7. Oktober

9. Oktober 2009 |

22.25. Küche am Wasser. Ein Rotwein, der Barcelona heißt, aber nicht nach Freddy Mercury schmeckt, sondern wie Montserrat Caballé klingt, wenn sie jetzt noch singt. Wunderkindkultpianist Daniel Fray spielt Schubert. Erstaunlich.
Noch drei Tage bis Köln. Harald Schmidt liest David Foster Wallace. Ist der nicht Teil des Problems? Vielleicht fällt ihm ja was ein dazu.
Marios sehr josephhellerige Politposse geht weiter. Jetzt dreht der ehemalige Schnulzier Johnny Gentle total durch, singt Revuesongs in falschen Tonarten und droht damit alles in Schutt und Asche zu legen. Das allein ist schon durchgedreht genug (konnte George W. eigentlich singen, wahrscheinlich falsch). DFW dreht aber weiter und erzählt von einem Tennisspieler. Der sei Vorbild für diese Geschichte vom durchdrehenen Präsidenten gewesen. Eric Clipperton heißt er. Und der rannte immer mit einer Glock-17-Halbautomatik übern Platz, mit der er drohte sich zu erschießen für den Fall, dass er verlöre. Klaro. Er verlor dann auch nicht mehr. War aber verdammt umständlich beim Aufschlagen, die Glock (Clipperton ist übrigens tot, Suizid, aber das steht in einer Fußnote. Ich muss wieder Fußnoten lesen, eben beim Blättern: da gibt’s eine gewaltige Dialogpassage mit Orin!). DFW erzählt die einzigen erhaltenen Filmmeter mit Clipperton. Das sieht aus, als hätte Mario ihn kurz vor dem finalen Knall in den Kopf gefilmt. Gruselig. Ein Stummfilm. Man sieht Mario mit Belichtungsmesser, irgendwas hat er noch in der Hand. Und dann lacht er. Ein homodontes Lachen. Warum fröstelts mich dabei?
Schnitt. Hal, bekifft, kurz vor dem Zuckerschock. Und was jetzt folgt, ist wieder eine nachgeholte Exposition. Herr Wallace erklärt wie es zu Interlace kam, dem perfekten individualisierten Bezahlfernsehen, das alle mindestens so abhängig macht wie das ganze chemische Zeugs, das er bisher schon aufgefahren hat. Es geht um Schockwerbung, eine Art Über-Benetton, die Leute kauften das Zeug, aus Furcht vor den Spots (Bilder von Künstlern mit lähmenden kraniofazialschmerzen zum Beispiel und noch grässlicheres). Bis es zu einem Überspot kam: „Er erzeugte eine Angst, die der Konsum nehmen konnte.“ Auf einmal schabten alle nur noch ihre Zunge (für Zungenschaber war der Spot), die großen Vier Networks gingen den Bach runter und die großen Werbeagenturen gleich mit. Auftritt eines neuen Schreckgespenstes weltumspannenden Ausmaßes: Noreen Lace-Forché (großer Name), eine Videotheken-Mogulette (großer Beruf!), vor der selbst Bill Gates Angst hat un die InterLace gründete. Und von da an war die amerikansiche Massenunterhaltung proaktiv und verbrauchergesteuert. Eine Art Über-Premiere.
Uff. Lustig ist das und aufschlussreich. Und wahnsinnig anstrengend. Jetzt weiß ich alles, auch wie Johnny Gentle Präsident werden konnte. Mach jetzt Feierabend. Hatte heute schon Elternabend. Das war ein endlicher Spaß. Ein ziemlich endlicher Spaß.

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Über das Buch

1996 erschien »Infinite Jest« in den USA und machte David Foster Wallace über Nacht zum Superstar der Literaturszene. Vor einem Jahr nahm sich David Foster Wallace das Leben. Sechs Jahre lang hat Ulrich Blumenbach an der Übersetzung von Wallaces Opus magnum gearbeitet, dem größten Übersetzungsprojekt in der Geschichte des Verlags Kiepenheuer & Witsch.
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