ANLEITUNG FÜR EXTREM-SITUATION „ODYSSEUS“
(US-Patent 2. September im Jahr der Linsbrunst)

Wir haben es mit einer zur Regel gewordenen Ausnahme zu tun: Im Fall Spaß ist es ein Film, der die Sirene spielt. Was ist zu tun?

Geeignete Personen müssen gefunden werden! Vornehmlich: Blinde. Bei dressierten Hunden besteht dringender Verdacht, dass auch sie der sirenischen Wirkung unterlägen.
Merke: Blinde sind im Fall Spaß die besten Versuchsbegleiter.

Der Proband wird durch den oder die Versuchsbegleiter in die Extremsituation gebracht; und genau dort fixiert! Dann: Patrone laden, Bildschirm anschalten. Was ist zu erwarten?

Bringt man Menschen mit Unendlichem Spaß in Verbindung, reicht meist der Erstkonsum als Schwellendosis aus, um eine Sucht mit Todesfolge auszulösen. Der Proband wird durch „ODYSSEUS“ verändert. Es entsteht eine Endlosspaßschleife.

Der Versuchsbegleiter muss eingreifen:
Ausschalten der „Sirene“!
Ansprechen des „Odysseus“!

(Stilechter: langsam das Möbel, darauf der Bildschirm steht, in Wellenbewegungen [Wallace: unduliert] fortbewegen; Meeresrauschen im Mundraum imitieren; erst außerhalb des Sichtkreis des Probanden die „Sirene“ ausschalten)

Erkenntnisgewinn durch die Hirnverstümmelung Spaß. Was erlebt „ODYSSEUS“? Wie fühlt sich unendlicher Spaß an? Wer mag schon Schwarze Löcher?
These: Proband wird nach Versuch umso eifriger unter die Menschen wollen; umso eifriger in die Mitte. Benutzbar als Heilungsmethode / Erziehungsinstrument für deviante Subjekte.

Außerdem heiter: Jeopardy

Name einer Westdeutschen Stadt, die für Mario wie das Röcheln eines Menschen klang, der gerade erdrosselt wird. (S. 121)

Was ist Düsseldorf?

Stand: S. 134. Nächster Post, provisorisches Thema:
„Marathe (angefragt) & Arno Schmidt (angefragt) – Eine Freundschaft in der Wüste?“

9 Kommentare zu Versuchsaufbau

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Stephan Bender

2. September, 2009 um 22:14

… Name einer westdeutschen Stadt, die für Mario wie das Röcheln eines Menschen klang, der gerade erdrosselt wird. (S. 121) Was ist Düsseldorf?…

Ich denke doch, Bochum klingt viel halszuschnürender… :-)

P.S. Das passt auch zu Grönemeyer, der ja regelmäßig während seiner Darbietungen zu ersticken droht.

P.S.S. Odysseus erlebt einen Zustand der Zufriedenheit, was völlig in Ordnung ist, wenn er vorher unzufrieden war und entspannt. Der Besen im System ist der, dass Zuführung von Zufriedenheit gleich welcher Art (Kiffen, Sex, Unterhaltungspatronen etc.) bei bereits vorhandener Zufriedenheit eine Überdosis derart bewirkt, das Rezeptoren überansprucht werden. Die Folge ist eine Depression, die nur durch eineute Zuführung… usw. usf. So fühlt sich unendlicher Spaß an.
Viel spannender aber ist: Warum gilt Spaß gegenüber Traurigkeit als Erfolgsformel?

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Alban Nikolai Herbst

3. September, 2009 um 06:39

@Stephan Bender: „Comedy“. Sie müssen nur ins Fernsehn gucken (sorry für diesen Vorschlag, Ihren Masochismus auszuleben; Kino reicht ja auch schon, z.B. die Ottomanie; usw).

Auf das Sowieso-Problem, „jest“ mit „Spaß“ zu übersetzen, >>>> ist Oswald schon eingegangen.

P.S.: Als eines meiner eigenen Bücher als Taschenbuch erscheinen sollte, wollte die Lektorin umtiteln: „Das kauft keiner, wenn das so heißt… viel zu dunkel, viel zu negativ!“ Ich setze mich durch, sie behielt recht.

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Stephan Bender

3. September, 2009 um 13:38

@ Alban Nikolai Herbst: Und auch das ist nur ein Drittel der Wahrheit. Beim Fernsehen kann ich nicht mitreden, weil ich keines habe. Ich habe übrigens auch nichts gegen Lepra-Kranke und fühle mich trotzdem nicht verpflichtet, in eine Lepra-Kolonie zu ziehen.
Was das Kino angeht, habe ich mir kürzlich „Inglourious Basterds“ von Quentin Tarantino angesehen und war entzückt, weil Tarantino nicht auf diesen schwülstigen Nazi-Scheiß hereingefallen ist, sondern eine eiskalte Abrechnung betrieben hat.

