6./7. November

8. November 2009 | Elmar Krekeler

6. November

12.30. Am Wasser. Der Gnom hustet. Ich huste. Vitamin-C-Brausetablette. Graumausiges Wetter. Das Emerson Quartet spielt sich durch die Kunst der Fuge. Wenn das Wetter noch schlimmer wird, pack ich die Matthäus-Passion aus.
Höchste Zeit für einen Aufenthalt auf der Felsnase nordwestlich von Tuscon, Arizona, USA. Wir schreiben den 1. Mai im Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche, also umgerechnet im Jahr 2009. Das Wetter ist schön. Und was jetzt kommt, hab ich leider doch schon gehört. Damals (damals! Ist gerade mal ein Monat her) in Köln. Da hörte es sich ungefähr so falb an wie diese Leberwurst von Dunst da draußen. Steeply erzählt, wie sein Vater abhängig wurde von einer Militärsatireserie namens „M*A*S*H*“, die ich auch mal für fünf Minuten gesehen hab später. „Catch 22“ fand ich besser. Aber M*A*S*H* war Kult. Jedenfalls gewährt uns die Diskussion mit dem bemerkenswert zurückhaltenden Marathe einen Einblick in die, wie könnte es anders sein, dysfunktionale Familie Steeply. Vater Steeply wird immer irrer, zitiert M*A*S*H*, erklärt alles in Bezug auf M*A*S*H*. Vater Steeply erfindet das M*A*S*H*-zentrierte Weltbild und notiert wie ein Wilder in ein paulaustereskes Notizbuch.
Einschub: „Im Gegensatz zur Gewalt und transpercanten Punktierung des Sonnenuntergangs schien di Morgensonne von den runderen Vorsprüngen der Rincon-Hügelkette langsam ausgeatmet zu werden, ihre Wärme war eine tauigere Wärme und ihr Licht das vage Rot einer zärtlichen Empfindung.“
Auch so eine Suchtgeschichte. Vater Steeply entwickelt Verschwörungstheorien. Vater Steeply ist auf dem Weg in die saloppe Katatonie ganz ohne Patrone, vor der Patrone. Und Mummykins (Mutter) Steeply hält sich als Fels in der M*A*S*H*-Brandung nur mit Unterstützung von Medikamenten. Vater Steeply glotzt M*A*S*H*, wo immer ers herkriegen kann und bekommt denn auch sein Lebenslicht bei einer Wiederholung ausgepustet. Ein zähes Geschäft ist das für eine Felsnadelgeschichte. Nimmt erst am Ende wieder Fahrt auf. Marathe und Steeply trennen sich, versuchen zu fassen, was in den Augen der von Unterhaltung-Getöten zu sehen ist: „Stecken geblieben. Fixiert. Festgehalten. Gefangen. Wie in einer Art Mitte gefangen. Zwischen zwei Dingen. In verschiedene Richtungen gezogen.“ Marathe: „Zwischen verschiedenen Begierden von großer Intensität bedeutet das.“ – „Gar nicht mal so sehr Begierden. Leerer als das. Als wäre er beim Wundern stecken geblieben. Als gäbe es da etwas, das er vergessen hätte.“ – „Verlegt. Verloren.“ – „Verlegt.“ – „Verloren.“ – „Verlegt.“ – „Meinetwegen.“ – Groß.
Der Gnom. Der Husten. Muss jetzt Schluss machen.

7. November

15.30. Es ist kalt. Es riecht sanft nach Fäulnis. Mein Gingko espt hinter mir die letzten Blätter ab. Ein paar Blesshühner tunken sich vorbei. Zauberbergdecke über den Beinen, Mütze auf. Tee an der frischen Luft. Der Husten ist mir egal. Gleich muss ich weiterharken. Das beruhigt die Nerven wahnsinnig. Hätte ich auch nicht gedacht. Ejal.
Kommts mir nur so vor oder komm ich dem Spaß immer näher? Wir schreiben jetzt den 13. November. Es ist Nacht in Ennet House. Day erzählt von der Geburt seiner Depression aus dem eisigen Hauch eines Ventilationsgeräts. Aus der Resonanz eines Ventilators bauscht sich eine dementorenhafte große, dunkle Form auf und umfängt seine Seele. Formlos. Er ist zehn. Er wird’s nicht wieder los. Und er versteht, was Hölle meint. Das ist eine Variation dieses schrecklich erhellenden Depri-Text von Kate Gompert. „Es gibt nichts, was sich schlimmer anfühlen könnte.“ Es mag ja despektierlich sein, aber warum versucht sich DFW hier in einer Wiederholung. Gompert war unschlagbar. Das hier ist eine düstere Flatulenz dagegen.
Schauplatzwechsel. Wir sind wieder auf dem Court. Hal und Ortho „Der Schatten“ Stice sollen sich duellieren. Aubrey deLint (dessen Lächeln berüchtigt ist, „sein Gesicht zerfiel in Sicheln und Scherben und zeigte keine Spur von Heiterkeit“) und Steeply als mammutige Homestory-Verfasserin für „Moment“ schauen zu. Und wir. DFWs literarische Analyse eines Aufschlags ist hinreißend. Aber wer mag schon literarische Analysen eines Aufschlags. Deswegen wird noch mehr hineingeschnitten jetzt. DeLints Debatte mit Mammut-Steeply, der vollkommen unübersichtliche Spielverlauf, Gately schnarchend weiter unten den Hang hinunter in Ennet House, Poor Tony Krause in seinem Klo, Pemulis beim Lernen, Orin beim sonnenumfluteten Sex mit seinem Handmodell. DFWs Kameraauge schweift weit aus. Und wieder zurück auf das harte Feld der Ehre. Hals Aufschlag und Spiel (wie Schach im Laufschritt!) wird analysiert. Und Aubrey deLint versucht Steeply (und uns) zu erklären, was die Academy mit ihren Schülern tut. Sie in Killer verwandeln. „Diese Jugendlichen, von denen sind die besten hier, um sehen zu lernen. Schtitts Devise lautet Selbsttranszendenz durch Schmerz. Diese Jugendlichen hier, sind hier um in etwas Größerem als ihnen selbst aufzugehen.“ Und das Wichtigste: „Den Besten von denen das Gefühl einzuschärfen, dass es nie darum geht, gesehen zu werden. Niemals. Wenn man ihnen das einschärfen kann, dann macht die Show sie nicht kaputt.“
So macht selbst Tennislesen Spaß. Aber wenn ich jetzt nicht gleich die Harke wieder aufnehme, seh ich kein Blatt mehr. Morgen wird weiter gespielt.

In meinem ersten Beitrag „Chaos und Kosmos“ habe ich die Behauptung aufgestellt, man könne anhand von Gegensatzpaaren Unendlichkeiten beschreiben. Ich wollte Joelle van Dyne als das Zentrum des Romans verstehen. Nicht allein, weil sie die Hauptrolle in dem Film spielt, der dem Roman seinen Titel gibt, sondern vor allem weil sich am Thema Schönheit, an der Gegensätzlichkeit von Schönheit und Entstellung, der Begriff der Unendlichkeit fassen lässt. Dieser Begriff scheint mir für das Verständnis des Romans von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit.

