Bei der Anlage des Gemüsegartens ist die Aufgabe der Jungen erst einmal, Steine und große Erdschollen beiseite zu räumen, während die Mutter des Nachbarsjungen mit einer gemieteten, unglaublich lauten Fräse kämpft und sie dabei Abdrücke in der aufgewühlten Erde hinterlässt wie die Schritte eines torkelnden Betrunkenen. Während sie so arbeiten, kommt mit einem mal der etwa vierjährige kleine Bruder des Nachbarsjungen, gekleidet in eine Art rotflaumiges Bärchenkostüm, weinend angelaufen und trägt dabei etwas sehr eklig Aussehendes auf den Handflächen, das sich als rhomboider Schimmelklumpen herausstellt, der aus irgendeiner Ecke des feuchten Kellers der Nachbarn stammt.
Wir kennen die Geschichte. Interessant sind daher vor allem die Abweichungen. Wie etwa die Mitteilung, dass die Nachbarsmutter einige Jahre später unter unklaren medizinischen Umständen verschwunden ist. Entscheidend aber ist, dass sich der hysterische Anfall der Mutter in geordneten Bahnen verläuft, nämlich exakt der Fünfpunktanordnung folgend, die zuvor abgesteckt wurde. So plump ihre Bewegungen auch gewesen sein mögen, geriet sie doch nicht über die Bindfädengeraden ins Stolpern.
Ausgerechnet in dieser Episode einen Nukleus von Infinite Jest zu finden, wäre merkwürdig, wenn nicht Wallace auch diese Geschichte in seine Begeisterung für geometrisches Denken integrieren würde. Es geht darum, – vermutlich nicht nur – für das Wettkampftennis die Fähigkeit zu besitzen, Winkel berechnen zu können – und zwar im Voraus. Die Winkel der Flugbahn des Balls, das Verhältnis des Gegenwinkels zum nächsten Winkel des gerade in Ausführung befindlichen Schlags undsoweiter. „Tennis“, so Wallace im Essay, „verhält sich zu Artillerie und Luftbombardement wie Football zu Infantrie und Stellungskrieg.“ Die Möglichkeiten, auf einen nächsten Schlag zu antworten, erweitern sich im Quadrat. Das bedeutet, so Wallace, man muss immer n Schläge voraus planen, wobei n eine hyperbolische Funktion darstellt, die durch die Fähigkeiten des Gegenspielers und die Zahl der Schläge in dem momentanen Spiel begrenzt wird. Das im Spiel kalkulieren zu können, konnte Wallace nach eigener Aussage gut. Und den entscheidenden Vorteil habe er aus seiner zusätzlichen Gabe bezogen, auch noch die Komplikationen für das Differential mit einbeziehen zu können, die der Wind in bestimmten Monaten in Zentral-Illinois bescherte. Auf diese Weise konnte er im Alter zwischen zwölf und fünfzehn zahlreiche Gegner schlagen, die eigentlich größer, schneller und besser in ihren Koordinationsfähigkeiten waren. Die anderen haben nicht sonderlich gern gegen ihn gespielt.
Seine Eltern fuhren ihn von Turnier zu Turnier. Und wenn es nicht die Eltern waren, dann fuhr David Wallace bei Gil Antitoi mit, dem Sohn eines Professors für die Geschichte von Quebec. Wallace war erfolgreich, doch Antitoi, bei dem die Pubertät früher einsetzte, wurde deutlich besser als er. Gil Antitoi, so Wallace, war „mein Freund, mein Feind und mein Fluch“. Von den Antitoi-Brüdern holt sich Hals Freund Pemulis das DMZ, das er, Hal und Axford dann vor dem Whataburger-Turnier einnehmen, zu dem Hal zu Beginn von Unendlicher Spaß antritt.

(wird fortgesetzt)

1 Kommentar zu was am Anfang gewesen sein könnte 3

Avatar

wolf schwarzkopf

15. November, 2009 um 16:45

hallo herr graf
ich lese gern ihre texte der verknüpfungen, die ja immer dichter und/oder unendlicher werden. (mein koordinatensystem stürzt gerade ein)
darf ich dem eine schlichte fährte der mythologischen fortschreibung hinzufügen.
james i. war zum zeitpunkt der begegnung mit avril –ein offenbar wichtiger physiker
s. 93 „promovierte in opt. Physik-angewandte geometrische optik, für…und für angewandte thermostrategische waffensysteme neutronenstreuende reflektoren entwarf…..in der atomenergiekommision“
– und avril hatte den lehrstuhl für präskriptiven sprachgebrauch inne. beide sind physisch von großem wuchs, sehr groß, riesen, wie im märchen.
die kanadische königin der sprache vermählt sich mit dem könig der physik. der gründungsmythos korrespondiert mit der politisch geographischen lage. hier könnte schon die wurzel der intrige liegen, die sich in weiteren referenzfiguren und schauplätzen fortpflanzt. orins geburt als ehestiftende funktion, mario könnte der sohn vom c.t. sein, ein unfall und hal das wunschkind. technischer fortschritt + entsprechenden krankheiten, etablieren sich in der „familie im garten und hal isst schimmel“ szene, als sündenfall für hals orale ausgrenzung. orins exklusionsgründe liegen in dunkeln als inzest deutbar.
was hat es mit dem magischen element auf sich, der objektrotation im objekt eta, z.b. das schwebende bett von ortho stice?

Jetzt kommentieren

Über das Buch

1996 erschien »Infinite Jest« in den USA und machte David Foster Wallace über Nacht zum Superstar der Literaturszene. Vor einem Jahr nahm sich David Foster Wallace das Leben. Sechs Jahre lang hat Ulrich Blumenbach an der Übersetzung von Wallaces Opus magnum gearbeitet, dem größten Übersetzungsprojekt in der Geschichte des Verlags Kiepenheuer & Witsch.
Mehr zum Buch »
Termine zum Buch »

Februar 2020
M D M D F S S
« Mrz    
 12
3456789
10111213141516
17181920212223
242526272829  
  • TRIO 24: Ach du dickes Ding! | Sätze&Schätze: [...] Kapituliere ich ausnahmsweise vorzeitig, plagt mich noch lange, lange Zeit ein schlechtes Gewi [...]
  • Christian: Gibt es auch günstiger: http://www.amazon.de/gp/offer-listing/B005NE5TA4/ref=dp_olp_used?ie=UTF8 [...]
  • Steffen: Ja tatsächlich tolle Idee und schön umgesetzt. Das ist ein ziemlich vertrackte Stelle im Buch der [...]
  • (ohne Titel) « VOCES INTIMAE: [...] aus Berlin zu sein, ist wohl nur für Berliner eine relevante Information. Like this:LikeS [...]
  • VOCES INTIMAE: [...] aus Berlin zu sein, ist wohl nur für Berliner eine relevante Information. Like this:LikeS [...]