„Jetzt fühlte ich mich kompakter; ich fühlte mich dichter zusammengesetzt, jetzt wo ich horizontal war. Nichts konnte mich umhauen.“ (S. 1295): Für die anthropologisch-phänomenologische Auseinanderlegung dieses einen Satzes des nervenzusammengebrochenen Hal (beziehungsweise seines sonst üblichen Gegensatzes, nämlich des Stehens) braucht Hans Blumenberg eine ganze Seite:

„Zur Metaphorik des Bodens gehört eine anthropologische Komponente. Der Zweibeiner Mensch steht in so ihm eigentümlicher Weise auf dem Boden [wozu übrigens auch Hals Definition des Menschen bestens passt, der „ein seltsam gegabelter Stengel aus Fleisch und Blut“ sei; UB], daß dieses Stehen gerade kein Stand als Bestand oder Zustand ist, vielmehr eine Handlung. Es ist nicht die Sprache, die dies vorgaukelt; sie folgt dem Befund, daß einer dies tun muß, um es nicht zu lassen.

Der Stein liegt auf dem Boden; er genügt damit, solange andere Kräfte nicht auf ihn wirken, dem Trägheitsprinzip und der auf ihn stetig einwirkenden Schwerkraft. Die Vase steht auf dem Tisch, solange dieser es aushält und niemand sie fortnimmt. Vom Tisch läßt sich sagen, er habe Eigenschaften, die es ihm ermöglichen, die auf ihm stehende Vase zu tragen. Die Vase lastet auf ihm, ab er dies ist nicht eines ihrer realen Prädikate. Zu stehen ist keine Handlung von physischen Körpern. Ein Mensch, der an einer bestimmten Stelle auf dem Boden steht, handelt im strikten Sinne einer physiologisch nachweisbaren komplexen Operation. Seine Beziehung zum Boden ist insofern real, obwohl dieser objektiv nur die Oberfläche eines Weltkörpers ist, zu dem der darauf Stehende keine reale Beziehung hat. Er ist für diesen Körper nicht da und dieser Körper nicht für ihn.

Daß auf dem Boden zu stehen eine Handlung ist, eine Anstrengung sogar, zeigt sich an der Ermüdbarkeit des Organismus, dies zu leisten, und deren Folgen. Er vollstreckt nicht nur das Prinzip der Trägheit. Er wird nicht gehalten durch die Gravitation, da doch diese es ist, die ihm ständig Ausgleichsvorgänge gegen die Labilität seines Gleichgewichts abverlangt. Würde man den Stehenden an solchen Regulationen hindern, würde er umfallen und in die ‚Lage’ des Steins zum Boden kommen.

Stehen ist Nichtumfallen. Es verlangt ein Minimum an wacher Aufmerksamkeit; es gestattet nicht die Frivolität des unbeschränkten und nicht zufällig so genannten Sich-gehen-lassens, des resignierten Sich-fallen-lassens. Allerdings ist es dann derselbe Boden, auf den man fällt, wo man zuvor gestanden hatte. Der Boden, auf dem man steht, kann allein der sein, auf den man fällt. Denn es gibt nur den einen Boden – nur im Ackerbau spricht man von Böden als solchen verschiedener Güte und Eignung; der Planet hat und gewährt nur einen.“

(„Stand und Bestand“, in: Die Sorge geht über den Fluß, S. 101 f.)

7 Kommentare zu ‚der katatone Held, der über die Gelassenheit hinaus ist’ (S. 203)

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Thorsten Krämer

15. November, 2009 um 21:25

Nur zur Klärung: Blumenberg hat das natürlich nicht über US geschrieben; der Band, aus dem da zitiert wird, ist bereits 1987 erschienen. Da haben Sie, lieber Herr Blumenbach, ihren einleitenden Satz doch ein wenig irreführend formuliert ;-)