Beim Stand meiner Lektüre, Seite 1100, gibt es neben einer Handvoll Anspielungen auf Joelle, lediglich drei größere Textstellen, in denen sie eine Rolle spielt. Die Party der Freundin Molly Notkin, auf der sie Crack raucht und eine Apnoe erleidet (S. 316 – 344), das Gespräch mit Gately im Ennet House (S. 766 – 776) und schließlich ihr Bericht über das Verhältnis zu Orin und seiner Familie (S. 1056 – 1073). Ich möchte lediglich das Gespräch zwischen Joelle und Gately näher anschauen. Das sieht vom Umfang her kaum aus wie das Zentrum eines 1500-Seiten Romans. Die beiden sitzen am frühen Morgen im Erdgeschoss der Entzugsanstalt und schauen aus dem Fenster. Gately fragt Joelle wie es unter ihrem Schleier aussieht. Er will sich ein Bild von ihr machen.

Um zu verstehen, was es heißt, sich ein Bild zu machen, untersuche ich einige Zeilen aus der „Penthesilea“ von Heinrich von Kleist. Die Figur der Penthesilea steht historisch betrachtet an einer Zäsur. Als Vertreterin eines primitiven Volkes, ja als seine höchste Repräsentantin, ist ihr die individuelle Partnerwahl nicht erlaubt. Eine Amazone muss einem Mann im Kampf begegnen. Geht sie als Siegerin aus der Konfrontation hervor, kann sie mit dem Besiegten nach Belieben verfahren. Was die Amazonen von den Besiegten wollen, ist eindeutig: sie wollen mit ihnen schlafen. Sie wollen lieben und geliebt werden. Aber Liebe ist nur unter dem Patronat der Gewalt denkbar. Die Gegner auf dem Schlachtfeld verstehen nicht, dass diese Frauen Gewalt anwenden, weil sie das Gegenteil wollen. Individualisierung – durch persönliche Interessen oder die selbständige Wahl eines Liebespartners – ist den Amazonen aus historischen Gründen nicht erlaubt. Penthesileas Mutter hatte ihr auf dem Totenbett jedoch prophezeit, dass sie sich in Achill verlieben werde. Mit der Liebe, und mit der Sehnsucht nach einem bestimmten Liebesobjekt – also nicht mehr einem Mann, den der Zufall ihr im Kampf zuführt – beginnt Penthesilea ihre Individualisierung. Schlafen kann man zur Not noch mit jedem, aber lieben kann man nicht jeden. Um dem überlieferten Selbstbild Genüge zu tun, muss sie den Held der Griechen, als sie vor den Toren Trojas aufeinandertreffen, im Kampf unterwerfen. Als Individuum aber ist sie ihren eigenen Empfindungen unterworfen. Es kommt im Verlauf der Tragödie zu einer Konfrontation verschiedener Ebenen der Persönlichkeit Penthesileas. In der 15. Szene, da sie, einem Irrtum unterliegend, sich als Siegerin des Zweikampfes wähnt, will Achill wissen, wer sie ist und was, sollte seine Seele ihn fragen, er ihr sagen könne. Darauf antwortet Penthesilea:

„Wenn sie dich fragt, so nenne diese Züge
Das sei der Nam‘ in welchem du mich denkst.-
Zwar diesen goldnen Ring hier schenk‘ ich dir,
Mit jedem Merkmal das dich sicher stellt;
Und zeigst du ihn, so weist man dich zu mir.
Jedoch ein Ring vermiß’t sich, Namen schwinden;
Wenn dir der Nam entschwänd, der Ring sich misste:
Fänd’st du mein Bild in dir wohl wieder aus?
Kannst du’s wohl mit geschloßnen Augen denken?“

Erst als Achill ihr das Bild zurückspiegelt, das sie von sich selbst hat, erst als er ihr dies Selbst bestätigt, nennt sie ihm ihren Namen. Der Name ist ihr ebenso unwichtig wie ihre Funktion als Königin. Sie fragt nach ihren Zügen, nach ihrer Eigenheit. Achill soll Penthesileas „Züge nennen“ und ihr Bild, ihr Gesicht, ihr Auftreten, ihr Sprechen, ihre Individualität – das was sie von den anderen Amazonen unterscheidet – ; dies sei „der Nam‘ in welchem du mich denkst“. Am Ende der Tragödie steht Penthesilea fassungslos vor der verstümmelten Leiche des Achill. Sie fordert Rechenschaft und will wissen, wer für diese unfassbare Tat verantwortlich ist. Der letzte, der 24. Auftritt, ist das Beste, was ich aus der deutschen Dramatik kenne. Penthesilea blickt, heißt es in den letzten Zeilen des vorhergehenden Auftritts „in das Unendliche hinaus“. Sie, die die Handlung immer weiter getrieben hat und die, von ihrer Begierde getrieben, kaum einen Moment der Ruhe erlebte, steht da, handlungsunfähig, ja geradezu gelähmt. Sie weiß nicht, dass sie selbst es war, die Achill zerfleischt hat, weil ihr dieses Selbst im Konflikt divergierender Ebenen ihrer Persönlichkeit abhanden gekommen ist. Diese konfligierenden Seiten sind Freiheit und Zwang, Selbstbestimmung und Unterwerfung, Matriarchat und Patriachat und vor allem Selbstbild und Fremdbild. Das Bild, das sie von sich hat, lässt sich nicht als ein einheitliches verstehen und erkennen. Die Einheitlichkeit muss Penthesilea erst wiederherstellen. Diese Wiederherstellung ist zu verstehen als ein Zurückgewinnen ihrer Handlungsfähigkeit. In vollkommener Übereinstimmung von Rede und Handlung, von Wort und Tat erschafft sie ihr Selbst, und zwar als ein einheitliches, indem sie sich, oder besser gesagt indem sie dieses Selbst vernichtet. Sie stellt das Bild von sich wieder her, indem sie sich tötet.

