16. November

24. November 2009 |

11.30. Großraum über Trübzonesien. Graugesichtiger Kaffee. Händels Wassermusik. Wetthusten von Arbeitswabe zu Arbeitswabe. Hab Sehnsucht nach der Matratzengruft. Traurigtraurig.
Dissoziation? Da ist man nicht ganz man selbst, sagt die Moms. Das sind Menschen, die eine tief sitzende Angst vor ihren eigenen Gefühlen haben. Hab ich nicht. Die Moms erzählt von Grandpa der Geld genug hatte zu investieren, in einen Punsch aus Delaware oder einen obskuren süßen Kaffeeersatz mit Kohlensäure. Grandpa entschied sich… Genau. Dumm jeloofen. Und wenn dann der Vater sich nicht totgesoffen hätte, wäre sie nie zur Uni gekommen. Und nie Mutter des totalvertrollten Mario, der die Mittfünfzigerin anhimmelt als wäre sie Angelina Jolie. Die redet von Suppression, von Menschen, die eingesperrt auf die Welt kommen. Wir streifen weiter durchs Minenfeld zwischen Mutter und Sohn. Großartig verschlingendes, leicht angekrängtes Gespräch. Dass die Moms es mit dem Windeln einfach nicht hingekriegt hat. Und verzweifelt darob. Im Innern der metallischen Moms schlägt ein Herz. Ist das hier jetzt eine Familienzusammenführung?
Ab in die Nacht. Hal und Trollo. „Die Dunkelheit hatte Form ohne Weite.“ Großartiger Satz. Noch so ein Gespräch. Umschlingender Dialog. Aneinandervorbeizueinanderhinreden. Hal träumt von Zahnbehandlung. Das ist jetzt auch schon mindestens der zweite. Über Zähne im Spaß könnte man auch dissertieren, wenn man wollte. Die beiden tauschen Dönekes aus über die Moms und ihren Hund S. Johnson (Samuel?) aus. Den sie überall hin mitnimmt. Notfalls als Blindenhund getarnt. Mit dem sie telefoniert. Dem sie esoterisches Futter kauft (makrobiotischer Pansen?). Das Gespräch kreiselt weiter, um Pemulis, um das schöne Geräusch des Gebläses. Und dann Trollo: „Hal, so ziemlich das Wichtigste für mich ist, dass ich dich lieb habe und froh bin, einen in jeder Beziehung so wunderbaren Bruder zu haben, Hal.“ Wen hat der denn als Drehbuchautor? Das ist ja furchtbar.
Weiter krängen zum nächsten Dialog. Kate Gompert und Marathe. Der entdeckt eine Ähnlichkeit Kates mit seiner komatösen Gattin und lässt folgenden Satz aus Blumenbachs Schrägstilmanufaktur aufblühen: „Ich verbringe einen Tag, um zu finden jemanden, der, ich glaube, meine Freunde werden ihn töten, die ganze Zeit erwarte ich die Gelegenheit, meine Freunde zu verraten, und ich komme hier und telefoniere, um sie zu verraten, und ich sehe diese verbeulte Frau, die stark meiner Frau ähnelt.“ Sehr hübsch. Eine Seelenverwandtschaft bauscht sich auf. Beide mit Schmerz im Selbst, „unfähig, etwas zu engagieren oder zu wählen von draußen“. Und Marathe erzählt die vollkommen beknallte Geschichte, wie er sich in seine Gattin verliebte: Er rettet ihr, klein, buckelig, Metallhut aufm Kopp, das Leben, er kehrt sie mit dem Rollstuhl gerade noch rechtzeitig vor einem Laster von der Straße. Und ein Blick von ihr – schon sind die Depressionen wech. Sie hatte nur leider keinen Schädel wg. Intoxikation der gesamten Südwestschweiz. Sie heiraten geradezu zwangsläufig, von der klinischen Depression als Schrotflinte zum Traualtar gestoßen. Kate reichts: „Sie spionieren und verraten die Schweiz, um jemanden vielleicht am Leben zu erhalten, der einen Haken, Spinalflüssigkeit und keinen Schädel hat und in einem irreversiblen Koma liegt? Und ich dachte, ich wäre gestört. Ich glaube, ich muss meinen Begriff von gestört ganz neu überdenken, Mister.“
Meine Begriffe von gestört hatte ich nach 25 Berufsjahren auch für ziemlich gefestigt gehalten. Und dann kam dieses Buch.

