dem Haartsunami von April „die Moms“ Incandenza in ihrem Bureau an ihrem Schreibtisch gegenüber tritt. Seiner Mutter sozusagen. Bin ich schon ausgehustet oder versucht DFW gerade in Sachen Mutterschutz zurückzurudern? So nett kam die schönste Schreckschraube aller dysfunktionalen Muttertiere nie weg als gerade hier. Die schleimt sich an ihr Monster von Sohn geradezu an. Was ist denn hier los? „Wunder Sonder Zahl“ Oder will er sich nur von der anderen Seite entlarven. Jetzt sitzt sie tycoonmäßig da, in einer gebieterischen Haltung, die Stuhllehnen gepackt, Stift zwischen den Zähnen wie die Zigarre eines Geschäftsmanns. Von oben herab. Von unten herauf robbt sich Mario an die Frage aller Fragen heran: „Wie weiß man, wenn jemand traurig ist.“ Schon sind wir wieder im Enkefeld. Sie fieseln im Allgemeinen herum. Bis die Moms nach Hal fragt. Der hat sich als Nachtisch voller Verwirrung Apfel mit Senf bestrichen.
Schlimm. Muss erst mal einen Spekulatius essen auf die Vorstellung.
22.45. Am Wasser. Auf der gelben Wolke. Husten der Stärke zwölf auf der nach oben offenen Hirnerschütterungsskala. Trocken wie ein Wind über der Wüste. Andre Agassi hatte Depressionen, sagt er. Das ist die kahle Spitze des Eisbergs. Morgen werden die ersten Intellektuellen ihr schütteres Haupt schütteln darob, dass die Massen trauernd durch die Straßen ziehen und ins Hannoversche Stadion. Vielleicht weil die was haben, was ihnen fehlt. Herz. Menschen sind was wunderbares.
Um das Herz grinst, lächelt, witzelt sich DFW auch immer rum traut er sich nicht. Gibt’s nicht mehr im Spaß. Ausgeräuchert, aufgeräumt, von gefühligen Sentisimatenten gereinigt, als hätte Joelle sich mit der Wurzelbürste dran versucht. Die putzt immt noch. Und erinnert sich daran, wie es anfing mit dem verrückten Storch. Die ersten Konnexionen. Wie er Selbst sie einfangen wollte. Wie Orin sie missbrauchen wollte als schönster Brückenkopf zum Verrückten Storch. Auch son Intelleller. Brillant, aber kalt, eisekalt. Versteinert. Wie vom Basiliskenblick der Joelle gestreift. Was für ein verstörter Haufen. Und jetzt gehen sie auch noch essen. Das kann ja nicht… Da möchte man nicht… Muss man ja auch nicht. Verspannter geht’s nicht. Und gleich das nächste Essen. Thanksgiving mit April und Orin und dem ganzen seelisch verwachsenen Incandenzahaushalt. Der Storch säuft. Joelle lässt sich über die „Personalistes“ aus, eine Gruppe von Ästhetikern, die von 1930 bis 40 die katholischen Intellektuellen in Frankreich beeinflussten. Unnützes Wissen? Das Essen endet in einer Art Explosion des guten Willens. Marathe rollt und radebrecht weiter, erfindet die Geschichte seiner Sucht und seiner Behinderung. Und befindet sich ganz in der Nähe des SCH.M.A.Z. Ich mich auch. Nutzt aber nix. Das Resthirn bekommt Schleudertrauma vom Husten. Scheusslich. Dann lieber Schweinegrippe.
Erwachsen zu werden, heisst: Traurigkeit. Mit 13, so Wallace, hatte er für sich so etwas wie eine taoistische Hybris entwickelt, alles durch eine gewisse Passivität unter Kontrolle halten zu können. Orin wird durch Kontrolle und geometrisches Kalkül zum überragenden Punter im Football. Dass es sich bei dieser Vorstellung von Kontrolle, mit der vor allem Selbstkontrolle gemeint ist, auch nur um Heuchelei handelt, überlässt Wallace im Roman dann dem Gespräch zwischen Joelle und Gately:
“Und dann versteckst du dein tiefes Bedürfnis, dich zu verstecken, und zwar aus dem Bedürfnis heraus, anderen Leuten gegenüber den Anschein zu erwecken, du hättest die Stärke, dir keine Gedanken darum zu machen, welchen Anschein du anderen Leuten gegenüber erweckst.”
