Ich bin gestern auf Seite 315 angekommen, also gerade noch so im Soll, und der Haupteindruck/die Hauptfrage ist: Ich befinde ich immer noch in der Exposition des Romans (1). / Befinde ich mich immer noch in der Exposition des Romans?
Es gibt bisher keinerlei Handlung (2), null Plot, nicht die geringste Spur (vielleicht deutet sich ab Seite 311 ja einer an, wo es um die Planungen von Pemulis, Hal etc. zum Einschmeißen dieses historischen Super-Halluzinogens geht? Oder wird es nie einen Plot geben? (3))

Aber das Umfeld bekommt allmählich Konturen (Phylogenese/Ontogenese):
Zum Gebäude der E.T.A. (in der architektonischen Form eines Valentinsherzens) gesellt sich die Ruine der ehemaligen Reha der US Marines mit ihren sieben Nebengebäuden (Monden), darunter das Ennet House als Entzugs-WG. Hier kriegt Pemulis die Drogen für die E.T.A.Studenten, als eine Art Kurier/Hermes zwischen den zwei geschlossenen Welten.
Außerdem bekommen wir die Familiengeschichte der Incandenzas (männliche Linie) bis zum Urgroßvater hinunter geliefert: die Koppelung von Geschäfts- und Sportwelt (Körper als Maschine) in der Großvatergeneration (Kapitel über 1960 v.SZ, S.224)
Das Ganze wird flankiert von Medienrealitäten (Teleputer versus die subversive Camp-Radiosendung von Madame Psychosis mit der Aufzählung all der Kranken/Exkludierten)) und Mediengeschichte (Hal Incandenzas Aufsatz über Polizeifilm-Geschichte, vom reagierenden ( 60er) über den reagierenden (80er, postmodern) zum nicht-agierenden Kommissar der Zukunft.
Einerseits totalitäre Bewusstseinskontrolle/Bewusstseinserziehung, andererseits Ausbrüche (Drogen, Betrug bei den Urinproben).
Ich bin gespannt, ob bald mal irgendwas passiert.

(1) Vielleicht ist das ein Grund für das Ermüdende, warum die Prosa nicht packt, nicht mitnimmt, Alban Nikolai Herbst? (Ich gestehe (ein einziges Mal, hier unten, in einer Fußnote), daß ich mich aus demselben Grund auch oft zwingen muß weiterzulesen. Aber ich will mich dazu eigentlich nicht äußern, zumindest nicht, solange ich das Buch nicht zu Ende gelesen habe, und auch danach vermutlich nicht. (Erstens will ich nicht die Kritikerposition einnehmen, zweitens schätze ich DFW viel zu sehr aus vielen anderen Texten, um schon beim Lesen den Geschmack in den Vordergrund zu rücken. Für mich ist Literatur außer Unterhaltung auch ein Erkenntnismedium. Beides. Mir geht es hier vor allem um letzteres.)
(2) Es gibt so ein statisches Element, das mich in den Erzählbänden von DFW immer begeistert, z.B. in der Geschichte von dem Jungen, der zum ersten Mal vom Sprungbrett springt, Stillstand der Zeit, Aufhebung der Handlung. Ein Innehalten, Innewerden in dieser allgemeinen Plotmaschine. Ein Grund, warum ich hier mitmachen wollte (um an einen frühen Beitrag von Thomas von Steinäcker anzuknüpfen), war, daß dieser Autor, in meinen Augen und in dem, was ich bisher alles von ihm gelesen habe) einige sehr eigene neue Formen entwickelt hat, um der Gegenwart literarisch beizukommen. Das ist selten genug geworden. Auch wenn immer wieder die unüberschaubare Vielfalt (also Beliebigkeit) in der Literatur beschworen wird, die sich nicht ordnen und bewerten lasse, glaube ich nach wie vor, daß unter dieser Oberfläche eine literaturhistorische Entwicklung stattfindet. Und sie wäre auch zu erkennen. Der sich ändernden Welt/Gesellschaft entsprechen sich ändernde Ästhetiken. Das vor allem interessiert mich (im Gegensatz zum „Zeitgeist“) an der Gegenwartsliteratur. Deshalb DFW (und ich hoffe, es gelingt mir, auf diese ästhetischen Grundfragen hier gelegentlich zurückkommen zu können).
(3) Gut möglich, daß bestimmte Plot-Elemente tatsächlich sehr amerikanisch sind, daß ich sie deshalb nicht sehe/verstehe. Z.B. der Anfang, das Vorstellungsgespräch an der University. Vorgestern hat mir jemand erzählt, daß es an US-Unis tatsächlich so sei, daß Supersportler von Universitäten eingekauft und – wie dumm sie auch immer sein mögen – durchs Studium geschleust werden, damit die Unis auf ihre Promi-Studententafeln ein neuen Namen prägen lassen können. Genauer gesagt, soll es das Normale sein, daß diese Supersportler dumm wie Stroh sind. Erst da ging mir auf, warum diese Uni-Leute auf den gleichzeitig superintelligenten Hal so reagieren wie sie reagieren. Warum sie nur Geräusche hören. Warum Intelligenz hier ein Skandal ist.

