Umgeben von Köpfen ist Hal von Anfang an. Gately hat vergeblich versucht, seinen Kopf zu zerstören. Nun ist er – liegend, fiebernd, phantasierend – nur noch Kopf und umkreist darin seine von Schmerz übervolle Welt. Hal dagegen spuckt das Wort “Kopf” auf eine so betont nicht-unverschämte Weise aus, das sogar Schtitt irritiert scheint und nachfragt. Hal passt sich seiner knappen Diktion an, immer noch gerade so, dass Spott und Disziplin nicht klar voneinander zu scheiden sind:
Der menschliche Kopf, Sir, wenn ich Sie richtig verstanden habe. Wo ich mich als Spieler ereigne. Die eine Welt der zwei Köpfe des Spiels. Eine Welt, Sir.
Clipperton wusste das auch schon und hat seinen Weg gefunden, um die perfekte Balance zwischen den beiden Welten, zwischen innen und außen, Leben und Tod zu finden (wir könnten auch an Ortho Stice, selbst ein Geist oder Schatten, denken, der mit der Stirn an der Scheibe festgefroren ist). Aber eigentlich hält Hal hier den Schädel hoch, von dem er am Anfang gesprochen haben wird, als er sich daran erinnert oder auch nur phantasiert – nachdem er seinen schlimmen Knöchel erwähnt hat:
Ich denke an John N. V. Wayne, der dieses Jahr das WhataBurger’s gewonnen hätte und der maskiert Schmiere stand, als Donald Gately und ich den Schädel meines Vaters exhumierten.
Demnach hat John Wayne das Turnier nicht gewonnen. Aber warum eine Maske? Offenbar im Gegensatz zu den unverhüllten Hal und Gately. Wiedergänger unter Wiedergängern. Gespenster. Etwas geht im Kopf vor, was nur aus dem Kopf hervorgeht, also darin enthalten bleibt, auch wenn es ihn verlässt und außerhalb sein Unwesen treibt. Es passiert etwas, ohne dass es schon passiert. Kopf: Behälter oder – noch schlichter -: eine aufnehmende Erfahrung. Aber was gibt es da zu finden, wenn, was aufgenommen wurde, nicht bei sich bleiben kann, sondern offenbar diffundiert? Was ist das für ein Kopf, der weder Subjekt ist noch Bewusstsein, noch gar ein “Ich” oder nur ein Hirn? Vielmehr wird dieser Kopf definiert durch die Möglichkeit einer aufnehmenden Erfahrung, einer Erfahrung, die dann in vollständiger Diffusion besteht, in der die beiden Welten verschmelzen, in der der Tod in absolute Nähe kommt, annehmbar, immer wiederkehrend.
Der Tod kommt wieder und drängt sich auf, unwiderstehlich und einzigartig zugleich, er ist die Zukunft, eine leuchtende Angst, verführerische Drift. Der Tod bedeutet, das alles um einen herum langsam werde, sagt der Geist zu Gately. Gately stemmt sich gegen den Tod, er erinnert sich an Demerol, an Fackelmann und was da noch alles gekommen ist. Er war schon in der Hölle, heisst das, und weiß eigentlich, wie das ist, wenn alles langsamer ist. Er hat es gesehen und gefühlt.
Gately ist irgendwie zu gehemmt oder zu dämlich, um den Geist zu fragen, ob er im Auftrag seines höheren Wesens oder der Krankheit hier ist, statt also den Geist anzudenken, konzentriert er sich daher darauf, sich scheinbar insgeheim zu fragen, warum der Geist möglicherweise ganze Monate an Geistzeit darauf verwende, durch ein Krankenhauszimmer zu irrlichtern und demonstrative Pirouetten mit Schnulzierfotos und ausländischen Sprudeldosen an der Zimmerdecke eines Drogensüchtigen vorzuführen, den er noch nie gesehen hat, statt einfach dahin zu quanten, wo sein angeblicher jüngster Sohn ist, dort ein paar Geistmonate lang stillzuhalten und zu versuchen, mit dem Scheißsohn zu konnektieren. Aber vielleicht würde der jüngste Sohn ja auch sofort plemplem, wenn er das Gefühl hätte, er sähe seinen verstorbenen leiblichen Dad als Geist, das könnte natürlich auch sein. Der Sohn klang nicht gerade danach, als führte er den alten psychischen Joystick mit sicherster Hand, nach dem, was der Geist ihm
(Gately) anvertraut hat.
Hamlet soll Rache für seinen Onkel Claudius nehmen, sagt der Geist von Hamlets Vater. Hals Vater, Wiedergänger wie sein Sohn (vielleicht weiß Schtitt schlicht davon), trägt Gately nichts dergleichen auf. Seinen Schädel musste Hal auch nicht ausgraben, sondern nur finden. Gately hilft ihm dabei, denn der Geist von Hals totem Vater hat ihn dazu instand gesetzt, Hal zu helfen. Hal sagt das am Anfang. Was auch immer das, wenn man am Ende dieses Romans angekommen ist, sein mag. Die ersten Seiten? Das erste Kapitel? Das liegt – betrachtet man die Romanchronologie und die Zeit, in der überwiegend die Handlung stattfindet -, in der Zukunft. Wiedergänger kommen aus der Zukunft. Der Tod ist ihre Erfahrung.
26. November
5.30. Gehtsokaffee. Zehnkiloaugenlider. Im Großraum Richtung Berlin. Wenns hier gleich ein bisschen kracht, bin ich auf den Lepptopp gefallen. Noch sechs Stunden bis Axel. München verschwimmt im Grau des Gedächtnisses, in das es gehört.
Gately versucht sein Leben zu retten, in dem er sich erinnert. Oder ist das Ganze hier eine verlängerte Schussfahrt in den Tod. Man soll sich ja an alles erinnern, bevor man im Hades ersäuft. Gately hieß Gunny, damals in der Schule „Großer Unzerstörbarer Nullchecker“ (hießen die tatsächlich schon Checker in der Schule der frühen Siebziger? Kerl, hingen wir dann aber hinterher!). Einen riesigen Schädel hat er, das wussten wir ja schon, auch dass er seinen Schädel gegen alles mögliche gebumst hat, wussten wir. Dass er’s für Geld und gute Wetten tat, wussten wir noch nicht. Ein netter Kerl war er wohl nie. Dabei hatten wir ihn allmählich doch so ins Herz geschlossen. Kurzabriss seiner Drogistenkarriere: 1. Joint mit 9, 1. Rausch mit 9 und dann gings weiter. Dass ADS diagnostiziert wurde bei ihm, überrascht nicht sehr. Mit 13 die ersten Quaaludes, von dem ich mir gar nicht vorstellen mag, was es ist. Einen ganzen Lebensabschnitt nennt er, wenn ich das richtig mitbekomme, Ära des Angriffs der Killer-Gehwege, wahrscheinlich wg. drogenbedingter Fallsucht nach mnemonischem Brownout. Gately ist hammerbegabt für Football, das tut er tagsüber, nach 18 Uhr tut er drogen. Irgendwann wird er sich sagen, irgendwo in der Welt sei immer 18 Uhr und dann ist Feierabend. Die Drogenbeichte geht weiter und schleppt sich relativ berechenbar durch die Jugend. Als Gunnys Mutter, die in einem Jahr auch mehr Alkohol zu sich genommen hat, als meine Leber bis zu ihrer Berentung braucht, mit zirrhotischer Hämorrhagie in die Klinik kommt, ists vorbei mit der Footballkarriere.
Schnitt. Hal in der E. T. A. Bin ich müde, verschwimmen meine Augen. Das ist doch fast derselbe Ton, in dem Gunny durch seine Jugend stolpert. Postpubertäre Mutwilligkeit. Immer wieder halten Schüler ihre Köpfe herein. Pemulis zum Beispiel, der zu der einzigen Sache im Zimmer wird, die sich als grundlegend vertikal begriff. Ich langweilte mich. Ich wusste nicht, wann er mich je gelangweilt hätte. „Und ich habs grad nicht nötig, dass du Verführungsrhetorik gegen mich in Stellung bringst.“ Hal redet mit Pemulis, ich mit DFW. Es wird ein Streifen Fleisch am Fenster gefunden. Stirn des Schattens. Hal erinnert sich an die Beerdigung des Storchs und wie C. T. von einer Möwe beschissen wird, und referiert den Inhalt einer der beliebten Storchenpatronen.
Schnitt. Gatelys Hadesfahrt geht weiter. Seine kriminelle Truppe rottet sich zusammen mit Gene Fackelmann für Whitey Sorkin. Die Twin Towers. Erst jetzt, steht da, sei er mit echter Sucht in Kontakt gekommen. Ja, was war das den bisher. Gottogott. Fackelmann könnte sich auch prima bei den Rollis für technische Vernehmungen bewerben (was machen die eigentlich im Moment, die wollten doch die Incandenzas überfallen, statt dessen sind wir hier in der Traumaabteilung). Fax Fackelmann und Gunny Gately sind so was wie Schutzgeldengel und Raubvögel von Mr. Sorkin. Nicht wahnsinnig interessant. Gately erzählt von Dilaudid, von dem Fax abhängig ist, und das eine „schreckliche, fünf Sekunden andauernde mnemonische Halluzination erzeugte, in der er ein gargantueskes Kleinkind in einem Fisher-Price-Gitterbett im XXL-Format au feinem sandigen Feld unter einem Sturmwolkenhimmel war, der sich wie eine große graue Lunge wölbte und schrumpfte“. Wieder mal alles drin in einem Satz und alles zuviel. Das ist das große Buch der Verschwendung.
Krach. Es reicht für heute Vormittag. Muss noch Juli Blesken lesen. Darf Julia Blesken lesen. Ein Zehntel vom Spaß. Dorfgeschichte. Ausgesprochen großartig.
27. November
13.30. Großraum über der Dutschkestraße. Feuerwerksmusik. Irgendwas Leuchtendes muss dieser Tag haben. Das heißt, so trüb ists auch wieder nicht: Gerade erklärt dieser Minister Wiehießernochgleich, dass seine Leute Mist gebaut haben, seine Leute, tja, da kann man halt nix machen, wenn die eigenen Leute Mist bauen, und deswegen geht er jetzt vonwoauchimmerergerade gearbeitet hat (was war er nochmal). Das dürfte neuer Rekord sein. Manchmal möchte man sich schon an die Gegenwart nicht mehr erinnern.
