Traum und Wirklichkeit

25. November 2009 |

Hatte ich in meinen vorhergehenden Beiträgen noch größeres im Sinn, bin ich inzwischen bescheidener geworden. Ich möchte lediglich wissen, warum Hal Incandenza am Ende des Romans, am frühen Morgen des 20. November im Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche, im TP-Raum auf dem Rücken liegt.

Auffallend ist der sparsame Gebrauch des „Ich“. Dieses Personalpronomen ist das erste Wort des Romans und wird von Hal ausgesprochen. Das „Ich“ geht aber schon sehr bald verloren, wenn ich richtig erkenne, in einem Traum, der mit einem „Ich“ beginnt, aber mit einem „Du“ endet: „Du liegst da, wach und fast zwölf, und glaubst mit aller Kraft“ (S. 89-91). Das „Ich“ tritt erst wieder gegen Ende des Romans hervor und zwar ebenfalls in einem Traum (S. 1223). Es ist immer noch das Ich von Hal Incandenza. Wenn es auch nur sparsam in Erscheinung tritt, weist doch vieles auf das „Ich“ hin. Oder auf seinen Verlust. Das Motto der Tennisakademie lautet: „Wer seine Grenzen kennt, hat keine“ (S. 118). Die Mutter von Orin, Hal und Mario, die Moms, erscheint im familiären Sprachgebrauch nur im Plural, der Vater wird von seinen Kindern „Er Selbst“ genannt. Hal sagt von sich „Ich bin hier drin“. Eine Formulierung, die das „Ich“ nicht als eine umfassende Einheit beschreibt, sondern als Käfig. Ebenso wie Kate Gombert die, nach unzähligen Suizidversuchen, zutiefst in ihrer Verzweiflung versunken, dem Psychiater gegenüber formuliert: „Holt mich hier raus“ (S.114). Ich sehe auf Anhieb keine einzige Stelle in diesem Roman, an der das Ich unproblematisch erscheint.

Hal Incandenza muss am 11. November unter den Augen von Helen Steeply gegen Ortho Stice („Der Schatten“) spielen und entgeht nur haarscharf einer Niederlage. „Du bist einfach nie ganz da gewesen“ (S. 986) analysiert Aubrey deLint später das Match zwischen den beiden Kontrahenten, was Hal „bis ins Mark frösteln“ lässt. Ein verlorenes Spiel, ein schlechter Tag oder dass einer mal nicht ganz da und nicht auf der Höhe seiner gewöhnlichen Fertigkeiten und Fähigkeiten ist, all dies würde einen nicht bis ins Mark frösteln lassen. Eine solche Formulierung ist nur angebracht, wenn etwas anderes auf dem Spiel steht als die Platzierung, das Ranking im Kader der E.T.A. Wenn es um das Mark geht, dann geht es um den Kern der Sache. Dieser Kern ist die eigene Existenz und das eigene Selbstverständnis.

Am selben Abend spricht sein Bruder Mario mit der Moms über Traurigkeit. Das Gespräch endet mit der Frage, ob ein Mensch in der Traurigkeit mehr oder weniger ist als er selbst. Die Moms fragt Mario, wer denn eigentlich traurig ist. Mario gibt auch auf die mehrfache Wiederholung dieser Frage keine Antwort. Diese Person ist offenbar nicht benennbar. In der Nacht darauf wacht Hal aus einem Alptraum auf und spricht mit seinem Bruder Mario und der sagt, als er über die Beleuchtungsverhältnisse im Zimmer spricht, zu Hal “Wenn du auf dem Rücken liegst, hast du keinen Schatten“ (S. 1122). Am Morgen des 20. November macht Hal genau das: Er entledigt sich der Bedrohung durch Ortho Stice, der kaum je genannt wird, ohne dass sein Beiname „Der Schatten“ fällt, indem er sich auf den Rücken legt. Stice ist unter Hal gelistet. Aber er will auf ein höheres Niveau, der will aufsteigen. Der will das so sehr, dass er den Eindruck hat, sein Bett steige nachts an die Decke. Zum Aufstieg des einen gehört in jeder Tabelle notwendigerweise der Abstieg eines anderen. Als Coyle Hal davon berichtet, dass der Schatten mit übernatürlichen Dingen experimentiere, um das Niveau seines Spiels anzuheben, sagt er „er will seinem Spiel helfen“. Hal retourniert „Oder dem eines anderen schaden“ (S. 1354).

Aus dieser Perspektive wird auch das Credo Lyles verständlich, nichts zu heben, was das eigene Gewicht übersteigt. Sich nichts zuzumuten, was das eigene Selbst und die eigenen Fähigkeiten übersteigt. Das geringste Zusatzgewicht, könnte einen Menschen an die Grenzen seiner Fähigkeiten bringen. Beispielsweise das eigene Gewicht zu heben und einen Stuhl. Ortho Stice verhebt sich genau daran. Das sind nicht drei oder vier Kilo zu viel, ein Niveau, das er mit Training sicher erreichen könnte. Das liegt vielmehr jenseits aller seiner Möglichkeiten. Stice kann sich selbst, auf einem Stuhl stehend, nicht hochheben. Das kann nicht einmal der Guru Lyle. Der hebt auch nur sein eigenes Gewicht, wenn er im Kraftraum einen Zentimeter über dem Boden schwebt.

Am frühen Morgen des 20. November entdeckt Hal den mit der Stirne an der Fensterscheibe festgefrorenen Stice, kann ihn aber nicht losreißen und legt sich später, nachdem er die Hausmeister verständigt hat, in einem Raum mit TP-Bildschirm auf den Rücken und verharrt in dieser Position. Zu diesem Zeitpunkt, gegen Ende des Buches, das chronologisch seinem Anfang vorhergeht, befindet Hal Incandenza sich nach einem langen Weg durch seine Kindheit, an der Schwelle des Erwachsenwerdens; an einer Schwelle, wo er sich nach seinem eigenen Anfang fragt und danach wie es mit ihm weitergeht. Der Rauschgiftsüchtige steckt bis über beide Ohren im Entzug, der für Wallace’ Verhältnisse, wenn man es mit dem von Poor Tony Krause (PTK) vergleicht, sehr moderat beschrieben wird. Ihm ist nicht klar, wie es weitergeht in seinem Leben, ob er den Entzug physisch und psychisch durchsteht und ob sein Körper dann soweit entgiftet ist, dass er den Urintest vor dem entscheidenden WhataBurger besteht. Sollten ihm die Urologen Manipulationen und Doping nachweisen können, stünde seine Zukunft auf dem Spiel: das Tennispiel und die Universität im darauffolgenden Jahr. Von der enormen Begabung, die wir auf den ersten Seiten präsentiert bekommen haben, wo er bei der Aufnahmeprüfung zur Universität über das Verhältnis von Camus zu Kierkegaard philosophiert und Hegels Auffassung von Transzendenz, ist zu diesem Zeitpunkt, wie überhaupt im Verlauf des Textes, wenig zu spüren. Nirgends wird berichtet, wie Hal nächtelang über Büchern sitzt und er macht auch nur eine sehr übersichtliche Anzahl extrem kluger Bemerkungen, die ein extrem kluger Mensch nun einmal machen muss, damit er von den anderen als solcher erkannt wird. Der Verschlinger von Wörterbüchern, das Kind zweier hochbegabter und ebenso hochproblematischer Eltern, liegt auf dem Boden und scheint gleichgültig, indifferent und für andere kaum noch ansprechbar.

