was der Tod sein könnte

28. November 2009 |

Wir sprechen mit den Toten. Alles ist, wenn Hamlets Geist erscheint, in Nebel gehüllt, past midnight, bitterly cold, and dark except for the faint light of the stars. Widergänger gibt es in diesem Roman einige. Ihnen geht es um Wahrheit und um den Tod. Unendlicher Spaß ist auch der Versuch eines Exorzismus. Auch die Wildhamster kehren zurück. Außerhalb der E.T.A. ist die Apokalypse längst da. Und sie kommt durch die Keller.

Wildhamster – die in Sachen mitternächtlich haarsträubende Konkavitätsschauermärchen bammelmäßig ganz oben rangieren neben kilometergroßen Wickelkindern, schädellosen Geistern, fleischfressender Flora und Sumpfgas, das einem die Gesichtshaut wegätzt und einen für den Rest des Zombielebens mit freiliegender grauroter Fazialismuskulatur rumlaufen lässt – werden südlich der Lucite-Mauern und ATHSCME-Kontrollpunkte, die die Große Konkavität abgrenzen, kaum je gesichtet und nur alle Jubeljahre mal südlich der neuen Grenzfestung Methuen, Massachusetts, deren Handelskammer den Slogan »Der erste Stadtneubau der Interdependenz« aufgebracht hat, und sie sind, ohne Blott jetzt zu nahe treten zu wollen, kaum je solo anzutreffen, sondern gehören zu den räuberischen heuschreckenartigen Schwarmkreaturen, die kanadische Agronomen als »Piranhas der Prärie« titulieren.

Wichtiger scheinen die „schädellosen Geister“. Aber wo sind die Schädel hin? Werden sie in Mikrowellen zerfetzt? Blott versucht in der E.T.A. einmal, eine „sperrige alte Mikrowelle ohne Tür“ wegzuräumen. Sie ist ihm zu schwer und er lässt sie fallen.

Gately liegt im Krankenhaus und fiebert. In seinem Traum steht nun eine große Gespenstergestalt an seinem Bett. Eine Brille, ja, aber mehr vorerst nicht. Der Geist spricht, beruhigend; er scheint etwas müde und verdrießlich. Dann sieht er einmal, im Traum, ein „beeindruckendes Büschel Nasenhaare“. Die Stimme des Geistes, so erklärt dieser, ist eigentlich keine, sondern die Hirnstimme Gatelys.

Hal, so Schtitt mehr als einmal, ist ein Geist, ein Wiedergänger, der kommt, um die (noch) Lebenden das Fürchten zu lehren (heißt Schtitt eigentlich wirklich Schtitt? oder ist er selbst nur ein notdürftig durch Fehlschreibung maskierter Fluch?). Der Wunsch, ein Fluch zu sein. Um wenigstens irgendwas zu sein. Von dem, was übrig geblieben ist. Hal bleibt nicht liegen am Ende des Romans. Danach kommt ja noch der Anfang. Vielmehr geht es bei ihm wie bei Gately um den Tod und die Sucht und den Sog, dem man sich überlässt, widersteht, mit dem man kämpft, aber erst kämpfen kann, wenn man gelernt hat, ihn zu fürchten. Und diese Furcht durchdringt alles.

Hal zögert, scheinbar. Denn eigentlich ist er nur auf Zermürbung aus. „Er sondiert und pickt herum, bis sich ihm ein Zugang öffnet.“ Die Rede ist von Tennis. Eigentlich. Wohin aber könnte dieser Zugang führen? Ins Spiel? Zurück ins Spiel, überhaupt ins Spiel? Zugang, um mit anderen in Kontakt treten zu können? Geister haben in der Regel keinen Zugang mehr zum Leben. Wiedergänger sind für Heimsuchungen zuständig, d.h. sie kehren an einen Ort zurück, zu Menschen, mit denen oder dem sie, als sie noch lebten, in Verbindung gestanden haben. Das Ziel der Heimsuchung ist meist nicht klar zu bestimmen. Diese Unschärfe charakterisiert vielmehr das Wesen einer Heimsuchung.