Gately schlendert weiter durch sein Leben Richtung Hades. Gerade ist er dabei gefälschte Führerscheine für Massachussetts zu laminieren. Was man im Leben so alles tut. Und von einem Punter ist die Rede, der wahnsinnig begabt sei (Orin?) und der was werden könne, wenn er bloß „die Karotte im Auge“ behalten würde. Trennt der tatsächlich Tonfälle oder geht das munter durcheinander. Müsste man noch mal, wenn man Zeit hätte. Gunny Gately kommt in den Knast. Michael Pemulis sucht verzweifelt nach einem Schuh. Fax Fackelmann bescheißt Whitey Sorkin. Und ich frag mich, wo das hin gehen soll. Von Schlusssteigerung kann jedenfalls gegenwärtig keine Rede sein. Bobby C taucht auf, den wir, wenn meine nebulöse Erinnerung nicht täuscht als einen hipphoppenden Erzähler mal hatten. Gately gerät in eine moralische Klemme und unter die pflegenden Hände einer sehr kurvoiden Schwester, die allerdings, das tötet tatsächlich alle erotische Fantasie, ihm gerade einen Einlauf gemacht hat. So was von erniedrigend. Und er gesteht, dass er noch nie mit einer wirklich gesunden, nie mit einer irgendwie nüchternen Frau… Was für eine Bilanz. Bei der Visite parliert der AiPler tolles „Schauderwelsch“. Schauderwelsch! Danke, Ulrich Blumenbach. Die sexuelle Spannung nimmt zu. Und der Schmerz bleibt: „Es ist, als hätte seine Schulter eigene Hoden bekommen, denen ein winziger Kerl bei jedem Herzschlag einen Tritt versetzt.“ Auweia.
Tote gemüsifiziert zu nennen, ist immer noch sehr lustig. Auch eine Sportsbar als „Katerschmiede für Schlechterverdienende“ ist nachgerade genial. Sonst geht alles seinen Gang, wankt zwischen Gestern und Gegenwart hin und her. Pamela Hoffman-Jeep schemt auf. Auch so eine Hochgrad-Alkoholikerin, entweder sie ist hackedicht oder sie ist hackepassiv, was beides auf das Gleiche hinausläuft. Dann geht es noch um einen fatalen Verhörer bei einem Wetteinsatz und alles geht drunter und drüber.
14.30. Gehtsokaffee. Das SchMaZ hat nach den jüngsten Ereignissen fünf Chefs in einem Jahr. Das hab ja bis jetzt ich nicht geschafft. Drunter und drüber. Ein ruhiges Jahr wär auch mal schön. Frohe Weihnachten.
22. November
7.30. Dunst hängt an den Hängen der Sackpfeife (so heißt der höchste Berg hier tatsächlich). Hell wird’s hier heute nicht mehr. In den lakritzigen Straßen ist kein Mensch zu sehen. Wahrscheinlich bin ich der einzig Überlebende einer Katastrophe. Wie Will Smith. Aber der war in Kalifornien (Kalifornien? New York?), ich bin in Biedenkopf. Welche Herde heiliger Rinder hab ich in meinem früheren Leben eigentlich überfahren? Apropos. Nachher fahr ich über die Sackpfeife nach Hause. Sackpfeife, die höchste Erhebung der Umgebung.
Falls sich wer gefragt hat, wo denn die Rollis hin sind. Hier sind sie wieder. Sie foltern einen Ohneheimmann (vulgo: Penner), bei dem sich augenscheinlich um Poor Tony handelt. Und sie wollen die E. T. A. überfallen. Die Incandenzas entführen. Beim Tennisturnier. Oder vorher. Gately träumt derweil von Joelle van D. Ein ziemlich feuchter Traum, der allerdings in der gruseligen Vorstellung endet am oberen Ende des ziemlich astraligen Körpers von Madame Psychosis befinde sich hinter dem Schleier das Antlitz von Bullogge Churchill. Dann irrt die Erinnerung zur alten Nachbarin Frau Waite, die alle als Hexe bezeichneten. Auch das trägt alle Anzeichen eines Alptraums. Dann vermischen sich die Alpe und Joelle steht in Mrs. Waites Küche, splitterfasernackig, unbeschleiert und mit dem Gesicht eines Engels. Ist aber der Tod. Und die Mutter. „Der Tod erklätr, dass der Tod einem immer wieder passiert“, was mich jetzt sehr beruhigt. Und die Todbringer sind die Lebensspender, die Moms, weswegen sie einen dann im andern Leben geradezu zwanghaft lieben. Und Joelle sagt: Warte.
Hal erzählt zur Abwechslung mal in der Ich-Form. Hatten wir auch lange nicht. Und ob ich das so gelungen finde, naja. Es geht aufs Spiel gegen die Kanadier zu. Und schneit vom Himmel hoch. Draußen geht nichts mehr. Die Anrufbeantworter von Hal und Pemulis konnektieren. Schnitt. „Als das empyreische Gesicht dem Kochweiß der Traumaabteilung weicht“, verwirrt Don, dass Joelle schon wieder da ist, hinter einem himmlischen Hellviolett. Sie kümmert sich rührend und erzählt dafür noch ein paar Döntjes über das Leben in Ennet House und isst Küchlein, die eigentlich für Don gedacht waren, und erzählt von einem Treffen in der St. Columbkill und wie da ein Kerl namens Wayne (John W.?) von seinem blutbrutalen Papa und dem Grund für eine Gesichtsschrunde. Joelle erzählt von ihrem Ausstieg, Gately kontrapunktiert das mit Erinnerungen an seine kalten Entzüge.
Gibt’s hier Drogen? Garantiert. Die weichen (Bierbierbier, wenn Biedenköpfer im Kreis stehen, kolportiert Thome, ist im Zentrum keine Frau, sondern ein Fass) und die harten. Anders hält mans hier… Stille Tage im Klischee.
23. November
21.30. Zurück am Wasser. Nochmal Traminer. Wenns weiter so warm bleibt, kann ich bald die Primeln im Garten wieder von oben besichtigen, vier Monate vor der Zeit. Ich muss allmählich mal wieder ein Buch lesen, in dem keiner auf der Intensivstation liegt, keiner in die Bewusstlosigkeit hinein- oder aus ihr herausdämmert. Hab gerade nochmal Kathrin Schmidt absolviert, parallel dämmert Don weiter vor sich hin. Parallelen sind nicht von der Hand zu weisen. Schmidts Helene wacht auf, Don taucht ab.
Er entzieht, er schiebt den Affen. Den Vogel. Er musste um jede Sekunde eine Mauer bauen, um sie ertragen zu können. Muss ich nicht haben. Halbtrockene Traminerabhängigkeit reicht völlig. Der Vogelschmerz ist schlimmer als der Angeschossenschmerz. Er ist geschult also im Schmerzen. Er stillt ihn mit Verweilen. Er sitzt ihn aus. Weil er sich nicht wehren kann, muss er Joelles Familienalbum aushalten. Don will sich immer wieder einmischen, will verweilen, schafft es aber nicht. Er fantasiert schmutzelnd vor sich hin, verliert sich in Selbsttäuschung, verdreht die Augen und lässt sie so. Szenische Verdichtung sieht auch anders aus. Reine Verschwendung dieses Buch.
Hal verschwendet auch sein Talent. Tennisnachwuchsstar möchte man, Lehre 459 aus dem Spaß, nicht werden, niemals nicht und auch nicht die Kinder werden lassen: „Viele Spitzenspieler steigen morgens mit einem kurzen Weinanfall ein und sind für den restlichen Tag dann frisch und munter.“ Er katzenwäsch sich und findet Orth „den Schatten“ Stice am Fenster. Draußen ist es scheißekalt, der Schnee fällt. Orth erzählt einen Witz, die Seiten verfliegen. Wir sehen draußen einen Typen im Schnee. Hal und Orth verzällen sisch was. Da fragt Hal Orth dann endlich was mit dessen Stirn los sei. Irgendwas ist faul. Er klebt am Fenster fest. Mit der Stirn. Seit Stunden. Er reißt. Das macht ein hässliches Geräusch. Hal reißt mit. Ich würds ja mit warmem Wasser versuchen. Dafür ist Hal aber zu intelligent. Fällt mir gerade eine schwedische Geschichte ein. Mikael Niemi hieß der Autor, „Populärmusik aus Vittula“ das Buch. Von einem Finnschweden, der im Himalaya am Joch eines Passes einen Stein küsst und mit den Lippen festfriert. Er verzweifelt fast, dann macht er eine ganz besondere Urinprobe. Hat Hal nicht gelesen. Sag ja immer: Romane helfen Leben retten. Troeltsch schon. Der sagt abtauen. Und faselt weiter im Radioreporterton. Wir befinden uns in der Mitte der Zielgerade dieses Dickleibers und der faselt hier von festgefrorenen Stirnen, als hätte er noch alle Zeit der Welt für den Showdown. Es gibt doch einen Showdown. Der kann uns doch nicht mit diesem Fadenknäuel allein lassen. Kann er doch. Kann er doch.
24. November
16.25. Großraum, der keiner sein will, wie jemand ganz wichtiges mal gesagt hat. Stünden zu viele Regale drin. Und Bücher. Tja, diese Bücher. Sind schon ein ernstes Problem. In einer Literaturredaktion. Gehtsobeutelkaffee. Relative Geräuschlosigkeit dank Gummistopfen in den Ohren. Sonst kann man hier ja…
Wir sind wieder in einem anderen Großraum. Mit Ich-Hal in der Nasszelle der E. T. A. (warum Hal jetzt selbst erzählt, hatte ich mich schon mal gefragt, muss das hinterher mal nachlesen). Herr Kenkle taucht auf. „Technisch schwarz, m. a. W. negroid, aber genau genommen eher vom gebrannten Sienaton eines verdorbenen Kürbisses.“ Möchte man auch nicht in der Dusche begegnen. Er hat auch sonst ein paar Fehler und hätte in den ungeschriebenen Annalen der E. T. A. bleiben können (vielleicht wird er ja noch gebraucht, aber ich fange an alles unsinnige Zeug ähnlich aufs Ende zu projizieren, wie das die Harry-Potter-Abhängigen mit den ebenfalls viel zu vielen Figuren der J. K. Rowling taten). Obwohl, jetzt zum Ende hin, wird’s wieder gut. Stice schreit vom Eise befreit. Kenkle will fröhlich sein. Hal sagt: „Meine Güte.“ Geht zum Fenster, will sein Spiegelbild überprüfen. Draußen ist es hell. „Ich kam mir silhouettenhaft und blass vor, tastend und geisterhaft vor all dem gleißenden Weiß.“
Schnitt. Wir hören einen Mitschnitt eines Meetings diverser bedeutender Freakfiguren um Mr. Rodney Tine sr., Chef der unspezifizierten Dienste & Berater des Weißen Hauses in Sachen interdependente Beziehungen. Man mmmpft, man niest, man findet Boston scheiße, man begrüßt sich. Und man diskutiert über einen Spot, der verhindern soll, dass die tödliche Patrone allzu viel Schaden anrichtet. „Wollen Sie vielleicht, dass das Jahr des Glad-Müllsacks das Jahr ist, in dem die halbe Nation nur noch mit Glupschaugen mit kleinen Spiralen drin eine üble Patrone anstarrt, bis sie irgendwann verhungern mitten in den eigenen Exkr-?“ Es wird geklopft, es wird Schleim hochgezogen, es wird geniest, es wird vom tänzelnden Esel erzählt, der Hauptfigur des Spots, der voll funktionsfähige Phil, der tänzelnde Esel. Ein erschreckender Spot. Ein aufwühlender Spot. Ein Spot, der Albträume schafft. Mr. Yee (der auch dabei ist, Direktor für Marketing und Produktwahrnehmung, Glad Flaccid Receptable Corp.): „Örgel. Örgel örgel. Splarg. Kaa. (Fällt vom Stuhl.)“
Kann Gately nicht. Der liegt noch in der Traumaabteilung. Erinnert sich an „Cheers!“ Wenn ich mich bloß daran erinnern könnte. Bin glaube ich zu alt dafür. Das kam mir nach Dt. Zu Besuch ist jetzt Ferocious Francis. Gately macht sich mit Notizen verständlich. Nochmal wird die Geschichte vom Überfall und von Lenz aufgebrüht (geh mal Kaffe holen). Der Doc kommt. „Inder oder Pakistani, von dunklem Glanz, aber mit so einem eigenartigen klassischen Weißengesicht, das man sich ohne Probleme im Profil auf einer Münze vorstellen kann, plus Zähnen, bei deren Strahlen man lesen könnte“. Gemein, aber gut.