Er hat Schwierigkeiten mit Beschreibungen, er sucht nach Worten, er ist sich seiner Situation auch bewusst: „Es hatte Zeiten gegeben, wo mir solche Daten unverzüglich zur Verfügung gestanden hätten“ (S. 1368). Er versucht sich zu erinnern. Er sucht nach einer Beschreibung dafür, wie er das auf seiner Brust stehende Glas wahrnimmt und entscheidet sich dann für „perspektivisch verkürzt“. Wie Erinnerungen nun einmal so sind. Er kann sich nicht erinnern wo ein bestimmtes Fries geblieben ist. Aber er kann sich erinnern, dass es einen Imperator mit „hyperanämischem Glied“ darstellte. Er erinnert sich auch an einen „beschlagenen Badezimmerspiegel, aus dessen Scheibe ein Messer vorstand“ (S.1366). Die phallische Komponente ist nicht zu übersehen. Er denkt an Sex. Aber nicht an den eigenen Sex, nicht an sich selbst beim Sex. Durch Orin abgeschreckt, der „genug Begattungsclownerien produziert“ (S. 914) scheint er sich eher für byzantinische Erotika zu interessieren. Er denkt an seine Mutter beim Sex. Zuerst mit seinem Vater, was Kindern, auch hochbegabten, in der Regel nicht gelingt. Dann wandelt er das ab, die Moms hat Sex mit anderen Männern, mit C.T., ihrem eigenen Halbbruder, was bei Hal erstaunlicherweise keinerlei Widerspruch oder Ekel hervorruft. Er zählt eine beeindruckende Liste an Liebhabern auf. Andernorts heißt es über Avril, sie hätte alles gevögelt was ein Y-Chromosom hatte (S. 1136), es ist die Rede von mehr als 30 Gesundheitsattachés (S. 46) und Molly Notkin äußert in ihrer Vernehmung sogar, dass Avril Sex mit dem eigenen Sohn Orin hatte (S. 1141). Das hat nicht nur nymphomane, das hat perverse Züge. Hal jedoch stellt sich all diese Rendezvous, selbst jene mit seinem Klassenkollegen John Wayne, rein organologisch vor. Sie „waren vor allem eine Frage von Athletik und Flexibilität, verschiedene Anordnungen von Gliedmaßen, und die Stimmung war eher eine der Kooperation als der Komplizen- oder Leidenschaft“ (S. 1375). Das scheinen mir nicht nur die Auswirkungen des Entzugs zu sein, er banalisiert vielmehr. „Sie lehnt sich an vier Kissen, halb sitzt sie also, halb liegt sie auf dem Rücken, und starrt reglos und blass nach oben. Wayne, schlank, mit braunen Gliedern und weichen Muskeln, liegt ebenfalls völlig reglos auf ihr, den ungebräunten Hintern in der Luft, das leere, schmale Gesicht zwischen ihren Brüsten, blinzelt nicht und hat wie eine betäubte Eidechse die Zunge rausgestreckt. So verharren sie“ (S. 1376). Sie bewegen sich nicht, also auch nicht die typische Bewegung, die man in so einer Szene erwarten könnte. Die Situation wird von Hal beschrieben, aber nicht emotional erlebt. Er liegt, wie seine Mutter beim Sex mit dem Klassenkollegen, auf dem Rücken, dieselbe Teilnahmslosigkeit und dieselbe Passivität.

Nacheinander stecken einige Klassenkollegen den Kopf durch die Türe, verschwinden aber schnell wieder, da Hal nicht reagiert. Schließlich erscheint der Freund Pemulis, der dringend reden will. Hal reagiert auch auf ihn nicht. Der Freund bedeutet ihm nichts, ja, selbst das Tennisspiel bedeutet ihm nichts mehr. Pemulis, der aufgrund seiner Scherze nicht sehr beliebt ist (womöglich auch aufgrund seiner sozialen Herkunft), der auch das Niveau nicht mehr halten kann, auf dem die meisten Spieler der Eta angelangt sind; Pemulis wurde als Verantwortlicher des Eschaton-Debakels identifiziert. Er sucht daraufhin Dr. Avril Incandenza auf und erwischt sie mit John Wayne in einer, wie man so schön sagt, kompromittierenden Situation. Offenbar versucht er später, sie damit zu erpressen. Wayne bedient sich in Pemulis Zimmer an Medikamenten, erwischt aber ein Drogenversteck. Und was er da zu sich nimmt, haut Wayne komplett aus den Schuhen. Dieser Drogenbesitz dient als Grund für Pemulis’ Rausschmiss. Daraufhin beeinflusst er den Urologen der O.N.A.N.T.A. die Urintests um 30 Tage aufzuschieben. Er rettet damit nicht seinen eigenen Hals, sondern den seines Freundes. Hal würde den Urintest nicht bestehen. Als Dank will Pemulis wahrscheinlich nun, dass Hal sich bei seiner Mutter für ihn einsetzt. Der weiß genau, dass das Verhältnis zur Mutter unrettbar zerstört würde, wenn die herausbekäme, dass ihr Sohn Drogen nimmt, bzw. dass er es heimlich tut. Pemulis will Incster oder Halster, wie er den Freund nennt, also erpressen. Möglicherweise hat er das auch bereits zuvor getan, da der ja von dem Verhältnis seiner Mutter mit Wayne weiß. Aber Hal reagiert nicht. Er bleibt einfach auf dem Rücken liegen. Er ist in einem indifferenten Zustand, er wirkt sogar auf andere ausgelassen und fröhlich. Obwohl er sich nicht so fühlt. Äußeres und Inneres lassen sich nicht zur Deckung bringen. Das Äußere ist nicht der Ausdruck seines Inneren. Diese Unsicherheit, diese Unverfügbarkeit seiner Mimik, dem Bild, das er bei anderen hinterlässt und hervorruft, scheint ihn bis in die Gegenwart hinein zu betreffen. Im ersten Kapitel, bei der Aufnahmeprüfung an der Uni, schneidet er offenbar Grimassen.

Auf dem Rücken liegt auch Gately. Auch er schaut, soweit bei Bewusstsein, an die Decke oder in die Vergangenheit, wobei letzteres offenbar weniger Bewusstsein erfordert. Er erinnert sich, genau wie Hal, an seine Kindheit, seine Mutter und an seine Mutter beim Sex. Auch dieser Sex ist größtenteils pervers: sie wird von Ihrem Liebhaber verprügelt. Auch hier stecken verschiedene Leute den Kopf durch die Türe. Und wie der Schatten im Flur der E.T.A. festklebt, klebt auch hier jemand vor seinem Zimmer auf dem Flur, den Gately nicht sehen kann. Gately sagt, genau wie Hal, ausgesprochen wenig. Von daher kann man zu diesem Zeitpunkt von einer parallelen Konstruktion, von einer isomorphen Anlage der beiden Erzählstränge ausgehen. Und doch befindet Gately sich in einer ganz anderen Situation. Nach der Schussverletzung liegt er im Fieberwahn im Krankenhaus. Er spricht nicht, weil er intubiert ist. Die beiden Personenkonstellationen unterscheiden sich in der Akzentuierung der Freundschaft. Fackelmann wie Pemulis sind Verräter. Während Hal Pemulis alleine lässt, bleibt Gately bei seinem Freund Fackelmann, der wie dieser ein Verbrecher ist, ein drogenabhängiger Schläger und durchaus nicht das, was man sich landläufig unter dem Begriff Freund so vorstellt. Freundschaft unter Drogensüchtigen ist sicher ein spezielles Kapitel im Buch der Freundschaft, aber Freundschaft unter Konkurrenten ebenfalls. Hal lässt Pemulis im Stich und das macht Gately mit seinem Freund nicht. Möglicherweise flüchtet Gately in der entscheidenden Situation nur deshalb nicht, weil Fackelmann Drogen besitzt und sein eigenes „Bedürfnisschema“ den Gedanken an Flucht gar nicht erst aufkommen lässt. Aus welchen Gründen Gately etwas tut oder etwas anderes unterlässt, er bleibt jedenfalls bei ihm.