Doch nicht nur das, Schtitt nennt Hal „seinen“ Wiedergänger. Robert H. Bell (with William Dowling: A Reader’s Companion to Infinite Jest) erklärt den Ausdruck mit Hals Fähigkeit, wieder ins Spiel zurückzukehren und zwar auf so spektakuläre Weise, als würde er von den Toten auferstehen. Also so ähnlich wie später im Roman im Spiel gegen Ortho Stice. Zweifelhaft, ob das als Erklärung hinreicht. Denn sie sagt noch nichts darüber, aus welchem Jenseits demnach Schtitt spricht, wenn er in Hal seinen Wiedergänger erkennt.

Ein paar hundert Seiten später. Hal muss das Überkopfschlagen trainieren: „Tipp & Klopp.“

Nach zwanzig solchen Schlägen schnappen Hal und Coyle nach Luft, können kaum noch stehen und sollen die als unermüdbar bekannten Wayne und Stice mit Lobs füttern. Bei Überkopfschlägen muss man um sich treten, um in der Luft nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Über ihnen setzt Schtitt mithilfe eines unverstärkten Megaphons und sorgfältiger Aussprache jedermann in Hörweite darüber in Kenntnis, dass Mr Wiedergänger Hal Incandenza den Ball bei den Überkopfschlägen das kleine bisschen zu viel hinter sich lässt, vielleicht aus Angst um den Knöchel. Ohne aufzusehen, hebt Hal zur Bestätigung den Stock.

Das scheint von Schtitt zweifellos als Demütigung gemeint, natürlich auch als disziplinierender Ansporn. Hal ist nicht unermüdbar, sondern ganz das Gegenteil. Für Schtitts Geschmack quält er sich nicht genügend. Er denkt lieber an seinen Knöchel und umsorgt ihn. Hal stimmt ihm zu. Junge göttliche Gestalten mit schlimmen Füßen kennt die Literatur noch mehr. Außerdem ist Hal längst dabei, sich in seine Einzelteile aufzulösen. Der Knöchel, das Bein, das Muttermal, usw. Alles steht für sich selbst. Nichts gehört ihm selbst. „Umgeben von Körpern und Köpfen.“

„Benutzen Sie einen Kopf“, sagt Schtitt. „Sie sind nicht Arme. Arm ist im wahren Tennis wie Rad an Fahrzeug. Nicht Motor. Beine: auch nicht. Wo ist, wo man sich bewirbt um Bürgerschaft in zweiter Welt, Mr Bewusstsein vom Knöchel Incandenza, unser Wiedergänger?“

Hal ist nicht Arm, nicht Knöchel, nicht Bein, vielleicht nur ein Kopf? Schtitts Frage kann man versuchen auszubuchstabieren: Wo ist unser Wiedergänger? Was meint Schtitt eigentlich mit zweiter Welt? Ist das die, in der wir Hal als Wiedergänger erleben? Was wäre dann seine erste? Aber noch geht es nur darum, so Schtitt, sich um die Bürgerschaft in dieser zweiten Welt überhaupt zu bewerben. „Where is where you apply for citizenship in second world Mr. consciousness of ankle Incandenza, our revenant?“ Schtitt geht aus vom Gebot, dass man (eigentlich) derselbe bleiben und sich nicht, wie der Wiedergänger Hal oder das Tennis-Chamäleon David Wallace als 15jähriger, allen Widrigkeiten anpassen soll. Schtitt meint es aber durchaus grundsätzlicher. Man muss sich die zweite Welt – das könnte etwa die des Erwachsenwerdens sein – erarbeiten.

Hal, der Wiedergänger, geht vor und zurück, letzteres zu spät, aus Rücksicht auf seinen Knöchel, aber das könnte es danna uch schon sein. Doch Hal hat ja noch eine Antwort auf Schtitts Frage und die erinnert allzudeutlich um ein für diesen Roman zentrales Behältnis. Er sagt: „Kopf.“

(Fortsetzung folgt)

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Über das Buch

1996 erschien »Infinite Jest« in den USA und machte David Foster Wallace über Nacht zum Superstar der Literaturszene. Vor einem Jahr nahm sich David Foster Wallace das Leben. Sechs Jahre lang hat Ulrich Blumenbach an der Übersetzung von Wallaces Opus magnum gearbeitet, dem größten Übersetzungsprojekt in der Geschichte des Verlags Kiepenheuer & Witsch.
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