Mit einer gewissen Grausamkeit pult er in Gatelys entgifteten Wunden. Schmerz ist schlimmer als gestern, gell? Arschloch. Und dann hält er ihm wie dem Kaninchen die Möhre vor die Nase Schmerzmittel vors Gehirn. Titriertes Hydromorphonhydrochlorid zum Beispiel Gately erschauert. Dilaudid. Fackelmanns Untergang. Der Ritz-Cracker des Todes. Doktor Hölle schwafelt weiter, dass er Muslim sei und keine Medikamente und so weiter, dass er aber, wenn er und so weiter, dann auf jeden Fall. Gately ist zu bedauern. Dass Don alles durch hat, was immer er ihm vorschlägt, und hinter sich, dass er auf keinen Fall wieder das Zeug haben will, das kommt durch seien perlweißen Zähne nicht in seinem Hirn an. Für jedes Giftzeug ein anderer Spitzname. Lauter tödliche Schätzchen.
Die Klingel geht. Muss das gruselige Spiel unterbrechen. Ein andres gruseliges Spiel beginnt. Konferenz.
25. November
18.15. An der Isar. Gleich geht’s los zu Kathrin Schmidt. Soll spröde sein. Schien mir nicht so in Frankfurt. Wird schon. Wasser. Müsste noch was essen. Hab aber keine Zeit. Und morgen früh geht’s um viertel sechs wieder zurück. Schadet nichts.
Der Paki, Mefistofeles der Traumaabteilung, versucht Don Gately zur Vernunft zu bringen und seine „couragierte Angst vor der Sucht“ aufzugeben. Bei der Vorstellung allerdings an Talwin zum Beispiel „bringt Körperteile zum Sabbern, deren Sabberfähigkeit Gatley unbekannt war“. Warum soll er widerstehen? Weil er dann wieder in die hinterste, heißeste Hölle fällt, die er gerade erst verlassen hat. Der Paki faselt weiter. Gately verliert die Fassung, greift durch die Gitter prägnant in die Cojones des Pharmakologen. Tut weh. Der Paki zeigt „alle 112 Zähne“. Draussen geht herrlich die Sonne auf.
Demerol. Don erinnert sich an Demerol. An den gebärmutterwarmen Kick. An den ästhetischen Kick. Den glatten, geordneten, den köstlich symmetrischen Kick: „Der Geist schwebt leicht im exakten Mittelpunkt eines Hirns, das gepolstert in einem warmen Schädel schwebt, der seinerseits perfekt zentriert auf einem Kissen weicher Luft in halslosem Abstand über den Schultern ruht, und drinnen herrscht nichts als schläfriges Summen.“ Das ist immer das Problem beim Beschreiben von Drogenerfahrungen. Sie haben so ein gefährliches Glitzern. Wer könnte nicht manchmal genau so einen Kick gebrauchen? Hin und wieder. Gately träumt von Ipswich und einer Krankenschwester, die er beschläft, ohne dass sie irgendwie auch, weil sie um den Höhepunkt zu erklettern, mit einer Zigarette verbrannt werden muss, weswegen Gately versucht, das Rauchen sein zu lassen. Wir durchleben die Demerol-Karriere des Don Gately, bis Don Besuch bekommt, der ihm die Neuigkeiten von XY-ungelöst in Ennet House erzählt. Gately erlebt eine negative Epiphanie. Die Krankenschwester bringt eine Pfanne, eine Bettpfanne. Und Gately zitiert das Gelassenheitsgebet. Und Gately drückt. Und Hal bekommt Panik. Es überfällt ihn. „Alles hatte zu viele zu viele Aspekte… Die Welt wirkte plötzlich fast essbar, wartete auf den Verzehr. Die dünne Lichthaut über dem Firnis der Scheuerleisten… Eine Art Schatten flankierte die lebhafte Klarheit der Welt“. Depression? Epiphanie? Er sieht das ganze lange Elend seines Lebens vor sich. Er legt sich hin. Großartige Passage. Ein Hirn, eine Seele wird erschüttert, wankt, bröckelt. Und versucht sich mühevoll, aber randirre der Realität zu versichern. Immer wieder steckt jemand seinen Kopf ins Zimmer. Irgendwie geht’s draußen weiter und bei Hal zu Ende. Bewusstseinsverlust. Kollaps. Das Hirn faselt herum. Wundert sich, dass manche sich jahrelang für ein einziges Thema interessieren kann. Die Moms, wie sie Hal beschreibt, erinnert fatal an die fatale französische Halbriesin auf Harry Potter. Hal liegt auf dem Boden. „Die Horizontalität stapelte sich um Mich. Ich war das Fleisch im Sandwich des Zimmers… ich fühlte mich dichter zusammengesetzt, jetzt wo ich horizontal war. Nichts konnte mich umhauen.“
Jetzt muss ich aber los. Noch 115 Seiten. Noch fünf Tage. Und was mach ich dann? Weiterlesen. Einfach weiterlesen.
Wir sprechen mit den Toten. Alles ist, wenn Hamlets Geist erscheint, in Nebel gehüllt, past midnight, bitterly cold, and dark except for the faint light of the stars. Widergänger gibt es in diesem Roman einige. Ihnen geht es um Wahrheit und um den Tod. Unendlicher Spaß ist auch der Versuch eines Exorzismus. Auch die Wildhamster kehren zurück. Außerhalb der E.T.A. ist die Apokalypse längst da. Und sie kommt durch die Keller.
Wildhamster – die in Sachen mitternächtlich haarsträubende Konkavitätsschauermärchen bammelmäßig ganz oben rangieren neben kilometergroßen Wickelkindern, schädellosen Geistern, fleischfressender Flora und Sumpfgas, das einem die Gesichtshaut wegätzt und einen für den Rest des Zombielebens mit freiliegender grauroter Fazialismuskulatur rumlaufen lässt – werden südlich der Lucite-Mauern und ATHSCME-Kontrollpunkte, die die Große Konkavität abgrenzen, kaum je gesichtet und nur alle Jubeljahre mal südlich der neuen Grenzfestung Methuen, Massachusetts, deren Handelskammer den Slogan »Der erste Stadtneubau der Interdependenz« aufgebracht hat, und sie sind, ohne Blott jetzt zu nahe treten zu wollen, kaum je solo anzutreffen, sondern gehören zu den räuberischen heuschreckenartigen Schwarmkreaturen, die kanadische Agronomen als »Piranhas der Prärie« titulieren.
Wichtiger scheinen die “schädellosen Geister”. Aber wo sind die Schädel hin? Werden sie in Mikrowellen zerfetzt? Blott versucht in der E.T.A. einmal, eine “sperrige alte Mikrowelle ohne Tür” wegzuräumen. Sie ist ihm zu schwer und er lässt sie fallen.
Gately liegt im Krankenhaus und fiebert. In seinem Traum steht nun eine große Gespenstergestalt an seinem Bett. Eine Brille, ja, aber mehr vorerst nicht. Der Geist spricht, beruhigend; er scheint etwas müde und verdrießlich. Dann sieht er einmal, im Traum, ein “beeindruckendes Büschel Nasenhaare”. Die Stimme des Geistes, so erklärt dieser, ist eigentlich keine, sondern die Hirnstimme Gatelys.
Hal, so Schtitt mehr als einmal, ist ein Geist, ein Wiedergänger, der kommt, um die (noch) Lebenden das Fürchten zu lehren (heißt Schtitt eigentlich wirklich Schtitt? oder ist er selbst nur ein notdürftig durch Fehlschreibung maskierter Fluch?). Der Wunsch, ein Fluch zu sein. Um wenigstens irgendwas zu sein. Von dem, was übrig geblieben ist. Hal bleibt nicht liegen am Ende des Romans. Danach kommt ja noch der Anfang. Vielmehr geht es bei ihm wie bei Gately um den Tod und die Sucht und den Sog, dem man sich überlässt, widersteht, mit dem man kämpft, aber erst kämpfen kann, wenn man gelernt hat, ihn zu fürchten. Und diese Furcht durchdringt alles.
Hal zögert, scheinbar. Denn eigentlich ist er nur auf Zermürbung aus. “Er sondiert und pickt herum, bis sich ihm ein Zugang öffnet.” Die Rede ist von Tennis. Eigentlich. Wohin aber könnte dieser Zugang führen? Ins Spiel? Zurück ins Spiel, überhaupt ins Spiel? Zugang, um mit anderen in Kontakt treten zu können? Geister haben in der Regel keinen Zugang mehr zum Leben. Wiedergänger sind für Heimsuchungen zuständig, d.h. sie kehren an einen Ort zurück, zu Menschen, mit denen oder dem sie, als sie noch lebten, in Verbindung gestanden haben. Das Ziel der Heimsuchung ist meist nicht klar zu bestimmen. Diese Unschärfe charakterisiert vielmehr das Wesen einer Heimsuchung.
Doch nicht nur das, Schtitt nennt Hal “seinen” Wiedergänger. Robert H. Bell (with William Dowling: A Reader’s Companion to Infinite Jest) erklärt den Ausdruck mit Hals Fähigkeit, wieder ins Spiel zurückzukehren und zwar auf so spektakuläre Weise, als würde er von den Toten auferstehen. Also so ähnlich wie später im Roman im Spiel gegen Ortho Stice. Zweifelhaft, ob das als Erklärung hinreicht. Denn sie sagt noch nichts darüber, aus welchem Jenseits demnach Schtitt spricht, wenn er in Hal seinen Wiedergänger erkennt.
Ein paar hundert Seiten später. Hal muss das Überkopfschlagen trainieren: “Tipp & Klopp.”
Nach zwanzig solchen Schlägen schnappen Hal und Coyle nach Luft, können kaum noch stehen und sollen die als unermüdbar bekannten Wayne und Stice mit Lobs füttern. Bei Überkopfschlägen muss man um sich treten, um in der Luft nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Über ihnen setzt Schtitt mithilfe eines unverstärkten Megaphons und sorgfältiger Aussprache jedermann in Hörweite darüber in Kenntnis, dass Mr Wiedergänger Hal Incandenza den Ball bei den Überkopfschlägen das kleine bisschen zu viel hinter sich lässt, vielleicht aus Angst um den Knöchel. Ohne aufzusehen, hebt Hal zur Bestätigung den Stock.