Gately liegt im Krankenhaus und träumt im Fieberwahn. Er träumt Dinge, die er eigentlich nicht sollte träumen können. Er träumt den Film „Unendlicher Spaß“ mit Joelle van Dyne. Dabei kann er diesen Film nicht kennen. Die wenigen, die ihn bislang gesehen haben, sind nicht mehr in der Lage irgendetwas darüber zu erzählen. Es ist auch nicht davon auszugehen, dass Joelle Gately davon erzählt hat. Erstaunlich ist, dass er sich den Film so erträumt, wie Molly Notkin, die Freundin Joelles, ihn den Agenten im Verhör erzählt. Und noch erstaunlicher ist, dass er den Traum offenbar ohne große Schäden übersteht. Entweder war das nicht der Film „Unendlicher Spaß“ von James Incandenza oder der Film ist einfach genauso fragwürdig wie seine anderen Filme auch. Dennoch gibt es ja die, die ihn gesehen haben und die danach gelähmt waren.

Zu Beginn des Romans, nach der unglücklichen Visitation an der Universität die zu seiner Fixierung auf der Toilette führt, sagt Hal „Ich denke an John N. V. Wayne, der dieses Jahr das WhataBurger’s gewonnen hätte und der maskiert Schmiere stand, als Donald Gately und ich den Schädel meines Vaters exhumierten“ (S. 27). Was dabei herausgekommen ist, wird nicht gesagt. Jahre zuvor sitzt der zehnjährige Hal beim angeblichen Psychiater, um seine Hochbegabung untersuchen zu lassen. Dieser Mann behauptet, dass das Original dieses Films, die Patrone “in das anaplastische Zerebrum deines eigenen überragenden Vaters implantiert wurde“ (S. 47). Der Vater ist nach seiner letzten Entgiftung und dem finalen Schnitt des Films für einige Zeit verschwunden. Seither wurde die Originalpatrone des Films nicht mehr gesehen. Hat er sie sich womöglich in den Kopf implantieren lassen? Das würde erklären, warum er, um sich umzubringen, diesen Kopf in die Mikrowelle steckt: um die Patrone mit dem Film restlos zu zerstören. Warum aber wird dann der Schädel exhumiert, wenn dieser Kopf doch, nach Aussage Hals, der seinen Vater gefunden hat, in der gesamten Küche verteilt gewesen sein soll?

Gegen diese Deutung spricht, dass Hal und Gately sich ja gar nicht kennen. Allerdings könnten Sie sich noch kennenlernen: zwischen dem Ende des Romans, da Hal siebzehn ist, und seinem Anfang, da er bereits achtzehn ist, liegen einige Monate. Vollends absurd aber wird es, als Gately genau dasselbe träumt wie Hal: zu einem Zeitpunkt, da die beiden sich noch gar nicht kennen können, als er noch im Krankenhaus liegt. In Gatelys Traum sind die Anklänge an Hamlet und die Friedhofsszene mit dem Hofnarren Yorick deutlich. Hier wird auch auf den Mythos der Medusa und ihre Enthauptung angespielt, und auf Joelle. Der „traurige Junge“ in dem Traum (S. 1342) kann nur Hal (Hamlet) sein. Mario hatte der Moms den Namen der traurigen Person nicht genannt, aber es weist alles auf Hal hin. Gately ist ganz sicher in seiner schulischen Karriere nicht so weit vorgedrungen, dass es zu einer Auseinandersetzung mit Shakespeare gekommen wäre. Ebenso wenig dürfe ihm der Mythos der Medusa bekannt sein. Wie kann er so etwas träumen?

Gegen Ende des Romans tritt die Wirklichkeit zugunsten anderer Alternativen immer weiter zurück, es wird erinnert, phantasiert, geträumt, gekokst und entzogen. Auch Orin träumt von einer Dekapitation, der seiner Mutter: „Er hat das schreckliche Gefühl, untergetaucht zu werden … Nach einer Weile befreit sich der Traum-Orin aus diesem optischen Ersticken, nur um festzustellen, dass der Kopf seiner Mutter, Mrs Avril M. T. Incandenza, der abgetrennte Kopf der Moms Auge in Auge mit seinem eigenen wohlgeformten Haupt verbunden … immer starrt er seiner Mutter aufs, ins und irgendwie auch durchs Gesicht … Im Traum ist es verständlicherweise lebenswichtig, dass Orin die phylakteriale Verbindung seines Kopfes mit dem köperlosen Kopf seiner Mutter kappt“ (S. 69). Hier treten ebenfalls die Mythologeme der Medusa und des Narziss hervor, der eigene Kopf und der des Gegenüber: das Verhältnis von „Ich“ und „Du“. Man sieht in das Gesicht des anderen hinein (hier ist die deutsche Sprache ausnahmsweise etwas ungenau: man sieht nicht hinein, man sieht darauf) und auch irgendwie hindurch. Was ich im Zusammenhang mit Penthesilea darzustellen versucht habe: das „Ich“, das wir nur als ein Bild von uns selbst begreifen können, entsteht anhand eines Gegenübers, es entsteht durch ein „Du“.

Was ist hier, gegen Ende des Romans, eigentlich los? Das ist keine einfach zu beantwortende Frage. Ich würde sagen: Es ist das sich um sich selbst drehende Mobile, von dem ich in meinem ersten Beitrag gesprochen habe. Es liegen hier verschiedene Erzählpartikel, Mobileteile, übereinander, die transparent sind. Wallace experimentiert hier mit Optik und mit Perspektiven. Die einzelnen Geschichten, die Erzählmomente werden übereinander geblendet, wie in einem Hologramm, bei dem verschiedene Schichten übereinander liegen und ein neues Bild ergeben. Wie in einem Traum. Träume werden auch als Schatten bezeichnet. Sie haben kein physikalisches, aber sie haben ihr spezielles, eigenes Gewicht: „Du liegst da, wach … und glaubst mit aller Kraft“. Dinge können gleichzeitig geschehen, sie können jedoch nur nacheinander erzählt werden. Diese Herrschaft der Zeit (das chronos logos, die vernünftige zeitliche Abfolge, das geordnete Nacheinander), die temporäre Ordnung hat im Traum keine Macht mehr. Der Mythos, die Enthauptung der Medusa, der Schädel von Hamlets Vater, der Kopf von Hals Vater, der Film und seine verschiedenen Varianten, die Trennung der phylakterialen Verbindung zwischen Mutter und Kind, die individuellen Geschichten der Personen, das alles blendet Wallace übereinander. Sodass selbst eine Person wie Lyle, der Guru der E.T.A., der weise Dinge äußert, wie „Die Wahrheit macht dich frei! Aber vorher macht sie dich fertig“ nicht nur er selbst zu sein scheint und in sich ruhend. Er scheint mehr zu sein als nur er selbst. Gately erinnert sich im Krankenhaus an einen Kerl namens Lenny, der genau diese Worte gesagt hat (S. 1398). Die Ebenen von Zeit und Wirklichkeit werden übereinander gelegt, sodass Menschen Dinge träumen und erleben, die sie objektiv betrachtet nicht hätten erleben können. Dabei ist es nur eine Art Unsicherheit oder Ungenauigkeit: Das Übereinanderliegen verschiedener, unter streng rationalen Bedingungen nicht kompatibler Ebenen.

In diese Überblendung spielt auch der Film „Unendlicher Spaß“ hinein. Der erzählt offenbar auch einen Mythos: den Mythos von der Mutter. Das erste Gegenüber eines Babys. Nach Aussage Molly Notkins sei der Film, außer dass er „ein Eintopf depressiver Spitzfindigkeiten gewesen sei, die von protziger Kamera-Artistik und perspektivischer Neuartigkeit zusammen gehalten“ wurden (S. 1135), offenbar nicht beeindruckend. Zu dieser technischen Seite sagt Joelle, dass das Objektiv, mit dem er aufgenommen wurde, ein „Okular-Schwabbel“ gewesen sei, welches den Blick eines Babys auf seine Mutter imitieren solle. „Ich weiß nur, dass ihr Sehvermögen etwas Schwabbeliges und Komisches haben soll. Ich glaube, je neuer sie geboren sind desto schwabbeliger. Und dann noch so eine milchige Verschwommenheit. Nystagmus bei Neugeborenen“ (S. 1350). Über ihren Filmpartner – von dem wir hier, soweit ich sehe, zum ersten Mal hören, bisher war lediglich von Joelle als Hauptdarstellerin die Rede – sagt sie „Hermaphroditisch. Androgyn. Die Figur sollte nicht eindeutig als männlich zu erkennen sein“ (S. 1348).

