10./11. Oktober

12. Oktober 2009 |

2.45. Köln. Rauschen in den Ohren und irgendwo dazwischen. Pachelbels Canon mit Goebels Musica Antiqua. Eben aus dem Schauspielhaus gefahren. Kann das alles noch nicht realisieren (wird der Literaturbetrieb eigentlich tatsächlich immer mehr fußballifiziert: Herta Müller klang wie weiland Olli Kahn, als man sie aus ihrem Haus in Friedenau herausgezerrt hatte. Und Reich-Ranicki benutzte beinahe die Lothar Matthäus-Formel, als er sich bockig weigerte etwas über „die Herta Müller“ zu sagen). Hab ich da gerade tatsächlich neben Joachim Król drei Stunden auf der Bühne gesessen? War schon so. Merkwürdig.
Zehn Stühle in einer Reihe. Darüber ein Plakat. David Foster Wallace gefühlt drei Meter groß. Irgendwo links sitzen die Leut. Harald Schmidt tigert mit seinem Text durchs Dunkel der Hinterbühne. Manfred Zapatka (Zapatka!), Król, Maria Schrader fragen Ulrich Blumenbach Löcher in seinen nicht vorhandenen Bauch. Madame Psychosis? Behemoth? Vor der Sponsorenzeit. Mein Gott sind die alle normal. Kollege Scheck will noch zu einer Hochzeit und ist erschüttert über die angekündigten dreieinhalb Lesestunden.
Blumenbach befürchtet, dass das alles zu dunkel wird. Poor Tony Krause, Marios Geburt. Manfred Zapatka fängt an. Gatelys Einbruch und Entrée in die Geschichte. Hat sich an seinen Lateinunterricht erinnert gefühlt bei der Vorbereitung, hat er vorher gesagt. Das Ding besteht schließlich fastbeinahe nur aus einem Satz, bei dem man ziemlich lange aufs Verb warten muss. Zapatka ist groß (wird das hier eigentlich mitgeschnitten). Die Geschichte ist es auch. Zapatka gibt den Ton vor, der bleibt. Es beginnt etwas, das den ganzen Abend nicht weg ist, eigentlich schon da ist, seit wir hier sind. Es pulst etwas in diesem Raum. Es lebt, das Buch, die ganze Lesemannschaft. Die Leute – hinterher wird Hajo sagen, das sei mit das jüngste Lesepublikum gewesen, das er in Köln gesehen hat – ist erschüttert und lacht.
Joachim Król liest Marios Geburt. Ein gruseliger Text. Eine Missbildungskavalkade. Und ein gewaltiges Lachen. Król macht keine Freakshow daraus. Aber einen Heidenspaß. Er fältelt alles mit einer derart entschiedenen Lockerheit aus, was drin steckt, dass man tatsächlich erschüttert ist. Wie es dieser Teufelskerl (DFW) schafft, das Grauenvollste zu beschreiben, ohne zynisch zu werden, wie da hinter dieser sardonischen, finster-brüllkomischen Grinsemaske immer etwas Menschliches, Verzweifeltes schlägt.
Blumenbach ist begeistert. Der kriegt, so sieht er jedenfalls von der Seite aus, das innere Grinsen nicht aus dem Gesicht. Die Texte funktionieren. Als Texte. Sie leben, schaffen eine Atmosphäre. Und das komischste: Sie sind verteufelt vielgestaltig, zwanzig Stockwerke liegen manchmal zwischen ihren Stilebenen, Król & Cie. finden ganz unterschiedliche Zugänge. Und trotzdem gibt es einen Grundton, einen basso continuo, um jetzt mal eklig gebüldet zu klingen. Einen Sound. Blumenbach hats hingekriegt. Für ihn solls Blumensträuße regnen hinterher, wenn noch einer wach ist.
Maria Schrader liest Madame Psychosis. Die werde ich – sollte Joelle van Dyne, die Medusa des Unendlichen Spaßes noch einmal auftauchen – beim Lesen gar nicht mehr anders hören. Was für eine schöne Stimme, welche Register und in ihrer rauchigen Gebrochenheit genau das richtige für die letzte Muse des großen Storchs.
Frau Baumhövel, übernehmen Sie! Das ganze Buch, von diesem Trupp eingelesen für den Hörverlag. Oder wenigstens die drei Stunden von Köln.
Harald Schmidt liest die Geschichte von Poor Tony Krause. Gott, gings mir schlecht, nachdem ichs gelesen hatte. Beneide ihn nicht wirklich. Ist ein Bad in der Scheiße. Das darf man nicht an sich heranlassen beim Lesen, das muss man sich vom Leib halten, da brauchts einen Sprechneoprenanzug. Das verträgt kein Gran Mitgefühl, sonst kippts.
So liest Schmidt. Rasch. Ohne sich bei der Vorrede aufzuhalten. Hinein ins Entsetzen. Die paar entlastenden Scherze leuchten umso heller in dieser Kraniobrachialfinsternis und die „Zuckungen“, immer wieder dieses „Zuckungen“. Ich kann auch von hinter ihm sehen, was im Publikum passiert. Am Anfang sitzen sie noch entspannt da, erwarten , was sie heute schon gewohnt sind. Blutige Scherze. Dann merken sie, das Poor Tony eine ganz andere Nummer ist. Und das blanke Entsetzen, man kann es nicht anders sagen, schleicht sich in die Mienen. Noch nie soviele erschütterte Gesichter gesehen. Die Hände verkrampfen sich an den Stuhllehnen, dann wanderen sie vor den Mund. Manche sahen aus, als würden sie tatsächlich beißen. Wahnsinn.
Es dauert, bis das Lachen wieder da ist. Mit Maria Schrader. Die liest die Nesquik-Episode, nach der man an jedem angereichten Kakaotrunk erstmal riecht. Ein suizidaler Tennisjunge bringt erst sich mit einer zyanofizierten Schokomilch um, die Reste in seinem Mund geben anschließend seiner in Lebensrettung bestens ausgebildeten vielköpfigen Familie den Rest.
Tobender Beifall.
Ermattet ins Mettbrötchen gefallen. Und in ordentlichen deutschen Weißwein. Dieser Abend sah dann noch die Erfindung diverser neuer Fernsehformate und die Geburt schöner Witzer, die ich alle wieder vergessen hab. Und jetzt seh ich im Online-Dienst DER Zeitung, was mich schon wieder an meiner Realität zweifeln lässt, Gately ist tot. Tragisch und unter ungeklärten Umständen. Könnten Drogen im Spiel gewesen sein. Ist aber gar nicht Don Gately, sondern Stephen, der hat für eine Boygroup gesungen. Werd noch verrückt.

