9. September

9. September 2009 |

Großraum. 12.30. Mineralwasser (leicht abgestanden). Tastenklappern. Ein Mensch parliert drei Arbeitswaben weiter über Rosenholz (nicht –stolz, der darüber parlieren könnte sitzt fünf Arbeitswaben weiter). Leise summt die Siestastimmung in der Spätsommerbeleuchtung.
Wollte eigentlich nie wieder lesen hier oben. Jetzt ists verlockend ruhig. Könnte gut gehen. Losgehts.
Telefon. Doch Musik. Andreas Scholl singt Händel. Die Raucher pilgern zum Balkon.
Wir sind im Jahre 1960 vor der Verwerbung der Jahreszahlen. Ein Vater in der Garage. Ein Irrer. Aus dem ein irrer Monolog bricht. Eine Rede an den Junior.Großartig. Gallig. Angetrunken. Ein fantastisches großes Ding. Über die Körperlichkeit der Dinge, Marlon Brando. Ist das Hals Opa? Eine Familiengeschichte des Schreckens. Eine Familie, die zelluloidwärts zieht.
Ist das überhaupt ein Roman (wie oft hab ich die Frage eigentlich gestellt?). Ist das nicht ein babelesker Turm, aus dessen Stockwerken die Geschichten durcheinanderrufen und DFW sammelt sie ein, nimmt sie auf?
Vater weissagt dem Sohnemann eine große Karriere. Wenn er ganz Körper wird. Wenn er alles vergisst, lernt, nichts zu tun, „und alles wird von den Dingen um dich her getan werden“. Der Sohn ist leider schon 1,80 groß, obwohl er erst zehn ist. Ein Gigant, mit gigantischem Kopf, „ein zehnjähriger, monströs großer, beschlipster und dickbebrillter Bürger“. Vater lässt den Flachmann kreisen, kreist sich immer mehr in den Irrsinn. Und in seinen Vaterhass. Er wünscht seinen Vater ins „Gummivakuum der Hölle“. Dieser Golfspieler. Golf!!! Und was jetzt kommt, hefte ich mir im Bad an die Wand, an der die anderen schönen Stellen der Weltliteratur hängen: „Ein körperloses Spiel spastischen Dreschens und fliegender Grassoden. Eine in Anführungszeichen Sportart.“ Andreas Scholl singt „Vivi Tiranno“. Kein Schmu diesmal. Hat außer mir sonst jemand das Gefühl, da ist jemand, der hin und wieder sich einmischt und passende Kommentare aus dem Unterhaltungsbereich dem Leben beisteuert? Mir fällt da meine Lieblingssuhrkampgeschichte ein. Buchmesse in Frankfurt. Suhrkamp lädt zur Party ins Alte Polizeipräsidium. Pop-Musik schwallt über die Treppen. Auftritt: Die Witwe. Eine flammende Rede gegen den Kapitalismus. So flammend, dass man fast schon glaubt, sie wolle anschließend bekanntgeben, dass sie aus Ekel vor dem Geldverdienen fürderhin ihre Bücher nur noch verschenkt. Flammender Rede Ende. Pop-Musik schwallt über die Treppen und die Gesichter der bleichgewordenen Buchhändler. Wir verlassen die Party. Drehen uns noch einmal um und fallen vor dem Herrgott auf die Knie. Da hatte man was vergessen über dem Eingang. Eine Schrift hing da von einer Pro7-Fete. „We love to entertain you.“ Danke.
Jims Vater breitet die Geschichte der Zerstörung seiner Kinderseele aus. Was für ein Arschloch. Es hätte jeder verstanden, wenn er ihm sein Wilsonholz über die Omme gehauen hätte. Vielleicht tut ers noch. Wir lesen morgen weiter.

2 Kommentare zu 9. September

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Thomas

9. September, 2009 um 15:24

Das ist wahrhaft bis dato der schönste Eintrag auf dieser Seite. Vielen Dank!

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Stephan Bender

9. September, 2009 um 17:09

Bitte? Das ist ja wohl bloß das halbe Kapitel, was hier erzählt wird. Auch die Geschichte der Mutter ist ja ein erlesenes Psychogramm. Jims Mutter, die als Statistin in einem Marlon-Brando-Film vorbeibrausenden Motorrädern nachschauen muss und zeitlebens glaubt, Marlon Brando wäre wirklich so cool und lässig und die sich mit dieser Einstellung ihr ganzes Leben versaut, finde ich noch viel spannender.

„Schon mal gesehen, wie deine Mutter mit einer Grillklappe umgeht? Das reine Blutbad, Jim, und dabei glaubt das arme Hascherl noch, sie würde diesem krummgeschissenen Fragezeichen (Brando) Tribut zollen, das sie so geliebt hat, als es vorbeigebraust kam.“ (S. 225)

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Über das Buch

1996 erschien »Infinite Jest« in den USA und machte David Foster Wallace über Nacht zum Superstar der Literaturszene. Vor einem Jahr nahm sich David Foster Wallace das Leben. Sechs Jahre lang hat Ulrich Blumenbach an der Übersetzung von Wallaces Opus magnum gearbeitet, dem größten Übersetzungsprojekt in der Geschichte des Verlags Kiepenheuer & Witsch.
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