3 Kommentare zu „Alles dient der Bewusstseinsbildung“

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sinedi

15. September, 2009 um 11:25

Danke, Herr Niemann, das ist ja gegenüber anderen Zauderern oder Abbrechern noch ziemlich fair – obwohl Sie bei „null Plot“ doch noch ne Menge „Plots“ aufgezählt haben, meiner Meinung nach.
Ich habe ja in einem anderen Threat das Ganze auch schon „Weißes Rauschen“ genannt – und ich glaube, dass wir vor lauter zerhackten Plots und eingefügten Miniplots, die anfangen, angedeutet werden und wieder abbrechen, natürlich keinen durchgängigen „Roten Faden“ mehr finden können. Aber ob wir ihn alle auch tatsächlich vermissen?

Das ist doch aber gerade die Leistung DFW’s und der „Fluch“ der Post-Postmodernen, dass wir ja dieses roten Wollknäuels verlustig gegangen sind.
Die Handarbeitsgeschäfte haben allerorten geschlossen, niemand strickt mehr, außer ein paar unentwegte Nostalgiezirkel. Und ob die Einschaltquoten beim TV irgendetwas mit dem tatsächlichen Aufmerksamkeitsquotienten für die jeweiligen Sendungen zu tun haben, sei mal dahingestellt.

Wir „zappen“ uns durch Programm und durchs Leben: na – und das kommt uns doch jetzt – in diesem Falle – irgendwie bekannt vor… – jawoll – auch der Unendliche Spaß zappt uns 1500 S. durchs Leben – als Spiegelbild der Zeit – von DFW 1996 schon gut vorausgesehen. Und James/Jim Orin Incandenza war ja nicht nur Filmemacher – auch Optik-Experte, der uns wiederum zeigt – haben wir etwas gesehen – haben wir quasi alles gesehen – der Unendliche Spaß ist überall – in Boston/“Enfield“ aber auch gleichzeitig bei uns um die Ecke vor der Tür …

Dass Trommelfeuer sprachlicher Bonmots, die Bizarrheiten der Charaktere und Eigenartigkeiten, die schrille und oft tuntig gefärbte Urbanität und städtebauliche Architektur, die Konfrontation mit körperlichen und geistigen Entstellungen aller Art – die Beschreibungen z.B. der Filmographie des James O. Incandenza (besonders auch z.B. die Zeitangaben), die persönliche Erinnerungen von „Mme. Psychosis“ alias Joelle van Dyne an dieses Schaffen und diese Werke – wiederum der 20 S. starke Verweis auf die Erziehungsmethoden, denen der Filmemacher in seiner Kindheit ausgesetzt war, all das sind Elemente, die wir wie in der Postmodernen als Puzzleteile kombinieren können, aber nicht gezwungen werden, es zu müssen.

Der US-amerikanische Film „Short Cuts“ des Regisseurs Robert Altman aus dem Jahr 1993 [sic!] ist meines Erachtens ähnlich zusammen“gestrickt“: das Drehbuch ist auf der Grundlage mehrerer Erzählungen von Raymond Carver entstanden – und die einzelnen Plots sind nur lose oder gar nicht miteinander verbunden – und wenn sich mal zwei Akteure aus verschiedenen Erzählsträngen begegnen, wirkt das fast wie „Spiritualität“, wie ein Wunder, wie „Vorsehung“…

Ich bleibe dabei – bin aber auch erst auf S. 403 angelangt -: Der „Unendliche Spaß“ hält uns und dieser Zeit einen genial erdachten („blinden“) Spiegel vor, dessen viele Plots sich zum „Weißen Rauschen“ verdichten – und wir sehen vor lauter Aquarium das „Wasser nicht mehr, in dem wir schwimmen“.

Ähnlich auch wie in dem Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ von Hans Christian Andersen. Es erschien bereits am 7. April 1837 [sic!]:

„Aber er hat ja gar nichts an!“ sagte endlich ein kleines Kind.