Das scheint von Schtitt zweifellos als Demütigung gemeint, natürlich auch als disziplinierender Ansporn. Hal ist nicht unermüdbar, sondern ganz das Gegenteil. Für Schtitts Geschmack quält er sich nicht genügend. Er denkt lieber an seinen Knöchel und umsorgt ihn. Hal stimmt ihm zu. Junge göttliche Gestalten mit schlimmen Füßen kennt die Literatur noch mehr. Außerdem ist Hal längst dabei, sich in seine Einzelteile aufzulösen. Der Knöchel, das Bein, das Muttermal, usw. Alles steht für sich selbst. Nichts gehört ihm selbst. “Umgeben von Körpern und Köpfen.”
“Benutzen Sie einen Kopf”, sagt Schtitt. “Sie sind nicht Arme. Arm ist im wahren Tennis wie Rad an Fahrzeug. Nicht Motor. Beine: auch nicht. Wo ist, wo man sich bewirbt um Bürgerschaft in zweiter Welt, Mr Bewusstsein vom Knöchel Incandenza, unser Wiedergänger?”
Hal ist nicht Arm, nicht Knöchel, nicht Bein, vielleicht nur ein Kopf? Schtitts Frage kann man versuchen auszubuchstabieren: Wo ist unser Wiedergänger? Was meint Schtitt eigentlich mit zweiter Welt? Ist das die, in der wir Hal als Wiedergänger erleben? Was wäre dann seine erste? Aber noch geht es nur darum, so Schtitt, sich um die Bürgerschaft in dieser zweiten Welt überhaupt zu bewerben. “Where is where you apply for citizenship in second world Mr. consciousness of ankle Incandenza, our revenant?” Schtitt geht aus vom Gebot, dass man (eigentlich) derselbe bleiben und sich nicht, wie der Wiedergänger Hal oder das Tennis-Chamäleon David Wallace als 15jähriger, allen Widrigkeiten anpassen soll. Schtitt meint es aber durchaus grundsätzlicher. Man muss sich die zweite Welt – das könnte etwa die des Erwachsenwerdens sein – erarbeiten.
Hal, der Wiedergänger, geht vor und zurück, letzteres zu spät, aus Rücksicht auf seinen Knöchel, aber das könnte es danna uch schon sein. Doch Hal hat ja noch eine Antwort auf Schtitts Frage und die erinnert allzudeutlich um ein für diesen Roman zentrales Behältnis. Er sagt: “Kopf.”
(Fortsetzung folgt)
18.30. Biedenkopf. Richtig. Biedenkopf. Besser bekannt als Bergenstadt aus Stephan Thomes Roman. Deutsche Literaturhauptstadt. 32 Kilometer nirgendwowärts von Marburg. Umstellt von Hügeln. Kaffigstes Kaff. Wobei… Im November und im Nieselregen auch New York durchaus sehrsehr hässlich sein kann. Von Berlin mal ganz zu schweigen.
So allmählich gehört mein Spaß auch auf die Traumaabteilung. Ganz schön verschrundet. Eine Schusswunde hat er nicht. Kann ja noch kommen. Überfall, ein Mann schießt und die Kugel bleibt im Spaß hängen. Das wärs noch.
Zurück zur Freakshow. Calvin Thurst, der unpsychologische Psychologe faselt immer noch hinter den Ereignissen her: Dass eine gigantische Ladung Patronen in Ennet-House angelangt ist, dass Tiny Ewell irgendwie anders aussieht, dass wer Küchlein für Gately gebacken hat, dass man hinter ihm stehen würde, dass die fehlende Wumme ein Problem wäre. Gately will wissen, ob er denn nun jemanden umgebracht hätte, kann sich aber nicht artikulieren. Das liest sich ein bisschen wie Kathrin Schmidts „Du stirbst nicht“ auf Speed, diese kranke Krankenhauspassage. Dann geht die Sonne unter. Blutrot. „Die Heizungsventile klingen wie das leise „Pst!“ von Eltern in weiter Ferne. Wenn es draußen dunkel wird, fängt die Decke an zu atmen. Und so weiter.“
Gately schläft ein. Gately wacht wieder auf. Und ein anderer Ennet-Häusler sitzt da, wo der unpsychologische Püschologe eben noch saß. Geoffrey Day (hatten wir den schon? Hab ich Alzheimer?). Und auch der verzällt jetzt Döntjes aus seiner Jugend. Ein Gespenst entnebulösiert sich allmählich. Gatelys Lieblingsalptraum sagt kurz Hallo. Gately schläft und wacht auf und Day ist weg. Der Tag auch (blöder Scherz). Gately erinnert sich auch an seine Jugend. Ein Geist stellt sich vor, „ein schlichter, alter Geist, ohne Groll oder Hintergedanken, ein ganz normaler Feld-Wald-und-Wiesen-Geist“. Das muss ganz schön anstrengend sein, so Geist. Unser jedenfalls ächzt, dass er verdammt lange ausharren musste, um Gately zu konnektieren. Die Träume verschachteln sich. Gately möchte schreien, kann aber nicht, weil da dieser Schlauch ist. Der Geist erzählt so ein bisschen wie das Geistsein so ist und geht. Im Grunde, sacht er, existieren Geister in einer ganz anderen heisenbergschen Dimension der Kursänderungen und Zeitverläufe. Tja, das hätten wir uns, hm, auch so gedacht. Plötzlich knallen Gately Worte durchs Hirn, Worte, die er „so nötig hat wie ein Beinamputierter ein Paar Schuhe“. Acciaccatura (meint der evtl. Accacciatura?) oder Kataleptiker oder Armer Yorick (Shakespeares Hamlet im US wird wohl die meistgeschriebene Seminararbeit im amerikanischen Universtiätswesen werden). Die Worte versirren, Gately wird fast wahnsinnig. Der Geist ist wieder da. Eine Art epiphanierte Heimsuchung von Gatelys missverstandenem Gott. Solche Beschreibungen werde ich dann doch vermissen. Der Geist erklärt, wie sich Geistsein anfühlt und hat schreckliche Nasenhaare. Man fachsimpelt über die Figuranten in der in Deutschland nicht ganz so berühmt gewordenen Serie „Cheers!“ und philosophiert herum. Und irgendwie werde ich den Verdacht nicht los, bei dem nasenhaarigen Geist handelt es sich um Jim „der große Storch“ Incandenza. Der erzählt von seinem verstummenden genialen Sohn. Den er versuchte durch Unterhaltung zum Reden zu bringen. War das die Geburtsstunde der tödlichen Patrone? Und dafür sei er dann 89 Tage trocken geblieben. Die 89 letzten Tage seines Lebens.
Merkwürdig, wieviel Gately von seinem Bett aus sehen kann, obwohl er seine Stirn kaum über das Niveau seiner haarigen Beine kriegt. Muss ein seltsames Bett sein.
Gately taumelt wieder ab zu Mum und Psycho-Stief-Dad, der Listen führt über die Heinekens, die er am Tag so trinkt. Zwischen Heineken8 und Heineken10 nimmt er sich Gatelys Mum vor. Psycho-Stief foltert dann auch Fliegen und DG macht sich Vorwürfe, die nicht gerettet zu haben. Und er hat Schmerzen. „Es ist, als würde ein großer Holzlöffel ihn ständig unter die Oberfläche des Schlafs drücken und wieder hochlöffeln, damit etwas Riesiges ihn probieren könne, wieder und wieder.“
Widerlich. Geh jetzt essen. Kartoffelbrodd heißt hier das herbstliche Hauptgericht. Der Chinese am Ort heißt „Reich der Mitte“. Ab durch dieselbe.
…und so wie’s aussieht habe ich gute Chancen dieser Letzte zu sein.
Deswegen (nachdem ich den Blog längere Zeit nicht verfolgt habe) – zunächst meine unendlich profane Frage, was eigentlich nach dem 1. Dezember passiert?
Gehen Sie dann auf Kreuzfahrt, lieber Guido Graf?
Bevor es nun soweit ist, hier ein link, den ich schon vor einiger Zeit gefunden habe (vielleicht als Ergänzung – oder Zuspitzung – zum Resumee „Im Rückspiegel“ vom 15. November):
James Wood: Human, All Too Inhuman
Soweit ich gelesen habe, ist der Begriff des “Hysterischen Realismus” hier noch nicht gefallen (hoffe, ich habe da nichts überlesen).
Eigentlich ist der Artikel eine Besprechung von Zadie Smith’ Roman “White Teeth”, aber schon im ersten Absatz wird USp genannt, und einige der Einwände die Wood bringt (nicht nur gegen Smith oder Wallace, sondern auch gegen Rushdie, Pynchon, Delillo, “and others”) lassen sich natürlich mit Leichtigkeit auch gegen den Unendlichen Spass ins Feld führen.
Damit das gleich klar ist: ich bin nicht Woods Meinung. Aber – auch wenn ich mit der Lektüre noch nicht fertig bin (und auch keinerlei Aussicht besteht, dass ich es bis zum 1. Dez. sein werde), so habe ich doch von Anfang an den Eindruck gehabt, als ob gewisse Fragen, die in diesem Artikel auftauchen, auch Wallace beschäftigt haben mögen (Konstruktion vs. Dekonstruktion der Erzählung, psychologisch motivierte Charaktere vs. “Comicfiguren” etc.; und natürlich das, was Wood “vitality at all costs” nennt), und mehr noch- dass diese Fragen beständig in den Roman hineinragen, in mehr oder weniger versteckten Ecken reflektiert werden, z.B. auf Seite 1063, eine Stelle, auf die wiederum Hans Wedler schon am 1. November hingewiesen hat.
Norbert Zähringer, 1967 in Stuttgart geboren, wuchs in Wiesbaden auf. 2001 erschien sein Roman “So”. 2006 veröffentlichte er “Als ich schlief”, 2009 folgte sein dritter Roman “Einer von vielen”. Norbert Zähringer lebt mit seiner Familie in Berlin.
22.30. Am Wasser. Soviel Apfelsinen kann man gar nicht essen, dass einen der Winterschlaf nicht einholt. Novembrigster November. Alles still, vorneheraus. Hintenheraus tritt von einem kahlen Mond und einer milchigen alten DDR-Laterne beschienen ein komplett bekiffter Hagermann auf eine wehrlose Humana-Box ein. Manchmal weiß man nicht, ob man nicht doch irgendwann ins Fernsehen gefallen und in einem schlechten schwedischen Krimi gelandet ist.
Don Gately ist tatsächlich in etwas gänzlich Unschönen gelandet. Wir erinnern uns vor urdenklichen Zeiten ist der vor Ennet-House von marodierenden (warens Kanadier?) Menschen zusammengeschlagen und angeschossen worden, die eigentlich Herrn Lenz jagten, der wiederum versucht hatte, ihre Hunde zu schlitzen. Don liegt also jetzt da und die Decke in der Traumaabteilung atmet. „Sie wölbt sich und schrumpft. Sie schwillt an und ab.“ Na das kann ja interessant werden. Ein trockener Drogist liegt in der Traumaabteilung und hat Schmerzen. Was werden sie dem wohl geben. Gately erinnert sich an seine Kindheit, als er im Strandhäuschen auch unter einer offenen, nur mit einer Plane geschlossenen Decke schlafen musste, die ständig zu atmen schien. Er hat Schmerzen, in der Kehle, in der Schulter, er sieht gespenstische Gestalten. Das tut alles so weh. Er träumt alp über alp. Und wenn er wach ist, kann er sich nicht wehren, gegen Schwätzer wie Tiny Ewell, die ihm ihre Geschichte erzählen. Ewell erzählt und erzählt. Wie er in seiner Jugend einen Geldstehlerclub gegründet hat, warum das schief ging und warum damit sein ganzes Leben schief ging. Ein AA-Treffen mit andern Mitteln, nur dass Poor Don Gately halt nicht weglaufen kann. Armes Schwein. Aus der Geschichte hätten andere mindestens eine Novelle gemacht. Eine magische. Geht hier im Schmerzensdunst von Gately aber ein bisschen unter. Ist doch eine gigantische Stoffsammlung, dieser Roman.
