Seit einigen Tagen schon lebe ich ohne den US. Und es fehlt mir eigentlich nichts. Bis auf eine Antwort auf die Frage: Wie war’s denn nun so? Die will ich hier versuchen.
Was mir gefallen hat:
US ist ein unterhaltsames Buch. Gelangweilt hat es mich nie. Das lag an der scheinbar unerschöpflichen Sprachakrobatik und der unendlichen Fülle der verschachtelten, teilweise auch nebeneinander her laufenden Geschichtchen und Geschichten.
An einigen (wenigen) Stellen verdichtet sich der Text zu einer faszinierenden Intensität, Größe und Wahrhaftigkeit, insbesondere zwischen den Seiten 800 und 1100, wenn die vom Autor aufgebaute innere Distanz schwindet, so als habe er sie da gar nicht mehr nötig.
US hat im Vater J.O. Incandenza einen beeindruckenden Charakter, einen hoch intelligenten, weit über den Tellerrand hinaus blickenden, kreativen Menschen, der allerdings an sich selber scheitert: Er ist unfähig zur Mittelmäßigkeit, zur Selbstbescheidung, unfähig auch zu ertragbaren zwischenmenschlichen Beziehungen. Ein in gewissem Maße „heroischer“ Charakter.
Gately ist der Gegencharakter. Er ist fähig zur Menschlichkeit, stets auf der Suche nach Wärme und Geborgenheit, jedoch aufgrund seiner Herkunft mit so extrem schlechten Voraussetzungen zum Leben ausgestattet, dass er sehr früh in die Kriminalität abgleitet und da auch nicht mehr herauskommt. So ist auch er zum Mittelmaß nicht fähig – wenn auch von einer anderen Seite her als J.O.I.
US ist auch eine bestürzende Reportage über die Realitäten im Leistungssport, über den damit verbundenen Stress, die nicht enden wollenden Entbehrungen und die Deformierungen, die angehende Athleten schon in jungen Jahren erleiden und zum großen Teil nicht unbeschadet aushalten. Ein Thema mithin, das in diesen Tagen ganz Deutschland bewegt.
US ist eine immense, substantielle Kritik an einer sinnentleerten Gesellschaft, die ihren Individuen scheinbar nur noch die Flucht in die Selbstbetäubung erlaubt, während die maßgebenden politischen Lenker unter einer Glocke sarkastischer Überheblichkeit und Selbstgefälligkeit agieren. Profit und Erfolgsgier haben die Götter ersetzt und zerstören die Menschen und ihre Umwelt. Statt einer Lösung, die in Form eines großen Knalls eine Befreiung aus diesem selbst gezimmerten Käfig hätte sein können, endet der Roman – leider realistisch – als individualisierter alptraumhafter Tagtraum.
Was mir nicht so gefallen hat:
US ist nicht der vielleicht erwartete epochale Roman, vor allem weil er PARS PRO TOTO nimmt. Eine letztlich kleine gesellschaftliche Randgruppe wird als repräsentativ für das Ganze dargestellt. Andere gesellschaftliche Strömungen und Kräfte – als die in der Sucht Gescheiterten, die Erfolgsjunkies und die terroristischen Antipoden – treten fast überhaupt nicht in Erscheinung. Die Dialektik gesellschaftlicher Mechanismen, die immer eine Vielfalt individueller Erscheinungen kreiert, wird ignoriert.
Die bisweilen bis ins Zwanghafte reichende Technik des Romans führt überraschenderweise auf Dauer zur Beliebigkeit: Man kann weiter lesen, kann es aber ebenso gut auch lassen. (In diesem Blog war zu lesen, dass man offenbar sogar mehrere Hundert Seiten schadlos überspringen kann!) Falls DFW diese Beliebigkeit als Grundthese in seinem Roman vermitteln wollte, als Grundgefühl für den Leser, so ist er dem eigenen PARS PRO TOTO-Nehmen aufgesessen.
Gestört hat mich hier und da die ins Monströse gesteigerte Lust der Schilderung von an Grausamkeit kaum noch überbietbarer Sadismen. Ich hatte nicht den Eindruck, dass dadurch die Intensität des Geschehens gesteigert, sondern dass sie eher gemindert wurde. Diese Passagen waren beispielhaft für das Zuviel, das die Distanz (manchmal bis zur Gleichgültigkeit) vergrößert und das, so hatte ich schon nach 800 Seiten vermutet, vor allem dem Autor dazu dient, durch eine Übersteigerung in die Groteske die (fiktive) Wirklichkeit besser ertragen zu können.
Eine Entwicklung von Personen, von Charakteren, wie sie gewöhnlich einer Romanhandlung ihren Drive gibt, findet nicht statt. Der Leser erfährt zwar die Vorgeschichten vieler auftauchender Protagonisten, diese wirken aber durchgehend wie klinische Anamnesen, d. h. sie sind auf den Ist-Status zugeschnitten. Eine Ausnahme sind ansatzweise Entwicklungen bei J.O.I., Gately und bei Orin, die aber eher Nebenerscheinungen bleiben, den Duktus des Geschehens nicht bestimmen. US wirkt dadurch erstaunlich statisch.