Der Schleier ist heute, soweit ich weiß, ausnahmslos in arabischen Gesellschaften akzeptiert und teilweise auch gefordert. Er ist ein Attribut der Frau. Das Weibliche ist das Verschleierte. Durch den Schleier soll der Blick unterbunden werden. Aber die verschleierte Frau sieht die Blicke der anderen ja dennoch. Sie kann sogar unbeobachtet zurückschauen. Und der Mann schaut ja trotz des Schleiers hin, er ist womöglich umso neugieriger. Verschleierung soll, so die gängige Interpretation, das Begehren des Mannes im Zaum halten. Es gibt allerdings auch eine Verschleierung, die gerade in westlichen Gesellschaften besonders stark ausgeprägt ist, die Kleidung. Kleidung dient kaum noch ihrer ursprünglichen Funktion, dann bräuchten wir nicht fünf Mäntel und zehn Paar Schuhe. Die Kleidung ist ein Spiel mit der Nacktheit. Auch hier geschieht die (Ver-) Kleidung vor allem auf dem Körper der Frau. Frauen müssen jederzeit sexy, erotisch und begehrenswert sein. Der weibliche Körper wird in taillierte Kleider gezwängt, Frauen stöckeln mit hohen Absätzen und Hotpants durch die Gegend und zeigen in manchmal geradezu grotesken Dekolletés ihre Brüste in der Öffentlichkeit herum. Auf ihren Körpern findet ein Spiel statt, das zwischen Enthüllung und Verbergen changiert, zwischen Verheimlichen und Veröffentlichen. Dieses Spiel ist ein Spiel mit dem Blick des anderen. Das Gesicht ist der Ort, an dem dieser Blick aufgenommen, erwidert oder abgewiesen wird. Wenn Blicke nicht zugelassen werden, dann wird das Begehren nicht zuglassen. Das Begehren zu sehen und zu erkennen. Zu sehen, wie der andere aussieht und zu erkennen, wer er ist. Während der Schleier arabischer Gesellschaften das Weibliche in den Hintergrund drängt, um das Begehren im Zaum zu halten, will die Verkleidung westlicher Gesellschaften das Weibliche in den Vordergrund rücken, um dieses Begehren gerade zu entfachen.

Und wie man der einen Gesellschaft vielleicht vorhalten könnte, sie habe keine Vorstellung von der Lust, so könnte man der anderen vorhalten, sie habe keine von der Scham. Aber womöglich zeigt sich in den Schlafzimmern beider Gesellschaftsmodelle, dass sie sehr wohl einen Begriff vom jeweils anderen haben. Die scheinbare Zügellosigkeit westlicher Lebensformen, die Ausrottung der Intimität durch Voyeurismus, zieht möglicherweise die Mauern der Schamhaftigkeit umso höher. Auch die Gegensätze Lust und Scham müssen in einem Verhältnis zueinander stehen, sonst sind sie keine Gegensätze und eröffnen keine Unendlichkeiten, sondern lediglich Abgründe.

Das Gespräch zwischen Joelle und Gately dreht sich um dieses Thema, um Sehen und Verbergen, um Begehren und Entbehren, um den Blick und die Lust, die den Schleier lüften, und um die Scham, die ihn aufrechterhalten will. Eingeleitet wird es mit dem scheinbar absurden Beispiel einer Frau, „bei der jedes Bein kürzer war als das andere“. Bei einem Vergleich dient in der Regel die eine Seite als absoluter Wert, an der die andere Seite gemessen wird. Diese Relation zwischen Maß und Gemessenem fällt hier aus: beide Beine sind kürzer! Wittgenstein sagte einmal, und es ist mit Sicherheit davon auszugehen, dass DFW diese Stelle kannte: „Man kann von einem Ding nicht aussagen, es sei 1 m lang, noch, es sei nicht 1 m lang, und das ist das Urmeter in Paris.“ Ein wenig verkürzt (!) ausgedrückt: Man kann das Maß an das zu Messende halten, aber danach das Gemessene an das Maß zu halten, ist sinnlos. Mehr noch, es ist absurd. Weil man dann überhaupt keine Aussage mehr treffen kann, weder über das Maß noch über das Gemessene. In der Behauptung jedes Bein sei kürzer als das andere fällt das Maß weg, und damit der absolute Wert, an dem der relative gemessen werden könnte. Ein wenig gestreckt (!) könnte man sagen: genau darum dreht sich auch das folgende Gespräch zwischen Gately und Joelle, um den Wegfall jeglichen Maßes, um Maßlosigkeit. Es geht um Schönheit und Entstellung. Und damit um ein Sujet, für das es kein Maß gibt.

Dieses Gespräch hat zwei Ebenen. Beide Ebenen sind gleichzeitig präsent. Auf der ersten Ebene will Gately von Joelle lediglich die Erlaubnis zu fragen, was sich hinter dem Schleier verbirgt. Sie soll mit Ja oder Nein antworten. Auf dieser Ebene erhält er eine indirekte, ablehnende Antwort. Trotz dieser Ablehnung fragt er, das ist die zweite Ebene, dennoch nach ihrer konkreten Entstellung. Und auf dieser Ebene erhält Gately, trotz der Ablehnung auf der ersten Ebene, auch eine Antwort. Weil er die Ablehnung auf der ersten Ebene erhalten hat, nimmt er die Antwort auf der zweiten Ebene auch nicht ernst. Obwohl er dort genau das zu hören bekommt, wonach er gefragt hatte. Die beiden Ebenen hemmen sich gegenseitig.

Gately will wissen was „fehlt“. Er wird mit seinen Fragen immer direkter „darf ich fragen, wie du entstellt bist?“, und dann fragt er ganz konkret, „was dahinter los ist, ob du schielst oder einen Bart hast“. Joelle antwortet auf seine Fragen nicht mit einer konkreten Auskunft zu ihrem Aussehen. Sie erklärt ihm stattdessen sehr genau die Gründe für das Tragen des Schleiers mit ihrer Mitgliedschaft in der L.A.R.V.E., der „Liga der Absolut Rüde Verunstalteten und Entstellten“. Deren Mitglieder erklären, indem sie den Schleier anlegen, „dass sie ihre Sichtbarkeit zu verstecken wünschen“. Hinter dem Schleier versteckten die Entstellten nicht nur ihr Gesicht, sondern ihre Scham darüber, sich verstecken zu wollen. Komprimiert heißt das: „Du versteckst dein Verstecken.“ Joelle zeigt Gately, dass bei ihm genau dieselbe Struktur vorliegt, wenn er glaube, er sei nicht plietsch genug, sich seiner Unplietischigkeit schäme und sie vor anderen zu verbergen suche. Danach geht das Gespräch wieder zu Joelle über und sie antwortet auf die konkreten Fragen schließlich mit einem Paradoxon. Wie immer ihre dann folgenden Formulierungen in der konkreten Situation und im Roman zu bewerten sind, da es diverse Anspielungen auf einen Säureangriff gibt, sie beantwortet die Frage sogar drei Mal direkt hintereinander: „Ich bin dermaßen schön, dass ich jeden fühlenden Menschen ganz einfach um den Verstand bringe. […] Ich bin so schön, dass ich entstellt bin. […] Ich bin vor Schönheit entstellt.“

Was ist denn Schönheit? Ist das Faszinierende an ihr das Enthüllende? Oder ist es vielmehr das Rätselhafte, das Verschleierte und Verkleidete? Schönheit bei Menschen ist keine abstrakte Schönheit. Der Betrachter fühlt sich hingezogen, oder sogar hineingezogen. Er taut auf und schmilzt dahin. Womöglich fühlt er sich auch abgestoßen von zu viel Schönheit und Oberfläche. Die Frage nach Schönheit wird die U.S.S.M.K., die die Wimpern Marios vor Verlangen die Wände hochgehen lässt, anders beantworten als Gately. Joelle war als junge Frau ungewöhnlich schön – es sind nicht viele Schönheiten, die dieses Buch bevölkern, spontan fällt mir nur noch Avril ein und die Schönheit dieser beiden Frauen wird wohl einer der Gründe sein, warum sie einander nicht mochten – inzwischen liegen aber Jahre des Crackrauchens hinter ihr. Aus dem schönen Gesicht ist wohl ein zumindest beanspruchtes Gesicht geworden. Sie hat vermutlich, wie die vielen Junkies in diesem Buch, wie Hal und sein Vater, miserable Zähne. Wenn sie noch welche hat.

