Buch = Autor, Autor = Zeitzeuge – und nur als solcher eines Buches zeugungsfähig. Nicht abzuhelfen ist ihm, diesem Diktum des Infotainments. Sah gerade wieder einen sich als Kulturreport tarnenden TV-Bericht, der einen Roman zum bloßen Sachbuch herabwürdigte, indem der Autor an Orten früher erlebten Geschehens stand und seine Erinnerung aufrief. Wenn der das so erlebt hat, dann wird das auch so gewesen sein, scheint der öffentlich-rechtlichen Weisheit letzter Schluss zu sein, um nicht zu sagen: das Verkaufsargument im Zeitalter der Versachbuchisierung. Nicht ein Sterbenswort fiel über die Anhöhe, hinter der aus Erinnerung und Erlebnis erst der Blick frei wird auf Literatur. (Gerade eben Joachim Kaiser über Amelie Fried in der SZ, eine ähnliche Kerbe.)

Aber es ist ja nicht alles TV. Hals kurzes Ausatmen „Ich bin hier drin“ hat mich gleich gefügig gemacht, legte sich zudem über ein Interview, in dem Thomas Brasch über Uwe Johnson und sich selbst sagt, sie hätten diesen „äußerst geschärften Instinkt, dass die Welt erst durch einen Menschen hindurch muß, um beschrieben werden zu können“ (aus den jüngst bei suhrkamp zusammengestellten Interviews, S.294). Noch ist ja nicht klar, wer all die Partygäste von wo aus bündelt, noch ist der Unendliche Spass zumindest keine grenzenlose Feier der Subjektivität, auf der einem ständig neue Redeweisen durch den Kopf rollen und das Denken zerfasern. (Und wer hatte eigentlich das Gerücht in die Welt gesetzt, auf den ersten 200 Seiten ginge es ausschließlich um das Fördersystem der amerikanischen Tennisjugend?)
Um oben anzuschließen: Ein zusätzliches zum Lese-Glück wäre es für mich, wenn wir uns auf dieser Seite vom Schicksal des Autors DFW lösen und die biographisch-postzerstörerische Artikelarmada im Vorfeld der deutschsprachigen Veröffentlichung des Buches hinter uns ließen. Bestimmt ist es gar nicht nötig, das hier aufzurufen unter Lesern. Die Depression und ihre Veräußerung, all die Inhalte des Apothekenschranks sind ja Leitwölfe im gesamten Werk von DFW – gerade deshalb ist keine wissenschaftliche Beweisführung fähig zu sagen/errechnen, wie viel Autor-Ich und wie viel Amerika/Welt sich zwischen Seite 99 und 114 in der Figur Kate Gompert befinden. Schlecht wurde mir natürlich doch, als ich das las. (Mehrfach vorher unansprechbar gewesen für meine Freundin und dies mit dem „Ich bin hier drin“-Satz begründet, auf 114 also notwendigerweise erstmals den „Ich muss hier raus“-Joker gezogen.) Lieblingsstelle bisher bei aller erzählerischer Wucht der Dialog S.59ff, Hal & Mario als Reinkarnation von Franny & Zooey.

Jan Böttcher, 1973 in Lüneburg geboren, lebt als Autor und Singer/Songwriter in Berlin. Er hat deutsche und skandinavische Literatur studiert und arbeitet auch für das KOOK-Label, als Herausgeber und Veranstalter von Lesungsreihen sowie des LAN-Festivals für junge Literatur. Bis 2007 sang und textete er für seine Band Herr Nilsson. Zuletzt, 2008, erschien von ihm ein Soloalbum und der Roman Nachglühen.

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Über das Buch

1996 erschien »Infinite Jest« in den USA und machte David Foster Wallace über Nacht zum Superstar der Literaturszene. Vor einem Jahr nahm sich David Foster Wallace das Leben. Sechs Jahre lang hat Ulrich Blumenbach an der Übersetzung von Wallaces Opus magnum gearbeitet, dem größten Übersetzungsprojekt in der Geschichte des Verlags Kiepenheuer & Witsch.
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