Umgeben von Köpfen ist Hal von Anfang an. Gately hat vergeblich versucht, seinen Kopf zu zerstören. Nun ist er – liegend, fiebernd, phantasierend – nur noch Kopf und umkreist darin seine von Schmerz übervolle Welt. Hal dagegen spuckt das Wort „Kopf“ auf eine so betont nicht-unverschämte Weise aus, das sogar Schtitt irritiert scheint und nachfragt. Hal passt sich seiner knappen Diktion an, immer noch gerade so, dass Spott und Disziplin nicht klar voneinander zu scheiden sind:

Der menschliche Kopf, Sir, wenn ich Sie richtig verstanden habe. Wo ich mich als Spieler ereigne. Die eine Welt der zwei Köpfe des Spiels. Eine Welt, Sir.

Clipperton wusste das auch schon und hat seinen Weg gefunden, um die perfekte Balance zwischen den beiden Welten, zwischen innen und außen, Leben und Tod zu finden (wir könnten auch an Ortho Stice, selbst ein Geist oder Schatten, denken, der mit der Stirn an der Scheibe festgefroren ist). Aber eigentlich hält Hal hier den Schädel hoch, von dem er am Anfang gesprochen haben wird, als er sich daran erinnert oder auch nur phantasiert – nachdem er seinen schlimmen Knöchel erwähnt hat:

Ich denke an John N. V. Wayne, der dieses Jahr das WhataBurger’s gewonnen hätte und der maskiert Schmiere stand, als Donald Gately und ich den Schädel meines Vaters exhumierten.

Demnach hat John Wayne das Turnier nicht gewonnen. Aber warum eine Maske? Offenbar im Gegensatz zu den unverhüllten Hal und Gately. Wiedergänger unter Wiedergängern. Gespenster. Etwas geht im Kopf vor, was nur aus dem Kopf hervorgeht, also darin enthalten bleibt, auch wenn es ihn verlässt und außerhalb sein Unwesen treibt. Es passiert etwas, ohne dass es schon passiert. Kopf: Behälter oder – noch schlichter -: eine aufnehmende Erfahrung. Aber was gibt es da zu finden, wenn, was aufgenommen wurde, nicht bei sich bleiben kann, sondern offenbar diffundiert? Was ist das für ein Kopf, der weder Subjekt ist noch Bewusstsein, noch gar ein „Ich“ oder nur ein Hirn? Vielmehr wird dieser Kopf definiert durch die Möglichkeit einer aufnehmenden Erfahrung, einer Erfahrung, die dann in vollständiger Diffusion besteht, in der die beiden Welten verschmelzen, in der der Tod in absolute Nähe kommt, annehmbar, immer wiederkehrend.

Der Tod kommt wieder und drängt sich auf, unwiderstehlich und einzigartig zugleich, er ist die Zukunft, eine leuchtende Angst, verführerische Drift. Der Tod bedeutet, das alles um einen herum langsam werde, sagt der Geist zu Gately. Gately stemmt sich gegen den Tod, er erinnert sich an Demerol, an Fackelmann und was da noch alles gekommen ist. Er war schon in der Hölle, heisst das, und weiß eigentlich, wie das ist, wenn alles langsamer ist. Er hat es gesehen und gefühlt.

Gately ist irgendwie zu gehemmt oder zu dämlich, um den Geist zu fragen, ob er im Auftrag seines höheren Wesens oder der Krankheit hier ist, statt also den Geist anzudenken, konzentriert er sich daher darauf, sich scheinbar insgeheim zu fragen, warum der Geist möglicherweise ganze Monate an Geistzeit darauf verwende, durch ein Krankenhauszimmer zu irrlichtern und demonstrative Pirouetten mit Schnulzierfotos und ausländischen Sprudeldosen an der Zimmerdecke eines Drogensüchtigen vorzuführen, den er noch nie gesehen hat, statt einfach dahin zu quanten, wo sein angeblicher jüngster Sohn ist, dort ein paar Geistmonate lang stillzuhalten und zu versuchen, mit dem Scheißsohn zu konnektieren. Aber vielleicht würde der jüngste Sohn ja auch sofort plemplem, wenn er das Gefühl hätte, er sähe seinen verstorbenen leiblichen Dad als Geist, das könnte natürlich auch sein. Der Sohn klang nicht gerade danach, als führte er den alten psychischen Joystick mit sicherster Hand, nach dem, was der Geist ihm
(Gately) anvertraut hat.

Hamlet soll Rache für seinen Onkel Claudius nehmen, sagt der Geist von Hamlets Vater. Hals Vater, Wiedergänger wie sein Sohn (vielleicht weiß Schtitt schlicht davon), trägt Gately nichts dergleichen auf. Seinen Schädel musste Hal auch nicht ausgraben, sondern nur finden. Gately hilft ihm dabei, denn der Geist von Hals totem Vater hat ihn dazu instand gesetzt, Hal zu helfen. Hal sagt das am Anfang. Was auch immer das, wenn man am Ende dieses Romans angekommen ist, sein mag. Die ersten Seiten? Das erste Kapitel? Das liegt – betrachtet man die Romanchronologie und die Zeit, in der überwiegend die Handlung stattfindet -, in der Zukunft. Wiedergänger kommen aus der Zukunft. Der Tod ist ihre Erfahrung.

2 Kommentare zu was der Tod sein könnte 2

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Iffland

1. Dezember, 2009 um 14:21

Lieber Guido Graf,

ein schnelles und herzliches Dankeschön, für (für mich) etwas weniger als 100 Tage „Unendlicher Spass“! Vielleicht schaff´ ich es noch, mich ausführlicher zu in meinem Kopf (!) munter mäandernden Gedankenströmchen das Buch betreffend zu äußern, vorerst aber nur dies: Geister bevölkern das Buch, großkopferte, unheimliche, auf seltsame Art körperlose (trotz der vielen schmerzhaft detailierten Beschreibungen „körperlicher“ Vorgänge).

Herzlich

Iffland

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Michi

1. Dezember, 2009 um 23:53

Heute, am 1. Dezember, danke ich als treuer Leser dieses Blogs:

– Elmar Krekeler, für seine köstlichen und teilweise mitreissenden regelmässigen Beiträge, stets gewürzt mit persönlichen und tagesaktuellen Einlassungen;

– Aléa Torik für ihre wundervollen philosophischen Analysen, mit deren Lektüre und dem Verweilen in nachfolgenden Gedankenlabyrinthen ich viel schöne Zeit verbracht habe;

– Guido Graf speziell für genau diesen letzten eingeschädelten Beitrag, der mir die sich beim Lesen bereits ab Seite 27 aufgeworfenen Fragen shakespeaerisch erhellt hat;

– und all den anderen Bloggern, Kommentatoren und sonstigen Pro- und Antagonisten.

Und Ulrich Blumenbach, für diese grandiose Übersetzung.

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Über das Buch

1996 erschien »Infinite Jest« in den USA und machte David Foster Wallace über Nacht zum Superstar der Literaturszene. Vor einem Jahr nahm sich David Foster Wallace das Leben. Sechs Jahre lang hat Ulrich Blumenbach an der Übersetzung von Wallaces Opus magnum gearbeitet, dem größten Übersetzungsprojekt in der Geschichte des Verlags Kiepenheuer & Witsch.
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