Wie ist dieses Gespräch für die Figur der Joelle zu bewerten? Liegt ihr Reiz, nicht nur in dieser Situation, sondern auch in dem Film, womöglich gerade in dieser Ununterscheidbarkeit, in der Gleichzeitigkeit einander ausschließender Gegensätze? Ununterscheidbarkeit, die anhält, solange sie den Schleier trägt. Nach der Schlägerei und der Verletzung Gatelys sagt Joelle, dass sie sich nach langer Zeit zum ersten Mal vorstellen könne, den Schleier abzulegen. Das legt eher die Vermutung nahe, dass sie nicht etwa befürchtet ihr Gegenüber erstarre vor Schreck oder Anbetung. Das Anlegen des Schleiers hat wohl etwas mit dem Beziehungsende zu Orin zu tun, mit dem Ende einer Liebe und wenn sie jetzt an das Ablegen des Schleiers denkt, bedeutet das womöglich eine neue Liebe: Gately. Mit dem Ablegen des Schleiers käme nicht nur etwas ans Licht, die konkrete Entstellung, es verschwände auch etwas anderes, die Indifferenz, die Ununterscheidbarkeit. Vielleicht ist es gerade das, vor dem Joelle zurückschreckt. Als Madame Psychosis hatte sie in ihrer Radiosendung aus einer Schönheitsbroschüre folgenden Satz vorgelesen: „Die Wichtigkeit einer Maske liegt darin, den Kreislauf anzuregen.“ Also in übertragendem Sinne, Vorstellungen anzuregen und Phantasien zu beflügeln. Damit hätte es, wenn die Maske fällt, ein Ende.

Interessant in diesem Zusammenhang ist die Frage, was mit Joelle nach der Beziehung zu Orin geschehen ist. Denn zuvor war sie lediglich ungewöhnlich schön, aber noch nicht, was sie jetzt ist: lähmend schön oder lähmend abstoßend oder lähmend unentschieden. Ist die Faszination dieser Frau im Film vielleicht eher darin zu suchen, was Marathe vermutet, dass „Reiz plus Dichte“ zu viel für den Betrachter sei. Somit wäre die Wirkung der Joelle im Film eher in den Fähigkeiten des Regisseurs als in denen seiner Darstellerin zu suchen. Die Fläche für Projektionen – Kinoleinwand und Gesichtsschleier fallen hier zusammen – ist jedenfalls, solange man nichts sieht, außerordentlich groß. Vielleicht ist es gerade dies, was sich als das Lähmende erweist. Ähnlich wie in der Eifersucht, wo nicht der Betrug das Lähmende ist, die Tatsache, das Ja oder das Nein, sondern die Unsicherheit, ob er tatsächlich stattfindet. Die Unsicherheit über den anderen und die Unmöglichkeit Treue oder Untreue voneinander zu unterscheiden, da beides gleichermaßen möglich ist.

Welche Begriffe man auch nutzen mag – Unsicherheit oder Indifferenz oder Gegensätzlichkeit oder Dichotomie oder Gleichzeitigkeit – man könnte dies noch weiter treiben, bis hin zur modernen Physik und zur Unschärferelation. Ja sogar bis zu einer geschlechtlichen Unschärferelation: An einer Stelle wird Joelle einmal Jo Elle genannt. Ist sie vielleicht ein Mann (eine Frage, die letztlich wohl nur Jesus Jerkoff beantworten kann)? Orin, der Frauenheld, der gar nicht genug Sexualobjekte akquirieren kann und der ihnen nach dem Sex eine Acht auf die Flanken malt, das mathematische Zeichen für Unendlichkeit; Orin ist nicht einmal in der Lage die massive Erscheinung der Helen Steeply als einen transvestierten Mann, Hugh Steeply, zu identifizieren. Helen, der permanent die Brüste verrutschen, die offenbar nichts Feminines an sich hat und deren einziges weibliches Accessoire ihre Handtasche ist. Und zwar das Innere der Handtasche (!), welches von Spezialisten des Agentenwerkes „zur Herstellung des Weiblichkeitseffekts“ (S. 621) hergerichtet wurde. Weiblichkeit wäre dementsprechend nichts Äußerliches, sondern etwas Inneres, etwas Inwendiges und Verborgenes. Liegt der Reiz der Joelle vielleicht gerade darin, dass sie gar keine Frau ist?

Eine andere Möglichkeit zur Interpretation zeigt sich, als die angebliche Helen Steeply in der E.T.A. zu Besuch ist und für ein Interview recherchiert. Sie fragt nach dem Akademiegründer und seiner Tätigkeit als Filmemacher. Poutrincourt antwortet darauf, dass Incandenza die Arten des Sehens analysierte: „Die Analyse galt weniger der Frage, wie man etwas sieht, als der Beziehung zwischen Seher und Gesehenem. Das setzte er auf die vielfältige Weise auf den verschiedensten Gebieten um.“ (S. 979) Möglicherweise, damit sind dann auch die Grenzen der Interpretation erreicht und die Strapazierbarkeit des Motivs der Gegensätzlichkeit ebenso, hatte man als Betrachter dieses Films nicht nur das Gefühl etwas zu sehen, sondern auch das, gesehen zu werden.

Was sehen wir denn, wenn wir einander ansehen und wenn kein Schleier uns hindert? Unser Äußeres ist das Äußere unseres Inneren. Und nicht irgendein anderes Äußeres, ein arbiträres, willkürliches, zufälliges. Wir sind daran gewöhnt, als unser Ich oder unser Selbst zu empfinden, was wir sehen. Vielmehr, und das macht die Sache etwas kompliziert, das als unser Selbst zu empfinden, was wir nicht sehen; unser Selbst ist das, was die anderen sehen. Was wir sehen, ist das Selbst der anderen. Dieses Selbst ist keines, das von allen anderen separiert ist. Es ist keine solipsistische Konstruktion. Das eine Selbst entsteht vielmehr an den Grenzen zu den anderen: durch deren Zuschreibungen und Spiegelungen. Wir bekommen unser Selbst – vor dem Spiegel oder in irgendeiner anderen reflexiven Verfahrensweise – nicht so zu greifen, wie andere es uns begreifen lassen. Strenger formuliert könnte man sagen, dass ein Selbst nur dort das eigene Selbst ist, wo wir es durch einen anderen begreifen.