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Stephan Bender

16. November, 2009 um 02:34

@ Ulrich Blumenbach

Ick fasse zusammen: „Stell Dir vor, es ist Schwerkraft, und keiner fällt hin!“

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achim szepanski

17. November, 2009 um 11:30

Es bieten sich weitere Anschlüsse an die durchaus spannenden Seiten 1292- 1295 an. Die Horizontalität, in der sich Hal plötzlich befindet, ist das Resultat einer Panikattacke, bei der offensichtlich die Deiche brechen und in der Konfusion eine potentiell positive Ladung (nichts konnte mich umhauen) die Intuition erzeugt, dass Hal so etwas wie das lebendige Fundament seiner eigenen Krise ist. Die panische Erfahrung der Welt ist bisweilen eine Technik, um das Risko der Desintergration einzugehen, unter Berücksichtigung, wenn nichts mehr zu erwarten,nichts mehr zu verlieren ist. Die besondere Sensibilität für Möglichkeiten des Zusammenbruchs und für die extreme Fragilität des Stehens und des Rennens, der Vertikalität, impliziert in dieser Situation die Umkehrung des heiteren Verhältnisses der Flucht nach vorn oder des in den Aktivismus, wie sie die kybernetische Hypothese pflegt, die die Panik als Zustandsveränderung eines selbstregulierenden Systems versteht; hier wird vielmehr die Abweichung zu einer Verweigerung, auf die maschinellen und menschlichen Feedbackschleifen zu reagieren: Ich lasse mich fallen, ich möchte lieber nicht, ich genieße meine Passivität/ Horizontalität gegen die Dispositive des Bildschirmraums. Ich verweigere mich jenem Aktivismus, der den lächerlichen mit Exkrementenund Fleisch gefüllten Dispositiven nicht entkommt, der Technologie des Wahrsagen-Müssens (Hamlet) und der selbstprüfenden Kontrollarbeit. Der letzte Spasmus der prophylaktischen Fokussierung lässt die vorgetragenen Phantasmen als Abwehrfunktionen in einer Art Kurzschluss zur Abklemmung fahren, deren Resultat Hal auf perverse Weise genießt. Weder 0 noch 1 liegt Hal zwischen dem absoluten Dritten und dem absoluten Nichts. Der Titel der Parodie der Alma Mater (hier durchaus im doppelten Sinn zu verstehen) verweist auf den Irrsinn eines x-beliebigen Satzes eines systemischen Kybernetikers, in dem es heißt, dass es die Struktur selbst sei, die fortwährend neue Steuerungsprobleme aufwerfe und daher keineswegs primär Effizienzsicherung hervorbringe, wie eben umgekehrt die Effizienz das Sicherheitsbedürfnis erst erzeuge, welche Kontinuität der Leistungsfähigkeit durch die Einrichtung bestimmter Denk- und Handlungsstrukturen zu garntieren suche. Der natürliche Feind der Sensibilität ist die Effizienz, insbesondere die Effizienz, die sich mit einem Bedürfnis nach Sicherheit konstituiert.
Hals Sensibilität stellt sich in ganz pragmatische Relationen, sein Sensibilitätsgrad ist abhängig davon, wie sehr er in einen Problemzusammenhang verstrickt ist oder sich verstricken lässt, wie sehr er in einem bloßen Funktionieren eines Handlungsablaufs absorbiert wird.
Die horizontale Begegnung Hals mit dem Bildschirmraum ist ein dauerhafter Augenblick, in dem sich bestimmte Intensitäten zeigen (intensive Horizontalität), wobei der Raum ein Territorium ist, der sowohl die Macht als auch die Ohnmacht des Körpers aktualisiert und der sich in Intensitätsdifferenzen aktualisiert, die sie freisetzen (das Kompakt-Fühlen) oder eben auch nicht (Sarkophag). Das Axiom, das hier aufscheint, ist, dass das Sichtbare als Sichtbares einem Horizont nur entspringen kann, wenn sich Nicht-Sichtbare zurückgezogen hat, damit Sichtbares überhaupt gegeben werden kann, oder, um es mit anderen Worten zu sagen, diese Begegnung verweist auf das Gebiet des Nicht-Gesagten, auf das Singuläre des Augenblicks, der als Element der Zeit zugleich aus ihrem Fluß herauspringt, und genau dies qualifiziert ihn als Singularität. Das Herausspringen und das nunc stans korrelieren natürlich miteinander, ansonsten könnte der Hal als Effekt einer Panikattacke nicht in seinem kleinen Sarkophag liegen. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Wallace durchaus weiß, dass die Neutralisierung jeder Intensität selber eine Intensivierung ist (intensive Horizontalität), was nichts anderes heißt, dass sich Hal im Moment einer anderen Pulsation als bisher überlässt, die als die Jahre der Vertikalität jegliches Atemholen verhindert haben. Für die anthropologische Genese der Vertikalität ist der Rhythmus, wie Canetti das vorschlägt, wahrscheinlich wichtiger als die Handlung des Stehens. »Der Rhythmus ist ursprünglich ein Rhythmus der Füße. Jeder Mensch geht, und da er auf zwei Beinen geht und mit seinen Füßen abwechselnd am Boden aufschlägt, ensteht, ob er es beabsichtigt oder nicht, ein rhythmisches Geräusch.« Jeder Körper nimmt, insofern er hinkt oder springt, unhaltbare Positionen ein bzw. bringt Rhythmen mit sich, die als Spuren nach Canetti den Ursprung der Schrift bilden. Im Maßstab des Individuellen wie im Maßstab des Makroökonomischen verliert der Körper in der vertikalen Bewegung sein Einheitsgefühl, um sich als potentielle Waffe zu vervielfältigen. »Die Gleichwertigkeit der Teilnehmer verzweigt sich in der Gleichwertigkeit ihrer Glieder. Was immer an einem Menschen beweglich ist, gewinnt sein Eigenleben, jedes Bein, jeder Arm lebt wie für sich allein.« (Canetti) Inwiefern die Eroberung eines dissonanten Tempo im Tennisspiel bei Wallace über die Mathematik und/oder ein Sicheinlassen auf die Improvisation verläuft, wäre zu untersuchen.