Gately wird von Demerol bedroht. Das hatten wir garantiert schon mal. Das wars wohl an dem hing, von dem er mühevoll loskam. Gately ist schlimmer dran, als wir uns das vorstellen und am Ende wird er wohl doch… Warten wirs ab.
Ewell erzählt weiter. Gately träumt wieder von seiner Kindheit. Auch so ein Diamant der Dysfunktionalität. Mutter wird verprügelt. Kind interessierts irgendwann nicht mehr. Eigentlich gehört Don schon längst in die Traumaabteilung. Der ganze Roman.
Die Leute vom Ennet House traumtänzeln durch die Intensivstation. Joelle van D. / Mdme. Psychosis sitzt an seinem Bett. Und tupft wie eine andere Veronika. Der Ennet-Hauspsychologe kommt vorbei und sagt, Gately sähe aus „wie ein Haufen Scheiße, auf den was Schweres draufgefallen“ sei. Sehr aufbauend. Dann wird die Geschichte von der chaotischen Erste-Hilfe-Katastrophe nachgeholt, die sich im Anschluss an den Shoot-out bei Ennet-House ereignet hat. Manchmal kann einen dieses marihuanaschleifenschreiben schon auf den Wecker gehen. Kann der sich nicht mal auf Gately im Bett konzentrieren. Immer wieder lässt er ihn los, immer wieder zerfasert die Geschichte und Menschen erzählen und erzählen, was sonst noch so alles passiert ist, was die anderen in Ennet-House jetzt machen. Das interessiert Gately nicht, das interessiert mich nicht. Das ist Folter. Wenn man sich zuviele Figuren ans Bein bindet, muss man sich nicht wundern, wenn die Geschichte irgendwann gewaltig hinkt.
Bevor ich jetzt endgültig miesepetrig werde – möge Gately traumlos ruhen. Ich versuchs jetzt auch.
12.30. Sonne. Oben im bekifften Bus. Auf dem Weg zu Lew Tolstoi und seiner durchgeknallten Gattin Sofia ins Kino. Sind dem Storch und den Moms eigentlich nicht so unähnlich, die beiden, dysfunktional war diese Ehe nun auch. Nur dass der KriegundFriedensFürst in der wahren Wirklichkeit doch ein deutlicher alptraumhaftigerer Ehegatte war, als Jay Parini das in seinem Roman ausgepinselt hat, den Michael Hofman jetzt verfilmt hat. Angeblich die beste Literaturverfilmung des Jahres, was immer das wieder heißen mag. Der Spaß wird das nicht werden. Der ist unverfilmbar.
Molly gesteht weiter. Dass die Medusa eigentlich Lucille Duquette hieß, was fast so schlimm ist wie Jacqueline Schwotzow aus Marzahn. Dass sie entstellt ist, weil ihre später zerhäkselte Mutter mit einem Säurekolben nach ihrem Chemikergatten warf, aber leider ihre Tochter im allerschönsten Gesicht traf, woraufhin sich Mum den Kopf abhäkseln ließ.
Absatz. Pause. Fußnote. Und wieder werden wir zum Sprung dreihundert Seiten weiter nach hinten gezwungen. Soll das eigentlich lustig sein? Fußnote 332 ist die Fortsetzung von Fußnote 324 und wird nun der Welt bekannt geben, was der augenscheinlich unwillentlich unter Drogen gesetzte John Wayne von sich gegeben hat. D. h. erstmal geschieht nichts. Es wird herum schwadroniert. Dann werden die Beleidigungen vorgelesen. Pemulis kann sich als entlarvt betrachten. Wird zermanscht vom Scherbengericht. Und fliegt, was er nicht ganz begreift.
Wir hüpfen wieder zurück, fragen uns, was aus den eben noch sehr dringlichen Rollifahrer eigentlich geworden ist. Außer Atem kommen wir wieder an auf Seite 1142. Und DFW hat das Tempo rausgenommen. Hal ist unterwegs zu seinem ersten AA/NA-Treffen. Er fährt und fährt. Er hört Radio, was ein alter Trick ist, ein paar Informationen einzuschleusen. Er fährt und fährt. Und räsonniert über die ethymologische Geschichte des Wortes anonym. Und fährt und fährt. Und nennt sich Mike. Und fährt und fährt. Und kommt an und guckt sich um. Die langsamste Ortsbeschreibung im ganzen Spaß. Beschreibung von „optischer Fahrstuhlmusik“, ein Begriff, den man sich unbedingt merken sollte. Hal schleicht sich ins Treffen und findet sich unter lauter aus dem Ruder gelaufenen Mittelschichtsmännern wieder, die Bären umarmen und mit ihrem Inneren Säugling debattieren. Allein das muss einen dazu bringen, den Drogen fürderhin abzuschwören. „Ich fühle die Verlassenheit und den Liebesverlust meines inneren Säuglings.“ Mein Gott. Diese Szene lässt DFW geradezu genüsslich weiter eskalieren. Wobei sich der dicke, große äußere Säugling als Bruder von Orins ehemaligem Doppelpartner Marlon Bain entpuppt. Was es auch nicht interessanter macht. Hal schweift ab. Wir schweifen mit. Hal flaniert im Geist über die Via Appia (womit wir nach 1158 Seiten zum ersten Mal irgendwo außerhalb des nordamerikanischen Kontinents wären. Die Amerikazentriertheit kann einem schon gewaltig auf den Wecker gehen. Ist bei Haslett allerdings noch schlümmer). Hal ist wieder zurück. Und sieht einen dicken Ex-Säugling, der auf Knien über den Teppich krabbelt, behindert, Spuren in Teppich schleifend, kopfwackelnd, mit unbeschreiblichem Gesicht herumstarrend.
Wahrscheinlich fährt und fährt er jetzt zurück. Mein Bus fährt und fährt jetzt auch weiter. Ohne mich. Tolstoi’s calling.
Hatte ich in meinen vorhergehenden Beiträgen noch größeres im Sinn, bin ich inzwischen bescheidener geworden. Ich möchte lediglich wissen, warum Hal Incandenza am Ende des Romans, am frühen Morgen des 20. November im Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche, im TP-Raum auf dem Rücken liegt.
Auffallend ist der sparsame Gebrauch des „Ich“. Dieses Personalpronomen ist das erste Wort des Romans und wird von Hal ausgesprochen. Das „Ich“ geht aber schon sehr bald verloren, wenn ich richtig erkenne, in einem Traum, der mit einem „Ich“ beginnt, aber mit einem „Du“ endet: „Du liegst da, wach und fast zwölf, und glaubst mit aller Kraft“ (S. 89-91). Das „Ich“ tritt erst wieder gegen Ende des Romans hervor und zwar ebenfalls in einem Traum (S. 1223). Es ist immer noch das Ich von Hal Incandenza. Wenn es auch nur sparsam in Erscheinung tritt, weist doch vieles auf das „Ich“ hin. Oder auf seinen Verlust. Das Motto der Tennisakademie lautet: „Wer seine Grenzen kennt, hat keine“ (S. 118). Die Mutter von Orin, Hal und Mario, die Moms, erscheint im familiären Sprachgebrauch nur im Plural, der Vater wird von seinen Kindern „Er Selbst“ genannt. Hal sagt von sich „Ich bin hier drin“. Eine Formulierung, die das „Ich“ nicht als eine umfassende Einheit beschreibt, sondern als Käfig. Ebenso wie Kate Gombert die, nach unzähligen Suizidversuchen, zutiefst in ihrer Verzweiflung versunken, dem Psychiater gegenüber formuliert: „Holt mich hier raus“ (S.114). Ich sehe auf Anhieb keine einzige Stelle in diesem Roman, an der das Ich unproblematisch erscheint.
Hal Incandenza muss am 11. November unter den Augen von Helen Steeply gegen Ortho Stice („Der Schatten“) spielen und entgeht nur haarscharf einer Niederlage. „Du bist einfach nie ganz da gewesen“ (S. 986) analysiert Aubrey deLint später das Match zwischen den beiden Kontrahenten, was Hal „bis ins Mark frösteln“ lässt. Ein verlorenes Spiel, ein schlechter Tag oder dass einer mal nicht ganz da und nicht auf der Höhe seiner gewöhnlichen Fertigkeiten und Fähigkeiten ist, all dies würde einen nicht bis ins Mark frösteln lassen. Eine solche Formulierung ist nur angebracht, wenn etwas anderes auf dem Spiel steht als die Platzierung, das Ranking im Kader der E.T.A. Wenn es um das Mark geht, dann geht es um den Kern der Sache. Dieser Kern ist die eigene Existenz und das eigene Selbstverständnis.
Am selben Abend spricht sein Bruder Mario mit der Moms über Traurigkeit. Das Gespräch endet mit der Frage, ob ein Mensch in der Traurigkeit mehr oder weniger ist als er selbst. Die Moms fragt Mario, wer denn eigentlich traurig ist. Mario gibt auch auf die mehrfache Wiederholung dieser Frage keine Antwort. Diese Person ist offenbar nicht benennbar. In der Nacht darauf wacht Hal aus einem Alptraum auf und spricht mit seinem Bruder Mario und der sagt, als er über die Beleuchtungsverhältnisse im Zimmer spricht, zu Hal “Wenn du auf dem Rücken liegst, hast du keinen Schatten“ (S. 1122). Am Morgen des 20. November macht Hal genau das: Er entledigt sich der Bedrohung durch Ortho Stice, der kaum je genannt wird, ohne dass sein Beiname „Der Schatten“ fällt, indem er sich auf den Rücken legt. Stice ist unter Hal gelistet. Aber er will auf ein höheres Niveau, der will aufsteigen. Der will das so sehr, dass er den Eindruck hat, sein Bett steige nachts an die Decke. Zum Aufstieg des einen gehört in jeder Tabelle notwendigerweise der Abstieg eines anderen. Als Coyle Hal davon berichtet, dass der Schatten mit übernatürlichen Dingen experimentiere, um das Niveau seines Spiels anzuheben, sagt er „er will seinem Spiel helfen“. Hal retourniert „Oder dem eines anderen schaden“ (S. 1354).