Gately fragt nach einer binären und abstrakten Opposition (Ja – Nein, Entweder – Oder) und kann die binäre konkrete Antwort (Sowohl – Als auch) erstaunlicherweise nicht deuten. Dass Gately ganz direkt fragt „darf ich fragen, wie du entstellt bist?“, ist, so empfinde ich das, keine unstatthafte Neugier. Er will sich ein Bild machen, nichts weiter. Ich lese dieses Gespräch der beiden als eine, allerdings ziemlich ungewöhnliche Liebesszene. Joelle reagiert darauf, indem sie sagt, dass sie sich vorstellen könne den Schleier abzulegen. Das verleitet mich zu der Annahme, dass sie zu derselben Interpretation dieses Gesprächs kommt wie ich auch. Wie Gately darauf reagiert, weiß ich noch nicht. Das ist der Preis des chaotischen, mobilierten Erzählens: die einzelnen Mobileteile und Bilder sind schnell mal wieder viele hundert Seiten lang weg; Gately ist, nachdem er angeschossen wurde, nicht wieder in den Vordergrund getreten. Möglicherweise wird er auf das von Joelle formulierte Paradoxon, den Zusammenfall der Gegensätze, reagieren. Diese Reaktion wäre möglicherweise die erste Wahl, wenn es um die weitere Einordnung des Begriffes Unendlichkeit im Zusammenhang mit der Schönheit Joelles geht. Schönheit ist – Urmeter hin oder her – immer auch eine Erfahrung der Maßlosigkeit. Und, mit meinem oben dargelegten Ansatz, auch eine Grenzerfahrung des Ich. Weil wir in der Schönheit, zumindest in der optizentristischen Variante, auf den Blick des anderen angewiesen sind. Um uns selbst und um den anderen zu erfahren. Selbst in der O.N.A.N.ie ist der andere absolut irreduzibel für die Selbst-Erfahrung.

Um mit den Worten DFWs zu enden, natürlich im Rahmen meines Themas, Gegensätzlichkeiten als Möglichkeit das Unendliche zu fassen: „Je näher die Konkretisierung rückt, desto abstrakter wird sie.“ (S. 344) Das ist mehr als bloß witzig. Kurz vor einer Prüfung oder einem wichtigen Termin kann man sich das Bevorstehende kaum noch vorstellen. Vielleicht, weil da keine Vorstellung mehr vonnöten ist? Ganz nah am Gesicht eines anderen, verschmilzt dieses andere mit dem eigenen Gesicht und das andere Selbst mit dem eigenen. Vielleicht, weil da keine Vorstellung mehr vonnöten ist? „Vielleicht“ ist eine komfortable Mitte zwischen Ja und Nein. Aber letztlich unbefriedigend.

Steeply schüttet sein Herz aus. Wie sein Dad von einer Putzigkeit, einer rührenden Vorliebe für eine terrestrische TVUnterhaltungsserie, ins gemüseartige mutierte. Steeplys Dad scheint der Prototyp zu sein, wirkungstechnisch, für die tödliche Patrone von IHM SELBST.
Steeply spricht also vom mutierten Dad, der im Arbeitszimmer hockte, MASH schaute, Briefe an die Protagonisten schrieb (nicht an die Schauspieler), noch nicht mal mehr das Badezimmer aufsuchte, und dies alles ertrug Steeplys Mumkinski ohne Klage.
Vorher erzählt Stice von seiner Mutter „der Braut“ und seinem Vater, die in guten Phasen das Bett nicht mehr verließen und die körperliche Instandhaltung der Brut, die mit vollgerotzten Windeln durch die Räume geisterten, klinikgroßen Chipspackungen überließen.
Ich kauere über dem Spass, auf Klopfen und Rufen antworte ich nicht, durch die Tür durchgeschobenen Zettel übersehe ich, das Bad benutze ich noch, das ist auch alles, ich glaube ich fiebere leicht, und eben musste ich mir einen Sabberfaden aus dem Mundwinkel wischen. Mein Lächeln im Spiegel scheint leicht verblödete Züge anzunehmen.
Außerdem schwant mir langsam, dass das hier kein Ende finden wird. Vergeblich hoffe ich auf abgeschlossene Erzählstränge, ich denke, der Spass wird einfach mittendrin aufhören, und mich zurücklassen, sabbernd auf Seite eins zurückblätternd. Vielleicht mag dann jemand den Arzt rufen?

4. November

5. November 2009 | Elmar Krekeler

14.30. Großraum. Hat schon mal jemand in einer Leberwurst gearbeitet? Oder in Hirnmasse? Wir sitzen hier mitten drin. Zwölf Stockwerk hoch in Hirnmasse. Und bis April wird das so bleiben. Müller-Milch Schoko. Eine Aktion DER Zeitung. Eine ganze Tüte Hüftgold in Dosen. Vollfettmilch, in der man braune Buntstifte aufgelöst hat. Müsste eigentlich auf der Felsnase weiter machen. Hab aber enormen Rückstand bei den Fußnoten. Anlauf nehmen also und 500 Seiten überspringen.
Orin telefoniert immer noch mit Hal. Und sie tauschen sich über die politischen Hintergründe der janzen Gechichte aus. Zitat gefällig? Habts nicht anders gewollt: „Was ist, wenn die separatistischen Nucks ganz genau wissen, dass, wenn die O. N. A. N.-Regierung Kanada als eine ausreichend große Schabe in der Suppe einschätzt, Gentle und die Jungs in Weiß von den Unspezifizierten Diensten sich mit Mexikos vichyfiziertem Marionettenstaat zusammentun und Ottawa so richtig die Daumenschrauben anlegen können?“ etc. pp. usf. usf. Ein Text wie Leberwurst. Und dann wieder ein Satz, den wir demnächst regelmäßig auf Texte anwenden: „Du hattest schon immer große Angst vor Tiefenprüfung.“
Mitten im Telefonat bricht die Verbindung ab und die Fußnoten in den Fußnoten fangen an. a bis l. Von „Fragen Sie nicht“ bis „Die Pro-kanadische Phalanx Calgary“. Was das soll? a!
Es blubbert weiter. Man lernt was über die Volkmann-Kontraktur, die mit Marios Deformation zu tun hat, lernt, dass Mario (das im Text zu erwähnen, hätte den Rahmen gesprengt, sagt DFW) auch noch hyperauxetisch ist „und die zwei- bis dreifache Größe von Kopf- und Gesichtszügen normaler Kobold-bis-hockey-großer Menschen mitbringt“ und ein Homodont ist er auch.
DFW breitet auch eine merkwürdige Theorie des Eschaton-Spiels aus, die „echt interessant ist, wenn man das Interesse dafür mitbringt und was weiß ich“. Bring ich nicht. Dauert gut drei Seiten. Mit Graphik. Dann kommen Wäschekörbe aus geflochtenem Plastik, die Charakteristik von Pemulis als kompromissloser Rache-ist-ein-Kaltgericht-Gourmet“ und die Erfindung eines Fachartikels über den Verrückten Storch: Ursula Emrich-Levine (University of California-Irvine), „Dem Gras beim Wachsen zusehen, während einem mehrmals ein stumpfer Gegenstand über den Schädel gezogen wird: Fragmentierung und Stasis in James O. Incandenzas Witwer, Spaß mit Zähnen, Teezeremonie in der Schwerelosigkeit und Der Ehevertrag von Himmel und Hölle“, Art Cartidge Quarterly Bd. III, Nr. 1-3, Jahr des Perdue-Wunderhuhns“. Das muss einen Höllenspaß gemacht haben, das erfinden. Stasis. Hab das schon mal nachgeschlagen. Müsste man wohl auch drüber dissertieren. Hab ich Alzheimer?
Orin plaudert den ganzen Kunschtmumpitz aus, mit dem El Storko, Er Selbst, die Filmtheoretiker aller Efeuligen dieser Erde aufs Kreuz gelegt hat. Die plemplemoide Erfindung des Drame trouvé. „Die haben ein Telefonbuch von Metro-Boston geholt, aufs Geratewohl eine Seite rausgerissen und an die Wand gepinnt, und dann hat der Storch die von der anderen Seite des Zimmers aus mit einem Darts-Pfeil beworfen. Und der Name, den der Pfeil traf, gab das Thema vom Drame trouvé vor. Und was dem vom Pfeil getroffenen Protagonisten in den nächsten anderthalb Stunden gerade passiert, das ist das Drama.“ Danach wird mit Filmkritikern gefressen, über Neorealismus gelacht. Überflüssig zu sagen, dass keiner sich für das interessiert, was der Protagonist tatsächlicht tut in den neunzig Minuten. Zu sehen ist nüscht. Das aber mit Schmackes.
Ist das schon wieder Schnee da draußen? Wird ja wohl keine gigantische Bulldogge sein, die sich oben auf der Springerei stehend gewaltig schüttelt und frauhollemäßig Schleimflocken rieseln lässt. Igitt. Will wieder nach Schalsingen.