Sich selbst zu kontrollieren, bedeutet – geradewegs vor den Toren des traurigen Erwachsenseins -, anderen gegenüber und sich selbst etwas vorzuheucheln. Mit 13 Jahren hat sich der Tennisspieler David Wallace chamäleonhaft den meteorologischen und sonstigen Gegebenheiten so gut angepasst, dass er eine Zeit lang erfolgreich sein konnte. Der Bruch kam dann, so Wallace, mit 15. 1976 noch hatte er Gil Antitoi im Finale geschlagen, 1977 nun schied er bei mehreren Turnieren schon im Halbfinale aus. Die anderen waren auf einmal größer, sie waren nicht mehr die gleichen kleinen Jungs. Wallace fühlte sich als Spätentwickler, fremd gegenüber seinem widerspenstigen, noch unbehaarten Körper, fremd nun aber auch gegenüber seinem – wie er es im Rückblick beschreibt – Heuchelbiotop. Wallace spottet zwar über die Kränkung, die er mit 15 gegenüber seinem eigenen Körper erfahren habe. Eine Kränkung ist es aber offenbar geblieben. Die Linien, die zuvor das Kontrollgefühl garantierten, verdichteten sich auf einmal zu einem Käfig. Auf einmal war die Fähigkeit verloren, sich weiterhin anpassen zu können, weil, so die Selbstdiagnose, die Anpassung zuvor nur Heuchelei gewesen sei.
Hal liegt auf dem Boden und nähert sich immer weiter dem Zustand vollkommener Teilnahmslosigkeit. Er denkt nach über Hingabe, Sucht und Flucht. Alles schwarze Wunder. Stice hat ihn gefragt, ob er an Geister glaubt.
Ich fand es immer ein bisschen grotesk, dass Hamlet all seiner lähmenden Erkenntnisskepsis zum Trotz die Realität des Geists nie anzweifelt. Sich nie fragt, ob sein eigener Wahnsinn in Wirklichkeit nicht ungeheuchelt sein könnte. Stice hatte versprochen, mir etwas Irrsinniges zu zeigen. Ob Hamlet also das Heucheln nicht nur heuchelte.
Der Vater als professioneller Konversationalist; oder: in einer dann in der Endfassung von Infinite Jest verworfenen Episode erzählt ein noch junger James Incandenza, wie er seinen Vater beobachtet, der eine große schwarze Spinne töten will; was auch immer geblieben ist: mit größter Genauigkeit dekonstruiert Wallace eine und seine Familiengeschichte, eine ebenso vergebliche wie exemplarische Austreibung mit einer verführerischen Faszination für Leser: Selbstzerstörung kann unendlich unterhaltsam sein. Wir heucheln mit.
11.15. Fortgesetzte Matratzengruft. Totensonntagwetter. Wenigstens keine Schweinegrippe. Husten schüttelt die Hirnmasse durch. Deutschland trägt Trauer wie zuletzt bei Lady Diana. Und das für einen sechsmaligen Nationalspieler, den vor einer Woche keiner kannte. Da hat sich einer, der alles erreicht hat, weggeworfen. Einfach so. Einer von uns. So ein ganz Normaler. Kein Kuranyikahnkotzbrocken. Und es ist November. Wäre das an einem Sommerabend anders?