„Hört die Stimme der Unschuld!“ sagte der Vater; und der eine zischelte dem andern zu, was das Kind gesagt hatte. „Aber er hat ja gar nichts an!“ rief zuletzt das ganze Volk. Das ergriff den Kaiser, denn das Volk schien ihm recht zu haben, aber er dachte bei sich: ‚Nun muß ich aushalten.‘ Und die Kammerherren gingen und trugen die Schleppe, die gar nicht da war.

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Alban Nikolai Herbst

16. September, 2009 um 07:06

@sinedi:
…trugen die Schleppe, die gar nicht da war.Sehn Sie, genau das mag ich nicht tun, auch wenn man das unfair findet. Im übrigen ist, daß „wir“ des roten Wollknäuels verlustig gegangen seien, durchaus zu bestreiten; es kommt drauf an, w e r verlustig gegangen sei. wen Sie also mit „wir“ meinen. Wenn Sie etwa „Gravity’s Rainbow“ lesen,genau lesen, werden Sie merken, daß da sehr wohl, und zwar Faden für Faden, verknüpft ist, auch wenn man erst einmal einen anderen Anschein vorgespie(ge)lt bekommt. Und mal im Ernst: wer, der denkt, hat denn heutzutage noch einen Fernseher? Zu zappen ist etwas, dem man nachts im Hotelzimmer nachgeht, wenn man mürbe ist, aber nicht einschlafen kann. Künstlerisch zu arbeiten heißt sehr wohl und nach wie vor: Zusammenhänge herzustellen, zu „konstruieren“, auch wenn man das unter einer Oberfläche an- oder sogar vorgeblicher Beliebigkeiten versteckt.
Ich bin mir auch nicht sicher, ob solche Zusammenhänge bei Wallace nicht tatsächlich d o c h hergestellt sind, daß er nur „gezappt“ habe, möchte ich überhaupt nicht denken. (War gestern abend auf einer hochgehypten und entsprechend besuchten Lesung; von derartig gewitzerten, mit Schenkelklatschen wegkonsumierbaren Stories, die sich dann auch noch „Roman“ nennen, ist Wallace selbstverständlich Lichtjahre entfernt. Der „Zauderer“ zaudert also durchaus relativ.)

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Mark Z.

16. September, 2009 um 10:20

Mir hat es geholfen, am letzten Wochenende nochmal ein paar Lebensfakten und -fäktlein von Wallace zu lesen. Mich reizt es, die Person hinter dem Buch eben durch das Buch etwas mehr kennen zu lernen. In eben dem Audiostream den Clemens Setz hier verlinkt hat [http://hammer.ucla.edu/watchlisten/watchlisten/show_id/25789/show_type/audio?browse=none&category=0&search=] schimmert doch eine sehr sympathische und offene Person durch, kein König, die sich durch aus als nackt empfunden hat. Und diese Nacktheit, diese Suche auch explizit in ihren Büchern formuliert. Man höre einfach mal die Fragerunde an!

@Alban Nikolai Herbst: Danke, dass sie ihr „Zaudern“ relativiert haben. Es wäre ja schade, gleich alle Weiterleser als Voyeure zu bezeichnen, nur da sie den nackten/König nicht als nackten/König erkennen möchten – oder bezeichnen lassen möchten.

Zu schnell würde aus der persönlich völlig gerechtfertigten Unlust einen Roman zu Ende zu lesen, eine Wertung, dem Roman oder den anderen Lesern gegenüber. Und fast mündete sie in einen quasi Selbstzerfleischung einer bestimmten Gruppe: da findet sich ein wirklich anspruchsvolles und m.M. nach schönes Werk in den Bestsellerlisten, setzt sich gegen die ganzen bissigen Harry Potters der wanderenden Feuchtgebiete durch und muss nun darum bangen nicht mehr vom „Geheimtippstatus“ zehren zu dürfen.

(Man muss einen Wein nicht trinken, wenn er sich als Essig erweist. Doch das scheint mir, und wie sie sagen, auch Ihnen, nicht der Fall zu sein. Mir geht es mit Wallace eher wie meinem ersten Sushi Erlebnis: es wird von mal zu mal reizvoller.)

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Über das Buch

1996 erschien »Infinite Jest« in den USA und machte David Foster Wallace über Nacht zum Superstar der Literaturszene. Vor einem Jahr nahm sich David Foster Wallace das Leben. Sechs Jahre lang hat Ulrich Blumenbach an der Übersetzung von Wallaces Opus magnum gearbeitet, dem größten Übersetzungsprojekt in der Geschichte des Verlags Kiepenheuer & Witsch.
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