3. November

5. November 2009 | Elmar Krekeler

22.30. Wieder am Wasser. Schuberts letztes Streichquartett. Durchschnittlicher deutscher Rotwein von der Farbe blutunterlaufener Alkoholikeraugen. Traurig hält draußen eine rote Kinderkarre im Laub seine schniefende Nase Richtung Sonnenaufgang. Hoffentlich kommt jetzt was Lustiges. Wenn weiter geprügelt wird, mach ich die Tür auf und geh eine tödliche Runde schwimmen dahinten.
Eine Liste. Technisches Zeug, das DFW nur erfunden hat, um Ulrich Blumenbach zu quälen. Die Arbeit der Zukunft, die halt leider einen leichten Bart hat. Ein Essay über das Fernsehen der Zukunft, das maßgeschneiderte, private. „Eine haltlose, raumlose Welt privaten Schauens. Ein neues tausendjähriges Reich unter Gentle und Lace-Forché.“ Alle wollen alles sehen überall jederzeit, alle können auch überall und jederzeit dabei sein. Da sind wir tatsächlich. Und es regt keinen mehr auf. Insofern tut DFWs gar nicht so unterschwellige Entrüstung ganz gut. So nostalgisch sie einem fast vorkommt. Es kommt zum Metro-Bostoner Teichleeren. Was ein ganz seltsames Schauspiel sein muss. Madame Psychosis wird wieder vermisst. Und es gibt einen fiesen Angriff eines maskierten Rollstuhlfahrers, der wie eine Pistensau auf Skiern einen Hang hinunterstocht und einen Techniker auf die – naja – Hörner nimmt, alles überrollend, was ihm im Weg liegt.
Ein eher traumatesques Teil, das. Nicht lustig. Jetzt wird’s konkreter. Jetzt geht’s ums Essen. 133 Jungs und Mädels in DFWs Hogwarts. So ist es halt in Internaten. Wer pubertäres Großraumessen noch nie mitmachen durfte, der muss das lesen. So isses. Wer schon, wird sich leicht langweilen. Eine Reportasche aus dem Innern der E. T. A. Zauberschule nur ohne Gespenster. Bisher jedenfalls. Mastikationen, wohin man liest (M.: vulgo Kauen). Held des großen Fressens ist Ortho „Der Schatten“ Stice. Weswegen ein neues Kapitel dieses Katalogs der familiären Dysfunktionalitäten aufgeschlagen wird. Schwarzbuch Familie. Nachschlagewerk für alle angehenden Jugendamtsbeamten. Nebenbei entspinnt sich eine Diskussion über Milchprodukte (bei uns wurde immer befürchtet, sie täten uns Hormonabschweller ins Brot). Die Milch kommt aus „ovaloiden Mammärbeuteln“. Bei uns wurde sie in Minitretapaks zu schwindelnden Ablösesummen verhökert. Die lezithinhaltige Schokoladenmagermilch kenn ich aber auch. Schmeckt wie Magermilch, in der man brauen Buntstifte aufgelöst hat. Die E. T. A. ist doch eine Aussenstelle von Hogwarts, Dinge verschwinden in der E. T. A., noch schlimmer: Dinge tauchen auf einmal auf, wie eine kanonenartige Ballmaschine mitten in der Damensauna. Wo sie nun wirklich nicht hingehört. Troeltsch ist, sagt jemand, so blöd, dass er glaubt „Fellatio“ sei eine italienische Oper. Da ist er nicht allein mit seiner Blödheit. Das glauben auch Zweidrittel der bundesrepublikanischen Bevölkerung, wohlmeinend geschätzt. Kyle Colyle fängt einen kurzen Witz an, dessen Pointe drei Seiten weiter geliefert wird. Das Kapitel schnellt in den sexten Gang und ergeht sich über die kaum vorhandene Sexualität der Academiker. Und dann erzählt DFW wie Ortho „Der Schatten“ Stice aussieht und wir versinken wieder ein bisschen tiefer ins Sofa: „Stice gehört zu den Sportlern, deren Körper eine unverdiente Gottesgabe ist, weil er überhaupt nicht zum Gesicht passt. Er ähnelt einem schlecht zusammengeklebten Foto, einer übermenschlichen Pappfigur mit einem Loch für das menschliche Gesicht. Ein herrlicher Sportlerkörper, geschmeidig, konisch, glatt und von muskulöser Eleganz – … -, auf dessen anmutigem Hals das Gesicht eines verwüsteten Winston Churchill sitzt, eine breite Schwartenvisage, dunkel, fleischig, grobporig, mit einer fleckigen Stirn unter dem V-förmigen Haaransatz des Bürstenschnitts, Tränensäcken und Hängebacken, die bei plötzlichen oder schnellen Bewegungen das fleischige Stakkato ines Hundes produzieren, der sich trocken schüttelt“. Bulldogge. Nur schütteln die sich nie trocken. Für die braucht man einen Regenschirm. Weiße Schaumflocken fliegen dann. Wie da gerade da… Ist das Schnee? Ogottogott.