3 Kommentare zu 16. November

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Blogleser nach dem Ende (des Buches)

24. November, 2009 um 18:53

Sehr schön, Herr K.. Hab’s ausgedruckt und ins Buch sortiert. Wer weiß, nachher macht’s doch Bumm und das Netz ist weg. Um viele der Texte hier wäre es schade.

Stellt sich ja immer so die Frage, neben welches Buch man welches Buch ins Regal stellt (sofern man gerne ordnet; man kann es ja auch bleiben lassen und ganz einfach stapeln oder verschenken oder bei booklooker weiterverkaufen). US habe ich mal nicht neben Ulysses und auch nicht neben Gargantua & Pantagruel und auch nicht neben Pynchons Krimskrams gestellt. Ich dachte mir, neben Ciorans Vom Nachteil, geboren zu sein passte es ganz gut. Vielleicht äußert das Buch sich ja durch ein zustimmendes Grunzen; oder es bekommt eine Gänsehaut und möchte lieber neben dem Pschyrembel stehen. Wer weiß. Im Moment allerdings liegt es schon wieder auf dem Tisch, erneut aufgeschlagen, auf dass manches blog-angeregt noch einmal nachgelesen werde.

Ei, verflixt.

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Stephan Bender

24. November, 2009 um 22:34

Novemberwärme im Kleinraumkabuff in Charlottengrad, Fensterkino für die Nachbarn. „Earl Grey“-Tee im Glas, vom grau ins blutrötliche schimmernd. Es hustet zwar kein Gnom, aber der Fan heult sich schwerstdepressiv die Hitze aus dem Plastikgehäuse.

Nö, Elmar, die Pointe ist gar nicht so gestört und auch gar nicht so neu. „Der Englische Patient“ z.B., ein ungarischer Wüstenforscher, verriet die Aufstellung der britischen Armee an die Nazi-Deutschen, weil er ein Flugzeug brauchte, um seine (schon tote) englische Geliebte aus einer Wüstenhöhle zu bergen. Das hat mich schon immer fasziniert, dass Menschen aus Liebe bereit sind, ihre politischen Ideale zu verraten. Oder auch Leute, die ihre Liebe für politische Überzeugungen verraten. „Casablanca“ und so… Oder die Leute, die für die Stasi ihren Partner ausspioniert haben, nicht um dem Staat zu helfen, sondern um sich auf diese Art am Partner zu rächen. „Das Leben der Anderen“ und so…

Aber ein Wunder ist das nicht. Den berühmtesten Humanisten, der radikal wurde, ham se ans Kreuz genajelt…

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achim szepanski

25. November, 2009 um 16:04

ende des humanismus,und das für alle mal, dafür ein paar zitate von tiqqun:
inzwischen ist die liebe in den abgrund des abscheußlichsten der spektakulären rollenspiele gestürzt…
geben sie ihrer zweisamkeit einen persönlichen anstrich…
das paar:jede unkontrollierte fluidität der distanzen zwischen den körpern versteinern, indem man ein territorium der identität herausschneidet, das man sich aneignen kann…

and so on. was wolfgang pohrt als abgesang auf die heroisierung der käuflichen liebe bei balzac ( ein skandal selbst für den systemtheoretiker luhmann) herauskristallisiert hat, nämlich, die partnerschafliche beziehung, ist das movens und das perpetuum mobile, dass das begehren unter dem slogan liebe heute stets vorantreibt, wobei die literatur, tatsächlich mit den ausnahmen wallace und bolano, das Ihrige dazutut. nochmals tiqqun:
dem jungen-mädchen können sich eigentlich nur jene besten freunde/freundinnen nähern, in denen zuvor jede sexuelle latenz ausgelöscht wurde; und niemand wird von ihm definitiv mehr auf distanz gehalten als derjenige, den es in sein bett gelassen hat. die erfahrung dieser distanz hat den den geliebten/geliebte durch den partner ersetzt. indeed, das restpostenprogramm liebe wird im moment durch bestseller wie precht verhökert, bei dissertationen heißt das dann »liebe und geld im kontext partnerschaftlicher beziehungen«

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Über das Buch

1996 erschien »Infinite Jest« in den USA und machte David Foster Wallace über Nacht zum Superstar der Literaturszene. Vor einem Jahr nahm sich David Foster Wallace das Leben. Sechs Jahre lang hat Ulrich Blumenbach an der Übersetzung von Wallaces Opus magnum gearbeitet, dem größten Übersetzungsprojekt in der Geschichte des Verlags Kiepenheuer & Witsch.
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