DFW stellt (aus meiner Sicht) im US verallgemeinernd sein eigenes Drama dar: das Drama eines Hochbegabten in einer Welt, die zwar unbegrenzte Möglichkeiten, ihm aber keinen Sinn bietet; dem Mittelmäßigkeit versagt ist; der (auch aus diesem Grunde) dem Zugriff der ihn einklemmenden Zange nicht entkommt, deren eine Klaue die depressive Verzweiflung ist, die andere Klaue die die Depression mildernden Substanzen (Drogen, Psychopharmaka).
Dieser – im US auf viele Köpfe verteilte – „Opfer-Held“ erinnert in gewissem Sinne an Goethes Werther, der sich auch nicht im Mittelmaß bescheiden mochte. US bekommt dadurch geradezu einen idealistischen Zug.
Um es am Ende kurz zu sagen: In den (später publizierten) Erzählungen wie in „Oblivion“ und in den „Brief Interviews with Hideous Men“ hat mir DFW als Schriftsteller um Längen besser gefallen – und mehr mitgeteilt.
Bei der Anlage des Gemüsegartens ist die Aufgabe der Jungen erst einmal, Steine und große Erdschollen beiseite zu räumen, während die Mutter des Nachbarsjungen mit einer gemieteten, unglaublich lauten Fräse kämpft und sie dabei Abdrücke in der aufgewühlten Erde hinterlässt wie die Schritte eines torkelnden Betrunkenen. Während sie so arbeiten, kommt mit einem mal der etwa vierjährige kleine Bruder des Nachbarsjungen, gekleidet in eine Art rotflaumiges Bärchenkostüm, weinend angelaufen und trägt dabei etwas sehr eklig Aussehendes auf den Handflächen, das sich als rhomboider Schimmelklumpen herausstellt, der aus irgendeiner Ecke des feuchten Kellers der Nachbarn stammt.
Wir kennen die Geschichte. Interessant sind daher vor allem die Abweichungen. Wie etwa die Mitteilung, dass die Nachbarsmutter einige Jahre später unter unklaren medizinischen Umständen verschwunden ist. Entscheidend aber ist, dass sich der hysterische Anfall der Mutter in geordneten Bahnen verläuft, nämlich exakt der Fünfpunktanordnung folgend, die zuvor abgesteckt wurde. So plump ihre Bewegungen auch gewesen sein mögen, geriet sie doch nicht über die Bindfädengeraden ins Stolpern.
Ausgerechnet in dieser Episode einen Nukleus von Infinite Jest zu finden, wäre merkwürdig, wenn nicht Wallace auch diese Geschichte in seine Begeisterung für geometrisches Denken integrieren würde. Es geht darum, – vermutlich nicht nur – für das Wettkampftennis die Fähigkeit zu besitzen, Winkel berechnen zu können – und zwar im Voraus. Die Winkel der Flugbahn des Balls, das Verhältnis des Gegenwinkels zum nächsten Winkel des gerade in Ausführung befindlichen Schlags undsoweiter. “Tennis”, so Wallace im Essay, “verhält sich zu Artillerie und Luftbombardement wie Football zu Infantrie und Stellungskrieg.” Die Möglichkeiten, auf einen nächsten Schlag zu antworten, erweitern sich im Quadrat. Das bedeutet, so Wallace, man muss immer n Schläge voraus planen, wobei n eine hyperbolische Funktion darstellt, die durch die Fähigkeiten des Gegenspielers und die Zahl der Schläge in dem momentanen Spiel begrenzt wird. Das im Spiel kalkulieren zu können, konnte Wallace nach eigener Aussage gut. Und den entscheidenden Vorteil habe er aus seiner zusätzlichen Gabe bezogen, auch noch die Komplikationen für das Differential mit einbeziehen zu können, die der Wind in bestimmten Monaten in Zentral-Illinois bescherte. Auf diese Weise konnte er im Alter zwischen zwölf und fünfzehn zahlreiche Gegner schlagen, die eigentlich größer, schneller und besser in ihren Koordinationsfähigkeiten waren. Die anderen haben nicht sonderlich gern gegen ihn gespielt.
Seine Eltern fuhren ihn von Turnier zu Turnier. Und wenn es nicht die Eltern waren, dann fuhr David Wallace bei Gil Antitoi mit, dem Sohn eines Professors für die Geschichte von Quebec. Wallace war erfolgreich, doch Antitoi, bei dem die Pubertät früher einsetzte, wurde deutlich besser als er. Gil Antitoi, so Wallace, war “mein Freund, mein Feind und mein Fluch”. Von den Antitoi-Brüdern holt sich Hals Freund Pemulis das DMZ, das er, Hal und Axford dann vor dem Whataburger-Turnier einnehmen, zu dem Hal zu Beginn von Unendlicher Spaß antritt.