Fackelmann werden die Augenlieder an die Stirne genäht und dann wird er in eine Art Spiegelkabinett gesperrt, das alles vervielfältigt, was er in den letzten Momenten seines Lebens zu sehen bekommt. Er sieht alles. Auch Gately sieht unter Drogeneinfluss alles, er „bekam in fast unerträglicher Schärfe eine Rundumansicht des ganzen Zimmers“ (S. 1409). Und verblüffenderweise, neben den vielen seltsamen Figuren, die da auf den letzten Seiten noch auftauchen, ein Kuriositätenkabinett das seinesgleichen sucht, „dämmert es ihm (Gately) dass die Frauen in Mänteln und Schlampenstrumpfhosen in Wirklichkeit als Frauen verkleidete Tunten waren, also quasi Transvestalinnen“ (S. 1404). Da gehen nicht nur die Geschlechter, sondern auch die Bezeichnungen durcheinander. Das sind nicht, wie Gately meint, („also quasi“) „als Frauen verkleidete Tunten“. Vielmehr sind Tunten Männer, die sich als Frauen verkleiden (und streng genommen verkleiden sie sich auch nicht). Heißen Männer, die umgangssprachlich als Tunten bezeichnet werden, nicht eigentlich Transvestiten (im männlichen Genus und nicht im weiblichen, also nicht Transvestitinnen und auch nicht Transvestalinnen?)? Hier geht’s offenbar richtig durcheinander (auch bei mir!).

Warum macht DFW das? In meinem ersten Beitrag über Chaos und Kosmos habe ich von Form gesprochen und behauptet, dass lediglich das Nichts und das Alles keine Form haben. Jetzt fällt mir auf, dass es noch ein Drittes ohne Form gibt, sozusagen der Oberbegriff von Nichts und Alles: die Ununterscheidbarkeit! DFW sammelt auf den letzten Seiten mittels Technik, Schwabbel-Objektiv und Überblendung von Mobileteilchen, solche Ununterscheidbarkeiten. Eine der grundlegendsten Unterscheidungen, die zwischen Mann und Frau, können wir hier nicht mehr einwandfrei vornehmen. Die Medusa fesselt durch Faszination und Entsetzen gleichermaßen. Das abgeschlagene Haupt hat in vielen Darstellungen sowohl männliche als auch weibliche Attribute. Auf den letzten Metern dieses Marathons ist nun von Androgynität, Hermaphroditen, Tunten und Transvestalinnen die Rede. Die Indifferenz von Hals Gesichtszügen während des Entzugs, die fehlende Übereinstimmung von Innen und Außen, weist bereits auf die große Indifferenz am Ende des Buches hin: auf ein Traum und Wirklichkeit transformierendes, transzendierendes und transvestierendes Element.

Der letzte Satz dieses Romans gehört Gately, nachdem ihm auf dieser Tuntenparty, wo Fackelmann seinem Tod ins Auge schauen muss und Gately „pharmazeutisch reines Sunshine“ in die Venen gespritzt wird: „Und als er wieder zu sich kam, lag er flach auf dem Rücken am Strand im eiskalten Sand, aus einem niedrig hängenden Himmel regnete es, und draußen war Ebbe.“ Der Bruch zu den vorhergehenden Seiten könnte kaum größer sein. Wir haben hier eine der wenigen schönen Naturbeschreibungen in diesem Buch. Man ist fast geneigt, sich zurückzulehnen und es gut sein zu lassen. Da hat DFW uns ja ein schönes Ende präsentiert. Da liegt (mal wieder) einer auf dem Rücken und lässt es sich (zum ersten Mal) gutgehen. Man könnte sich bei diesem Satz jetzt erholen, von den unzähligen Schweinereien und Zumutungen in diesem Buch, von all den Drogen und Behinderten und Toten. Aber die furchtbarste aller Zumutungen steckt gerade in diesem Satz: Gately erwacht am Strand. Er kommt zu sich. Aber in welcher Ebene der Wirklichkeit kommt er zu sich? Er liegt im Krankenhaus und phantasiert im Fieberwahn. Wenn er hier zu sich kommt, erwacht er wahrscheinlich im Krankenhausbett. Er erinnert sich im Fieber an die Tuntenparty und daran, dass ihm jemand sunshine spritzt. Ist der Strand lediglich die Wirkung dieser Droge? Bedeutet das, dass er an dieser Droge stirbt? Oder ist der Strand ein Zeichen, dass die Wirkung der Droge nachlässt, nicht sunshine, sondern Regen? Oder ist dieses Zu-sich-kommen genau das, was ein Zuschauer verspürt, wenn er den Film „Unendlicher Spaß“ sieht? Ist vielleicht gerade dies der Reiz dieses Films? Ist dies das metaphysische Testament dieses Romans: wir sind nicht bei uns, wir kommen erst zu uns? Deswegen dieser sparsame Gebrauch des „Ich“? Und dieses Zu-sich-kommen ist nicht Folge des Bewusstseins, eines gesteigerten, sensibilisierten Selbst-Bewusstseins, sondern hat eher etwas mit Optik und mit Perspektive zu tun. Ist das vorgeblich romantische Erwachen am Strand vielleicht kein Erwachen, sondern ein Sterben? Oder stirbt Gately im Fieber an der Schussverletzung? Wir können das nicht entscheiden.

Ich war nahezu 1500 Seiten lang begeistert, vom Ende war ich irritiert. Nachdem ich mir das allerdings schön geredet habe (alles, bis auf den letzten Satz), kann ich zumindest mit dem Ende umgehen. Mein Kritikpunkt betrifft in erster Linie das Übergewicht des einen Erzählstranges um Gately, und das Verschwinden vieler anderer. Das Ende Orins bedarf gerade mal einer Seite. Auch Joelle verschwindet nach einem ziemlich lauen Interview durch irgendeinen Geheimdienst mit wenigen Worten aus dem Buch: „Jetzt war sie nur noch eine kreidebleiche Version ihres normalen Selbst“ (S. 1376). Nach allem möchte man doch gerne ein bisschen mehr wissen, als dass die am schwersten zu durchschauende Person des Buches – aufgrund des Schleiers – nur noch die bleiche Version ihres Selbst ist. Verwunderlich dass, wer immer sie da verhört, er offenbar keinerlei Versuchung verspürt, ihr den Schleier abzunehmen und sie anzuschauen. Alle anderen Erzählfäden versacken und versanden. Das mindert aber nicht die Eloquenz, über die dieser Schriftsteller verfügt. David Foster Wallace kann ungeheuer viel. Der kann Sachen, die man nicht können dürfte, der kann mit schlechtem Deutsch gute Sätze schreiben!

Ich muss mich verabschieden. Machen wir‘s kurz: Adieu Otis P. Lord. Adieu auch Lateral Alice Moore, U.S.S. Milicent Kent (U.S.S.M.K.). Adieu Ann Kittenplan, Trevor „Axtstiel“ Axford, Jim Troelsch, Michael Pemulis, Ortho Stice („Der Schatten“), dessen größter Teil seiner Stirn am Fenster der E.T.A. festgefroren ist, Todd Possalwhite (Possenzeit) LaMont Chu, und natürlich Mario, die vielleicht einzig durchweg sympathische Figur dieses Buches, der einzige, der einen unverstellten Zugang zu den eigenen Emotionen zu haben scheint, die einzig echte Figur. Obwohl es jemanden gibt, der noch echter ist: die „bierglasgroße“ Tina Echt, die sechs oder sieben ist, bei dem Aufnahmegespräch an der E.T.A. einen Heulkrampf kriegt und bereits zur Elite ihrer Altersklasse zählt. Adieu an alle Anonymen Alkoholiker und Narkotiker, und an die unzähligen “endfertig abgekackten Vollflopper“. Adieu auch Don Gately, genannt GUN (Großer Unzerstörbarer Nullchecker). Ein besonderes Adieu an Joelle, von der wir noch immer nicht wissen wie sie eigentlich aussieht. Aber wir wissen immerhin, dass sie gut riecht. Adieu auch an Guido Graf und ein herzliches Dankeschön für die Betreuung!