Die rollenden Attentäter aus Kanada sind endlich am Ziel. Ein paar Mutige haben sie zwar ans Unterhaltungskoma verloren. Aber sie haben die Patrone. Wenigstens eine Kopie. Im AFR-Sprech wollen sie jetzt die Verwandten des auteur (der verrückte Storch, er selbst uswetcpp) technischen Vernehmungen unterziehen. Worunter man wohl Folter zu verstehen hat. Orin in Gefahr. Und sie haben überall ihre Spitzel. In der ETA, im Rundfunk. Überall. Auch in Ennet House? Schön die Formulierung, ein Gespräch abzubrechen, „bevor die Vernehmung ein mit der Existenzfortsetzung inkmpatibles Niveau erreichte“. Und wieder ein Wort fastbeinahe erlernt: Sybaritisch. Schlag ich morgen nach. Schnell geht’s weiter mit Lenz, der literarischen Sternfahrt durch eine Szene in verschiedenen Blickwinkeln und den Einkaufstaschen. Der rast durch menschlichen Abfall. „Die Gasse war der Katzen und der Nagetiere verlustiert gegangen“, kein Druckfehler, sondern eine dieser lustigen Fehlsprechdoppeldeutigkeiten. Lenz treibt weiter, stolpert über eine komplett verdrehte Schmutzgestalt, einen „endfertig-abgekackten Vollflopper“. Flieg ich, wenn ich das nächste Woche anwende? Wahrscheinlich.
Hüpfhüpf zur nächsten Ebene, wobei sich die Flapsigkeit verbietet, wir hüpfen zu Marathe. Der rollt durch die Entzugskliniken, verschleiert und auf der Suche nach unserer Lieblingsmedusa. Sitzt zwischen vollfloppig Durchgeknallten. Einer versucht ihm einzureden, die Menschen seien gar keine Menschen. Alles Maschinen mit Hautüberzug. Ich bin Schweizer, sagt Marathe, als ob das irgendwas ändern würde. Platos Höhlengleichnis in der Verschwörungstheorieversion. Die Welt ist ein Raum, der Rest ist Projektion, Schattenspiele von 26 Menschen, denn mehr als 26 gibt’s nicht. Sagt der Kranke. Und ein Süchtiger taumelt vorbei, „attraktiv gemäß dem blonden Stereotyp der US-amerikanischen Bildkultur“. Tolle Szene wieder. Der Roman ist eine Pralinenschachtel. Man weiß nie, was man kriegt. Im Moment haben wir Glück. Joelle auch. Die ist noch weit von Marathe und den technischen Vernehmungen weg. Und putzt. Die mutmaßlich schönste Putzfrau aller Zeiten. Jede Wollmaus verfällt vor Ehrfurcht in Katatonie.
Hab ich da eben Marquis Poser alias Lothar Matthäus alias BVM tatsächlich beim Truppenbesuch im Anzug am Hindukusch gesehen? Dinge gibt es!
Wer am frühen Freitagabend Fernsehen schaut, kann am 20.11. zwischen 18:15 Uhr und 18:20 auf Vox den folgenden Satz hören: “Während Bernt die Kürbissuppe mit Curry verfeinert, haben die Damen unendlichen Spaß mit den Pilzen für den Hauptgang.”
Seite 1410. Und es ist Ebbe.
Das Buch schließt mit der Gezeiten-Metapher: die perspektivische, widerspiegelnde Verzerrung von Don Gately, alias Orin in der Position des Sartre´schen Für-sich-seins im Blick der Anderen, alias J.O.I. als eines isolierten „An-sich“, alias Hal in der Poetik der Diskordanz von drinnen und draußen …
Das (etwas andere) „Ende einer großen Erzählung“ hinterlässt vor allem eines – die Auslassung. Das, was nicht (mehr) gesagt wurde. Die auktoriale Ellipse. Und es ist eine singuläre, eine bedrängende Auslassung. Das nur relative Empfinden einer Erleichterung beim „Zuklappen“, wie es Aléa Torik beschrieben hat, steht dafür, es bricht sich Bahn in der Ambivalenz der Leser-Autor-Position. Andererseits ist am Schluss nicht etwa Flut: the tide was way out.