Wie man „jest“ übersetzt, ist eigentlich egal: Die Botschaft scheint ja zu sein, dass zwanghafter Spaß offenbar viel deprimierender ist („Wir amüsieren uns zu Tode“) als aufrichtige Traurigkeit über Dinge, die wir uns im Leben anders vorgestellt haben. Um diese Problematik zu thematisieren, was denn die „Geschichte hinter der Geschichte“ von Hal Incandenza ist, müsste ich mindestens vier Stunden am Stück auf dem Level von DFW referieren und anschließend würden die Zuhörer mindestens 18 Stunden schlafen. Ist schon mal jemand aufgefallen, dass es keinen Sex und keine Liebe in diesem Buch gibt? Hat schon jemand bemerkt, dass „die Patrone“, die in einen TP „eingesteckt“ wird, eine sexuelle Ersatzhandlung ist, ja die ganze Spannung der minutiösen Beschreibungen der Szenarien darauf basiert, dass die Entdeckung des reellen Gefühls einfach ausbleibt? Soll ich weiter machen…? Da schleppt der Autor DFW als Protagonist des Romans (!!!) eine Freudsche Couch durch alle möglichen und unmöglichen Lebensituationen, ohne sich jemals darauf zu legen. Das macht die Faszination des Buches aus: Ich diagnostiziere bei DFW eine unterschwellige Homosexualität, deren Nichteinlösung zu einer schweren Depression führt, die sich bei hoher Begabung und Intelligenz Ersatzschauplätze (Tennis, Essays, Psychiatrie, Separatismus) sucht. Und dann ist das Buch sehr spannend zu lesen.

….

Was das Taschenbuch-Problem angeht: Als Intellektueller muss man sich schon darüber im Klaren sein, ob man innerhalb eines literarischen Kulturbetriebs die Spielregeln des Kapitalismus anerkennt oder sie unterläuft. „…zu dunkel, zu negativ…“ kann ja das Problem nicht sein, sonst würden auch nicht solche seltsamen Titel wie „Tannöd“ in einer Bestsellerliste stehen, wie ich es neulich im SPIEGEL lesen musste. Tatsache ist, dass es Texte, Songs und Videos gibt, für die sich Menschen brennend interessieren. Und dann gibt es in den Bahnhofsbuchhandlungen Menschen, die möchten einfach nur unterhalten werden, wie wir ja auch Schulen, Waisenhäuser, Krankenhäuser und Obdachlosenheime unterhalten.

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Martin Jordan

3. September, 2009 um 13:58

wg.: „.. unterschwellige Homosexualität, deren Nichteinlösung zu einer schweren Depression führt, die sich bei hoher Begabung und Intelligenz Ersatzschauplätze (Tennis, Essays, Psychiatrie, Separatismus) sucht.“

…. tja die Analyse. Ständig muß man sich dabei fragen, wer was auf wen projiziiert.
Allerdings: Unterschätzen Sie Wallace nicht im Hinblick auf die Tüfenpsüche:
Den Protagonisten seines Erstlings „Der Besen im System“ hatte er ja bereits mit 24 Lenzen durch die Kunstfigur des „Dr. Jay“ analysieren lassen ….. allerdings diskreditiere sich der Psychiater ständig selbst, indem er dem Patienten eine Waschzwangsneurose einreden wollte, nur um an dessen Freundin ranzukommen…..

Aber wie heiß es schon bei Dingens:

„Alles Zerbrochene ist nur ein Gleignis,
das Unerreichbare: jeder vergeigt es“

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Stephan Bender

3. September, 2009 um 14:52

Ok, das mit der Projektion ist eine zweite Kiste – es ist ja auch nur nur ein Erklärungsversuch für die die doch etwas andauernde Absurdität des Textes.
Wenn jemand wie Wallace einen 1500-Seiten-Wälzer abliefert und dafür drei Jahre seines Lebens opfert, muss man schon mal fragen dürfen, „was uns der Autor damit sagen wollte“.

1. Erstens sind wir keine Amerikaner in dem Sinne, dass es uns bewusst ist, wie die klassische Prüderie auf einen Heranwachsenden wirkt. Das muss ja auch Auswirkungen haben, wenn du andauernd mit einer unausgesprochenen Religiösität konfrontiert wirst, die andererseits in klassischen, linken Intellektuellenhaushalten wie DFWs Elternhaus mit Distanz betrachtet wird.
2. Zweitens – ich bleibe dabei – gibt es keinen klassischen Symphatieträger in DFWs Roman. Seine Spezialität ist es, den Autor zum Protagonisten zu machen, ohne Erzählungen, DFW verzichtet darauf. Er bietet eine soziale Vivisektion, die dem Leser selbst erlaubt, seine Schlussfolgerungen zu ziehen.
3. Ja, die Psychiater aller seiner Erzählungen, aber auch die „fiesen Männer“ und gefühlsbehinderten Frauen hat er alle durchschaut und analysiert. Das ist wahrscheinlich ganz normal, wenn man mit einem IQ von 190 in der Provinz aufwächst. Es fehlt der intellektuelle Refrerenzrahmen und am Ende schilderst du, was du erlebst.
4. In der E.T.A.-Umkleideszene beklagt Hal ja die künstlich erzeugte Konkurrenz, die zwischen den Spielern herrscht. Sie können sich nicht so nahe kommen, wie sie das gern möchten – das habe ich zumindest einfach so herausgelesen.
5. Der Tabubruch, der Handelnden eine größere Freiheit beschert, bleiben sowohl bei den Personen im Buch als auch im Leben von DFW aus. Dafür gibt es nun mal nichts Intimeres, als die Nichtentdeckung eigener Wünsche und Phantasien, die nun mal durch die Sexualität repräsentiert werden. Dafür braucht man keine Analyse… :-)