Damit könnte ich jetzt aufhören. Kann ich aber nicht. Ich muss noch einmal zum Anfang zurück. Ich habe mit der Form dieses Romans angefangen. Und mit der Behauptung, dass ich affirmativ lese. Dann sind meine Überlegungen von der Form zum Inhalt gewechselt, durch die eine oder andere Geschichte im Unendlichen Spaß fasziniert und auch abgelenkt, durch Personen, Namen und Worte, Spannungsbögen und Schauermärchen bin ich hierhin gekommen und dorthin, und über alldem bin ich womöglich in die falsche Richtung gegangen. Jetzt stehe ich am Ende und denke an den Anfang. Und ich bemerke, dass mein Thema vielleicht doch nicht der Inhalt war, der ja, wenn das Buch sich wenigstens halbwegs an die Konventionen hält, zwischen Anfang und Ende zu finden ist. Ja, dass mein Thema nicht einmal die Form war. Mein Thema war, was bestimmt irgendeiner längst vergessenen und völlig obskuren Erzähltheorie zufolge genau zwischen Form auf der einen und Inhalt auf der anderen Seite liegt, mein Thema war die Farbe. Wie ich eingangs eingestanden habe, musste ich zweimal die Segel streichen. Beide Male, wie Segel nun einmal sind, in Weiß natürlich. Affirmativ Weiß. Affirmativ kosmisch-chaotisches Weltraumweiß, Weltinnenraumweiß. Was sich auf das Schönste mit dem Äußeren dieses Ziegelsteins deckt, dieses Infinitums, dieses Dingsdas, dieses Romans. Oder was immer das eigentlich sein soll.

23 Kommentare zu Traum und Wirklichkeit

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Stephan Bender

25. November, 2009 um 20:03

Tja, dann Tschüss, Alea Torik!

Auch diese Einlassung war einsame Klasse. Es gibt wenige Menschen, die so schreiben können, dass man ihnen beim Denken zuschauen kann. Und es tut gut, dass da draußen noch Leute sind, die einem durchaus das Wasser reichen können. Die Betrachtungen sind auch im Sinne der Synästhesie hochinteressant.

Dennoch: Das Thema ist nicht die Farbe, sondern warum Farbe eine so große Rolle im Leben spielt. Warum die Musik das tut, das Tennis, der Sport, die Drogen, die Unterhaltungspatrone ebenso bis hin zu der Tatsache, warum einige Schicksale nicht am seidenen Faden, sondern am Urintest hängen. Oder am Notendurchschnitt… Oder an der sexuellen Ausrichtung von transitiven Multilibidonösen…

Warum spielt der Mensch nicht mehr die Hauptrolle im Leben eines Menschen? Hat er ausgedient? Ist er erforscht? Ist die Liebe wirklich nur noch eine Ansammlung von genau dosierten Hormonen, die der Mensch zu steuern hat? Eine Art Unfall? Ist die neurotische Beschäftigung mit sich selbst nicht auch eine Art intellektueller Inzest? Kann es vielleicht sein, dass wenn man von chrakterlosen Maschinenmenschen regiert wird, der Darwinismus und der Kapitalismus eine unheilvolle Allianz eingegangen sind?

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NO

26. November, 2009 um 00:33

Sinnerman……….“I said: rock! What’s the matter with you, rock? Don’t you see I need you, rock?……….

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Christian Wiegold

26. November, 2009 um 12:28

Liebe Frau Torik,
hoffentlich tragen Sie mir die Mißverständnisse vom letzten Mal nicht nach, diese meta-statische Überleitung von gestern. Sie haben in ihrem Beitrag glänzend und voller Neigungswillen wieder einmal zentrale Gegensätze benannt, von denen das Buch US fast heilig umspielt wird. Neugier ist da nur eine Reaktion unter vielen möglichen. Wieso liegt Hal auf dem Rücken? Wer träumt, der liegt zwar nicht immer auf dem Rücken, aber auf jeden Fall derjenige, der sich schleichend und paraliptisch für eine Käfer hält. Mir scheint diese Stelle ultra-zentral, also szepanskisch dezentral in der Mitte, also als Überhöhung des Bewußtseins, eben nicht da zu sein, wo man dem Traum nach vielleicht gerne wäre, wenn Traum nicht zugleich Realität bedeutete. Hal, das ist wohl nicht zuviel gesagt, liegt eben deswegen auf dem Rücken, weil er sieht. Oder besser: er sieht nicht. Aber darin sieht er klar. Er liegt auf dem Rücken, aber es kommt keine Moms, an deren Hand er sich klammern kann, jene Moms, deren Anspruchskontrolle ihn erst dahin gebracht hat, dass er Traum mit Realität verwechselt, bzw. real so viel leisten will, dass er es nicht mal im Traum schaffen kann, er sehnt sich also, gleich einer Ente als Braten in der Röhre seiner eigenen Mutter dorthin, wo Leistung noch Nahrung war, und nicht der Effekt des Hungers, welchen er kaum noch fühlt. Sie schreiben »Traum ist verschleierte Wirklichkeit, wo Enthüllung nicht an die Realität mehr heranlangt.« In ihrem Ringen um Gegensätze, im Tasten und Suchen nach der Bedeutung gleichen sie dabei natürlich lacananisch Gately und Hal, die im Traum das semantische, aber unerreichbare Glied ihrer Mutter suchen, also Bedeutung stiften wollen, wo es nur Chaos gibt, allerdings leider ein Chaos, das sich kosmotisch gibt, aber weiterdenkt. Hal liegt auf dem Rücken, weil er anders ist. Anders als wir, anders als die anderen Menschen, ja, anders, vielleicht, als ein Mensch überhaupt. In dieser Rückenlage zeigt sich endlich sein menschliches Tier-Trauma, sein Unverständnis der Sprache, seine Zurückweisung also von Verständigung und genau deshalb muss das Buch an dieser Stelle auch enden. DFW hat einmal gesagt, er könne noch zehn weitere »infinite jest« schreiben, es ist schrecklich schade, dass er es nicht getan hat, aber auf seinen Händen, meinte er wohl sei »einfach jetzt schon zu viel Glitter (resplendence)«. Im Gegensatzpaar von Schmuck und Askese hat er sich also letztlich für die Asekeseplatte entschieden. Frau Torik, bitte denken sie daran, die Wirklichkeit, das sind »Wir«. Sonst hieße sie schließlich Ihrklichkeit. Oder Euchklichkeit.

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JesusJerkoff

26. November, 2009 um 17:21

Liebe Frau Torik,

wahrscheinlich habe ich mal wieder was übersehen, aber meines Wissens liegt Hal am 12 November im J.d.I.U. nirgends herum, das Datum wird im ganzen Buch nicht erwähnt. Für den 20.11. würde ich Hal selber zitieren: „Nichts konnte mich umhauen (S. 1295).“

Zum Ende kann ich nur sagen, daß es merkwürdig ist, daß das Buch mit einem Palindrom schließt (Absicht von Herrn Blumenbach?).
Und während Hal auf weichem Teppich liegt, bleibt Gun nur der eiskalte nasse Sand im Regen. Bei wem die Motivation höher ist, sich wieder aufzurappeln und weiterzugehen (-machen, -leben) wird da schnell klar.

Da ich Karl Valentin nicht überstrapazieren will und Sie schon alles gesagt haben, möchte ich mich bei Ihnen für Ihre Beiträge bedanken und die Möglichkeit, Sie ein wenig kennenzulernen.

Sollte ich meine Scheu überwinden können und Sie nichts dagegen haben, besuche ich Sie mal in Ihrem Blog, ansonsten wünsche ich Ihnen nur das Beste.

Ihr immer wieder durch Sie erstaunter
JJ

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Guido Graf

26. November, 2009 um 17:31

das war übrigens gerade der 1000. Kommentar!