Aus dieser Perspektive wird auch das Credo Lyles verständlich, nichts zu heben, was das eigene Gewicht übersteigt. Sich nichts zuzumuten, was das eigene Selbst und die eigenen Fähigkeiten übersteigt. Das geringste Zusatzgewicht, könnte einen Menschen an die Grenzen seiner Fähigkeiten bringen. Beispielsweise das eigene Gewicht zu heben und einen Stuhl. Ortho Stice verhebt sich genau daran. Das sind nicht drei oder vier Kilo zu viel, ein Niveau, das er mit Training sicher erreichen könnte. Das liegt vielmehr jenseits aller seiner Möglichkeiten. Stice kann sich selbst, auf einem Stuhl stehend, nicht hochheben. Das kann nicht einmal der Guru Lyle. Der hebt auch nur sein eigenes Gewicht, wenn er im Kraftraum einen Zentimeter über dem Boden schwebt.
Am frühen Morgen des 20. November entdeckt Hal den mit der Stirne an der Fensterscheibe festgefrorenen Stice, kann ihn aber nicht losreißen und legt sich später, nachdem er die Hausmeister verständigt hat, in einem Raum mit TP-Bildschirm auf den Rücken und verharrt in dieser Position. Zu diesem Zeitpunkt, gegen Ende des Buches, das chronologisch seinem Anfang vorhergeht, befindet Hal Incandenza sich nach einem langen Weg durch seine Kindheit, an der Schwelle des Erwachsenwerdens; an einer Schwelle, wo er sich nach seinem eigenen Anfang fragt und danach wie es mit ihm weitergeht. Der Rauschgiftsüchtige steckt bis über beide Ohren im Entzug, der für Wallace’ Verhältnisse, wenn man es mit dem von Poor Tony Krause (PTK) vergleicht, sehr moderat beschrieben wird. Ihm ist nicht klar, wie es weitergeht in seinem Leben, ob er den Entzug physisch und psychisch durchsteht und ob sein Körper dann soweit entgiftet ist, dass er den Urintest vor dem entscheidenden WhataBurger besteht. Sollten ihm die Urologen Manipulationen und Doping nachweisen können, stünde seine Zukunft auf dem Spiel: das Tennispiel und die Universität im darauffolgenden Jahr. Von der enormen Begabung, die wir auf den ersten Seiten präsentiert bekommen haben, wo er bei der Aufnahmeprüfung zur Universität über das Verhältnis von Camus zu Kierkegaard philosophiert und Hegels Auffassung von Transzendenz, ist zu diesem Zeitpunkt, wie überhaupt im Verlauf des Textes, wenig zu spüren. Nirgends wird berichtet, wie Hal nächtelang über Büchern sitzt und er macht auch nur eine sehr übersichtliche Anzahl extrem kluger Bemerkungen, die ein extrem kluger Mensch nun einmal machen muss, damit er von den anderen als solcher erkannt wird. Der Verschlinger von Wörterbüchern, das Kind zweier hochbegabter und ebenso hochproblematischer Eltern, liegt auf dem Boden und scheint gleichgültig, indifferent und für andere kaum noch ansprechbar.
Er hat Schwierigkeiten mit Beschreibungen, er sucht nach Worten, er ist sich seiner Situation auch bewusst: „Es hatte Zeiten gegeben, wo mir solche Daten unverzüglich zur Verfügung gestanden hätten“ (S. 1368). Er versucht sich zu erinnern. Er sucht nach einer Beschreibung dafür, wie er das auf seiner Brust stehende Glas wahrnimmt und entscheidet sich dann für „perspektivisch verkürzt“. Wie Erinnerungen nun einmal so sind. Er kann sich nicht erinnern wo ein bestimmtes Fries geblieben ist. Aber er kann sich erinnern, dass es einen Imperator mit „hyperanämischem Glied“ darstellte. Er erinnert sich auch an einen „beschlagenen Badezimmerspiegel, aus dessen Scheibe ein Messer vorstand“ (S.1366). Die phallische Komponente ist nicht zu übersehen. Er denkt an Sex. Aber nicht an den eigenen Sex, nicht an sich selbst beim Sex. Durch Orin abgeschreckt, der „genug Begattungsclownerien produziert“ (S. 914) scheint er sich eher für byzantinische Erotika zu interessieren. Er denkt an seine Mutter beim Sex. Zuerst mit seinem Vater, was Kindern, auch hochbegabten, in der Regel nicht gelingt. Dann wandelt er das ab, die Moms hat Sex mit anderen Männern, mit C.T., ihrem eigenen Halbbruder, was bei Hal erstaunlicherweise keinerlei Widerspruch oder Ekel hervorruft. Er zählt eine beeindruckende Liste an Liebhabern auf. Andernorts heißt es über Avril, sie hätte alles gevögelt was ein Y-Chromosom hatte (S. 1136), es ist die Rede von mehr als 30 Gesundheitsattachés (S. 46) und Molly Notkin äußert in ihrer Vernehmung sogar, dass Avril Sex mit dem eigenen Sohn Orin hatte (S. 1141). Das hat nicht nur nymphomane, das hat perverse Züge. Hal jedoch stellt sich all diese Rendezvous, selbst jene mit seinem Klassenkollegen John Wayne, rein organologisch vor. Sie „waren vor allem eine Frage von Athletik und Flexibilität, verschiedene Anordnungen von Gliedmaßen, und die Stimmung war eher eine der Kooperation als der Komplizen- oder Leidenschaft“ (S. 1375). Das scheinen mir nicht nur die Auswirkungen des Entzugs zu sein, er banalisiert vielmehr. „Sie lehnt sich an vier Kissen, halb sitzt sie also, halb liegt sie auf dem Rücken, und starrt reglos und blass nach oben. Wayne, schlank, mit braunen Gliedern und weichen Muskeln, liegt ebenfalls völlig reglos auf ihr, den ungebräunten Hintern in der Luft, das leere, schmale Gesicht zwischen ihren Brüsten, blinzelt nicht und hat wie eine betäubte Eidechse die Zunge rausgestreckt. So verharren sie“ (S. 1376). Sie bewegen sich nicht, also auch nicht die typische Bewegung, die man in so einer Szene erwarten könnte. Die Situation wird von Hal beschrieben, aber nicht emotional erlebt. Er liegt, wie seine Mutter beim Sex mit dem Klassenkollegen, auf dem Rücken, dieselbe Teilnahmslosigkeit und dieselbe Passivität.
Nacheinander stecken einige Klassenkollegen den Kopf durch die Türe, verschwinden aber schnell wieder, da Hal nicht reagiert. Schließlich erscheint der Freund Pemulis, der dringend reden will. Hal reagiert auch auf ihn nicht. Der Freund bedeutet ihm nichts, ja, selbst das Tennisspiel bedeutet ihm nichts mehr. Pemulis, der aufgrund seiner Scherze nicht sehr beliebt ist (womöglich auch aufgrund seiner sozialen Herkunft), der auch das Niveau nicht mehr halten kann, auf dem die meisten Spieler der Eta angelangt sind; Pemulis wurde als Verantwortlicher des Eschaton-Debakels identifiziert. Er sucht daraufhin Dr. Avril Incandenza auf und erwischt sie mit John Wayne in einer, wie man so schön sagt, kompromittierenden Situation. Offenbar versucht er später, sie damit zu erpressen. Wayne bedient sich in Pemulis Zimmer an Medikamenten, erwischt aber ein Drogenversteck. Und was er da zu sich nimmt, haut Wayne komplett aus den Schuhen. Dieser Drogenbesitz dient als Grund für Pemulis’ Rausschmiss. Daraufhin beeinflusst er den Urologen der O.N.A.N.T.A. die Urintests um 30 Tage aufzuschieben. Er rettet damit nicht seinen eigenen Hals, sondern den seines Freundes. Hal würde den Urintest nicht bestehen. Als Dank will Pemulis wahrscheinlich nun, dass Hal sich bei seiner Mutter für ihn einsetzt. Der weiß genau, dass das Verhältnis zur Mutter unrettbar zerstört würde, wenn die herausbekäme, dass ihr Sohn Drogen nimmt, bzw. dass er es heimlich tut. Pemulis will Incster oder Halster, wie er den Freund nennt, also erpressen. Möglicherweise hat er das auch bereits zuvor getan, da der ja von dem Verhältnis seiner Mutter mit Wayne weiß. Aber Hal reagiert nicht. Er bleibt einfach auf dem Rücken liegen. Er ist in einem indifferenten Zustand, er wirkt sogar auf andere ausgelassen und fröhlich. Obwohl er sich nicht so fühlt. Äußeres und Inneres lassen sich nicht zur Deckung bringen. Das Äußere ist nicht der Ausdruck seines Inneren. Diese Unsicherheit, diese Unverfügbarkeit seiner Mimik, dem Bild, das er bei anderen hinterlässt und hervorruft, scheint ihn bis in die Gegenwart hinein zu betreffen. Im ersten Kapitel, bei der Aufnahmeprüfung an der Uni, schneidet er offenbar Grimassen.
Auf dem Rücken liegt auch Gately. Auch er schaut, soweit bei Bewusstsein, an die Decke oder in die Vergangenheit, wobei letzteres offenbar weniger Bewusstsein erfordert. Er erinnert sich, genau wie Hal, an seine Kindheit, seine Mutter und an seine Mutter beim Sex. Auch dieser Sex ist größtenteils pervers: sie wird von Ihrem Liebhaber verprügelt. Auch hier stecken verschiedene Leute den Kopf durch die Türe. Und wie der Schatten im Flur der E.T.A. festklebt, klebt auch hier jemand vor seinem Zimmer auf dem Flur, den Gately nicht sehen kann. Gately sagt, genau wie Hal, ausgesprochen wenig. Von daher kann man zu diesem Zeitpunkt von einer parallelen Konstruktion, von einer isomorphen Anlage der beiden Erzählstränge ausgehen. Und doch befindet Gately sich in einer ganz anderen Situation. Nach der Schussverletzung liegt er im Fieberwahn im Krankenhaus. Er spricht nicht, weil er intubiert ist. Die beiden Personenkonstellationen unterscheiden sich in der Akzentuierung der Freundschaft. Fackelmann wie Pemulis sind Verräter. Während Hal Pemulis alleine lässt, bleibt Gately bei seinem Freund Fackelmann, der wie dieser ein Verbrecher ist, ein drogenabhängiger Schläger und durchaus nicht das, was man sich landläufig unter dem Begriff Freund so vorstellt. Freundschaft unter Drogensüchtigen ist sicher ein spezielles Kapitel im Buch der Freundschaft, aber Freundschaft unter Konkurrenten ebenfalls. Hal lässt Pemulis im Stich und das macht Gately mit seinem Freund nicht. Möglicherweise flüchtet Gately in der entscheidenden Situation nur deshalb nicht, weil Fackelmann Drogen besitzt und sein eigenes „Bedürfnisschema“ den Gedanken an Flucht gar nicht erst aufkommen lässt. Aus welchen Gründen Gately etwas tut oder etwas anderes unterlässt, er bleibt jedenfalls bei ihm.