Der Versuch zu verstehen. Wir waren im Blog oft im (post-)strukturalistischen Diskurs des »modernen« posthistoire und mir drängt sich gegen Ende die elliptische Erzählkonstruktion Genettes und die Frage nach der Bewusstheit einer singulären relationalen Diegese in US auf.
Mein Versuch zu verstehen ist der Versuch einer Komprimierung dessen, was auf diesem Spannungsbogen von 1410 Seiten liegt. Ich schließe mich Hans Wedler an. Das Offensichtliche liegt zutage als unbändige, machtvolle und aggressive Vorführung der gesellschaftspolitischen Zerstörungsimpulse, als akute Unzustände, die nur noch das destruktive Moment der Negation zu befördern wünschen. Hierin will DFW verstanden werden. Und dennoch bin ich versucht, in diesem Roman ein ganz leises Nietzscheanisches »Nicht-verstanden-werden-Wollen« zu lesen. Nicht von dieser Gesellschaft, die von der bewussten Konstruktion des Zerstörungspotenzials lebt, nicht von denen, die immer noch glauben, sich darin einrichten zu können oder gar zu müssen? Deshalb der abrupte Wechsel der »Gezeiten«, die Auslassung, die den Möglichkeits-Raum für das Ungesagte entstehen lässt und die den Roman vermeintlich (sic) angreifbar in Bezug auf seine Narrativität macht. DFW will keine Charaktere entwickeln, er zeichnet ihre Ohnmacht gegenüber einer ihnen von außen (die andere, nie ausgesprochene, Seite von „da draußen“) aufgezwungenen Un-Entwicklung. Und auf dieser Ebene wiederum entwickelt er sie minutiös. Als einer, der das ganze Ausmaß des Instrumentariums der postmodernen Erzählstruktur beherrscht, nur, um es punktgenau zu brechen.
Christine Ax hat den Aspekt in anderem Zusammenhang in einem Interview auf den Punkt gebracht: „Wir produzieren auf diese Weise immer besser qualifizierte Verlierer.“ (taz, 14./15.11.09, S. 25). Sie nimmt in gewisser Weise die Gedanken von Hans Wedler auf: die Unfähigkeit des Hochbegabten. Aber sie wechselt die Perspektive, denn es ist die herrschende soziopolitische Außenperspektive, die das kreative Potenzial, den Möglichkeits-Raum, des Ungesagten, der Auslassung zwischen drinnen und draußen erstickt. Hal wechselt die Perspektive in die Linearität der Horizontalen; er kann nicht mehr anders.
Ich denke, dass die postulierte Unfähigkeit zum Mittelmaß nicht die einzige Füllung der Diskordanz zwischen drinnen und draußen ist. Dies zielte nur auf die Ebene des Verstanden-werden-Wollens.
Zwischen »hier drinnen« und »da draußen« liegt die Ambivalenz des Käfigs als spezifische polare Dialogizität einer Subjekt-Objekt-Relation, die in der Romanstruktur, so scheint mir, bewusst (gegen-)gesetzt ist. Gegen das vordergründige Verstanden werden qua Narrativität, für das Aufzeigen der Ambivalenz einer hiesigen Selbstverortung.
Die Dialogizität ist in US immer körperlich, kreatürlich und unmittelbar präsent. In der detaillierten Schilderung körperlich-seelischer Grausamkeiten, in der Ohnmacht des Ichs vor dem »Großen Ganzen«, in den sinnlich eingesetzten Licht-Schatten-Spielen zwischen dem Natur-Sein der Wüste und dem Mensch-Sein eines Ortho Stice und in der Setzung von Gegenwärtigem und Erinnertem. Das Erinnerte bestimmt die Schlussphase des Buches und weist damit auf (irgend-)einen Anfang. Diese Dialogizität braucht die sinnlich ambivalente Ästhetik des Hässlichen und die Beschreibung der Auslassung als Potenzial des Schreibens: Die Dialogizität der Ellipse oder die elliptische Wi(e)derkehr der Gezeiten. Und insofern müsste das Buch vielleicht ein zweites Mal gelesen werden, denn – wir sind „hier drin“.