(wird fortgesetzt)
Im Interview hat seine Schwester Amy von David Wallaces Angst erzählt, für nicht männlich genug gehalten zu werden. Trotz seiner athletischen Figur. Er war der Überzeugung, er müsste männlicher auftreten. Ständig machte er sich auch Gedanken um seine Haare. Eine Zeit lang war Wallace mit einer Kosmetikerin zusammen. Dass so eine Vielzahl von kosmetischen Produkten verfügbar war, hat ihn allerdings nur misstrauisch gegenüber Haarwaschmitteln und ähnlichen Dingen gemacht. Ein beständiger Quell der Verunsicherung. Im Harper’s-Essay behauptet Wallace, dass er als Tennis-Junior ziemlich schmalbrüstig gewesen sei, seine Handgelenke so dünn waren, dass er sie mit Daumen und kleinem Finger umfassen konnte. Das alles hätte dazu geführt, dass er den Ball nicht härter hätte schlagen können als die meisten Mädchen in seinem Alter.
Der Ausweg, um trotzdem einigermaßen erfolgreich Tennis spielen zu können, sei für ihn die Mathematik gewesen: “ich kannte meine Grenzen und die Grenzen des Platzes” – um das zu illustrieren, führt Wallace im Folgenden die meteorologischen Bedingungen an, unter denen man in Philo, Illinois im Freien Tennis spielt (Wind, Feuchtigkeit), sowie weitere Widrigkeiten. Die Bedeutung des Windes wurde, so Wallace, erst klar, wenn er, wie oft im August, ausblieb. Das Rauschen des Windes war für ihn eigentlich Stille. Und wenn der Wind auf einmal nicht mehr blies, war ihm, als würde alles Blut im Kopf zusammenschießen und “all die kleinen Trommelfellhärchen zitterten wie ein Trinker auf Entzug”.
Drei Dinge seien ihm gegeben gewesen, um seine körperlichen Defizite zu kompensieren. Das erste sei, dass er ständig unglaublich schwitze. Auch Hal schwitzt immer mehr als andere. Hier müsste man auch James Incandenzas dreistündigen Film Wie Anno dazumal hinzuziehen: “Angejahrter Tennislehrer, der sich anschickt, seinen Sohn im Tennisspiel zu unterweisen, betrinkt sich in der Garage der Familie und hält dem weinenden und schwitzenden Sohn zusammenhanglose Monologe.” Weinen und Schwitzen gehen ineinander über. In Unendlicher Spaß wird der Zusammenhang von Schweiß und Panikattacken explizit. Sein übermäßiges Schwitzen, so Wallace im Essay, hat ihm gegenüber den Nicht-Schwitzenden in Spielen an schwülen Hochsommertagen einen erheblichen Komepnsations- und damit Ausdauervorteil verschafft.
Die zweite Gabe sei sein Wohlgefühl in der Umgebung gerader Linien. Angefangen beim regemäßigen Raster seiner Heimatstadt Philo:
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Dass er das rechtwinklige Raster mehr mochte als etwa andere Kinder, führt Wallace im Essay darauf zurück, dass er nur zugezogen sei, von Ithaca, New York, wo sein Vater seinerzeit promovierte. Die Hügel und Kurven von Upstate New York hätten sich wohl in sein Hirn gewoben, denn die anderen Kinder, mit denen er raufte und spielte, haben in dieser planen Welt aus rechten Winkeln nie etwas Besonderes gesehen. Dann erzählt Wallace, wie er einmal im April einem Nachbarsjungen geholfen hat, dessen Mutter zu helfen, einen Gemüsegarten anzulegen. Der Garten als Ganzes war ein perfektes Quadrat. In diesem Quadrat gab es nun eine Quincunx-Anordnung wie man sie besonders in französischen Gartenanlagen findet. Das mittlere der fünf Felder war der heiligen Zucchini vorbehalten. Die Anordnung der Wege in der E.T.A. folgt übrigens auch diesem Fünfpunkteprinzip. Die Struktur des Gartens wurde mit Bindfaden und Eisstielen vorgezeichnet.
(wird fortgesetzt)
Im Dezember 1991 erschien in Harper’s Magazine ein Essay von David Foster Wallace: TENNIS, TRIGONOMETY TORNADOES. A Midwestern boyhood.