S.1292
Die Kehrseite des Phänomens der bedingungslosen Hingabe zeigt sich darin, dass die Menschen vor dem Sog einer gänzlichen Abwesenheit von Eigenschaften (bei einem gleichzeitigen Zuviel an Eigenschaften) bzw. einer grundlegenden Unbestimmtheit zurücksckrecken bzw. die Leere ihrer Umgebung und deren Lücken entweder in sich hineinzuziehen oder mit bestimmten Signifikanten besetzen: Gott, Staat, Topologie etc. Hal hat dafür schließlich die Bemerkung übrig: »Irgendwie war das nett.« Der Witz liegt hier tatsächlich darin, dass nicht nur der Verrückte verrückt ist, der glaubt, er sei ein König, sondern auch der König, der sich wirklich für einen König verhält, da er nicht das kontingent-fiktive Spiel von Kennen und Verkennen durchschaut, das ihm den Thron zuspricht ( vgl. Zizek).
Ergo sind in diesem Panoptikum, in dem sich Hal befindet, so ziemlich alle verrückt, na ja, und nachdem er einige Szenarios durchgespielt hat und von einer zugleich Klarheit und Schatten erzeugenden Panikattacke durchgeschüttelt wurde, kann ihn zumindest beim Liegen nichts mehr umhauen. Der Bildschirmraum wie Hals innerer Wohnraum birgt gerade in diesem Moment nur das Gefühl, gefaltet zu sein, bevor er vielleicht von einem Fall in einen darunterliegenden dunklen Raum mitgerissen wird, als ob er fortwährend in sich selbst hineinstürzt und dabei nicht dichter zusammengesetzt wird, sondern nur noch zerbröckelt. Letztendlich ist seine »Innerlichkeit» allenfalls noch ein Schwellenraum, eine Schwelle und deren je möglichen Überschreitungen. (Hal ist irgendwo auch ein freier Geist, weil er ein leerer Geist ist.) Das mit einem deutlichen Hang zum Zaudern, wobei seine Gleichgültigkeit einer Gelöstheit entspricht, die den Geist trotz aller Wechselfälle und Widrigkeiten reglos bis zur Lähmung werden lässt. Diese Lähmung ist durchaus ein Leiden, das sich widersetzt, die Äußerung des Leidens zu unterlassen, was wiederum eine immer uneingeschränktere Kontrolle der Situation voraussetzen würde, die hier gelingt (die Klarheit der Aufmerksamkeit, die Essbarkeit der Welt) und zugleich mißlingt (der Ekel vor der Essbarkeit).
Und zuletzt zum schwarzen Wunder des Interesses bzw. der Sucht (im Deutschen geht im übrigen Sucht zurück auf das althochdeutsche Wort Sud, und später Seuche). Den Imperativ des Handels und des Überlassens oder Hingebens begleitet quasi wie ein Schatten das Zaudern als Schatten oder Anathema. Vielleicht ist die Gegenfigur zu jenen Personen, die ums Verrecken ihr Leben für etwas hingeben wollen, der Ulrich aus Musils Mann ohne Eigenschaften, der nach Joseph Vogl im Widerstand gegen einen eindeutigen Willen, an eine Schwelle gerät, an der das Handeln wie das Unterlassen gleichermaßen schwierig wird, und vor die Wahl gestellt, vor die Wahl zwischen Wählen und Nicht-Wählen gestellt, bleibt er unklar und unentschieden. Die Aktionsallergie des Hal ist verbunden mit einer Art von literarischer Problematisierung, die ein Feld eröffnet, auf dem die phantastische Genauigkeit (alles hatte zuviel Einzelbilder in der Sekunde) eine spezifische Wahrnehmung erzeugt, die unabgeschlossen und abschließbar beibt, etwas, das in all seine Teile und Komponenten, in seine Umstände etc. auseinandergefaltet wird, flankiert von einem dunstigen Sehen, das Schwarz ergibt, wenn der Schatten gwinnt oder das Licht vergeht. Zumindest verliert sich das freiflottierende Trübsalblasen, nicht unverwandt zur acaedia, dem fieberhaften Müßiggang, bei dem sich eine innere Unruhe mit der Verfolgung bzw. Wahrnehmung verschiedenster Dinge ohne ernsthaften Sinn und Zweck verbindet und vielleicht sogar zu einer Hamletisierung der Welt führt, hier zu einer Krise, einem Sturz von Urteilsystemen, die sich, wie Vogl Musil resümiert hat, vielleicht folgendermaßen deuten lässt: »Mit ihr ( der phantasstischen Arbeit) betrachtet ist die Welt das, was eben nicht der Fall ist, sie offenbart ein Prinzip des fehlenden Grundes».

