Statione, Trieste

5. Oktober 2009 |

Postkarten aus einer anderen Zeit. Triest, italienisch mit e am Ende, slawisch ganz ohne Vokale, neben der Freien Stadt Danzig die einzige Stadt in der Geschichte, die je von der UNO verwaltet wurde, zwischen 1947 und 1954. Zwei- oder Mehrsprachigkeit findet hier nicht statt, die Einheimischen und die Touristen sind gut voneinander zu unterscheiden. Das Italien Berlusconis scheint ein restriktives zu sein, es gibt keine Hotspots, es gibt nur Internetcafés, aber Zugang nur mit Personalausweis (gibt es hier schon die Piratenpartei?), und es gibt kein Bier in den Büdchen und Zeitungsläden. Italien ist eine Nation von Zeitungslesern. Im Buch redet Schtitt, und Schtitt redet ungelenk, grammatikalisch konfus, er redet wie ein leichter Asiat Deutsch reden könnte, aber Schtitt ist ein Deutscher, und was er radebrecht, ist ja eigentlich Englisch, also durch das Deutsche geradebrechtes Englisch, was hier so in der Übersetzung als radegebrochenes Deutsch rüberkommt, sehr seltsam. Vielleicht wäre hier ein Basler Akzent besser gewesen. Bei Synchronisierungen löst man dieses Problem oft mit Dialekten, beispielsweise in “Ein Käfig voller Helden”, in dem die Nazis allesamt sächseln, oder bayerisch reden, etc., während die anderen Figuren, die ausländischen Kriegsgefangenen, ein klares Deutsch sprechen. Trieste, Triest, Trst, das Österreichische merkt man der Stadt, finde ich, kaum noch an, und als ich spät zum Busbahnhof schlendere, um den Bus nach Pula zu bekommen, wo die kleine Reise den Anfang nahm und das Ende findet, versucht tatsächlich ein Mann die Tour, er hätte Probleme mit seiner Geldkarte usw., er hätte kein Geld mehr, und es seien schon Freunde zum Goetheinstitut unterwegs etc., er meint, er sei ein in der Schweiz lebender Deutscher und habe mich an der Zeitung als Landsmann erkannt. Er hat tatsächlich einen seltsamen, undeutlichen Akzent, den ich nicht zuordnen kann, ich sage, ich kann ihm nicht helfen, tut mir leid, und viel Glück.
(Stand S. 669)

3 Kommentare zu Statione, Trieste

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ulrich blumenbach

5. Oktober, 2009 um 19:36

Schtitt wollt‘ ich erst nach Trappatoni klingen lassen, hab‘ mich dann aber nicht getraut — leider, denn Sätze wie „Ich bin sicher, überall haben sie Probleme. Ich lege meine Hand ins Feuer: Bumm, bumm, bumm.“ oder „Fußball ist Ding, Dang, Dong. Es gibt nicht nur Ding.“ haben schon sehr schtittsche Qualität.

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JesusJerkoff

5. Oktober, 2009 um 20:59

Das ist dann auch wieder eines dieser Dilemmata aus US-Erkenntnissen, daß Sie trotz ihres sensibilisierten Umganges immer noch die Lügen auf der Straße liegen lassen, die für Sie erkenntlich sind, aber möglicherweise schwächeren Geistern Schaden zufügen.

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Christian Wiegold

6. Oktober, 2009 um 22:13

Das Schtittsche Deutsch erscheint ja in der Blumenbachschen Übersetzung nur dem Schein nach als solches Deutsch, denn es ist ja eigentlich Englisch. Was Blumenbach also Deutsch schreibt, kommt schon seiner Richtung nach aus dem Englischen, ist aber dort, als solches nämlich, als Deutsches gemeint. Schtitt soll ja gerade einen verfälschten, inszeniert-klischeehaften Typus wiedergeben, insofern ist jeder Versuch, diese Klischees zu normalisieren und damit das Uneigentlich einer Nähe zuzuführen, die es so noch nicht geben kann, von vornerein zum Scheitern verurteilt. Oder genauer: englisch. Dies mag zwar zunächst etwas kryptisch klingen, läßt sich jedoch vielleicht mit einem Zitat aus dem Ulyssus erläutern, der schließlich ähnliche Problemlagen aufgegeben hatte. Dort heißt es, an der Stelle, wo Molly sich viermal umwendet: „Er ging geradewegs nicht. Aber die Zeit der anderen ging dampfend porös an ihm entlang. Sie schlich.“ (Das zitiere ich jetzt allerdings aus dem Gedächtnis.) Soviel sei jedenfalls gesagt: pankrös läßt sich das Englisch nicht übersetzen und wird dann eher zu einer Parese. Hoffentlich nicht einer ligamenten.

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Über das Buch

1996 erschien »Infinite Jest« in den USA und machte David Foster Wallace über Nacht zum Superstar der Literaturszene. Vor einem Jahr nahm sich David Foster Wallace das Leben. Sechs Jahre lang hat Ulrich Blumenbach an der Übersetzung von Wallaces Opus magnum gearbeitet, dem größten Übersetzungsprojekt in der Geschichte des Verlags Kiepenheuer & Witsch.
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