Gately liegt im Krankenhaus und träumt im Fieberwahn. Er träumt Dinge, die er eigentlich nicht sollte träumen können. Er träumt den Film „Unendlicher Spaß“ mit Joelle van Dyne. Dabei kann er diesen Film nicht kennen. Die wenigen, die ihn bislang gesehen haben, sind nicht mehr in der Lage irgendetwas darüber zu erzählen. Es ist auch nicht davon auszugehen, dass Joelle Gately davon erzählt hat. Erstaunlich ist, dass er sich den Film so erträumt, wie Molly Notkin, die Freundin Joelles, ihn den Agenten im Verhör erzählt. Und noch erstaunlicher ist, dass er den Traum offenbar ohne große Schäden übersteht. Entweder war das nicht der Film „Unendlicher Spaß“ von James Incandenza oder der Film ist einfach genauso fragwürdig wie seine anderen Filme auch. Dennoch gibt es ja die, die ihn gesehen haben und die danach gelähmt waren.
Zu Beginn des Romans, nach der unglücklichen Visitation an der Universität die zu seiner Fixierung auf der Toilette führt, sagt Hal „Ich denke an John N. V. Wayne, der dieses Jahr das WhataBurger’s gewonnen hätte und der maskiert Schmiere stand, als Donald Gately und ich den Schädel meines Vaters exhumierten“ (S. 27). Was dabei herausgekommen ist, wird nicht gesagt. Jahre zuvor sitzt der zehnjährige Hal beim angeblichen Psychiater, um seine Hochbegabung untersuchen zu lassen. Dieser Mann behauptet, dass das Original dieses Films, die Patrone “in das anaplastische Zerebrum deines eigenen überragenden Vaters implantiert wurde“ (S. 47). Der Vater ist nach seiner letzten Entgiftung und dem finalen Schnitt des Films für einige Zeit verschwunden. Seither wurde die Originalpatrone des Films nicht mehr gesehen. Hat er sie sich womöglich in den Kopf implantieren lassen? Das würde erklären, warum er, um sich umzubringen, diesen Kopf in die Mikrowelle steckt: um die Patrone mit dem Film restlos zu zerstören. Warum aber wird dann der Schädel exhumiert, wenn dieser Kopf doch, nach Aussage Hals, der seinen Vater gefunden hat, in der gesamten Küche verteilt gewesen sein soll?
Gegen diese Deutung spricht, dass Hal und Gately sich ja gar nicht kennen. Allerdings könnten Sie sich noch kennenlernen: zwischen dem Ende des Romans, da Hal siebzehn ist, und seinem Anfang, da er bereits achtzehn ist, liegen einige Monate. Vollends absurd aber wird es, als Gately genau dasselbe träumt wie Hal: zu einem Zeitpunkt, da die beiden sich noch gar nicht kennen können, als er noch im Krankenhaus liegt. In Gatelys Traum sind die Anklänge an Hamlet und die Friedhofsszene mit dem Hofnarren Yorick deutlich. Hier wird auch auf den Mythos der Medusa und ihre Enthauptung angespielt, und auf Joelle. Der „traurige Junge“ in dem Traum (S. 1342) kann nur Hal (Hamlet) sein. Mario hatte der Moms den Namen der traurigen Person nicht genannt, aber es weist alles auf Hal hin. Gately ist ganz sicher in seiner schulischen Karriere nicht so weit vorgedrungen, dass es zu einer Auseinandersetzung mit Shakespeare gekommen wäre. Ebenso wenig dürfe ihm der Mythos der Medusa bekannt sein. Wie kann er so etwas träumen?
Gegen Ende des Romans tritt die Wirklichkeit zugunsten anderer Alternativen immer weiter zurück, es wird erinnert, phantasiert, geträumt, gekokst und entzogen. Auch Orin träumt von einer Dekapitation, der seiner Mutter: „Er hat das schreckliche Gefühl, untergetaucht zu werden … Nach einer Weile befreit sich der Traum-Orin aus diesem optischen Ersticken, nur um festzustellen, dass der Kopf seiner Mutter, Mrs Avril M. T. Incandenza, der abgetrennte Kopf der Moms Auge in Auge mit seinem eigenen wohlgeformten Haupt verbunden … immer starrt er seiner Mutter aufs, ins und irgendwie auch durchs Gesicht … Im Traum ist es verständlicherweise lebenswichtig, dass Orin die phylakteriale Verbindung seines Kopfes mit dem köperlosen Kopf seiner Mutter kappt“ (S. 69). Hier treten ebenfalls die Mythologeme der Medusa und des Narziss hervor, der eigene Kopf und der des Gegenüber: das Verhältnis von „Ich“ und „Du“. Man sieht in das Gesicht des anderen hinein (hier ist die deutsche Sprache ausnahmsweise etwas ungenau: man sieht nicht hinein, man sieht darauf) und auch irgendwie hindurch. Was ich im Zusammenhang mit Penthesilea darzustellen versucht habe: das „Ich“, das wir nur als ein Bild von uns selbst begreifen können, entsteht anhand eines Gegenübers, es entsteht durch ein „Du“.
Was ist hier, gegen Ende des Romans, eigentlich los? Das ist keine einfach zu beantwortende Frage. Ich würde sagen: Es ist das sich um sich selbst drehende Mobile, von dem ich in meinem ersten Beitrag gesprochen habe. Es liegen hier verschiedene Erzählpartikel, Mobileteile, übereinander, die transparent sind. Wallace experimentiert hier mit Optik und mit Perspektiven. Die einzelnen Geschichten, die Erzählmomente werden übereinander geblendet, wie in einem Hologramm, bei dem verschiedene Schichten übereinander liegen und ein neues Bild ergeben. Wie in einem Traum. Träume werden auch als Schatten bezeichnet. Sie haben kein physikalisches, aber sie haben ihr spezielles, eigenes Gewicht: „Du liegst da, wach … und glaubst mit aller Kraft“. Dinge können gleichzeitig geschehen, sie können jedoch nur nacheinander erzählt werden. Diese Herrschaft der Zeit (das chronos logos, die vernünftige zeitliche Abfolge, das geordnete Nacheinander), die temporäre Ordnung hat im Traum keine Macht mehr. Der Mythos, die Enthauptung der Medusa, der Schädel von Hamlets Vater, der Kopf von Hals Vater, der Film und seine verschiedenen Varianten, die Trennung der phylakterialen Verbindung zwischen Mutter und Kind, die individuellen Geschichten der Personen, das alles blendet Wallace übereinander. Sodass selbst eine Person wie Lyle, der Guru der E.T.A., der weise Dinge äußert, wie “Die Wahrheit macht dich frei! Aber vorher macht sie dich fertig” nicht nur er selbst zu sein scheint und in sich ruhend. Er scheint mehr zu sein als nur er selbst. Gately erinnert sich im Krankenhaus an einen Kerl namens Lenny, der genau diese Worte gesagt hat (S. 1398). Die Ebenen von Zeit und Wirklichkeit werden übereinander gelegt, sodass Menschen Dinge träumen und erleben, die sie objektiv betrachtet nicht hätten erleben können. Dabei ist es nur eine Art Unsicherheit oder Ungenauigkeit: Das Übereinanderliegen verschiedener, unter streng rationalen Bedingungen nicht kompatibler Ebenen.
In diese Überblendung spielt auch der Film „Unendlicher Spaß“ hinein. Der erzählt offenbar auch einen Mythos: den Mythos von der Mutter. Das erste Gegenüber eines Babys. Nach Aussage Molly Notkins sei der Film, außer dass er „ein Eintopf depressiver Spitzfindigkeiten gewesen sei, die von protziger Kamera-Artistik und perspektivischer Neuartigkeit zusammen gehalten“ wurden (S. 1135), offenbar nicht beeindruckend. Zu dieser technischen Seite sagt Joelle, dass das Objektiv, mit dem er aufgenommen wurde, ein „Okular-Schwabbel“ gewesen sei, welches den Blick eines Babys auf seine Mutter imitieren solle. „Ich weiß nur, dass ihr Sehvermögen etwas Schwabbeliges und Komisches haben soll. Ich glaube, je neuer sie geboren sind desto schwabbeliger. Und dann noch so eine milchige Verschwommenheit. Nystagmus bei Neugeborenen“ (S. 1350). Über ihren Filmpartner – von dem wir hier, soweit ich sehe, zum ersten Mal hören, bisher war lediglich von Joelle als Hauptdarstellerin die Rede – sagt sie „Hermaphroditisch. Androgyn. Die Figur sollte nicht eindeutig als männlich zu erkennen sein“ (S. 1348).
Fackelmann werden die Augenlieder an die Stirne genäht und dann wird er in eine Art Spiegelkabinett gesperrt, das alles vervielfältigt, was er in den letzten Momenten seines Lebens zu sehen bekommt. Er sieht alles. Auch Gately sieht unter Drogeneinfluss alles, er „bekam in fast unerträglicher Schärfe eine Rundumansicht des ganzen Zimmers“ (S. 1409). Und verblüffenderweise, neben den vielen seltsamen Figuren, die da auf den letzten Seiten noch auftauchen, ein Kuriositätenkabinett das seinesgleichen sucht, „dämmert es ihm (Gately) dass die Frauen in Mänteln und Schlampenstrumpfhosen in Wirklichkeit als Frauen verkleidete Tunten waren, also quasi Transvestalinnen“ (S. 1404). Da gehen nicht nur die Geschlechter, sondern auch die Bezeichnungen durcheinander. Das sind nicht, wie Gately meint, („also quasi“) „als Frauen verkleidete Tunten“. Vielmehr sind Tunten Männer, die sich als Frauen verkleiden (und streng genommen verkleiden sie sich auch nicht). Heißen Männer, die umgangssprachlich als Tunten bezeichnet werden, nicht eigentlich Transvestiten (im männlichen Genus und nicht im weiblichen, also nicht Transvestitinnen und auch nicht Transvestalinnen?)? Hier geht’s offenbar richtig durcheinander (auch bei mir!).
Warum macht DFW das? In meinem ersten Beitrag über Chaos und Kosmos habe ich von Form gesprochen und behauptet, dass lediglich das Nichts und das Alles keine Form haben. Jetzt fällt mir auf, dass es noch ein Drittes ohne Form gibt, sozusagen der Oberbegriff von Nichts und Alles: die Ununterscheidbarkeit! DFW sammelt auf den letzten Seiten mittels Technik, Schwabbel-Objektiv und Überblendung von Mobileteilchen, solche Ununterscheidbarkeiten. Eine der grundlegendsten Unterscheidungen, die zwischen Mann und Frau, können wir hier nicht mehr einwandfrei vornehmen. Die Medusa fesselt durch Faszination und Entsetzen gleichermaßen. Das abgeschlagene Haupt hat in vielen Darstellungen sowohl männliche als auch weibliche Attribute. Auf den letzten Metern dieses Marathons ist nun von Androgynität, Hermaphroditen, Tunten und Transvestalinnen die Rede. Die Indifferenz von Hals Gesichtszügen während des Entzugs, die fehlende Übereinstimmung von Innen und Außen, weist bereits auf die große Indifferenz am Ende des Buches hin: auf ein Traum und Wirklichkeit transformierendes, transzendierendes und transvestierendes Element.