In den Monaten davor hatte Wallace begonnen, an seinem zweiten Roman zu arbeiten, und dieser Essay ist der Text, der unmittelbar davor entstanden ist. Zu der Zeit lebte Wallace wieder in Illinois. Er unterrichtete an der Illinois State University in Normal. Im Herzen des Herzens des Landes, dort, wo er aufgewachsen war. Und der Essay beginnt damit, dass er Illinois verlässt, um nach Massachusetts zu gehen, nach Amherst, an die Hochschule, die auch schon sein Vater, der Philosophieprofessor, besucht hatte. Es geht auch gleich weiter mit Heimweh. Ein sentimentaler Essay scheint das zu werden. Doch dieses Heimweh, so erklärt Wallace, hat mit seiner Sucht nach Mathematik zu tun. Wir erinnern uns: in der Episode, die zweimal im Buch erzählt wird, wo der vierjährige Hal seiner Moms den angeknabberten Schimmelflatschen hinhält, beginnt die Moms kurz darauf nicht wild in Kreisen herumzulaufen und zu schreien, sondern sie rennt durch das Gartenrechteck, das mit lauter Begrenzungsschnüren für die Arbeit mit der Gartenfräse versehen ist, die von der Moms bedient wird, während James Incandenza im Haus ist. Und Orin, auf dessen Bericht sich Hal in der ersten Version am Anfang des Romans stützt und die dann als zweite Version später noch in einer Fußnote zu lesen ist, da er selbst keine Erinnerung an das Geschehen hat, betont, “dass ihre Fußspuren nach Art amerikanischer Ureinwohner schnurgerade verliefen, dass ihre Kehrtwendungen im Ideogramm der Schnur gestochen scharf und kriegerisch waren.” Im Harper’s-Essay nun ist zu lesen, dass Wallace zwischen Vektoren, Linien und Querlinien aufgewachsen sei, in einem Koordinatennetz. In dem gleichen Raster vielleicht, wie dem, von dem Erzähler in der späten Erzählung “The Soul is not a Smithy” (in Oblivion) berichtet. In Orins Endnoten Version, gegenüber Helen Steeply erzählt, hält die Moms dann, von Hal überreicht, auch keinen Flatschen, sondern einen “Schimmelrhombus” in der Hand. Sie rennt los und Hal und Orin, damals dreizehn, taumeln zurück und erhielten ihren “ersten Vorgeschmack der Apokalypse …, eine Ecke des Universums wurde plötzlich abgeschält und enthüllte, was da knapp unter der Ordentlichkeit brodelte. Was direkt nördlich der Ordnung lag.” Das Koordinatennetz wird noch weiter ausgesponnen und zum Labyrinth verwoben, als der Storch aus dem Haus tritt und “die Handflächen parallel zueinander und die Daumen waagerecht” hält, “um einen Rahmen zu bilden,” um (sich) ein Bild zu machen. Während dessen läuft Hal der Moms “innerhalb des Fadens” nach.
Im Essay geht es weiter mit Tennis: mit einem Bericht über die Ranglistenerfoge im Juniorentennis. Das Heimweh in Amherst und auch die Jahre als vielversprechender Tennisjunior erklärt Wallace mit Mathematik. Wallace hält sich selbst für einen nicht wirklich talentierten Tennisspieler. Die Kriterien sind sehr ähnlich denen, die Orin veranlassen, die E.TA. zu verlassen und Punter im Football zu werden.
(Fortsetzung folgt)
9.45. Morbus Gompert wohin man schaut. Gestern fragten sie noch nach Texten über Sport und Gefühl. Heute wissen sie schon eher, worüber wir reden, wenn wir von Depression reden. Immerhin. Aber keiner weiß, wie sichs wirklich anfühlt. Nicht verzagen, Spaß lesen. Wer den Gompert-Monolog durchlitten hat, ahnt wenigstens, wie weh das tut in jeder Zelle, wie es die Welt verstellt, die Wirklichkeit vergiftet. Warum hab ich die Ahnung, dass bald jeder vor die Kameras tritt und behauptet ganz furchtbar depressiv gewesen zu sein. Depri a la Mode.
Kate Gompert jedenfalls liegt jetzt auch am Boden. Die Sternfahrt um Matty Pemulis und Poor Tony Krause geht weiter. Kate sieht die „ganze Szene violett tingiert“. Auch hübsch. Ruth van Cleeve rast hinter Poor Tony her. Noch eine gnomige Gestalt taucht allmählich aus dem zusammenprallgestörten Wirklichkeitsnebel der Kate Gompert auf: eine lilafarbene Gestalt eines Bärtigen im Soldatenmantel, Speichelspuren im Bart. Eklig, mit Pilzbefall auf der Hand, die olfaktorische Katastrophe von einem Augenzeugen. Kate erinnert sich an den Überfall, als die hässlichste Frau des Universums (unser Poor Tony) zwischen ihnen hindurchsprang und Ruth van Cleeve ihn als Fickfehler einer Kirmeshure bezeichnete.
Blickwechsel. Lenz. Folgt zwei Chinesinnen, wen immer er damit meinen will. Kate und Ruth? Lenz, der Tiertöter, sieht gefährlich bunt aus, ein Papageno der Gosse: „Lenz trug eine neongelbe Skihose, einen leicht glänzenden Frackmantel mit langen Schößen, einen Sombrero mit Holzkügelchen, die an der Krempe baumelten, eine überdimensionierte Schildpattbrille, die sich bei hellem Licht von selbst verdunkelte, und einen glänzenden schwarzen Schnurrbart, den er von der Oberlippe einer Schaufensterpuppe bei Lechmere’s in Cambridgeside abgestaubt hatte“. Lenz ist bewaffnet. Kommt an der Kackenden vorbei. Und an einem Mann, der mit Spielzeugpfeilen um sich schießt. Hatten wir den schon?
Nicht ganz nachvollziehbar, um es vorsichtig zu formulieren, reden jetzt die Assassins des Fauteuils Rollants in ihrem brüllanten Deutsch. Die sitzen immer noch in Antitois’ Laden. Und irgendwie läuft alles auf den Laden der verendeten Brüder zu.