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wolf schwarzkopf

18. November, 2009 um 16:03

@ achim szepanski
sehr hilfreich (für mich) und erschreckend
gleichermaßen, soweit ich dem versuch zu folgen
folgen kann.
danke

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Ronald Bergner

18. November, 2009 um 20:30

Sehr geehrter Herr Blumenbach,

Sie haben es tausendmal gehört und vielleicht sind Sie genervt, aber da müssen Sie jetzt durch: Vielen Dank für Ihre großartige Übersetzung. Dieses Buch hat, dank Ihnen, mein Leben verändert.

Ein Fehler (?) ist mir aufgefallen: S. 1032 „Dieses Vorgehen bergte Risiken […]“
Meinen Sie die Vergangenheitsform von „bergen“ oder etwas anderes?

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platero y yo

18. November, 2009 um 23:50

Lieber Herr Bergner,
der originale Wortlaut des Satzes lautet(S.719):“This had risks and exposures and was held abeyant until the dirctor route – to locate and secure a Master copy of the Entertainment on their own – had been exhausted.“(abeyant ist kursiv gedruckt)
Herr Blumenbach wird seine Übersetzung gewiß noch kommentieren.

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ulrich blumenbach

19. November, 2009 um 08:30

Moin, lieber Herr Bergner,

na, da muss ich doch gerne durch, vielen Dank! Es ist übrigens, wenn ich den pathetischen Satz hier wagen darf, durchaus eine ‚raison d’etre‘ meiner Berufstätigkeit: Ich beschere ein paar tausend Lesern schöne Wörter und Sätze. Mehr dazu unter http://www.literaturuebersetzer.de/pages/preise-archiv/hierdank-blumenb09.htm

Was den scheinbaren Fehler auf S. 1032 angeht: Wallace lässt den Erzähler die jeweilige Sprache der Figur (hier des Gruppensubjekts Rohlstuhlattentäter) übernehmen, und auf S. 1032 taucht ergo das ‚französierende‘ Deutsch auf, das wir sonst mit Marathe verbinden. Wallace markiert die Frankokanadier nicht durch fehlerhafte Aussprache, wie man das von Franzosen in Witzen oder Komödien kennt (das macht interessanterweise nur Kate Gompert in Ryle’s Jazz Club: „Isch würde Ihnen ärwidärn, dass isch diesen Satz schon ge’ört ’abe“, S. 1122), sondern durch haarscharf verfehlte Verbformen, Begriffe und Redewendungen. Statt „Wege zum Gehen“ müsste es auf S. 1032 natürlich „Vorgehensweisen“ heißen, statt „Weniger so gut“ „Schlechter“, statt „mit Hoffnung“ „hoffentlich“, statt „bergte“ „barg“, statt „alle Steine zu umdrehen“ „alle Steine umzudrehen“ usw.

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Über das Buch

1996 erschien »Infinite Jest« in den USA und machte David Foster Wallace über Nacht zum Superstar der Literaturszene. Vor einem Jahr nahm sich David Foster Wallace das Leben. Sechs Jahre lang hat Ulrich Blumenbach an der Übersetzung von Wallaces Opus magnum gearbeitet, dem größten Übersetzungsprojekt in der Geschichte des Verlags Kiepenheuer & Witsch.
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