Der letzte Satz dieses Romans gehört Gately, nachdem ihm auf dieser Tuntenparty, wo Fackelmann seinem Tod ins Auge schauen muss und Gately „pharmazeutisch reines Sunshine“ in die Venen gespritzt wird: „Und als er wieder zu sich kam, lag er flach auf dem Rücken am Strand im eiskalten Sand, aus einem niedrig hängenden Himmel regnete es, und draußen war Ebbe.“ Der Bruch zu den vorhergehenden Seiten könnte kaum größer sein. Wir haben hier eine der wenigen schönen Naturbeschreibungen in diesem Buch. Man ist fast geneigt, sich zurückzulehnen und es gut sein zu lassen. Da hat DFW uns ja ein schönes Ende präsentiert. Da liegt (mal wieder) einer auf dem Rücken und lässt es sich (zum ersten Mal) gutgehen. Man könnte sich bei diesem Satz jetzt erholen, von den unzähligen Schweinereien und Zumutungen in diesem Buch, von all den Drogen und Behinderten und Toten. Aber die furchtbarste aller Zumutungen steckt gerade in diesem Satz: Gately erwacht am Strand. Er kommt zu sich. Aber in welcher Ebene der Wirklichkeit kommt er zu sich? Er liegt im Krankenhaus und phantasiert im Fieberwahn. Wenn er hier zu sich kommt, erwacht er wahrscheinlich im Krankenhausbett. Er erinnert sich im Fieber an die Tuntenparty und daran, dass ihm jemand sunshine spritzt. Ist der Strand lediglich die Wirkung dieser Droge? Bedeutet das, dass er an dieser Droge stirbt? Oder ist der Strand ein Zeichen, dass die Wirkung der Droge nachlässt, nicht sunshine, sondern Regen? Oder ist dieses Zu-sich-kommen genau das, was ein Zuschauer verspürt, wenn er den Film „Unendlicher Spaß“ sieht? Ist vielleicht gerade dies der Reiz dieses Films? Ist dies das metaphysische Testament dieses Romans: wir sind nicht bei uns, wir kommen erst zu uns? Deswegen dieser sparsame Gebrauch des „Ich“? Und dieses Zu-sich-kommen ist nicht Folge des Bewusstseins, eines gesteigerten, sensibilisierten Selbst-Bewusstseins, sondern hat eher etwas mit Optik und mit Perspektive zu tun. Ist das vorgeblich romantische Erwachen am Strand vielleicht kein Erwachen, sondern ein Sterben? Oder stirbt Gately im Fieber an der Schussverletzung? Wir können das nicht entscheiden.
Ich war nahezu 1500 Seiten lang begeistert, vom Ende war ich irritiert. Nachdem ich mir das allerdings schön geredet habe (alles, bis auf den letzten Satz), kann ich zumindest mit dem Ende umgehen. Mein Kritikpunkt betrifft in erster Linie das Übergewicht des einen Erzählstranges um Gately, und das Verschwinden vieler anderer. Das Ende Orins bedarf gerade mal einer Seite. Auch Joelle verschwindet nach einem ziemlich lauen Interview durch irgendeinen Geheimdienst mit wenigen Worten aus dem Buch: „Jetzt war sie nur noch eine kreidebleiche Version ihres normalen Selbst“ (S. 1376). Nach allem möchte man doch gerne ein bisschen mehr wissen, als dass die am schwersten zu durchschauende Person des Buches – aufgrund des Schleiers – nur noch die bleiche Version ihres Selbst ist. Verwunderlich dass, wer immer sie da verhört, er offenbar keinerlei Versuchung verspürt, ihr den Schleier abzunehmen und sie anzuschauen. Alle anderen Erzählfäden versacken und versanden. Das mindert aber nicht die Eloquenz, über die dieser Schriftsteller verfügt. David Foster Wallace kann ungeheuer viel. Der kann Sachen, die man nicht können dürfte, der kann mit schlechtem Deutsch gute Sätze schreiben!
Ich muss mich verabschieden. Machen wir‘s kurz: Adieu Otis P. Lord. Adieu auch Lateral Alice Moore, U.S.S. Milicent Kent (U.S.S.M.K.). Adieu Ann Kittenplan, Trevor „Axtstiel“ Axford, Jim Troelsch, Michael Pemulis, Ortho Stice („Der Schatten“), dessen größter Teil seiner Stirn am Fenster der E.T.A. festgefroren ist, Todd Possalwhite (Possenzeit) LaMont Chu, und natürlich Mario, die vielleicht einzig durchweg sympathische Figur dieses Buches, der einzige, der einen unverstellten Zugang zu den eigenen Emotionen zu haben scheint, die einzig echte Figur. Obwohl es jemanden gibt, der noch echter ist: die „bierglasgroße“ Tina Echt, die sechs oder sieben ist, bei dem Aufnahmegespräch an der E.T.A. einen Heulkrampf kriegt und bereits zur Elite ihrer Altersklasse zählt. Adieu an alle Anonymen Alkoholiker und Narkotiker, und an die unzähligen “endfertig abgekackten Vollflopper“. Adieu auch Don Gately, genannt GUN (Großer Unzerstörbarer Nullchecker). Ein besonderes Adieu an Joelle, von der wir noch immer nicht wissen wie sie eigentlich aussieht. Aber wir wissen immerhin, dass sie gut riecht. Adieu auch an Guido Graf und ein herzliches Dankeschön für die Betreuung!
Damit könnte ich jetzt aufhören. Kann ich aber nicht. Ich muss noch einmal zum Anfang zurück. Ich habe mit der Form dieses Romans angefangen. Und mit der Behauptung, dass ich affirmativ lese. Dann sind meine Überlegungen von der Form zum Inhalt gewechselt, durch die eine oder andere Geschichte im Unendlichen Spaß fasziniert und auch abgelenkt, durch Personen, Namen und Worte, Spannungsbögen und Schauermärchen bin ich hierhin gekommen und dorthin, und über alldem bin ich womöglich in die falsche Richtung gegangen. Jetzt stehe ich am Ende und denke an den Anfang. Und ich bemerke, dass mein Thema vielleicht doch nicht der Inhalt war, der ja, wenn das Buch sich wenigstens halbwegs an die Konventionen hält, zwischen Anfang und Ende zu finden ist. Ja, dass mein Thema nicht einmal die Form war. Mein Thema war, was bestimmt irgendeiner längst vergessenen und völlig obskuren Erzähltheorie zufolge genau zwischen Form auf der einen und Inhalt auf der anderen Seite liegt, mein Thema war die Farbe. Wie ich eingangs eingestanden habe, musste ich zweimal die Segel streichen. Beide Male, wie Segel nun einmal sind, in Weiß natürlich. Affirmativ Weiß. Affirmativ kosmisch-chaotisches Weltraumweiß, Weltinnenraumweiß. Was sich auf das Schönste mit dem Äußeren dieses Ziegelsteins deckt, dieses Infinitums, dieses Dingsdas, dieses Romans. Oder was immer das eigentlich sein soll.
10.15. Großraum über St. Trübsalblasien. Lady-Grey-Tee. Muss langsam mal rechnen. Bin jetzt auf 1122. Macht bis Adam Hase bis 1410 noch 388 Seiten plus 36 Seiten verbliebener Anhang sind also, mal scharf nachdenken 424 Seiten geteilt durch 13 macht 32undeinpaargequetschtehinterm Komma. Muss mich ein bisschen sputen.
Hal und Mario begeben sich weiter in den innigen Infight ihres Bettgesprächs. Mario versucht herauszufisseln, was Hals Seele trüben könnte. Es geht wieder mal um Drogen, der Gebläsekiffer hat Angst erwischt zu werden. Und dass alles auffliegt. Und dass dann die Moms auffliegen. Dass alles in die Luft geht. Und Angst vorm kalten Entzug, weil er jetzt 30 Tage enthaltsam bleiben muss. Mario, der vertrollte Jesus, ist groß im Zuhören, aber göttergleich schlecht im Antworten geben. In Ennet House läuft einer der E.T.A.tisten auf und sucht Rat. Relativ reizlos, das Ganze bisher. Irgendwie hat der Junge gefrorene Haare und irgendwie blickt DFW von der Zukunft aus rückwärts. Soll Folgen gehabt haben, das Gespräch. Absatz. Punkt 324. Weiter geht’s auf Seite1527. Eigentlich eine Frechheit. Wobei die eigentliche Frechheit die weitgehend inhaltsfreien folgenden neun Seiten sind. Bin ich gewittrig heute, novembrig, umnebelt oder warum geht mir das Aufgespreizte dieses Besuch in pubertären Duschräumen so auf die Nerven. Nasszonen in der E. T. A. mit Freund Pemulis und Freund Possenzeit, der heulend auf der Bank liegt. Nichts ist wahr, heult er. Hat er recht. Darf auch nicht wahr sein. Neun Seiten. Dass der pubertärste Blödsinn mit den genau selben Mitteln aufgeplustert wird, wie der psychologisch interessanteste zeugt nicht gerade von ausgepägter literarischer Geschmackssicherheit. Wieder Fußnoten in Fußnoten. Und dann ists irgendwie aus. Und weiter geht’s ganz woanders. Mit der technischen Vernehmung der Molly Notkin (hatten wir die schon?).
Geblendet erzählt Molly den Agenten vom U. S. B. U. D. alles Mögliche. Über zwölf Seiten. Liest sich leider abgearbeitet. Musste jetzt wegerzählt werden. Sind ja schon bei Seite 1131. Wollen ja mal zum Ende kommen. Deswegen im Schnelldurchlauf. Madame Psychosis ist in der tödlichen Patrone nackt und schwanger zu sehen. Sie erklärt darin kindgerecht und jedem Trottel verständlich, der Tod sei immer weiblich, das Weibliche immer mütterlich, was erklärt, warum die Mütter in diesem Buch immer tödlich sind, und bedingt, dass „die Frau, die einen umbringe, im nächsten Leben immer die Mutter“ sei, was mich dazu bringt, doch lieber von der Wiedergeburtsidee Abstand zu nehmen. Wir erfahren, warum auch Küchengeräte im US eine Dissertation wert sind, weil nicht nur der James „der große Storch“ Incandenza in einer Mikrowelle den Kopf verlor, sondern auch die Mutter von Mdme. Psychosis sich das Leben in einem marktüblichen Küchenmüllhächsler zerschrotet hat. Molly erzählt und erzählt. Vom Storch und seiner Abstinenz und den Moms und ihrer Eifersucht und davon, wie Mdme. Psychosis vor lauter Schuldgefühlen wg. des Storchensuizid genau die Drogen einzuwerfen begonnen habe, derer sich der Storch enthalten habe vor der tödlichen KopfinkaputtgemachteMikrowelleLege, und wie sie ein fürchterbares Gesichtstrauma erlitten habe am Tag als sich ihre Mutter selbstzerhäckselte. Das geht noch sechs Seiten so weiter. Ich geh jetzt erstmal feuchte Luft schnappen.
1996 erschien »Infinite Jest« in den USA und machte David Foster Wallace über Nacht zum Superstar der Literaturszene. Vor einem Jahr nahm sich David Foster Wallace das Leben. Sechs Jahre lang hat Ulrich Blumenbach an der Übersetzung von Wallaces Opus magnum gearbeitet, dem größten Übersetzungsprojekt in der Geschichte des Verlags Kiepenheuer & Witsch.
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