Jetzt rennen wir mit Poor Tony auf seinen Pömps herum. Er hatte ein Ding im Nacken. Bei dem es sich, das weiß er aber nicht, um Ruth van Cleeve handelt. Er rennt und rennt und rennt auf die Antitois zu. Das Ding kommt immer näher.
Wir hüpfen auf unseren Siebenmeilepömps in den Antitoisladen. Da sitzen die Rollis und gehen der lebensgefährlichen Arbeit des Videoguckens nach. Was sie mit der tödlichen Patrone wollen? Der Schwachstelle der US-amerikanischen Partikularinteressen eine Hoden-frappe beizubringen, nach welcher Kanada keine Lust mehr auf Vergeltungsmaßnahmen seitens der USA hätten. So ganz genau weiß ichs immer noch nicht. Aber ich bin ja auch blöd. Joelle macht sich derweil Sorgen um ihre Zähne. Die werden – wie alles ums Gehege der Zähne herum – nämlich vom Crackrauchen ziemlich ruiniert. Und ihr Zahnarzt ist Don Gately. Jedenfalls in ihrem Alptraum. Wenn ich alpträume, träum ich auch von Zahnärzten. Und die sind auch nicht schöner als die von Joelle.
Hannover trägt Trauer. Bierhoff weint bei der Pressekonferenz. Alle wollen jetzt wieder viel. Vor allem mehr reden. Und ganz lieb auf einander aufpassen. Hoffentlich hält das länger, als eine Zeitung zum Verfaulen braucht. Und es wird mal geredet über ein paar dunkle Flecken auf der persilweißen Weste des Sports und dem Mutantenstadl seiner Fans. Über Doping. Über Drogen. Über Rassismus. Über Schwulsein. Über Depression.
8.15. Immer noch in der Matratzengruft. Zauberberg-Bewerbungshusten. Robert Enke hat sich vor den Zug geworfen. Kam gestern abend schon. Sieht alles nach dem großen Dunkel aus. Nach dem Morbus Gompert. Müsste man jetzt zusammenstellen, den ganzen Katalog der Depressionen, den DFW im Spaß versteckt hat. Ich nicht. Ich bin krank.
Und wenn das mit der taffen Nonnen hier nicht gleich aufhört, dann werd ich noch kränker. Immerhin wird’s jetzt antiklerikal. Der große Storch erzählt von der Ersetzung der chemischen Krücke Drogensucht zur Überlebenshilfe durch die spirituelle Krücke Katholizismus. Interessant. Gerade für einen Amerikaner. Wir hören allerdings gleich, was für ein schönes Wort, das „Röhren der Allgemeinplatzhirsche“, das sind die unter uns, die morgens, wie es der große Kollege K. ausdrückt, schon in ein Dünkelbrötchen beißen. Wir faseln durch anonyme Zellen von Drogensüchtigen oder Zellen anonymer Drogensüchtiger. Bis wir an Gately hängen bleiben, der in der Klinik liegt und augenscheinlich nicht medikamentiert werden darf, weil er ja sonst rückfällig werden könnte. Grausam. Im Fieber, der „ins Delir und wieder herausfällt, innerlich zerrissen, überzeugt, dass gewisse Männer mit Hut ihm Böses wollen“. Es tritt auf eine „Gruppe Realität ist für Leute, die nicht mit Drogen umgehen können“. Und ein großer, gelblicher Farbiger erzählt seine Geschichte. Darf man von sowas abgestumpft sein? Hatten wir doch alles schon. Das Entsetzen über den Zustand der Abschaumwelt wird nicht größer, wenn mir immer neue Bilder davon auf die Stirn gehämmert werden. Ist leider so. Immerhin führt es dazu, dass Joelle van Dyne zum ersten Mal sicher ist, dass sie clean werden möchte. Ich war schon vorher sicher, dass ich niemals nicht abhängig werden möchte.
Komisch übrigens. Dass beinahe sämtliche Familien im Spaß krankmachende Zusammenrottungen psychisch unverträglicher Menschen ist, die sich gegenseitig das Leben zur Hölle machen und ihre Seelen ruinieren, dass andererseits aber die einzige Hoffnung, das einzige Licht am Ende des Tunnels der Abhängigkeit ausgerechnet genau das ist – die Familie, die Kinder.
Der Nonnen-Pulp geht munter weiter. Die Äbtissin wird ermordet. In Akt III „entfaltet sich dann eine veritable Vergeltungsorgie, nachdem die ganze schmutzige Wahrheit ans Licht gekommen ist: Anscheinend ist die taffe alte Vizeäbtissin, also die Nonne, die Blutschwestser aufgehoben hatte, in Wirklichkeit nicht aufgehoben worden, sondern hat in Wahrheit in über 20 Jahren des beispielhaften Novenensprechens und Hostienbackens an einer verborgenen degenerativen rezidivierenden Seelenfäulnis gelitten…“ Noch Fragen? Der Satz geht noch eine halbe Seite weiter. Wenn mal jemand ein Beispiel für einen absurden Plot sucht – Bitte.