Wie sagte DFW selbst so schön: „Ich mag Hunde. Bei ihnen hast du nicht andauernd den Eindruck, dass du ihre Gefühle verletzt.“

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Alban Nikolai Herbst

4. September, 2009 um 08:20

@Martin Jordan zu „….. allerdings diskreditiere sich der Psychiater ständig selbst, indem er dem Patienten eine Waschzwangsneurose einreden wollte, nur um an dessen Freundin ranzukommen…..“

Das zeugt freilich von wenig Kenntnis der psychoanalytischen Praxis; es mag aber sein, daß auch sie in den USA eher pop-artig „gehandhabt“ wird. Wie’s in den Hype hineinschallt, so schallt’s auch heraus.

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Martin Jordan

4. September, 2009 um 16:22

@Alban Nikolai Herbst:

Vielleicht konnte DFW aber auch einfach dem (unendlichen?) Spaß einer Verballhornung der Analyse nicht widerstehen weil sie ihm ebenfalls zusetzt – ähnlich so, wie Pynchon immer wieder ordentlich herumkalauern muss, wenn’s substantiell wird

@Stephan Bender: ja, im Prinzip sehe ich es auch so:
Die Gefühlsvermeidung erhellt eine Menge von dem, was die Figuren so treiben.

Wie Freud schon sagte: „Aus allen Poren schwitzt Verrat“*
Alle flüchten ständig in irgendwelche Ersatzhandlungen und schneiden ihre Gefühle ab.

Und es ist neben der sexuellen Vermeidung auch der Leistungs- und Perfektionsdruck, der den Figuren so zusetzt. Alles Unvollkommene scheint nur zum Leiden zu gebrauchen zu sein.

Von Madame Psychosis gibts bergpredigthafte Mitleidsbekundungen frei Äther
für alle nur erdenklichen Arten körperlicher Verunstaltung, die auch auf rege Zustimmung bei den Zuhöreren stoßen (die Bekundungen) , aber auch hier scheint die geäußerte Emotion nur als anonyme „Unterhaltung“ über den Äther ertragen werden zu können – damit kann sie dann auch gleich wieder als „Unterhaltung“ verdrängt werden…..

Um so treffender , daß Madame selbst ein paar Abschnitte später suizidal porträtiert wird…..

Härter als DMZ!

* „Wer Augen hat zu sehen und Ohren zu hören, überzeugt sich, dass die Sterblichen kein Geheimnis verbergen können. Wessen Lippen schweigen, der schwätzt mit den Fingerspitzen; aus allen Poren dringt ihm der Verrat. Und darum ist die Aufgabe, das verborgenste Seelische bewusst zu machen, sehr wohl lösbar.“

S. Freud Bruchstück einer Hysterie-Analyse, 1901 [ersch. 1905], GW V, S. 240″

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Alban Nikolai Herbst

4. September, 2009 um 17:27

@Martin Jordan.
Da bin ich einverstanden, sie gibt ja auch Grund genug zur Verballhornung; man sollte sich nur klar darüber sei (also als Leser und Kommentator), daß sich nur etwas verballhornen läßt, das etwas i s t – im Unterschied zum Kalauer-als-Comedy. Was Pynchon angeht, haben Sie deshalb besonders recht: da merkt man sehr schnell – bzw. wenn man vorschnell begeistert in den Kalauer eingestimmt, daß man plötzlich selbst so ziemlich ohne Hosen im Kakteenfeld steht.

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Linda

27. Februar, 2010 um 02:21

So wird nun eine röchelnd-erdrosselnd klingende Stadt gesucht, also ein Städtename, der uvulare und velare Laute enthält – ‚Castrop-Rauxel‘ röchelt doch sehr.

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Über das Buch

1996 erschien »Infinite Jest« in den USA und machte David Foster Wallace über Nacht zum Superstar der Literaturszene. Vor einem Jahr nahm sich David Foster Wallace das Leben. Sechs Jahre lang hat Ulrich Blumenbach an der Übersetzung von Wallaces Opus magnum gearbeitet, dem größten Übersetzungsprojekt in der Geschichte des Verlags Kiepenheuer & Witsch.
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