2 Kommentare zu 10./11. Oktober

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Klausens

12. Oktober, 2009 um 11:48

GEPFLEGTE SENDUNG
ZUR UNTERHALTUNG

Wo der Boden
Sich einer Wüste

Vorgibt wie eine
Sprache zu sein

Wird aus Mash
Ein Marat des

Verrats wie ich
Unlängst auch

Ehrlich vorgab
Du bist nur

Das Stockende
Im Präteritum

Seriell also
Sag es doch

LIVE geschrieben, am 10.10.2009, Samstag, bei der Präsentation von INFINITE JEST = UNENDLICHER SPASS von David Foster Wallace, durch den Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, Schauspielhaus, Offenbachplatz. Mit Harald Schmidt, Simon Eckert, Joachim Król, Maria Schrader, Julia Wieninger, Michael Weber, Michael Wittenborn, Manfred Zapatka, Ulrich Blumenbach (Übersetzer) und Helge Malchow (Verleger) und Denis Scheck. Es lesen gerade Michael Wittenborn und Simon Eckert. Es ist circa 20.55 Uhr.

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JesusJerkoff

12. Oktober, 2009 um 21:34

Danke

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Über das Buch

1996 erschien »Infinite Jest« in den USA und machte David Foster Wallace über Nacht zum Superstar der Literaturszene. Vor einem Jahr nahm sich David Foster Wallace das Leben. Sechs Jahre lang hat Ulrich Blumenbach an der Übersetzung von Wallaces Opus magnum gearbeitet, dem größten Übersetzungsprojekt in der Geschichte des Verlags Kiepenheuer & Witsch.
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