Geständnis

23. September 2009 |

Habe heute geträumt, dass der Unendliche Spass zu einer süffigen Narration wird, zu einem echten Pageturner. Meine schnöde Verzweiflung!
Aber: Himmel, war das spannend!

7 Kommentare zu Geständnis

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Clemens Setz

23. September, 2009 um 11:21

„In Zen they say, if something is boring after two minutes, try it for four. If still boring, try it for eight. Sixteen. Thirtytwo. And so on. Eventually one discovers, that it’s not boring at all, but very interesting.“

(John Cage)

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Svealena

23. September, 2009 um 11:54

Herrje, Clemens, so geht das doch auch nicht! Aber: Wiki über Cage 4,33: „Ebenso frei wählbar ist die Zahl der Ausführenden und die Art der (nicht) benutzten Instrumente.“
Ich friemel jetzt also an einem anderen Zugang:-)

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Clemens Setz

23. September, 2009 um 14:45

Na ja, als Leseanleitung ist dieses Zitat wahrscheinlich eh nicht geeignet.

Ich glaube, das Leser-abschreck-Problem von Unendlicher Spaß ist tatsächlich, dass man als Leser niemals das bisher Gelesene zusammenfassen und als komprimierte zip-Datei im Gedächtnis abspeichern darf, so wie z.B. bei einem Krimi, wo Geheimnisse vor den Augen des Lesers aufgedeckt werden und nachdem sie aufgedeckt worden sind, bilden sie nur mehr ein abgekühltes Fundament für alles, was folgt.
Man kann bei US nie sagen: Ah, so war das – damit ist diese Episode also abgeschlossen. Der Leseeindruck ist mehrdimesional, es ist eigentlich kein Roman sondern ein Vektorraum, das Bild wird nach jedem Kapitel nicht übersichtlicher, so wie bei einer klassischen Leseerfahrung, sondern immer detailreicher, die Probleme zirkulärer und unauflösbarer, die Handlung vielstimmiger und offener. So wie bei einem riesigen, sehr pixeligen Bild, das von einem immer genaueren Bild überschrieben wird.
Einige Kapitel erzeugen diesen Eindruck besonders stark, z.B. die Marathe/Steeply-Gespräche oder die AA-Episoden, vor allem dann, wenn die Perspektive von Don Gately eingenommen wird. Bis zu diesen Episoden hat man gedacht, dass all die Sucht-Geschichten in US immerhin ein gewisses Limit besitzen, nämlich den zu erwartenden Augenblick, da sich der Süchtige entschließt, etwas gegen seine Krankheit (oder „Spinne“, wie es Gene M. so schön nennt) zu unternehmen. Aber dann wird klar, dass es dieses Limit, diese Lösung, die vielleicht am Horizont zu erahnen war, überhaupt nicht existieren, dass die Süchtigen im AA-Programm bloß die eine selbstreferenzielle Hölle gegen eine andere selbstreferenzielle Hölle austauschen, mehr ist nicht möglich.

Aber bald wird auch dieses „mehr ist nicht möglich“ in Frage gestellt werden und alles wird noch komplizierter und unlösbarer – was das Ganze wieder sehr realistisch macht. Im wirklichen Leben lösen sich die Dinge ja auch nie vollständig und rückstandsfrei auf – es sei denn, könnte man denken, man wählt die Mikrowelle aus Ausgang.
Ich hab schon an einer anderen Stelle Kafka zitiert, jetzt passt ein anderes Zitat von ihm, die berühmte Betrachtung „Bäume“:

„Denn wir sind wie Baumstämme im Schnee. Scheinbar liegen sie glatt auf, und mit kleinem Anstoß sollte man sie wegschieben können. Nein, das kann man nicht, denn sie sind fest mit dem Boden verbunden. Aber sieh, sogar das ist nur scheinbar.“

Für den Leser führt das letzte „scheinbar“, entgegen seinen Hoffnungen (denn er würde ja gerne wissen: sind die Bäume nun fest am Boden oder nicht?), nicht mehr zurück zum ersten „scheinbar“ (nach „…im Schnee“), sondern macht aus dem ganzen eine zwischen zwei eigentlich disjunkten Bedeutungsbereichen vermittelnde Möbiusschleife, in der sogar der Aristotelische Satz vom Ausgeschlossenen Dritten verletzt scheint (wie kann denn beides „nur scheinbar“ sein, das Fest-am-Boden-Stehen und das Nicht-fest-am-Boden-Stehen, irgendeines davon muss doch auch real sein!).

Beispiele, die solche logischen Purzelbäume zurück in sich selber machen, finden sich fast in jedem Kapitel in US, besonders deutlich beispielsweise in der Beschreibung der „Krokodile“, die von den neuen Rednern beim AA-Treffen gerade das nicht hören wollen, was sie tatsächlich gerne hören würden oder beim Essay über Videophonie.

Jetzt bin ich ein bisschen abgeschweift, aber das macht ja nichts. Oder doch, es macht sehr wohl etwas. Aber sieh, selbst dieser Eindruck trügt…

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Svealena

23. September, 2009 um 15:32

Ja, und es sind diese Sätze von einer so unglaublichen Schärfe und Genauigkeit, dass man sie sich auf die Zunge tätowieren möchte. Aber zusammen diese Wucherung. Ich bin ja froh, dass der Einband nicht ständig seine Form verändert! Obwohl, schmilzt er nicht gerade ein wenig über die Tischkante? Ich muss weg!

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JesusJerkoff

23. September, 2009 um 21:27

Bei mir drängen sich die beiden schwarzen Bändchen mittlerweile bedrohlich aneinander, aus diesem Grunde habe ich heute eine Lesepause eingelegt, weshalb ich das mit der „nicht süffigen Narration“ nicht ganz nachvollziehen kann.

Allein die ganzen Endnoten und die unendlich vielen Fremdwörter machen das Buch doch zu einem „Pageturner“ schlechthin. Also ich habe schon lange nicht mehr soviel rumgewedelt, um einen Satz zu verstehen. Ob ich ihn danach verstanden habe, lasse ich mal dahingestellt.

@ Clemens Setz

Kenne zwar nur Nicolas Cage, der das nie gesagt haben würde, aber ein schöner Spruch.

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Svealena

24. September, 2009 um 16:42

Pah! Ich hab ja keine zwei Lesebändchen! Nur eines und eine Serviette, mittlerweile schmuddelig. Da liegt also das Problem…

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JesusJerkoff

24. September, 2009 um 22:32

Wieso? Keine Lesebändchen?! Sind die denn irre bei KiWi? Ich hatte zwei.

Mittlerweile in der weitergedachten Parallelen von Einstein (soll heißen, daß sie sich irgendwann berühren und es hat mit Sicherheit schon jemand daran gedacht, daß ganze Parallelenparodoxon zu nennen, aber ich war’s nicht)

Wünsche unendlichen Spaß…

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Über das Buch

1996 erschien »Infinite Jest« in den USA und machte David Foster Wallace über Nacht zum Superstar der Literaturszene. Vor einem Jahr nahm sich David Foster Wallace das Leben. Sechs Jahre lang hat Ulrich Blumenbach an der Übersetzung von Wallaces Opus magnum gearbeitet, dem größten Übersetzungsprojekt in der Geschichte des Verlags Kiepenheuer & Witsch.
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