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ulrich blumenbach

26. November, 2009 um 19:35

@ JesusJerkoff:

„Zum Ende kann ich nur sagen, daß es merkwürdig ist, daß das Buch mit einem Palindrom schließt (Absicht von Herrn Blumenbach?).“

Nö. Ich wollte nur, dass das Buch auf dem Wort „Ebbe“ endet: Schicht im Schacht. Ende im Gelände. Aus die Maus. Schluss mit lustig. Auf englisch lautet der letzte Satz: „And when he came back to, he was flat on his back on the beach in the freezing sand, and it was raining out of a low sky, and the tide was way out.“ – ‘Die Tide ging hinaus’ oder ‚Die Gezeiten waren draußen’ oder ähnliches wäre weder ein richtiger noch ein schöner Schlusssatz gewesen.

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JesusJerkoff

26. November, 2009 um 21:59

@ Ulrich Blumenbach

Jahreszeitlich passender Spekulatius meinerseits. Aber wie Sie das mit dem Schmatz hingekriegt haben, dafür habe ich zwar keine Erklärung aber Sie meine allerhöchste Hochachtung. Unglaublich!

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Stephan Bender

27. November, 2009 um 00:21

@ Ulrich Blumenbach:

Aber

„And when he came back to, he was flat on his back on the beach in the freezing sand, and it was raining out of a low sky, and the tide was way out.“

mit

„Und als er wieder zu sich kam, lag er flach auf dem Rücken am Strand im eiskalten Sand, aus einem niedrig hängenden Himmel regnete es, und draußen war Ebbe.“

zu übersetzen, ist nicht ganz schlüssig. Die Flut ist draußen, die Ebbe ist nicht draußen, sondern bei Gateley. Oder anders gesagt, aus der Sicht des Wassers ist Gateley ganz schön weit drinnen auf dem Land.

Vielleicht kann man sagen

„Und als er wieder zu sich kam, lag er flach auf dem Rücken am Strand im eiskalten Sand, aus einem wolkenverhangenen Himmel regnete es, und …

… die Flut war vorbei.“
… die Flut hatte sich weit nach draußen zurückgezogen.“
… die Flut hatte sich auf das Meer zurückgezogen.“
… es war Ebbe.“

P.S. Da es sich um eine Übersetzung aus dem Englischen in das Deutsche handelt, wäre als Alternative zum Abschluss auch eine Remineszenz auf einen großen deutschen Dichter möglich:

Über allen Dünen
Ist Ruh‘
Auf allen Sandkörnern
Spürest Du
Kaum einen Hauch;
Die Wellen rauschwen weit draußen
Warte nur, balde
spaßest unendlich Du auch!

:-)

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achim szepanski

27. November, 2009 um 00:55

nach so viel akribischer kleinarbeit. wie wärs als belohnung mit einem 2 wochen aufenthalt in einer feng-shui klinik in der nähe von st.tropez? zum druchlüften.

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Stephan Bender

27. November, 2009 um 11:04

@ Achim Szepanski:

Ooch, St, Tropez ist auch nicht mehr das, was es mal war! Dort verkehren wie in L.A. nur noch Hedonisten und Selbstdarsteller. Im Hafen dümpeln die Yachten, die wegen der Finanzkrise alle ein „Sale“-Schildchen an der Gangway haben.

Es ist ist immer dasselbe: Du lachst Dir jemanden an, wir essen Fisch im Hafenrestaurant, die Sonne versinkt unerträglich romantisch im Meer, wir erzählen uns unser Leben. Um Mitternacht sind wir beide vom französischen Wein betrunken, der Garçon kassiert uns höflich ab, man kann jetzt einfach nicht mehr allein sein und einer von den beiden hormongefüllten Körpern müsste jetzt etwas sagen… Und dann erbricht dein Gegenüber: „Sag mal, liebst du dich auch so unendlich wie ich mich?“

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NO

27. November, 2009 um 12:04

Auf dem Rücken liegt immer der Boxer nach dem Niederschlag. In irgendeiner Ringecke auf dem harten Boden, schweißnass und, weil knocked out, im Reich der Träume. Er hat die Segel streichen müssen. Er sieht schwarz, nicht weiß, er sieht Sterne. Unansprechbar, unfähig zu sprechen, desorientiert, hilfebedürftig. Ist gezeichnet, auch in der Seele, weil nun ein Loser und in der Rangliste zurückgefallen.

Nichts kann mich umhauen, denn ich liege schon am Boden.

Kann ich überhaupt wieder aufstehen? Bekomme ich noch einen Kampf? Und was, wenn nicht? Was dann, Sinnerman? Ebbe oder Flut?

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Lotte Eisen

28. November, 2009 um 00:19

Die Rethorik der Zerrstäubung des Gepunkteten ist als oberflächliche Preisgabe a u s Tiefe begreifbar.-
Es wird nicht Nietzsches Einsicht ver-folgt, sondern Nietzsches Ein-sicht bestätigt sich.

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Aléa Torik

28. November, 2009 um 18:36

Lieber Herr Szepanski!

Das ist ja eine wunderbare Idee mit der Côte d’Azur! Und gleich eine Einladung für zwei Wochen, wie großzügig von Ihnen. St. Tropez im Winter soll ja ein Traum sein. Es gehört sich für einen „Kawallihr“ natürlich, dass er seine Dame „chevaleresk“ durch das Leben trägt. Ich schlage vor, Sie tragen Sie mich zuerst einmal „chevaleresk“ hin, so nämlich. Nach der Landung muss der „Kawallihr“ die Dame standesgemäß, also „chevaleresk“ ins Hotel tragen. Etwas anderes als diese Unterkunft werden Sie mir wohl nicht zumuten wollen.
Ich möchte mich dann gerne kurz aufs Zimmer zurückziehen, die Dame Ihres Herzens möchte sich etwas frisch machen. Der „Kawallihr“, Sie ahnen es bereits, muss die Dame „chevaleresk“ nach oben tragen. Danach trägt der „Kawallihr“ die Dame natürlich „chevaleresk“ auch wieder runter. Und zwar zu Place de la Garonne, No 36, hierhin. Danach geht’s ins Restaurant. Wie ich mir die Gestaltung eines Menus vorstelle, hatte ich Ihnen bei Gelegenheit bereit erzählt. Nach dem Essen, am frühen Nachmittag, stellen Sie sich bitte für einen Moment vor, wir kämen mehr als dieses eine Mal, wir kämen regelmäßig hierher. Das Hotel an der Croisette rentiert sich da ja nicht. Deswegen müssen wir kurz hierhin, Sie als „Kawallihr“, tragen „chevaleresk“ die Dame.
Beim Abendessen geht es ein bisschen lebendiger zu, der leicht perlende Champagner lässt eine ausgelassene Heiterkeit aufkommen. Wir flirten, Sie haben doch unlängst gesagt, dass Sie sich gern an jungen Mädchen die Finger verbrennen. Ich deute Ihnen an, dass Sie sich bei mir mehr als nur die Finger verbrennen können, deutlich mehr, wenn Sie verstehen was ich meine. Das ist ein Moment, wo Ihnen durch den Kopf geht, dass die Dame durchaus noch ganz andere Dinge zu bieten hat, als lediglich einen hübschen Anblick. Nach dem Essen müssen Sie als „Kawallihr“ mich „chevaleresk“ an meine Zimmertüre begleiten, und die Dame erwartet dann natürlich, dass Sie als „Kawallihr“, Sie wissen schon, der schönste Teil des Abends, da die Hüllen fallen und Sie einfach den ganzen Blödsinn von „Kawallihr“ glatt vergessen und Sie endlich Mann sein können und nicht länger ein dämlicher Trottel. Sie greifen mir also nach Art eines „Kawallihr“s mit einem Arm in die Kniekehlen, heben mich mit Schwung hoch und ich lege den Arm um ihre Schultern und so tragen Sie mich, und zwar „chevaleresk“, durch den Gang bis an meine Zimmertüre. Hinter der Türe, dazu muss man sich nicht besonders gut auskennen in diesen südfranzösischen Luxushotels, hinter der Türe befindet sich das Bett, und ein ziemlich vielversprechendes. Ich befinde mich in einem etwas derangierten Zustand und auch ziemlich viel versprechenden Zustand. Ich lache laut und durchaus in einem Zustand der Vorfreude, die Zimmertüre geht auf und das Bett kommt in greifbare Nähe und ich bin ziemlich aufgeregt und Sie sind‘s auch und dann. Bevor Sie allerdings tot aus den Latschen kippen, sorgen Sie bitte noch dafür, dass ich, während ich aus Ihren Armen herausfalle, nicht all zu hart auf dem Fußboden lande.
Am Nachmittag des letzten Tages dieser zwei Wochen, nachdem ich den Knaben da vernascht habe, oder er mich, das kommt dann nicht mehr so darauf an, gehe ich an den Strand und lege mich in den kalten Sand bei verhaltenem Licht. Ich sonne mich im letzten Wort dieses umfangreichen Romans, ich ruhe mich aus, ich finde zu mir selbst zurück, oder ich finde zurück zur Suche nach mit selbst, bei dem wunderschönen Palindrom von Herr Blumenbach.