„Jetzt fühlte ich mich kompakter; ich fühlte mich dichter zusammengesetzt, jetzt wo ich horizontal war. Nichts konnte mich umhauen.“ (S. 1295): Für die anthropologisch-phänomenologische Auseinanderlegung dieses einen Satzes des nervenzusammengebrochenen Hal (beziehungsweise seines sonst üblichen Gegensatzes, nämlich des Stehens) braucht Hans Blumenberg eine ganze Seite:
„Zur Metaphorik des Bodens gehört eine anthropologische Komponente. Der Zweibeiner Mensch steht in so ihm eigentümlicher Weise auf dem Boden [wozu übrigens auch Hals Definition des Menschen bestens passt, der „ein seltsam gegabelter Stengel aus Fleisch und Blut“ sei; UB], daß dieses Stehen gerade kein Stand als Bestand oder Zustand ist, vielmehr eine Handlung. Es ist nicht die Sprache, die dies vorgaukelt; sie folgt dem Befund, daß einer dies tun muß, um es nicht zu lassen.
Der Stein liegt auf dem Boden; er genügt damit, solange andere Kräfte nicht auf ihn wirken, dem Trägheitsprinzip und der auf ihn stetig einwirkenden Schwerkraft. Die Vase steht auf dem Tisch, solange dieser es aushält und niemand sie fortnimmt. Vom Tisch läßt sich sagen, er habe Eigenschaften, die es ihm ermöglichen, die auf ihm stehende Vase zu tragen. Die Vase lastet auf ihm, ab er dies ist nicht eines ihrer realen Prädikate. Zu stehen ist keine Handlung von physischen Körpern. Ein Mensch, der an einer bestimmten Stelle auf dem Boden steht, handelt im strikten Sinne einer physiologisch nachweisbaren komplexen Operation. Seine Beziehung zum Boden ist insofern real, obwohl dieser objektiv nur die Oberfläche eines Weltkörpers ist, zu dem der darauf Stehende keine reale Beziehung hat. Er ist für diesen Körper nicht da und dieser Körper nicht für ihn.
Daß auf dem Boden zu stehen eine Handlung ist, eine Anstrengung sogar, zeigt sich an der Ermüdbarkeit des Organismus, dies zu leisten, und deren Folgen. Er vollstreckt nicht nur das Prinzip der Trägheit. Er wird nicht gehalten durch die Gravitation, da doch diese es ist, die ihm ständig Ausgleichsvorgänge gegen die Labilität seines Gleichgewichts abverlangt. Würde man den Stehenden an solchen Regulationen hindern, würde er umfallen und in die ‚Lage’ des Steins zum Boden kommen.
Stehen ist Nichtumfallen. Es verlangt ein Minimum an wacher Aufmerksamkeit; es gestattet nicht die Frivolität des unbeschränkten und nicht zufällig so genannten Sich-gehen-lassens, des resignierten Sich-fallen-lassens. Allerdings ist es dann derselbe Boden, auf den man fällt, wo man zuvor gestanden hatte. Der Boden, auf dem man steht, kann allein der sein, auf den man fällt. Denn es gibt nur den einen Boden – nur im Ackerbau spricht man von Böden als solchen verschiedener Güte und Eignung; der Planet hat und gewährt nur einen.“
(„Stand und Bestand“, in: Die Sorge geht über den Fluß, S. 101 f.)
1996 erschien »Infinite Jest« in den USA und machte David Foster Wallace über Nacht zum Superstar der Literaturszene. Vor einem Jahr nahm sich David Foster Wallace das Leben. Sechs Jahre lang hat Ulrich Blumenbach an der Übersetzung von Wallaces Opus magnum gearbeitet, dem größten Übersetzungsprojekt in der Geschichte des Verlags Kiepenheuer & Witsch.
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