2. November

4. November 2009 | Elmar Krekeler

18.00. Basel Euroairport. Teuerkaffee. Novembriger Nieselregen vor den Fenstern. Kein Flugzeug weit und breit. Vor anderthalb Stunden hätte es losgehen sollen. Jetzt geht noch eine halbe Stunde nix mehr. Zuviele kranke Piloten, heißt es. Der Zwölfkilomann hat Spaß. Immerhin.
Er sitzt in einem Auto. Da ist er immer glücklich. Muss der Genpool sein. Es sieht tatsächlich ein bisschen so aus, wie Gatelys Halbsinner beim Umparken. Draußen in Basel ist es auch mindestens so duster wie drinnen im Buch in Boston. Und irgendwas läuft ganz gewaltig schief vor Ennet House. Lenz entwickelt sich in seiner Bedröhntheit zur olfaktorischen Katastrophe, sein Auge eiert in der Höhle. Den kann man doch nicht mehr an Steuer lassen, der führe wie ein Zwölfkilomann. Gately bleibt nichts übrig. Und ob man Glynns ausgeweideten Käfer auf die andere Straßenseite bekommt, bevor ihn der Abschleppwagen einfängt wie Ernst Jünger seine Krabbler… Alles, was ich je losgelassen habe, hat Krallenspuren. Steht auf Glynns Tür. Sowas kauf ich mir auch. Glaubt mir zwar keiner, hilft aber vielleicht. Doony R. Glynn, mit Divertikulitis im Bett liegend, entspinnt einen voll verpeilten Dialog mit Gately, der bloß die Schlüssel für die Karre, den „Raserati“, „den Kugelporsche, des Doonulators fahrbaren Untersatz“. Da schreits und draußen ist die Hölle los. Die Autos parken wild und ein paar ausländerigen Typen halten die Insassen mit einer Wumme in Schacht. Sie wollen Rache für den geschächteten Köter, den Lenz auf dem Gewissen hat. Wie in Zeitlupe gleitet jetzt alles ins tödlich Chaos. Lenz redeschwallt sich in Gatelys Rücken. Gately weiß nicht, was er tun soll. „Immer beschleunigt und verlangsamt sich alles zugleich.“ Gately bricht mehrere Knochen, wird halb aufgeschlitzt. Der will uns doch nicht von der Fahne gehen, den brauchen wir doch noch. Echt, sehr echt diese PrügeleiMesserstechereiSchießerei. Ein einschlägiges Ballett. Eine Schlägerei alle gegen alle. Es wird gekotzt. Schädel werden gespalten. Der Blutverlust ist nicht gering. So schön hat noch kaum einer übers Zufügen massiver Verletzungen geschrieben. Es wird alles immer noch schlimmer. Früher endete der Tag mit einer Schusswunde. Keiner will die Pullizei rufen, weil sie irgendwie alle Bewährung haben. Ein Wachmann hilft, der ist aber hackedicht. „Ich befehl der gansen Sitatschon sofodd Halt und Cheine Beweung.“ Das hätte Erich Honecker nicht schöner sagn können.
Man weiß nicht, ob man weinen oder lachen soll. Eher weinen. Ist alles so traurig. November. Ich will nach Hause.

1. November

3. November 2009 | Elmar Krekeler

13.30. Über Schalsingen. Der Sommer endet hier. Picknick in den Obstgärten mit Blick auf die Vogesen. Blauer Himmel. Duft von sanft faulenden Birnen. 20, in Worten: Zwanzig Grad in der Sonne. Leiser Wind aus der Provence. Ein leichter Gut… Jetzt hör ich aber auf. In Berlin blasen schließlich alle Trübsal, die ich kenne. Falls jemand übrigens wandern will mit dem Spaß: Er passt auch ins Fach eines Kindertragerucksack. Führt allerdings im Zusammenwirken mit einem kleinen Zwölfkilomann zu üblen roten Streifen auf den Schultern.
Wie komm ich von diesem bukolischen Mittag in die emotionale Kälte von Orin Incandenza? Am besten ansatzlos. Orin liegt mit dem halbschweizer Handmodell, einer fremdgängigen Mutter, im Hotelbett und quält sich maschinell durch die postkoitale Phase. Eigentlich ist der Mann frigide, wenn das Männer sein können. Lustempfangsgestörter Lustspender. „Es verschaffte ihm echte Lust, in dieser Phase den Eindruck von Zuwendung und Intimität zu vermitteln“, nur falsch halt. Echt ist da auch nix. Es klopft und Orin grinst sich eins über die Panik seines „Subjekts“. Ihm ist das wurscht. „Schweizer Hahnreie, heimlichtuerische Gesundheitsattachés aus dem Nahen Osten, mollige Zeitungsjournalistinnen: Er war auf alels gefasst.“ Wie kommt der auf den Gesundheitsattaché? Das ist unter DFWs normalem Niveau. Das Gespräch, das Orin dann mit dem Rollstuhlfahrer hat, der vor der Tür steht und eine Umfrage zu machen vorgibt, während sein Schweizsubjekt versteckt unter der Bettdecke um Luft ringt, ist allerdings nobelpreisverdächtig. Abgefahren (ist das jetzt schon minderheitenophob?).
Hätte ruhig länger sein können. DFW sperrt uns schnell wieder in Ennet House ein. Zu Gately. Wir sehen ihn beim allnächtlichen Beschließen zu. Die Frage, warum das so elend lang dauert, bis die Nacht tatsächlich über das Drogistenseelensilo hereinfällt, muss noch, habs gerade nachgeschlagen, dreißig Seiten auf Beantwortung warten. Irgendwas Finsteres bereitet sich vor. Im Moment allerdings erzählt DFW von einer finsteren Abzocke, auf die auch das Berliner Ordnungsamt hätte kommen können. Vielleicht sollte ich das nicht zu laut schreiben. In Boston, selbst in der Sponsorenzeit noch arm und nicht sehr sexy, dürfen Autos nur auf jeweils einer Straßenseite parken. Und die Straßenseite wechselt punkt 0.00 Uhr. Und punktum 0.01 fallen Streifenwagen und Abschleppdienste über ihre Beute her. Was für Gately bedeutet, dass er die motorisierten seiner sackflöhigen Insassen auf die Straße scheuchen muss.
Viel Spaß. Muss jetzt Schluss machen. Der Zwölfkilomann stolpert, blutigrot vor Marmelade um den Mund, auf meinen Spaß zu, bewaffnet mit Wachsmalstift. „Maln! MAHLN!“ In Bücher malen, darf aber nur ich. Quod licet jovy, non licet… Jetzt red ich schon wie Vatern, furchtbar.