Ihre Penthesilea Hoffman-Jeep

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Aléa Torik

28. November, 2009 um 18:42

Lieber Herr NO!

Streng der Reihe nach, wären Sie der erste der eine Antwort bekäme Aber Sie werden der letzte sein. Weil ich bei der Antwort auf der Suche nach der Erlösung von der Sie sprechen noch nach etwas suchen muss: dem Trost. Deswegen ziehe ich die anderen Antworten vor, temporär selbstverständlich.

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Aléa Torik

28. November, 2009 um 18:53

Lieber Herr Jerkoff,

wenn Sie die Scheu überwinden können, sind Sie in meinem Blog herzlich willkommen. Allerdings dürfen Sie hier das Boot nicht verlassen, bevor der Kapitän von Bord gegangen ist, ich habe in diesem Zusammenhang etwas von einer Kreuzfahrt gelesen. Bis zum ersten Dezember müssen Sie schon ausharren. So lange bin ich ja auch noch hier. Ich schaue danach bestimmt auch noch bisweilen vorbei, aber die Intensität mit der ich das betrieben habe, lässt dann nach.

Ich muss andere Sachen machen, ich muss mich mal wieder etwas intensiver um meinen eigenes Blog kümmern, ich will die Texte, die ich hier geschrieben habe, zusammenfassen und werde mich um eine Möglichkeit zur Veröffentlichung bemühen. Außerdem habe ich ja auch noch so etwas wie einen Hauptberuf, meine Promotion. Da mein Stipendium bald ausläuft, muss ich etwas in diese Richtung unternehmen. Darüber hinaus habe ich mir vorgenommen, die andren Bücher von DFW zu lesen. Und ich schreibe natürlich noch an meinem zweiten Buch. Ecetera.

Und schließlich und endlich stehe ich mal wieder vor dem alten Problem: die einseitige Ausrichtung meiner Aminosäuren auf Dinge, die sich umblättern lassen. Zumindest aber anschlagen, wie eine Tastatur. Kein Spülen, kein Putzen, kein Waschen, Bügeln und was immer es da sonst noch gibt. Das alles lässt mein zerebales Zentrum nicht zu. Ich habe das Aussehen meiner Mutter, den Verstand meines Vaters, aber leider von niemandem die Fähigkeit die von selbst wachsenden Spülberge abzureißen. Oder was man damit macht. Das ganze Zeug einfach aus dem Fenster werfen.

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Aléa Torik

28. November, 2009 um 19:03

Sehr geehrte Frau Eisen!

Wenn Sie sich die Menge der Worte anschauen, mit denen ich um mich werfe, dann werden Sie leicht erkennen können, dass ich unter Verschwendungssucht leide. Sie hingegen pflegen einen etwas sparsameren Stil. Vielleicht könnten wir uns irgendwo in der Mitte treffen? Ich fürchte nämlich, dass ich manchmal Schwierigkeiten mit kurzen und dichten Äußerungen habe und einfach nicht alles verstehe. Könnten Sie sich vielleicht noch etwas ausführlicher zu Ihrem Punkt äußern?

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JesusJerkoff

28. November, 2009 um 21:27

Liebe Frau Torik,

wollen Sie jetzt wirklich diesen Novembertag in der Luft hängen lassen, mit dem Sie Ihre Einleitung begonnen haben, oder könnte es daran liegen, daß ich Recht habe? Helfen Sie mir. Sonst rotiert das in der Hirnschale noch länger als die „Ebbe“. Von der Ellipse am Ende Ihres zweiten Absatzes will ich ja gar nicht anfangen ;-)

Was macht man mit, wenn ich schon gerade in Fragestimmung bin, spaßbeschenkten Freundeskreisangehörigen, die einen am Telefon plötzlich mit: „Hallo Gun.“ begrüßen. Da liegt der Gendervorteil eindeutig bei Ihnen. Aber ein bißchen freut es mich schon. Und da ich wieder eine Woche zu spät lebe, habe ich erst heute gelesen, daß Die Zeit (Asg. 48/2009) Kate Gompert als Fachfrau für Depressionen zitiert (oder zitieren läßt). Dossier von letzter Woche. Bin ich jetzt irre, oder das Leben?

Spülen, oder nicht spülen. Da ist viel Hamlet drin. Je länger Sie sich Zeit lassen, desto mehr neu entstandenes Leben vernichten Sie im Anschluß. Vielleicht macht das die Entscheidung leichter.

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Aléa Torik

29. November, 2009 um 12:41

Lieber Herr NO!

Ich habe nachgedacht. Und das nicht nur kontemplativ. Allerdings bin ich mit meiner Antwort nicht zufrieden, das muss ich gleich vorausschicken. Dazu kommt, dass mich langsam aber sicher andere Arbeiten am Wickel haben. In meiner momentanen Situation und Stimmung bekomme ich nicht mehr hin als das, was hier steht.

Ihre Frage ist, ob Gott und Erlösung die zentralen Zugangsmöglichkeiten zu dem Text sind. Also einer Art exklusivem Zugang bilden, wie ich ihn im Begriff der Unendlichkeit verstanden wissen möchte. Für mich ist Erlösung (was ich unter Erlösung verstehe) aber lediglich eine weitere Gegenüberstellung, die von Oben und Unten.

Wenn ich mir das Ende dieses Romans anschaue, diese, wie ich sie verstehe, mangelnde Eindeutigkeit, da kann ich keine Erlösung erkennen. Ich bin Literaturwissenschaftlerin. Die Theologen sitzen in einem anderen Gebäude (oder vielleicht schweben sie auch, wie Lyle). Falls die Erlösung jedoch weniger stark in der christlichen Mythologie verankert und als Auflösung verstanden wird, als Eindeutigkeit, als Erlösung von der Vieldeutigkeit und der Unsicherheit, dann kann, bei diesem Ende, von Erlösung nicht die Rede sein. Hier wäre eher von ewiger Verdammnis zu sprechen, von der Hölle der Ununterscheidbarkeit.

Die Liebesgeschichte zwischen Joelle und Gately findet gleichermaßen meine wie Ihre Zustimmung. Das sind sehr sensibel und schön konstruierte Momente. Aber was hat Liebe mit Erlösung zu tun? Also ich frage Sie! Wovon erlöst die Liebe? Vom Alleinsein? Von der Einsamkeit? Dann denken Sie Erlösung nicht metaphysisch oder religiös, nicht einmal in dem Sinne der Auflösung. Dann ist es nicht Erlösung, sondern einfach Zweisamkeit und Liebe wäre dann vor allem ein fiskalischer Vorteil. Wollen Sie wirklich der Liebe die Erlösung zumuten? Wird dieser banale Gedanke der Romantik, wird die Zweisamkeit damit nicht allzusehr erhöht?