Die taffe Nonne reitet in den Sonnenuntergang auf einem scharfen Hobel. Der Film ist aus. Im Rheinland machen jetzt die Narren mobil. Wenn ich bei KiWi in Köln jemanden noch nüchtern erreichen will, der mir die Gompert-Passage freigibt, muss ich jetzt schleunigst anrufen. Ein dreifach donnerndes Olau!*
*Koblenzer Karnevalsruf.
9.30. Am Wasser. Fencheltee. Entspannungsmusik. Das mit dem zu Tode amüsieren von gestern nehm ich zurück. Lag fiebrös auf dem Sofa, als Deutschland den Mauerfall feierte, total zerlegt, Durchlauferhitzer. und mit dem Zweiten wurds nicht besser. Ein musikalisch-intellektuelles Aushängeschild, ein Kessel besonders Buntes, zum Zutodeamüsieren. Der Extremintellektuelle Guido Knopp! Der Extremextremintellektuelle Thomas Gottschalk! Jon Bon Jovi singt, weil er auch an der Mauer herum gepickelt hat! Fünf knödelige Tenöre singen Marius Müller-Westernhagen! Ein Schüler aus Düsseldorf bringt die Mauer zum Einsturz! Jetzt wissen wir endlich, wers war: Alles Westler. Wenn ich Ostler wäre, hätte ich nicht soviel fressen können, wie ich kotzen mochte. Wiedervereinigung auf „Wetten, dass…-Niveau“. Wäre ein gefundenes Fressen gewesen für DFW.
Poor Tony Krause immerhin geht’s wieder besser. Der Genderdysphoriker entlässt sich selbst aus dem Krankenwagen und glaubt sich pumperlgsund. „Bloß gut, dass man nicht sehen kann, wie man aussieht.“ Wohl wahr. Noch wahrer allerdings im Zusammenhang mit Poor Tony. Der sieht sich aber schon einer grandiosen Zukunft entgegentänzeln. Die Szene kennen wir doch. DFW betreibt ein Kabinettstück des Elends. Eine Szene aus etlichen Blickwinkeln. PTK tänzelt nämlich an Matty Pemulis vorbei. PTK war auch bei einer Aktion der „Front-Contre-O.N.A.N.isme“, eine Art Müll-Flash-Mob, an denen auch die Brüder Antitois beteiligt waren.
Wir müssen weiter. Hetzen durch den Hosenlatz von Ennet House. Eine kleine Liste der Namen fürs Gemächt der Häusler. Bam-Bam, Der grässliche Eber, Der polnische Fluch.
Und mit Kate Gompert diversifizieren wir die Depression aus. Von der Anhedonie oder einfacher Melancholie, in die wir mehr oder weniger gegenwärtig alle driften, angefangen. Interessant wird es, als DFW sich aufmacht ins Innere des Hal Incandenza. Und da nichts findet. Nur Leere. Kein intensives Innenlebengefühl, keine Lebensfreude, keine Wertschätzung seit Winzlingstagen. Ähnlich wie Orin. Vollkommen verkannt von Die Moms. Er ist einsam. Aber – so will es die Popkultur – er ist hip und cool, weil Anhedonie im millenialen Amerika hip und cool ist. DFW essayiert über die amerikanische Verfasstheit, über spirituelle Pubertät und was mit Kindern in der Phase geschehen kann. Wir „bekommen gezeigt, wie man Masken der Ernüchterung und der resignierten Ironie formt“. Hal, der leere Held, sagt, „dass das was sich als hippe zynische Transzendenz des Gefühls ausgibt, in Wahrheit Furcht vor dem echten Menschsein ist, denn ein echter Mensch ist wahrscheinlich unvermeidlich sentimental, naiv, schmalzanfällig und ganz allgemein erbärmlich“, „ein irgendwie nicht ganz richtig aussehendes Kleinkind“.
Wir schreiten weiter runter in der Skala der Depression. Die klinische Depression, Involutionsdepression, unipolare Dysphorie. Das kennen wir nun alles schon, vgl. Kate Gompert g.g.g.o. Noch einmal erklärt am Beispiel eines schwerdepressiven Modelleisenbahner. Das ist doch alles eher ein Essay hier.
Hat er wohl gemerkt. Es geht weiter mit dem Blickwinkelspiel. Ruth van Cleeve und Kate Gompert stöckeln die Straße an Matty Pemulis und PTK vorbei, durch die „Kegel epileptischen Lichts flackernder Straßenlaternen“. Die Erzählung zersplintert in Szenen gleichzeitig an unterschiedlichen Orten. Hält an bei Hal, der die taffe Nonne guckt und immer mehr Tenniselevinnen gucken mit. Wär lieber bei PTK geblieben. Das hier geht jetzt in die Beschreibung des Films über. Und den möchte ich schon gar nicht sehen.
Gottschalk allerdings ist schlimmer. Und die knödelnden Tenöre. Und Jon Bon Jovi. Wie soll man dabei gesund werden. Vor lauter Eigenschämen.
13.00. Ordentlicher Tablettenkaffee. Loungejazz. Grützwurstwetter. Graupelsuppenhimmel. Sackundaschepanorama. Salzundpfefferatmo. Janztiefhängendes Wolkenjefetze. Was sollen bloß an diesem Mauerfallfeiertag die Gäste von dieser Stadt denken. 3,5 Millionen Bewohner einer ganzganz freudlosen Gasse.