Fight Club

3. November 2009 | Svealena Kutschke

Was ist denn hier los? Wird der Spass plötzlich narrativ? Da spinnen sich doch tatsächlich Fäden durch die sonst so voneinander abgelösten Szenen. Lenz lockt die “Nucks” zum Ennet House und bei Gately rastet das CowboyGen zurück in die Schiene. Zudem wird nun dramaturgisch zugespitzt, so massiv, dass ganz jäh tatsächlich ein echter Pageturner aus dem US wird. Mit Cliffhanger!!! Es könnte jetzt durchs Dach regnen, ich würde weiterlesen. Tatsächlich aber, im Zuge der erlesensten Prügelszene, dich ich je gelesen und bei der Fight Club Lektüre vergeblich gesucht habe, verpasse ich meine Haltestelle und komme zu spät zur Arbeit. Erst beim Cliffhanger (der angeschossene Gately muss ins Haus, kann aber nicht, weil angeschossen) tauche ich wieder auf, da bin ich schon am Savignyplatz.
Außerdem wird der Spass persönlicher. Aus der Vielzahl der Stimmen schält sich ein Ton, der gleichzeitig Bass und Falsett ist. Als lägen Pergamente zwischen den Seiten, auf denen ein ganz ungefilterter Furor tobt.
Es ist alles nicht mehr so mikroskopisch und der Humor, der sich vorher als massives Plateau über den Abgrund gespannt hat, wird brüchiger.

Teddybären

2. November 2009 | Andrea Koehler

Teddybären

Alle sitzen in leicht verschobenen Winkeln zu Hal, der in der vorletzten Reihe drüben an der Wand in sich zusammengesackt ist, aber nach einigem subtilen und beiläufigen Halsverrenken zeigt sich, dass tatsächlich alle diese Mittelschichtmänner, die mindestens in den Dreißigern sind, Teddybären an die Pulloverbrüste drücken – und zwar identische Teddybären, mollig, braun, mit abgespreizten Gliedern und kleinen roten Filzzungen, die ihnen aus den Mündern hängen, als würden sie gerade erwürgt. Der Raum ist jetzt bedrohlich ruhig bis auf die Zischlaute der Heizungsventile und den schluchzenden Kevin, und das Plip von Hals Speichel auf dem Boden des leeren Glases ist lauter, als ihm lieb wäre. Der Nacken des weinenden Mannes wird immer röter, er umklammert seinen Teddy und wiegt sich auf den Pobacken hin und her.

Andrea Köhler, wurde 1957 in Bad Pyrmont geboren. Nach dem Studium der Germanistik und Philosophie in Braunschweig und Freiburg im Breisgau begann sie 1984 als freie Journalistin mit dem Schwerpunkt Literaturkritik. Von 1991 bis 1994 arbeitete sie als Kulturkorrespondentin in Paris. Seit 1995 Feuilletonredaktorin der NZZ mit Zuständigkeit für die deutschsprachige Literatur. Heute lebt sie als Kulturkorrespondentin für die NZZ in New York. Sie ist Mitglied in zahlreichen Jurys. 2003 erste Preisträgerin des Berliner Preises für Literaturkritik.

31. Oktober

2. November 2009 | Elmar Krekeler

23.30. Cabernet mitos, anscheinend noch so ein önologischer Testbetrieb, dunkelschwarz, knapp unterhalb der Schnapsgrenze, ein verschladererter Wein sozusagen. Aber großartig. Noch ein bisschen Zelenka, der war auch ein bisschen verschladerert, aber noch großartiger als der Wein. Familie schläft. Draußen bellt ein Hund gegens Blätterrauschen an. Es ist nachtschwarze Nacht. Schritte. Ein Mann im Mantel.
Ach nee. Der ist im Buch und heißt Randy Lenz. Schon fast vergessen. Jetzt latscht er mit seinen Loafern durch vermülltes Suburbia. Es ist nachtschwarze Nacht. Bruce Green sieht ihn. Folgt ihm. Beobachtet ihn. Sie sind in einem heruntergekommenen Viertel, in dem Musik läuft, die Marsianer in die Flucht schlagen würde. Ukululelehawaiihemdmusik. Das ist noch großartiger als der Wein und der Zelenka. Wie DFW hier zwischen magischer Nachtbeschreibung, Bewegungsbeobachtung und neuem aus der Innenerinnerungwelt des Bruce Green hinundherrast, welchen Zug diese total simple Geschichte bekommt bis zum horrorfilmhaften Nichtaufblitzen des Messers, das Lenz dem gigantischen Hund durch die Kehle zieht. Die Verdichtung von Atmosphäre und Musik. Lenz sagt es etwas, das „wie ,Da hast du’s’ klingt, er stößt den Hund von sich in dne Vorgarten, die Gestalt oben am Fenster gibt einen schrillen Männerlaut von sich, der Hund geht zu Boden und prallt mit dem fleischigen Knirschen eines 32-Kilo-Sacks Mini-Eiswürfel auf die Seite“. Das ist alles nicht nett. Aber eine von diesen finsterbergmadigen Szenen, die einen durchhalten lassen.
Noch 30 Tage.
Randy Lenz läuft weg, verfolgt von einem Montego und berollschuhten Quebecoisnanern. Mario Incandenza eiert herein. Der nachtwandelt, hat seltsamerweise den Kontakt zu Hal verloren und fühlt sich wohl in Ennet House, weil das ganz echt ist. Echt ist auch so eine Kategorie im Spaß, über die man eine Doktorarbeit schreiben könnte. Was Mario in dieser Sequenz aber besonder offenbart, ist seine Begeisterung für Madame Psychosis und ihre Rundfunksendungen. Gerade die frühen, an denen noch was echt war, mit Sachen, die echt sind. Pemulis erzählt, er hätte da eine Idee für einen telefonischen Gebetsservice für Atheisten, wo der Atheist die Nummer anruft und am anderen Ende klingelt es nur endlos. Aber keiner geht ran. Kann keiner lachen in der E. T. A.
Das unendliche Geschehen dieses Tages setzt sich dann tatsächlich in Ennet House fort, wo Gately einen klitzekleinen Einblick in die bürokratischen Aufgaben eines Betreuers in Ennet House gibt, was beweist, dass es da auch nicht besser ist, als einem gottverlassenen kleinen Krankenhaus in Wanne-Eickel. Kate Gompert, erfahren wir immerhin, sitzt wieder tief in ihrem schwarzen Loch, zu dessen Aufhellung nicht unbedingt beiträgt, dass sie Sylvia Plate liest. Steht da so. Kennt Gately wohl nicht. Sonst hätte er der Suizidalen das Buch der Suizidistin weggenommen.
Gately betritt die Frauenabteilung. „Mann im Anmarsch“ muss er rufen. Wenn ich das gleich mache, werde ich mit William Boyds „Einfache Gewitter“ beworfen. Ist zwar leichter als der Spaß, tut aber trotzdem weh. Am Kopf.

Über das Buch

1996 erschien »Infinite Jest« in den USA und machte David Foster Wallace über Nacht zum Superstar der Literaturszene. Vor einem Jahr nahm sich David Foster Wallace das Leben. Sechs Jahre lang hat Ulrich Blumenbach an der Übersetzung von Wallaces Opus magnum gearbeitet, dem größten Übersetzungsprojekt in der Geschichte des Verlags Kiepenheuer & Witsch.
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  • Steffen: Ja tatsächlich tolle Idee und schön umgesetzt. Das ist ein ziemlich vertrackte Stelle im Buch der [...]
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  • Iffland: Vielen Dank, schöner Song, schöne Umsetzung! [...]

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