Erlösung? Wovon denn? „Sie sprechen von „Glaube, Liebe, Hoffnung“. Und all das soll die Erlösung bieten? Ich glaube, dass wir uns in der Tat nach Intensität sehnen, nach Bedeutung, nach etwas Vielversprechendem, das uns an die Zukunft glauben lässt, das uns hoffen und den nächsten Tag erwarten lässt. Das uns glauben lässt, eines Tages jemandem zu begegnen, dem Mann für Leben, der Frau für eine Nacht, was auch immer: etwas, dass uns einen Sinn gibt. Wenn das die Erlösung ist, dann bin ich mit ihrer Lesart einverstanden. Aber dafür finde ich das Wort Erlösung zu stark aufgeladen und zu deutlich in Richtung christlicher Theologie gerückt. Dass die AA von Gott reden ist allerdings richtig. Ich habe nur noch nicht verstanden warum. Mir erscheint das eher wie die Ausfüllung einer Leerstelle. Gott als Nachfolger der Drogen. Ist das Erlösung?

Noch einmal: Erlösung wovon: Von Dichotomie? Von Widerspruch? Vielleicht können Sie ja sogar DFW in Anspruch für sich nehmen, aber die Art und Weise in der er der Erlösung in seinem persönlichen Leben Ausdruck verliehen hat, gefällt mir gar nicht.

Gemeinsames Dartspiel mit Herrn Jerkoff? Nicht, dass Sie von mir dann da die Erlösung erwarten. Und wie sollte die auch aussehen: durch gewinnen oder verlieren? Dann wäre dann doch wieder die Dichotomie, die Sie gerade überwinden wollen.

Sie sind jetzt bestimmt nicht zufrieden mit meiner Antwort. Vielleicht ist das ja ein Trost für Sie, ich bin‘s auch nicht, ganz und gar nicht. Oder sprechen Sie, wenn Sie von Erlösung sprechen, von Trost?

Aléa Penthesi(a)lea Fantasylea Joelle Torik Hoffmann-Jeep van Dyne

(ich hoffe, ich habe da jetzt nichts vergessen)

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platero y yo

29. November, 2009 um 13:03

WINDSCHIEFE GERADEN

Meine Großmutter mütterlicherseits war ein Abspülfan. So verschieden sind die Menschen. Manche Regierungsmitglieder zum Beispiel halten den Mond für ein höheres Wesen. Der Staat regt die Sinnlichkeit an, das geht quer durchs ganze Nationalbewußtsein. Der Zeitschrift für landwirtschaftliche Bürobeamte verdanke ich viel.
In Salzburg spielt man Jedermann. Von Hofmannsthal ist an allem schuld. Ein versehentlich Eingeladener war der einzige, der beim Bankett der Außenminister die Pastete genoß. Im Innenministerium liegen Anträge auf das Amt des Henkers vor. Niemand weiß, ob Diätfehler oder Charakterfehler schlimmer sind. Der Zeitschrift für landwirtschaftliche Bürobeamte verdanke ich alles.
Gefirmt durch einen Backenstreich des Nichts. Als ich amputiert war, verlangte ich bei der Entlassung mein Bein. Ein Andenken, es gehört mir. Ich möchte wissen, was mit amputierten Beinen geschieht. Die Andersgläubigen sind jetzt unterrichtsfrei. Die Zeitschrift für landwirtschaftliche Bürobeamte erhielt Meyers Lexikon zur Besprechung.
Kerzen brennen, weil die Stromversorgung gestört ist. Mir geht das Licht auf, wo alles eins ist. Ein Backenstreich. Ein bestimmter Punkt im Raum, nicht einmal weit. Mit klappernden Zähnen wird man Staatsanwalt, Parteichef oder Bundespräsident. Die Zeitschrift für landwirtschaftliche Bürobeamte ging ein, als Meyers Lexikon erst bis Rinteln erschienen war. Bis dahin weiß ich Bescheid.

Günter Eich, Maulwürfe(1968)

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Lotte Eisen

29. November, 2009 um 18:54

Sehr verehrte Dame, sehr geehrter Herr.
Verschwenden ist Anhäufen und fortgesetztes Verwenden weniger denn Wegwerfen, gar Vergessen; heiteres ungeschehen machen, gar Verschweigen. Nur lakonisch weiß man was man hat: Sinn ist die funktionale Einheit einer geordneten Beziehung, deren Glieder zueinander sich verhalten, also füreinander sind.

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kopfpilz

30. November, 2009 um 07:46

Et Lotte E.

Fortgesetztes Verwenden ist Verschwenden weniger denn Wegwerfen um anzuKommen. Heiter ist das Verhalten der Glieder zueinander, die eine funktionale Einheit schaffen im Röhren weniger denn als röhrend. Die Vielheit des Sinns ist das Gebot des Verbots der Einheit.

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Aléa Torik

30. November, 2009 um 23:24

Lieber Herr Wiegold!

Ich freue ich mich, dass Sie mich noch einmal mit einem Kommentar bedenken. Selbstverständlich trage ich Ihnen nichts nach! Wir beide halten das so miteinander: jeder trägt sein eigenes Zeug, dann muss keiner dem andern was nachtragen.

Das mit dem Ringen habe Sie richtig erkannt. Ich nehme an, Sie sind ebenfalls ein Anhänger dieser Sportart. Das gehört auch zum Schreiben dazu. Ringen und Rudern sind meine bevorzugten Sportarten. Zurückrudern um genau zu sein.

Sie schreiben „Traum ist verschleierte Wirklichkeit, wo Enthüllung nicht an die Realität mehr heranlangt“. Leben Sie, als Intelektueller, da nicht hinter dem Mond den wir Schriftsteller zu entdecken versuchen?

„Hal liegt auf dem Rücken, weil er anders ist“, schreiben Sie. Da bin ich anderer Meinung. Hal liegt auf dem Rücken weil er gleich ist. Nix mehr mit Hochbegabung. Nix mehr mit Tennis, nix mehr mit Freundschaft. Der Knabe hat nämlich nicht halb so viel zu bieten, wie sein Erzähler uns weismachen wollte. Das ist nicht das Wunderkind, als der er erscheinen möchte: An welchen Stellen im Roman macht oder sagt er denn mal etwas, was wirklich brillant ist? Da geht’s bei uns in manchen Seminaren aber weit anspruchsvoller zu. Vielleicht könnte man auch die Gespräche von Steeply und Marathe darauf abbilden: Wählen kann nur der, der eine Alternative hat. Wer, wie Hal, auf dem Rücken liegend, nicht mal einen Weg sieht, der ist weit weg von jeder Alternative und erst recht von der Wahl zwischen Zweien.

Und die Wirklichkeit ist die Wirklichkeit, nicht weil sie eine Alternative zur Euchlichkeit oder Ihrklichkeit wäre, und auch nicht, weil sie so reich oder so arm ist, sondern weil wir sie uns so drehen, mobileartig hindrehen. Weil wir uns winden, verwinden, ums optisch, rezeptionsästhetisch irgendwie hinzubiegen. So dass wir das dann akzeptieren können.

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Lotte Eisen

1. Dezember, 2009 um 10:06

Sehr verehrte Dame, sehr geehrter Herr.

Die von „Kopffilz“ gebrachte Replik auf die zuvor hier eingestellte logisch richtige Deffinition von Sinn ist von einer intellektuellen Peinlichkeit nicht nur weil sie eine verzerrte Widerspiegelung dessen ist, worüber sie möglicherweise meint hinaus zu sein. Indem sie einschüchternd von Gebot und Verbot spricht ist sie auch eine hochtragende Zumutung.
Verum est index sui et falsi.

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Über das Buch

1996 erschien »Infinite Jest« in den USA und machte David Foster Wallace über Nacht zum Superstar der Literaturszene. Vor einem Jahr nahm sich David Foster Wallace das Leben. Sechs Jahre lang hat Ulrich Blumenbach an der Übersetzung von Wallaces Opus magnum gearbeitet, dem größten Übersetzungsprojekt in der Geschichte des Verlags Kiepenheuer & Witsch.
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