Der versprengte Essay über die Kunst ein Tennisspieler zu werden. Als Star auf- und nicht gleich wieder unterzugehen. Hals Problem hockt direkt unter den Haaren. Der Mann denkt. Und er hat Gefühle. Beides schlecht. Weils einen aus der Kurve tragen kann, wenn mans im rechten Augenblick nicht abstellt.
Wir springen auf heute in gut einer Woche. Matty Pemulis, Bruder von meinem Lieblingspeinsack Michael, sitzt beim Portugiesen und inhaliert Suppe. Strichjunge. Bestimmt unter Drogen. Draußen zieht der Abschaum seine schleimige, übelriechende Bahn. Eine Frau kackt aufs Trottoir. Poor Tony Krause schwuchtelt vorbei, der bleiche Tod in schrillen Tüchern. Und Matty erinnert sich an seine nächtlichen Abenteuer mit Papa. Und was haben wir denn da? Wieder einen barbarischen Erzeuger, eine schreckliche Familie. Papa entlädt sich Nacht für Nacht in den Allerwertesten seines Ältesten, im Beisein seines Jüngsten. Leiste Abbitte bei Pemulis, da kann man ja nicht heile herauskommen. Das dauerhafte Ausleuchten immer der selben Finsternis hat allerdings eine ähnlich ermüdende Wirkung wie Hals gleich darauf folgender Nachmittag mit den Unterhaltungspatronen seines auch kinderseelenruinierenden Vaters, den Orin in herzzerreißender und Papa Wallace wahrscheinlich beruhigender Weise vor nicht allzu langer Zeit ja sogar verteidigt hat. Matty prostet dem blutigen Dahinscheiden seines arschfickenden Vaters zu. Hal schaut sich (jetzt sind wir aus unerfindlichen Gründen beim 11. November) „Winke, Winke, Advokat“ an, des Storchen mäßig unterhaltsamen Kurzfilm über das Schicksal einer ständig verspäteten fleischgewordenen Büroklammer, die auf dem Bahnsteig zum letzten rettenden Zug mit einem Jungen zusammenprallt, der ihn für Jesus hält. Sehr spezieller Fall für die Hermeneutiker unter uns. Hal will sich darob bestrafen „Spaß mit Zähnen“ gucken, „Babyfotos berühmter Diktatoren“ oder „Blutschwester: Eine taffe Nonne“.
So schlecht kann er gar nicht gespielt haben. Obwohl die taffe Nonne? Da könnte ich jetzt schwach werden. Der Ausblick von hier oben ist nicht zu ertragen. Da amüsier ich mich lieber zu Tode.
Wir führen eine unglückliche Beziehung mittlerweile. Immer öfter greife ich zu anderen, schieben sich andere in meiner Aufmerksamkeit und Zuneigung nach vorn. Es kommt zwar immer noch vor, dass ich mich stundenlang gefesselt zeige, aber das Interesse wird merklich schwächer. Die Phasen von Überdruss und Langeweile häufen sich. Auch der Besitzerstolz und der Ehrgeiz nehmen ab. Es ist tatsächlich nicht mehr so, dass ich es weiterempfehlen würde. Es ist zu opulent, zu dick, zu geschwätzig. Es kifft zuviel, hängt zuviel in Kifferschleifen, in Kifferlogik, die eben nicht immer stimmt; es tut zu oft schlau und verspielt, wo es einfach und elegant sein könnte; es enttäuscht Erwartungen, obwohl es das nicht nötig hätte; es ist zu gefräßig, verdaut zu viel und hat zu viel verdaut, es versucht zu oft, ein anderes zu sein etc. etc. Es zeigt mir auch wenig Neues. Es ist keinesfalls so, dass es mein Leben oder meine Ansichten vom Leben verändern würde. Ich verstehe seine Kanadafeindlichkeit nicht (und nicht den Umstand, dass niemand von den EuphorikerInnen hier irgendeine Theorie dazu hat). Vielleicht soll das lustig sein, in South Park kommen die Kanadier ja auch immer schlecht weg, allein, ich finde es auch nicht komisch. Was mich noch hält, sind Versprechen, auf deren Einlösung ich noch warte, und ganz simpel: dieser Blog hier, denn ohne ihn hätte ich die Lektüre längst abgebrochen und mein Exemplar einem Netzantiquariat anvertraut. Ich erlebe auch nicht wirklich etwas mit dem Buch, was ich ohne das Buch nicht auch erlebt hätte. Vielleicht würde es mir besser gehen ohne das Buch, aber selbst das bezweifle ich mittlerweile. Vielleicht erhoffe ich mir noch ein paar Tricks, die ich mir abschauen könnte. Vielleicht will ich mehr über Joelle, Kate und Orin erfahren, denn das sind die einzigen Figuren, die mir etwas näher gekommen sind. Vielleicht möchte ich noch etwas über Tennis erfahren (die Beschreibung des Spiels hat endlich stattgefunden, ca. 800 Seiten zu spät), über Drogen (die innenperspektivische Schilderung eines Rausches steht immer noch aus), über Schönheit und Verführung (das weiterführende Buch hat wohl Neil Strauss geschrieben). Wo bin ich? Seite 957. Bzw. mitten in Fußnote 269. Sind ja nur noch 400-450 Seiten. Oder zwei, drei andere, am Ende sogar bessere Bücher. Eines ist klar: Bis zum 1. Dezember schaffe ich das Buch auf keinen Fall. Will ich auch gar nicht.
Nach längerer Blog-Abstinenz, die sich aus meinem Versuch, Gödels Beweis des Unvollständigkeitssatzes zu verstehen (und dazu gleich noch Douglas Hofstadters existenzielle Deutung desselben in seinem schnuckeligen Büchlein “Gödel Escher Bach”), ergeben hat, trage ich wieder mal ein bisschen was bei – allerdings nur etwas Kleines, Nebensächliches: Ein paar Bilder, auf die ich im Internet gestoßen bin.
Das erste ist auch gleich das Unangenehmste. Es zeigt eine meiner schlimmsten Befürchtungen (hinsichtlich der Rezeption von US allgemein):

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Mario Incandenza, gesehen durch das intrepretatorische Temperament eines Zeichners: Ein leicht debil dreinblickendes, gutmütig sabberndes Wesen. Mich hat dieses Bild richtig wütend gemacht, auch wenn es vielleicht dem äußeren Erscheinungsbild Marios, für dessen Beschreibung DFW sich nun wirklich viel Zeit lässt, ganz angemessen ist. Aber trotzdem finde ich: So sollte man ihn sich wirklich nicht vorstellen. Ich habe Mario als die mit Abstand würdevollste Figur des Romans in Erinnerung. Die für mich rührendste Szene des ganzen Buches ist die Beschreibung, wie Mario – scheinbar ohne vom sonst alles wissenden Erzähler vorformulierten Grund – das Blut in Eric Clippertons Sterbezimmer aufwischt: “Der bradykinetische Mario brauchte die ganze Nacht und zwei Flaschen Ajax Plus, um mit seinen kontrahierten Armen und den Quadratfüßen das Zimmer zu putzen; die U18-Mädchen in den beiden Nachbarzimmern konnten kören, wie er immer wieder hinfiel und sich wieder aufrappelte.” Nicht zu vergessen, dass Mario der einzige ist, der dem armen, an der Kälte der gleichgültig an ihm vorbeifließenden Menschheit verzweifelnden Barry Loach gegen Ende des Romans die Hand gibt. Er hat keinen Grund, ihm nicht die Hand zu geben, also gibt er ihm die Hand. So einfach ist das. So ist Mario, er umgeht einfach die Endlosschleifen, in denen sich die Figuren des Romans ständig verfangen (und auch gelegentlich die Menschen der Wirklichkeit, so wie ich in den letzten Tagen, brütend über die Frage, ob der Satz “Dieser Satz ist aus dem formalen System, in dem er existiert, nicht ableitbar” ableitbar ist…) und tut einfach irgendetwas. Sein Glück ist es, dass er “nicht so gut mit Worten” ist, wie er einmal zu Hal sagt. Weniger Worte, weniger Loops.
Das zweite Bild zeigt die Enfield Tennis Academy:

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Die Kardioide (mein Gott, wie oft kann man sich bei einem einzigen Wort vertippen? ioioioi…) oder Herzform (manchmal auch: Nierenform) hat mich sofort an den Hauptteil der Mandelbrotmenge erinnert, das berühmteste Fraktal der Welt, auch bekannt unter dem merkwürdigen Namen “Apfelmännchen”, hier:

DFW hielt Infinite Jest für einen Roman in der Form eines Fraktals (”a lopsided Sierpinski-Gasket”), obwohl dieser Gedanke für mich nicht wirklich leicht nachzuvollziehen ist. Steht der oft erwähnte Hügel hinter der Tennis Academy vielleicht dort, wo in der Mandelbrotmenge der zweitgrößte Kreis (links von der Haupt-Kardioide) steht? Ich habe keine besonders gute Raumvorstellung und die Geografie von Romanhandlungen ist fast immer das erste, was sich aus meinem Gedächtnis verabschiedet. Ich weiß, dass das wahrscheinlich überinterpretiert erscheint, aber wäre es nicht lustig, wenn DFW tatsächlich eine Mandelbrotmenge in seinem Roman versteckt hätte? Zuzutrauen wäre es ihm jedenfalls.
Und zum Schluss noch ein Fanartikel. David Foster Wallace hätte sich vermutlich geärgert, wenn er ihn gesehen hätte. Und vielleicht hat er ihn ja auch gesehen, wer weiß:

1996 erschien »Infinite Jest« in den USA und machte David Foster Wallace über Nacht zum Superstar der Literaturszene. Vor einem Jahr nahm sich David Foster Wallace das Leben. Sechs Jahre lang hat Ulrich Blumenbach an der Übersetzung von Wallaces Opus magnum gearbeitet, dem größten Übersetzungsprojekt in der Geschichte des Verlags Kiepenheuer & Witsch.
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